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Nicht unser Kampf ’68

14. März 2009
Götz Aly: Unser Kampf 1968 (2008)

Götz Aly: Unser Kampf 1968 (2008)

Dieser Artikel erschien bereits am 14. März 2008

Als Götz Aly, heute 61, im November 1968 ans Otto-Suhr-Institut (OSI) der FU-Berlin wechselte, führte er sich sogleich als Schläger und Phrasendrescher ein. So mobilisierte er Studenten der Technischen Universität und anderer Hochschulen, die am OSI keiner kannte und kennen sollte. Sie sollten Professoren und sonstige „Gegner“ durch physische Attacken einschüchtern. Das Weltbild dieser zweiten „Generation“ der 68er war recht schlicht. Es sortierte grob nach „Freund“ und „Feind“. Das bekam schon bald Professor Alexander Schwan, der auch der „Notgemeinschaft für eine freie Universität“ angehörte und die freie Rede an der Universität verteidigte, zu spüren. Für Aly war er einer der Hauptgegner. Doch als die ortsfremden Schläger eintrafen, verwechselten sie Professor Bütow mit Schwan und streckten ihn mit einem Kinnhaken nieder. Schwan, der hinter Bütow gestanden hatte, suchte sich aus der Gefahr zu bringen. Aly hinderte ihn daran. Er drängte ihn prügelnd zu einem offenen Fenster und es hätte nicht viel gefehlt und Schwan wäre hinausgestürzt. Aly, der es sonst an drastischen Insinuationen nicht fehlen läßt, beschreibt den Vorgang wie vom Hörensagen: „Am Ende kam es irgendwo im Treppenhaus noch zu einer kleinen Schlägerei. (…) Eine solche gewalttätige Aktion war seinerzeit an deutschen Universitäten nicht ungewöhnlich; von hervorstechender Ekelhaftigkeit jedoch der Aufruf zur Tat.“

Wenn Aly, in dessen aktuellem Buch an Verbalaggressionen kein Mangel ist, sich heute für seine damaligen Ausfälle bei den inzwischen verstorbenen Professoren „entschuldigt“, argwöhnt man dieselbe Selbstgerechtigkeit von einst.

Mit dem Attentat auf Dutschke war ’68 vorbei — jetzt kamen die K-Sekten

Bilder gewalttätiger Studenten prägen heute bei vielen das Verständnis von „’68“. Aber „’68“ war mit dem Attentat auf Dutschke am 11. April vorbei. Das Sektierertum, das nun folgte, hatte nur noch wenig gemeinsam mit dem antiautoritären Aufbruch zwischen 1962 und 1968. Zu diesen Antiautoritären hat Aly nie gehört. An die Stelle von Diskussion und gedanklicher Auseinandersetzung trat bei den Nachfolgern das ideologische Glaubensbekenntnis. Ideen und Theorien verflachten zu einem Mythenkranz. Überall witterten diese ersten „Nach-Achtundsechziger“ Faschismus. Professoren galten als „Schweine“ oder „Spitzel“. Die Tonlage war stets hoch und gehässig. Selbst Anarchismus und Trotzkismus verfielen dem Faschismusverdacht. In seinem Buch „Unser Kampf 1968“ gibt Aly zu erkennen, daß es ihm in fast vierzig Jahren nicht gelungen ist, sich von diesem Habitus zu emanzipieren.

Bösartige Polemik, mangelnde Faktensicherheit

Formal ist das Buch ein seltsames Vexierbild aus mindestens vier verschiedenen Ansätzen, die unvermittelt ineinander übergehen. Teils ist es bösartige Polemik, teils individuelles Geständnis, teils sachgerechte, wenn auch nicht neue und oft unpräzise Faktensammlung, teils der Versuch einer Generationenpsychologie. Schon deshalb erfüllt das Buch nicht den selbstgesetzten Anspruch, seriöse „Geschichtsschreibung statt Veteranengeschichten“ zu liefern. Und selbst was die eigene Biographie angeht, ist Aly nicht sonderlich faktensicher. So heißt es erst, er habe im „ersten Halbjahr 1970 (…) zu den vier Redakteuren der Zeitung Hochschulkampf“ gehört, dann, er sei „im Januar 1971“ Mitbegründer und Redakteur des Blattes gewesen.

Die Polemik gegen einstige Weggenossen und solche, die er nachträglich dazu erklärt, übersteigt bei Aly jedes Maß. Den einen neidet er den Erfolg, denn sie wurden Chefredakteure, Minister, Professoren oder Staatssekretäre. Den anderen neidet er das Geld. Denn mit dem Zusammenbruch der DDR, so Aly, taten sich neue gut dotierte Pfründe für die einstigen Krawallmacher und Steinewerfer auf. Aber für Aly blieb auch dieses Tor verschlossen. Das war grausam und ärgerlich.

Haß gegen Rudi Dutschke

Vollends unverständlich ist die offenkundige Aversion gegen Rudi Dutschke, der anders als Aly nie seine Hand gegen einen anderen erhoben hat, und andere Symbolfiguren der Antiautoritären. Aly ist hier, wie schon in jungen Jahren, für manchen historischen Kurzschluß gut. Für ihn trägt jede Form politischer Radikalität die Spuren des Nationalsozialismus. Um den genetischen Unterschied zwischen deutscher und internationaler Studentenbewegung deutlich zu machen, beruft sich Aly auf Erwin K. Scheuch, der die deutschen Studenten aufgrund der „nationalen Vorgeschichte“ in ihren Zielen für „antidemokratischer“ gehalten habe. Was der Historiker Aly dann als Beleg anführt, ist jedoch von sprachlos machender Dürftigkeit: „Die nationalsozialistische Studentenrebellion nannte sich ebenfalls Studentenbewegung.“ Allen Ernstes bringt er den Namen der Kultband „Ton Steine Scherben“ mit dem Gerede der NS-Jugend vom Kalk, der aus den Hosenbeinen der Alten riesele, in Verbindung. Rio Reiser, Mitbegründer der Band, führte dagegen den Namen auf das Wort des Troja-Ausgräbers Schliemann zurück: „Was ich fand, waren Ton, Steine, Scherben.“ Den wohl bekanntesten Song der Band, „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ hält er für eine Reminiszenz an den NS-Schlager „Es zittern die morschen Knochen“. Der Song ist jedoch eine Adaption von Bob Dylans Anti-Vietnamkriegs-Song „Subterranean Homesick Blues“. Die Reihe der mehr als schiefen Vergleiche ließe sich ohne weiteres fortsetzen.

Die APO vor 1968: alles maoistische Linksfaschisten?

Daneben bedient sich Aly noch heute maoistischer Terminologie – die erst er und seine Gesinnungsfreunde damals einführten -, um selbst noch Dutschkes Sorge um die weltweite Zunahme bewaffneter Auseinandersetzungen in ein schlechtes Licht zu rücken, wenn er von dessen „Volkskriegsphantasien“ schwadroniert und damit Dutschke in einen Kriegstreiber umdeutet. Die von Aly und Genossen skandierte Mao-Parole „Sieg im Volkskrieg – Klassenkampf im eigenen Land“ entsprach nie dem Denken Dutschkes.

Tatsächlich war die Haltung der Revoltegeneration zu den USA ursprünglich positiv. Erst die Berichte über die von den USA verübten Kriegsverbrechen in Vietnam, das Entsetzen über die Flächenbombardements und der Terror gegen die Zivilbevölkerung verursachten den Umschwung. Man setzte sich nun intensiver mit den „zivilgesellschaftlichen“ Ursachen des Krieges auseinander. Dazu wurden ausschließlich US-Berichte und Analysen ausgewertet.

Aly behandelt diesen durchaus gebrochenen Antiamerikanismus als pure Verdrängung. Dem Schema der vermeintlichen Verharmlosung des Nationalsozialismus gewinnt er eine neue Variante ab: durch die Kritik am Vietnamkrieg der USA wollten sich die Studenten von der Schuld ihrer Väter distanzieren und Verbrechen gegen Verbrechen aufrechnen. Diesen Ansatz steigert Aly zu der These, die APO sei eine ideelle Fortsetzung des nationalsozialistischen Studentenbunds (NSDStB) gewesen. In Dutschke will er den Wiedergänger Goebbels‘ erkannt haben. Der Vorwurf ist freilich nicht neu. Er stammt von Jürgen Habermas, der die APO des „Linksfaschismus“ zieh. Noch die Zurückweisung dieses Vorwurfs durch die Studenten legt Aly sich nach dem Schema „getroffene Hunde bellen“ zurecht.

Und weil er bei Dutschke partout nichts finden kann, das diesen als Propagandisten von Terror und Gewalt entlarvt, martialisiert er die Dutschke-Zitate eben selbst, etwa wenn er von „Dutschkes machthungrigem Tagebuch-Stakkato“ spricht, wo es sich um aus Zeitmangel flüchtig hingeworfene Stichworte handelt.

Mit der Gleichsetzung von APO und NSDStB indes dürfte Aly seinen Ruf als „NS-Spezialist“ ein für allemal ruiniert haben. Die NSDAP faßte als Bürgerkriegspartei ein System von Frontorganisationen zusammen, zu denen auch der NSDStB gehörte. Sein Ziel war es, die Universitäten von Juden, Kommunisten und Sozialisten zu säubern. Er verstand sich als „Sturmtrupp“ der Partei zur Besetzung dieser Bildungsstätten. SDS und APO hingegen strebten den Parteistatus ganz bewußt nicht an, sondern bestanden aus unzähligen Initiativen, Richtungen und Fraktionen. Ihre theoretischen Grundlagen bezogen die Studenten zum Teil aus den Schriften jüdischer Denker, nicht immer mit deren Billigung, darunter Herbert Marcuse, Ernst Bloch, Jacob Taubes, Franz Neumann, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Ernst Bloch, oder Ossip K. Flechtheim. In der Logik von Alys Methode läge es, angesichts dessen von einem „jüdischen Faschismus“ zu sprechen. Von seiner Analyse bleibt am Ende nur Chaos. Auch die Geschichte von Alys Kampf begann als Tragödie. Nun wiederholt sie sich offenbar als Farce.

Götz Aly

Unser Kampf 1968

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008

gebunden, 254 Seiten

ISBN 978-3-10-000421-5

19,90 Euro

Leseproben aus dem besprochenen Buch finden Sie hier.

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