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Karl der Große und Europa II

9. März 2009

Die schöpferischen Barbaren: Vom Heidentum zur Hochkultur

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Karolingische Reiterei (St. Gallen, Stiftsbibliothek)

Das Frankenreich, das von Karl Martell, dem Großvater Karls des Großen, Pippin III., seinem Vater, und schließlich von Karl dem Großen in den letzten Jahrzehnten des achten Jahrhunderts und dem Beginn des neunten Jahrhunderts gefügt wurde, enthielt noch Relikte aus der Zeit vor dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches und war im Innern befestigt durch den Heeresbann der Franken. In der Tat wäre eine primitive, germanische Stammeskultur gar nicht fähig gewesen, die Methoden und Techniken der Machtausübung in einem weitgespannten Reich, der Staatsordnung, der Rechtsetzung und Rechtsprechung, der sozialen Ordnung, des Steuerwesens, der Rüstung, des Militärs, der Stadtkultur sowie der Latifundien- und Sklavenwirtschaft, die in Rom über Jahrhunderte gewachsen waren, zu „verdauen“ oder produktiv umzusetzen. Diese komplexen Herrschaftsformen benötigten einen „Überbau“ an Wissenschaft, Philosophie, Kriegstechnik, Staatskunst, auch der Mitsprache der freien Bürger, und die Eroberer und Nachfolger des römischen Staatswesens mußten daher gedanklich und logisch einen Zugang zu dieser vorerst fremden Kultur gewonnen haben.

Eine derartige Einstimmung auf die höhere Kultur benötigte Zeit, Erfahrung und vor allem Kenntnisnahme der fremden Herrschaftstechniken und Produktionsmethoden. Es reichte nicht aus, in römische Dienste zu treten oder als Legionär für Westrom zu kämpfen. Erfahrungen oder Lektionen solcher Art erbrachten kaum die Kompetenz, die Werte und Ziele dieser Kultur und das Zusammenwirken der unterschiedlichen Herrschaftsmethoden zu verstehen. Große Kulturen wie das weströmische Reich stießen tatsächlich auf das tiefe Unverständnis der primitiven Völker und Stämme. Diese konnten zwar zerstören, Städte niederbrennen, Latifundien plündern, Statuen und Ehrenmäler zerschlagen, aber ihnen fehlte die Gabe und das Wissen der Bewahrung und der Erneuerung dieser alten Kultur.

Die Franken nun erlangten im Gegensatz zu den Vandalen, Goten oder Sachsen über das Christentum, auch über nordafrikanische und irische Einflüsse, die Fähigkeit, den Glauben jeweils auf die Mentalitäten der Krieger und Bauern einzustellen, und so auch eine Sensibilität, sich einer großartigen Kultur der Verwaltung, der Lagerhaltung, der Militärtechnik und Kriegstaktik anzunähern. Es waren stets die praktischen Fragen der Kriegsführung, der Treue, des Gehorsams, der Gerechtigkeit und der Versorgung, die die Aufmerksamkeit erregten und auf das römische Vorbild verwiesen. Der soziale Zerfall der Stammesverhältnisse und der Gemeinschaften schuf Übergänge zu neuen moralischen und religiösen Haltungen, die ein neues Verständnis des Christentums erlaubten. Dieses Einfühlen in eine Religion, die aus dem Nahen Osten kam und vor allem in den römischen Städten Fuß gefaßt und überdauert hatte, verwies auf die Tatsache, daß die Franken selbst einen Umbruch in den Arbeits- und Lebensformen durchmachten und im katholischen Glauben ihre Bedürfnisse dargestellt fanden. Das mag die Radikalität und Brutalität erklären, mit denen sie in über drei Jahrzehnten die heidnischen Sachsen und Bayern niederkämpften, bestraften und schließlich missionierten.

Das im christlichen Glauben eröffnete Transzendentale, das die Unsterblichkeit der Seele ansprach, ließ den körperlichen Tod verkraften und relativierte Krankheit, Distanz, Einsamkeit und Eigenarten anderer. Ein Wille wurde formuliert und über die unterschiedlichen Mythen bestätigt, sich als einzelner Kämpfer oder Held zu behaupten. Ein Individualismus deutete sich an, der das Versagen, das Leiden, die Sünden und das Heil des Einzelnen ansprach. Erst dadurch wurde Christus zu einem Sohn Gottes aus Fleisch und Blut, zu einem Menschen in Gott erhoben, der als Mensch für das sündige und falsche Leben aller Menschen zu leiden hatte und deshalb in jedem Menschen fortlebte und zugleich Erlösung und Kraft, aus Sünde und Todesfurcht auszuscheren, versprach. Der „Leib“ erhielt eine transzendentale Verklärung und Erhöhung. Erst jetzt wurden die Menschen als „Gattung“ im Angesicht des Todes unsterblich.

St.-Bonifatius-Denkmal in Mainz

St.-Bonifatius-Denkmal in Mainz

St. Bonifatius (~675 bis ~755), aus Wessex stammend, verbreitete im Laufe seiner Missionstätigkeit diese Lehre im östlichen Frankenreich und suchte sie vor dem Abgleiten in eine religiöse Sekte bzw. in eine Religion der Mächtigen und des Adels zu bewahren. Erst durch diese Interpretation des Leidens Christi wurde der Katholizismus zu einer Volksreligion und erfaßte den Adel genauso wie die einfachen Bauern und Krieger. Für ihre Festigung benötigte sie Weihestätten, Kirchen und Klöster. Sie übernahm die wichtige Übersetzungsarbeit zwischen der römischen Hochkultur und dem Ansinnen der fränkischen Könige, die römischen Städte, Festungen, Latifundien, Handwerke und Geräte zu beerben und zu bewahren. Erst jetzt machte es einen Sinn, sich um die römische Sprache, Philosophie und Wissenschaft zu kümmern ebenso wie der eigenen fränkischen, germanischen Sprache gelehrte Aufmerksamkeit zu widmen. Die Franken, ihre Hausmeier, Heeresführer und Verwalter eines ursprünglichen Staates ließen sich über Generationen bewußt christianisieren und „römifizieren“. Sie retteten dadurch die römische Staatsidee und sie retteten zugleich die katholische Kirche, indem sie das Amt des Papstes garantierten sowie einen Kirchenstaat einrichteten und schützten.

Die Kirche als Amt, Bürokratie, Recht, Staat, Kirche, Kloster, Schule und Universität bildete im strengen Sinn keine „Doppelherrschaft“ zum fränkischen Staat, sondern wurde von diesem partiell absorbiert. Trotzdem behielt sie einen Sonderstatus neben der weltlichen Macht. Über die Kirche wurde das „römische Recht“ in die Verwaltungsarbeit übersetzt und die Grundlagen zu einem gerechten und geordneten Staat gelegt. Der Kirche unterstand die Diakonie als Armenfürsorge und als Ausgleich zwischen den Ständen. Die Klöster entwickelten eine „Theologie“, die den Bedürfnissen von Stadt und Land und einem europäischen Großstaat gerecht werden sollte und die einen religiösen Fundamentalismus oder Despotismus bewußt vermied. Dadurch wurde die Bibel zum Gegenstand der Forschung. Die Theologie entdeckte die philosophischen Grundlagen der jüdischen und christlichen Religionen und befaßte sich mit den religiösen Ursprüngen im Heiligen Land. Dieser wissenschaftliche Auftrag wurde vom entstehenden Mönchswesen aufgenommen und in andere Wissenschaften erweitert.

Ausgangspunkt der universitären Lehre und Forschung waren die Klöster, die als Anstalten der Alphabetisierung und der handwerklichen Tätigkeiten, Schulen und Lehrkörper sehr schnell ein Bedeutung gewannen. Über die Klöster wurde die Landwirtschaft erforscht und zugleich die riesigen Latifundien und die damalige Agrartechnik erhalten. Die römischen Städte verdankten ihren Erhalt und ihre eigenständige Ordnung nicht selten den Bischöfen und Äbten der Klöster. Das mathematische und physikalische Denken, Medizin und Astrologie wurden aus dem Orient überliefert und aufgenommen.

Codex Manesse - Schulmeister von Esslingen

Codex Manesse - Schulmeister von Esslingen

Die Erforschung der alten Sprachen bildete die Grundlage für die Bewahrung und grammatikalische Durchdringung des Fränkischen. Die katholische Kirche wirkte gleichzeitig als Stütze und Ergänzung des fränkischen Staates, der im Heerwesen, in der „Geldpolitik“ und in der Steuererhebung sein Machtzentrum besaß. Die Kirche wurde zu einem moralischen Faktor, der eine entstehende Gesellschaft vereinte und der den Riß zwischen den Armen und Reichen, zwischen den Kriegern und Bürgern, zwischen Adligen und Bauern, zwischen Gesunden und Kranken nicht zu groß werden ließ. Sie schuf die Legitimation des Kaisertums und einte über die religiösen Tugenden die unterschiedlichen Völker und Stämme. Karl dem Großen legte Wert darauf, daß die Kirche ein Hort des Friedens blieb und sich nicht der Kriegspropaganda verschrieb.

Uns interessiert dieser staatliche und kulturelle Auftrag des damaligen Christentums, schon um Vergleiche zur Gegenwart anzustellen. Karl der Große verstand sich als „Haupt der Welt“ und als Bewahrer des „höheren Ganzen“, das die Synthese der römischen und der fränkischen Welt darstellen sollte und das nun Europa umfaßte. Die Franken traten die Erbschaft Roms an und stellten den Machtanspruch von Byzanz in Frage. Die „zwei Schwerter“ — Kirche und Thron — symbolisierten das Zusammengehen von Kirche und Staat als eine Art „Gottesstaat“, der die unterschiedlichen Stämme und Völker einen und im Sinne von Augustinus auf die Religion und auf eine „gemeinsame Liebe“ zu Gott orientieren sollte. Ein vielsprachiges Reich sollte entstehen, das vorerst gegen Ostrom, gegen Byzanz gerichtet war und als Staat, Politik, Religion, Wirtschaft und Kultur eine erste „abendländische Einheit“ begründen würde. Dieses „Francia teutonica“ besaß eine deutsche Kernsprache, die als Amtssprache galt und sich neben dem Lateinischen vorerst behauptete.

In Kürze:

  • Karl der Große und Europa III: Ende und Anfang der europäischen Kultur

Siehe auch:

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