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Karl der Große und Europa – Teil I

8. März 2009

Büste Karls des Großen im Dom zu Aachen

Büste Karls des Großen im Dom zu Aachen

Peter Scholl-Latour nahm zu Beginn des Monats Dezember 2008 den Gerhard-Löwenthal-Preis der rechtskonservativen neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ entgegen. Er brach dadurch zwei politische Tabus. Er ließ sich von einer Wochenzeitung für sein Lebenswerk würdigen, die bei Behörden, Parteien und der medialen Öffentlichkeit im strengen Geruch des Rechtsradikalismus steht. Als Weltbürger wischte er derartige Verdächtigungen indes beiseite. Er sprach in der Tat zu einem Publikum, das kaum extremen Positionen zuneigte, jedoch Schwierigkeiten hatte, die politische Bedeutung des Zuzugs vor allem muslimischer Einwanderer nach Zentraleuropa zu verstehen. Den religiösen Anspruch des Islam sehen diese Konservativen durchaus zwiespältig. Es irritiert sie, daß ein Großteil der Medien das Konfliktpotential herunterspielt, das in dieser Zuwanderung und in dem in ihren Augen verweigerten Integrationswillen der Zuwanderer selbst liegt, und sie sehen in der „Jungen Freiheit“ eines der wenigen Organe, das sich dieses Konflikts kontinuierlich annimmt.

Scholl-Latour redete in seiner Replik gegen zwei aktuelle Vorurteile an. Nach seiner Überzeugung gehört die „Junge Freiheit“ zum demokratischen Spektrum einer weit gefächerten Öffentlichkeit. Zugleich war ihm wichtig, an die deutschen und europäischen Traditionen des National-Begriffs und der Toleranz zu erinnern.

Der Ausgangspunkt seiner Dankesrede bezog sich daher auf die Geburt und Synthese eines westeuropäischen Christentums und der römischen Rechts– und Staatstradition im frühen Mittelalter, um so nach historischen Parallelen zur Gegenwart zu forschen.

Karl der Große verkörperte nach seiner Überzeugung im achten Jahrhundert nach Christus ein Kaisertum des Friedens nach langen Kriegen. Er begründete zugleich eine europäische Weltmacht. Sein Verständnis von „Staatlichkeit“ akzeptierte die nationalen und ethnischen Besonderheiten der einzelnen germanischen Stämme, der römischen Städte und Provinzen, soweit sie die römischen Normen von Gesetz, Gefolgschaft, Ordnung und christlichen Tugenden aufnahmen. Außerdem pflegte dieses Kaisertum ein offenes Verhältnis zu den Weltreligionen, zum Katholizismus, zum Islam und zum Judentum. Für Scholl-Latour lag im Frankenreich dieses Kaisers die Geburtsstunde der westlichen Zivilisation und einer christlichen Kultur, die beide ihre Fortsetzung im modernen, westlichen Europa und Nordamerika der Gegenwart besaßen.

Die heutige westliche Zivilisation ist nach seiner Überzeugung vielfach bedroht. In Nordamerika drängen die latein-amerikanischen, katholischen Einwanderer zusammen mit jenen aus Asien und Afrika die weißen Mittelschichten allmählich in eine Minderheitsposition. Ähnliche demographische Veränderungen seien in Rußland zu beobachten, wo vor allem Chinesen und diverse Turkvölker in den Weiten Sibiriens einwanderten oder in die großen Städte zogen. Europa unterliege einem Einwanderungsdruck aus den ehemaligen Kolonialgebieten Frankreichs und Englands, aus Afrika, dem Nahen Osten und Anatolien. Mit der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten, so Scholl-Latour, reagierten die USA auf diese religiösen und kulturellen Herausforderungen. Er nannte die Wahl Obamas deshalb ein größeres Ereignis als die gegenwärtige Finanzkrise. Die europäischen Staaten akzeptierten die kulturellen Durchmischungen, doch müßten auch sie sich durch den demographischen Rückgang der europäischen Bevölkerung auf einen neuen Zustand von Staat und Politik einstellen. Wie im frühen Mittelalter gerate so die europäische Kultur auf dem nordamerikanischen und dem europäischen Kontinent in die Turbulenzen entweder der Erneuerung oder aber der Selbstauflösung.

Karl der Große mit Wappen (oben links) — Gemälde von Albrecht Dürer (1513)

Karl der Große mit Wappen (oben links) — Gemälde von Albrecht Dürer (1513)

Der Doppeladler aus dem Frankenreich mit seinem schwarzen Federkleid, den roten Krallen und dem goldenen Hintergrund stelle daher ein anderes, adäquateres Schwarz–Rot–Gold dar als die identischen Farben der Befreiungskriege von 1812 und der Revolution von 1848, auf die man sich hinsichtlich der Genese der deutschen Nationalfarben im allgemeinen berufe. Die Krieger und Freischärler, die die Waffen gegen Napoleon und das moderne Frankreich erhoben hatten, kämpften für eine Wiedergeburt der deutschen Nation unter preußischer Fahne. Sie betrachteten die Nation vor dem Hintergrund der deutschen Stämme, ihrer „Gemeinschaft des Blutes“ und der Okkupation der deutschen Idee durch Feudalismus, Vielstaaterei und Vasallentum. Ihr Befreiungskampf gegen die französische Besatzungsmacht sollte die deutschen Stämme und Staaten vereinen und ihnen zugleich die Werte und Tugenden einer entstehenden Nation in Zentraleuropa verleihen. Dieser Befreiungskrieg scheiterte an der Machtfähigkeit des russischen Zarismus und der deutschen absolutistischen Staaten. Preußen würde die Ziele dieses Kampfes jedoch übernehmen.

Märzrevolution - 19. März 1848 - Berlin

Märzrevolution - 19. März 1848 - Berlin

Die Revolutionäre von 1848 hatten für die liberalen Werte eines parlamentarischen Rechtsstaates gestritten, doch fehlten ihnen die Stärke und der Mut, mit den alten Kräften und Klassen auf gleicher Augenhöhe zu kooperieren. Erst 1871 wurde die deutsche Einheit über den modernen Militärstaat Preußen hergestellt beziehungsweise erzwungen, eines Staates, der durch die unterschiedlichen Reformen hindurchgegangen war und in diesen Metamorphosen sich zum deutschen Kernstaat, einer „kleindeutschen Lösung“, entwickelte.

Karl der Große besaß dagegen nach Scholl-Latour eine größere, europäische Perspektive, und ihm war an der Kooperation und gegenseitigen Akzeptanz der einzelnen Völker und Weltreligionen gelegen, die allerdings die Stabilität und Größe von Staat und Kultur voraussetzten. Erst nach einem über dreißigjährigen Krieg gegen die Sachsen, die Langobarden und die Sarazenen ließ er sich zum Kaiser des Friedens, des Katholizismus und eines neuen Reiches krönen. Der große Kaiser Europas erhielt bei Scholl-Latour das Format eines Symbols und Gegenentwurfs zu den politischen Eliten der Gegenwart. Die westliche Zivilisation, das westliche Europa und Deutschland seien an einem Endpunkt angelangt, weshalb ihr „Anfang“ noch einmal durchleuchtet werden müsse. Es gehe heute nicht an, Probleme der Zuwanderung, des demographischen Rückgangs der Europäer, des Religionsstreits unter dem Vorzeichen von Krieg, Pogrom und Gewalt zu lösen. Ein derartiger „Religions- und Völkerkrieg“ wäre das Ende der deutschen und europäischen Kultur. Es müsse jenseits solcher Schreckensszenarien gedacht werden, so die Botschaft des westlichen Weltbürgers.

Scholl-Latour sprach auch davon, daß er erst jüngst von der Islamischen Gemeinschaft mit einem Friedenspreis für Völkerversöhnung ausgezeichnet worden sei, ebenso wie vor längerem von den „streitbaren Maroniten Libanons“, was zeige, „daß man sowohl von den frommen islamischen Organisationen in Deutschland ausgezeichnet werden kann und auch von den sehr streitbaren christlichen Maroniten im Libanon.“ Man könne dem Drang der Türken nach Westen als auch historisch verfehlt widersprechen und dennoch Werte und Kulturleistungen der Türken im besonderen und des Islam im allgemeinen würdigen. Man brauche sich dazu nicht zu verbiegen. Insbesondere nicht als Journalist. Bereits 2003 habe man ihm auch den „Siebenpfeiffer–Preis“ verliehen, ein Preis, der jene Journalisten ehren soll, die bei ihrer Arbeit keine Rücksicht auf eigene berufliche oder finanzielle Vorteile nehmen. Lafontaine, „bei dessen Nennung im allgemeinen Schreie des Entsetzens erklingen“, habe damals die Laudatio auf ihn gehalten, so Scholl-Latour, „eine durchaus patriotische und freiheitliche Rede.“

Nicht nur der auf die Vereinigung Europas unter eine Idee zielende kulturstiftende Wille Karls des Großen, auch der von einer Maxime bestimmte Selbstbehauptungsdrang der mittelalterlichen Mudschaheddin sei etwas, das dem heutigen Europa fehlt, ohne das es sich jedoch kaum behaupten werde. Man möge sich des Wortes Paul Valérys erinnern, der sagte, im Abgrund der Geschichte sei Platz für alle.

Wie Maurras, den Scholl-Latour in anderer Hinsicht weniger nachahmenswert finde, plädiere er daher für ein „Politique d’abord!“ Und augenscheinlich auch für einen gewissen Stoizismus und gegen allen Fanatismus, wenn er ein Wort des Oraniers Wilhelm der Schweiger ins Gedächtnis ruft, der sagte:

„Il n’est pas nécessaire d’espérer pour entreprendre ni de réussir pour persévérer.

Es ist nicht notwendig zu hoffen, um etwas zu unternehmen, und es ist nicht notwendig, Erfolg zu haben, um auszuharren.“

Daß er ein Wanderer zwischen scheinbar unversöhnlichen Lagern ist, Linken und Rechten, fundamentalistischen Christen und ebensolchen Muslimen, sollte indes schon als Fingerzeig in die Richtung, in der eine Lösung der drängendsten Probleme Europas gefunden werden kann, verstanden werden. Wir wollen diese Initiative jedenfalls an dieser Stelle aufnehmen, um über Vergangenheit und Zukunft Europas nachzudenken.

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