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Karl der Große und Europa III — Ende und Anfang

15. März 2009
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Europa im Jahre 814 n. Chr.

Der Beginn der europäischen Kultur im achten Jahrhundert unserer Zeitrechnung verweist zugleich auf die Symptome des Zerfall in der Gegenwart. Das Frankenreich bewahrte das römische Stadtrecht und machte es zum Maßstab der europäischen Stadt. Sie wurde zur Geburtsstätte der nationalen und europäischen Kultur. Das Christentum als Institution, Kirche, Bischofsamt, Kloster, Lehranstalt, Sprachschule, Universität — selbst wenn zu Beginn nur die Keimlinge einer derartigen Berufung vorhanden waren — unterstützte die entstehende Staatlichkeit, Verwaltung und Recht und sorgte als „civitas“ oder „Gerichtswesen“ für die Ausbreitung der produktiven Ansätze einer Stadt- und Hofkultur. Die gallische Kirche fungierte als Ort der Kontinuität der spätantiken Verwaltungseinheit. Sie war auf die städtische Siedlung und das Umland ausgerichtet und erlaubte das Zusammenspiel der weltlichen Macht der Grafen und der Aufsicht der Bischöfe. Diese verwalteten die kirchlichen Güter, die Kirchen und Klöster, waren zuständig für die Armenfürsorge, den Glauben und den Klerus und gehörten zugleich zur weltlichen Oberschicht der Stadt. Die Adligen als Gefolgschaft des Kaisers waren zuständig für die Steuern, das Heerwesen, für die Gerichtstage und für die Umsetzung der Anweisungen ihres obersten Herrn.  Diese  kirchlichen und staatlichen Ämter waren ausschließlich dem Adel vorbehalten. Er bildete die Staats-, Militär- und Machtspitze, die zugleich die oberen Ränge der katholischen Kirche durchdrang. Über sie und die regionaler Staatsmacht wurden Heerführer und Amtsleute zusammengebracht, die vorerst kooperieren mußten, um dem neuen Reich Größe und Bestand zu geben. Die Städte wurden zur Verkörperung einer neuen Ordnung und Wirtschaftsweise. Sie bildeten das Rückgrad der zentralen Macht des Kaisers.

Kirche und Wissenschaften als Integrationsfaktor

Der kirchliche Sektor befaßte sich mit den unterschiedlichen Wissenschaften, mit der Bibelübersetzung in die lateinischen und germanischen Sprachen, mit Bibelexegese und Deutung der christlichen Lehre. Die schriftliche Fassung des Fränkischen als einer deutschen Sprache nahm hier ihren Ausgangspunkt und begründete die literarische Kultur der Franken. Die einheitliche Sprache, entweder das klassische Latein oder die fränkischen Idiome, sollten die Einheit des Reichs und die Koexistenz der unterschiedlichen Völker unter der fränkischen Vorherrschaft dokumentieren. Sie waren der Ausgangspunkt einer einheitlichen Kultur. Zugleich waren die Klöster als Wirtschaftsfaktor beteiligt an der Ausbreitung der römischen Latifundienwirtschaft, des Ackerbaus, der Viehzucht, der Agrartechnik, der Ausbildung der Landwirte und Bauern. Sie bewirkten durch ihre regionale Bedeutung einen kulturellen Gleichklang von Stadt und Land. In den Städten wurde das Handwerk entwickelt, entstand mit den Märkten die Geldwirtschaft und entwickelten sich die modernen Stände. Die europäischen Städte, oft als römische Niederlassungen, Marktflecken, Festungen oder Stützpunkte gegründet, wurden über die Jahrhunderte zu den Motoren einer europäischen Entwicklung.

An den Hof Kaiser Karls wurden die berühmten Wissenschaftler der damaligen Welt berufen. Sie machten den Kaiser und die oberen Gefolgs- und Hofleute bekannt mit dem neuesten Stand der arabischen Medizin, Mathematik und Astronomie und verglichen diese Aussagen mit den unterschiedlichen physikalischen und biologischen Erkenntnissen aus Italien, Griechenland, England und Irland und den nordischen Ländern. Karl der Große konzentrierte das Weltwissen an seinem Hof, um sich und seine Leute inspirieren zu lassen. Neben den Naturwissenschaften interessierten ihn die Bibelforschung, die Sichtweisen der Propheten und die Lehre des Augustinus, letzteres besonders im Hinblick auf die Moral und die allgemeinen Prinzipien eines „Gottesstaates“. Er war daran interessiert, Adel und Bauern in die Geheimnisse des Wissens, der Sprache und des abstrakten Denkens eingeführt zu sehen, interessiert daran, daß sie schreiben und lesen lernten, eine einheitliche Liturgie erfuhren und sich über ihre Region hinaus verständigen konnten. Außerdem war er bemüht, eine staatliche Administration so aufzubauen, daß sie effektiv eingesetzt werden konnte und kontrollierbar war. Bedeutsam war ihm die Gefolgschaft, das ethische Motiv, dem Staat zu dienen und ein Allgemeininteresse zu bewahren, denn ein Reich zerfiel, sobald sich Egoismus und Sonderinteressen breitmachten. Nicht allein Strafe, Gewalt und Gerechtigkeit schufen Gehorsam, eine innere Gesinnung und Bereitschaft, den oberen Mächten zu dienen, war notwendig.

Krieg mit den Sarazenen und Heiden, diplomatische Beziehungen mit Harun al-Raschid

Weißer Elefant als Geschenk Haruns an Karl d. Großen (Fresko in San Baudolino / Spanien, 13. Jh.)

Weißer Elefant als Geschenk Haruns an Karl d. Großen (Fresko in San Baudolino / Spanien, 13. Jh.)Der innere Zusammenhalt des Großreichs wurde durch die permanenten Kriege bestimmt, die dem inneren und äußeren Feind galten. Dieser Feind erhielt Konturen durch die immer aktuelle Bedrohtheit des Papstes in Rom und durch radikale Gegnerschaft zu den christlichen Werten und Institutionen. Indem die fränkischen Könige sich zu den Schutzherrn des Papstes und der katholischen Kirche erhoben, wurden sie zum entschiedenen Gegner des Heidentums und des Islam. In diesen „heiligen Kriegen“ gegen die Sachsen, Langobarden, Awaren, Sarazenen festigten die Franken ihr eigenes Christentum und stabilisierten über diese Kriege die zentrale Macht eines Kaisertums und einer unschlagbaren Militärmacht. Diese Kriege erlangten das Ausmaß eines Kampfes gegen einen absoluten Feind, der das entstehende Reich, den christlichen Glauben und die römisch fränkische Zivilisation bedrohte. Er konnte nur durch einen endgültigen Sieg und die Vernichtung des Heidentums überwunden werden. Karl der Große erhob sich durch diesen Krieg zum Beschützer des Christentums und zum Bewahrer der katholischen Kirche. Dieser absolute Anspruch galt zugleich den islamischen Sarazenen, die von Spanien her Westeuropa bedrohten. Ihre Aggression wurde zurückgeschlagen, doch zugleich pflegte Karl diplomatische Beziehungen zum arabischen Kalifen Harun al Rashid. Die Distanz und die gegenseitige Anerkennung garantierten einen vorläufigen Frieden zwischen Christentum und Islam.

Überwindung der germanischen Herkunft als Voraussetzung für das karolingische Imperium

Die Franken konnten diesen permanenten Krieg nur führen, wenn sie ihre Stammestradition und ihr Heidentum grundlegend überwanden und wenn sie die entscheidenden Werte der römischen Zivilisation und des christlichen Glaubens übernahmen. Der Krieg gegen einen „absoluten Feind“, der nur Sieg oder Niederlage kannte, hatte zur Voraussetzung, die eigenen germanischen Wurzeln zu tilgen und sich als ein neues Volk, eine neue Heeresmacht und einen neuen Staat zu definieren. Der Frieden nach dem Sieg und die Besetzung der heidnischen Gebiete in Westfalen, Thüringen, Bayern und Norditalien war auf eine totale Ausrottung des widerständigen Feindes oder auf seine totale Unterwerfung der Besiegten ausgerichtet. Der Krieg gegen die Heiden wurde bestimmt durch unzählige Massaker, Deportationen der Bauernkrieger und Hinrichtungen des feindlichen Adels. Erst nach der bedingungslosen Kapitulation der feindlichen Krieger und der Unterwerfung unter den christlichen Glauben war Karl bereit, Gnade zu gewähren und die bekehrten Bauern und Adligen einzubeziehen in die fränkische Heeresordnung und Ämterhierarchie. Alle, die sich nicht unterwarfen, wurden enteignet, vertrieben und getötet. Die roten, blutigen Krallen des fränkischen Adlers verwiesen auf diesen Krieg und wurden neben dem schwarzen Federkleid, dem Talar der katholischen Priester und dem kaiserlichen Gold, dem Reichtum des Reiches zu den Symbolfarben dieser ersten europäischen Macht.

Integration und Konsolidierung des Reiches durch den Katholizismus

Das katholische Christentum wurde als Herrschaftsmittel benutzt und als Unterdrückungsinstrument eingesetzt. Es schuf die neuen Institutionen der Kirchen und Klöster im besetzten Gebiet und nur der, der sich der Beichte und der Macht der Priester unterwarf, wurde als geläutert angesehen und unterstand dem Schutz der Krone. Die heidnischen Kultstätten und Rituale wurden verboten, geschleift und verfolgt. Diese Umwertung galt auch der primitiven Stammesordnung der heidnischen Germanen. Die Unterworfenen wurden hineingenommen in die neue Reichshierarchie und die Überläufer aus dem Adel mit Land und Reichtümern beschenkt. Ein über dreißigjähriger Krieg vernichtete die innere Einheit der Stämme und verfügte zugleich eine neue Ordnung. Jede Stammestradition wurde liquidiert und beseitigt. Erst nach 796 betonte man die Gleichstellung der Völker im Frankenreich und legte zugleich fest, daß sie den katholischen Werten und der neuen Ordnung untertan waren. Keinerlei Besonderheit fand Anerkennung. Trotzdem gab es Schwierigkeiten, die Zentralisierung der Kaisermacht, die inneren Teilung der Völker und Stämme und die Neudefinition der Kultur und der Sprache durch eine moralische Gefolgschaft zu stabilisieren. Mit dem Sieg über die Heiden schwand die Mobilisierungskraft des Krieges und das Frankenreich wurde angesteckt von den Zerfallsymptomen der römischen Zivilisation.

Nicht Untergang, sondern schöpferische „Aufhebung“ und Erneuerung

Aufstieg und Niedergang des Frankenreiches und die Symbiose und Kooperation dieser Macht mit der römischen Kurie und Papstmacht beweisen, daß die großen Kulturen und Staatsordnungen nicht untergingen oder zerfielen, sondern ihre Fortsetzungen und „Aufhebungen“ in den neuen Reichen, Religionen oder Machtordnungen fanden. Keine große  Kultur verhielt sich wie eine auswegslose „Monade“. Der Untergang des römischen „Abendlandes“ und Reichs fand im Gegensatz zu den Prognosen von Oswald Spengler nicht statt. Eine zerfallende Kultur traf auf Übersetzer, die ihre Werte und Errungenschaften auf eine neue Ordnung übertrugen. Es waren allerdings fremde Barbaren, die die produktiven Elemente einer Kultur übernahmen und fortentwickelten. Sie bewiesen sich darin als „schöpferisch“, daß sie sich selbst von allen eigenen Traditionen gelöst hatten und sich offen zeigten für die Bausteine der alten Kultur. Es gelang ihnen dadurch, deren Dekadenz und Zerfallserscheinungen zu überwinden.

Stadtkultur und Geschichtsmächtigkeit

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Friedrich Engels (1891)

In seiner „Geschichte der Deutschen“ hat Friedrich Engels diese Fähigkeiten herausgestellt. Zur Größe eines Volkes gehöre die gemeinsame Gabe, Städte zu gründen, eine Stadtkultur zu errichten, Recht und Gerechtigkeit zu schaffen, die Wissenschaften zu hegen und einzubringen in Universitäten und Lehranstalten sowie die eigene Sprache zu pflegen. Die Fähigkeiten, eine staatliche Administration zu schaffen, Kriege erfolgreich zu führen, große Könige oder Heerführer hervorzubringen und in Handel und Wirtschaft konkurrieren zu können, machten nach Engels die historischen Völker aus, denen eine große Geschichte beschieden war. Schon deshalb war er 1848 überzeugt, daß die Deutschen allen Hader und ihren Kleingeist aufgeben würden, um ihrer europäischen Mission zu folgen. Ihre nationale Kultur erst bildete den politischen Hintergrund der Klassenkämpfe und der politischen Bedeutung der Arbeiterklasse.

Ende der europäischen Stadtkultur im 21. Jahrhundert?

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Sao Paulo (Quelle: http://www.fotosedm.hpg.ig.com.br / Wikipedia)

Etwa 1200 Jahre nach der Epoche Karls des Großen und 150 Jahre nach Friedrich Engels lassen sich heute Formen des Niedergangs der europäischen Kultur beobachten. Die europäischen Städte haben ihre Substanz als Handels-, Industrie-, Universitäts- und Kulturstädte aufgegeben. Ebenso verloren sie ihren Rang in der Rechtspflege, des Stadtrechts und der Ordnung der produktiven Erneuerung von Gesellschaft und Staat. Im Nahen Osten, Asien oder Lateinamerika sind sie oft nicht mehr als ausgedehnte Siedlungsräume und Ballungsgebiete, die als Zuflucht entwurzelter Bauern und Wanderarbeiter, einer ländlichen und städtischen Überbevölkerung dienten, die hier Arbeit und Brot suchten. Diese Wohngebiete und Arbeitsplätze wirkten als Basar und Werkstätte, als Zuflucht und Quartier, ohne Keime produktiver Wirtschaft hervorzubringen. Sie besaßen reiche Viertel, Paläste, Theater, Kultstätten, Tempel und Moscheen, aber sie waren nicht die Zentren von Macht und Kultur, sondern verharrten in der Abhängigkeit von Kolonialmächten, Banken oder Potentaten und bildeten ein Glied in der Kette weltpolitischer Subsumptionen. Verwaltung, Administration, Sicherheit besaßen keinerlei Maß und Ziel. Sie waren Objekt von Korruption und Vetternwirtschaft. Recht und Ordnung waren dazu da, gebrochen, uminterpretiert und zerstört zu werden. Ethik und Moral waren von bestenfalls untergeordneter Bedeutung. Staatsbedienstete gingen Koalitionen mit den unterschiedlichen Parteien und der organisierten Kriminalität ein. Der Staat wurde zum Objekt politischer und wirtschaftlicher Machenschaften. Wo es in den Städten zu Slums und Ghettos gekommen war, kannten diese ein je unterschiedliches Recht. Dieser moderne Stadttyp, der nur noch wenig gemein hat mit der westeuropäischen Stadt, bildete Symptome des Niedergangs aus. Auch in Nordamerika ließ er sich vielerorts beobachten und auch in Europa sind erste Anzeichen eines Wandels der Städte zu Agglomerationen zu erkennen. Begünstigt wird diese Entwicklung durch den offenbaren Mangel an Konzepten, die Zuwanderer in die europäischen Rechts- und Gesellschaftsordnungen und Kultur zu integrieren.

Civitas oder Babylon?

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Turmbau zu Babel (Pieter Breughel d. Ä., 1525/30)

Wer heute aufmerksam die Stadtgebiete von Paris, London, Berlin, Madrid oder Rom durchschreitet, wird nicht leugnen, daß „Babylon“ in Europa angekommen war. Eine Vielvölkergesellschaft lebt nebeneinander, läuft durcheinander und hat kaum einen Blick für Gemeinsamkeiten. Die Bürgerkriege oder die Religionsstreitigkeiten, das Sprachgewirr, die Vorurteile oder die Ideale aus den Ursprungsgesellschaften werden auf die europäischen Gesellschaften übertragen und zugleich signalisiert, daß an Einheit oder innerem Zusammenhang wenig Interesse zu bestehen scheint. Anders als im Frankenreich oder anders als in Zentraleuropa Mitte des 19. Jahrhunderts existiert kaum ein gemeinsamer Maßstab für die Ethik, Sprache, Recht und Ordnung. Der parlamentarische Pluralismus der Parteien beschäftigt die Parteigänger selbst, soweit Karrieren oder Geschäfte sich anboten, bei den Neubürgern hatte er jede Legitimation oder Anerkennung eingebüßt bzw. nie besessen. Daher wird von großen Teilen der Zuwanderer die Demokratie weder anerkannt noch geachtet.

Dem Niedergang der europäischen „civitas“ als Stadt, Recht und Gerechtigkeit folgte die staatliche Souveränität. Der nationalstaatliche Charakter von Verfassung und Recht wurde über eine europäische Verfassung aufgelöst, in eine abstrakte Staatlichkeit verwandelt und auf die anonymen Machtträger europäischer Großbürokratien nach Straßburg und Brüssel verlagert. Dabei besitzt das europäische Parlament weder Kompetenz noch Auftrag, die neuen europäischen Machtzentren zu kontrollieren. Die Parlamentarier wurden über Privilegien ruhig gestellt und sind womöglich froh, selbst außerhalb jeder Kontrolle agieren zu können. Der Egoismus der Macht als Nepotismus und Selbstbereicherung setzte sich bei diesen Kleingeistern des politischen Spiels fort. Mit den Nationalstaaten verlor Europa insgesamt eine verfassungsmäßige Grundlage und ist offen für Einflußnahmen nichteuropäischer politischer und wirtschaftlicher Mächte, die über Geheimabsprachen, Militärverträge, Sicherheitsbestimmungen und Korruption in die europäischen Belange hineinregieren. Der europäische Zentralstaat besitzt nicht länger die Aufmerksamkeit und die Fürsorge der Eliten wie in der Vergangenheit, sondern wurde als ein Vasallensystem der Gefälligkeiten und Unterwerfung umgebogen.

Radebrechen in neuer lingua franca: Englisch ist nicht das neue Latein

Die Europäer verloren ihre Muttersprachen und zugleich jeden Zugang zur Amtssprache oder zu einem wissenschaftlichen und kirchlichen Idiom, das früher das „Lateinische“ war. Die alte Zweisprachigkeit von Latein und Muttersprache war Beleg für die Erforschung und Handhabung von Sprachen, Worten, Begriffen, um die biblischen Legenden und die nationalen Traditionen zu erforschen und um die sprachliche Relevanz von Wirklichkeit, Kultur und Politik zu begründen. Die Sprachen sorgten für Verständigung und Offenheit. Über sie wurde das Recht einklagbar und konnten die Unterschichten Einsichten in ihre Lebensumstände und in das Alltagsleben der anderen und Fremden nehmen. Sprachfähigkeiten enthielten die Potenzen von Befreiung und Mitsprache, von Bildung und Verständnis.

Seit längerem sind die europäischen Sprachen in unterschiedlichem Maße von einem Pseudo-Englisch durchzogen, das mit simpler, oft falscher Grammatik, Satzbau und reduziertem Wortschatz jede Tiefe und jeden Sinn verlor und nur noch analphabetische Signale, Wortfetzen, Fremdhülsen abgab, Regungen, die dazu aufriefen, Bücher, Lektüre und Nachdenken zu meiden und sich dem Wortschwall von Reklame und Geschwätz auszuliefern. Es ist eine Sprache der Aufforderungen, Befehle und des Marketings. Jenseits davon wurden die sprachlosen Feste oder Events geboten, die den „Mob“ vereinigen sollten und die darauf aus waren, Reaktionsweisen, Publikum oder Massenkonsumenten zu dressieren, die lediglich auf Farben, Töne und Symbole reagierten. Der Verlust der Muttersprache und die Einführung eines Mob- oder Comic – Jargons muß jedoch auf lange Sicht eine demokratische Öffentlichkeit auflösen und die Grenzziehungen zwischen den Völkern verstärken bzw. verhindern, daß die europäische Traditionen und Werte sich gegen die ethnischen und religiösen „Monaden“ durchsetzen können.

Niedergang des Bildungsniveaus ist der Anfang des politischen Niedergangs Europas

Dem Zerfall der europäischen Sprache folgt seit längerer Zeit die Zerstörung von Volksbildung und Wissenschaft. Bereits die Grundschulen wurden zu Verwahranstalten von Kindern und Jugendlichen heruntergebrochen, die sich weitgehend der Grundqualifikation in einer industriellen Gesellschaft verweigern und statt dessen sich rühmen, die Ansprüche nicht anzuerkennen, die Grundlagen von Wissen und Denken zu ignorieren und die europäischen Sprachen in den Singsang banaler Sprüche zu verwandeln. Die Lehrer sind ohnmächtig, wenn der Großteil der Schüler zum Lehrstoff auf Distanz geht. In diesen Schulen werden nicht einmal Hilfsarbeiter oder Bananenverkäufer erzogen. Zukünftige Sozialhilfeempfänger geben zu erkennen, daß sie diesen Status nie aufgeben würden. Die Gymnasien können diesen Mangel an Schulbildung inzwischen auch kaum ausgleichen. Es ist auch nicht ihre Aufgabe.

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Wilhelm von Humboldt (1767-1835)

Aber nicht genug damit. Auch die Universitätsausbildung hat ihr einstiges Format eingebüßt. Bedeutete für Preußen und Deutschland, daß das Humboldtsche Ideal von Bildung in ein System von Grund- und Berufsschulen, Gymnasien und Fachhochschulen mündete, dessen Ziel und Inkarnation eine Universität sein würde, in der die Verbindung von Lehre und Forschung an den Weltstandard von Wissenschaft anschließen, ja diesen verkörpern wollte, so verkamen die europäischen Universitäten in der Gegenwart zu Gesamthochschulen, Massenuniversitäten und damit zu den Bewahranstalten für eine arbeitslose, halb-akademische Jugend. Kam es Humboldt noch darauf an, die Universität zu einer „akademischen Republik“ in einem produktiven Gegensatz zu König und Staat zu gestalten, in der Professoren und Studenten die Weltwissenschaften für den technischen, kulturellen und industriellen Fortschritt im eigenen Land übersetzten, so ging es jetzt nurmehr darum, eine jugendliche Überbevölkerung vom Arbeitsmarkt fernzuhalten. Professoren als Sozialarbeiter oder „Team-Leiter“ beschäftigten Jugendliche, die am Studium kaum Interesse zeigten, waren doch die wenigen Aufstiegsfächer überlaufen oder zu kompliziert, um sich hier behaupten zu können. Die akademische Ausbildung war auf Sozialarbeit als Varianten von Sicherheits- und Polizeiwissenschaften ausgerichtet. Es bot letztlich nur noch der ausufernde Staats- und Sicherheitsapparat Beschäftigung. Die Professoren, ausgewählt und bestätigt durch die Wissenschaftsministerien, müssen oft genug dem Parteienproporz genügen. Fachlich bewiesen sie sich häufig als dritte oder vierte Wahl. Die Massenuniversitäten bildeten den Endpunkt eines Bildungssektors, der den Anschluß an die internationale Forschung in sehr vielen Disziplinen verloren hatte. Die wenigen hochqualifizierten Akademiker wanderten aus, fanden sie doch in den USA, England und Australien bessere Arbeitsbedingungen und eine ernstgemeinte Aufgeschlossenheit ihren Forschungszielen gegenüber. Europa und Deutschland hatten den führenden Rang in der Universitätsausbildung seit Jahrzehnten verloren.

Von dem Experiment des europäischen Anfangs, treue und aufrechte Staatsdiener zu schaffen und zu behüten, ist inzwischen nur noch wenig übrig. Karl der Große war bemüht, die Hof- und Gefolgsleute in Heer, Grafschaft, Gau, Gericht, Steuereintreibung, Stadt- und Kirchenverwaltung über Geschenke, Privilegien, Land, aber auch über Moral, Ethik, Strenge, Mahnung und Recht an sich zu binden, weil er wußte, daß der Egoismus der unteren Chargen den entstehenden Staat und die Einheit des Volkes zersprengen konnte. Er hatte damals mäßigen Erfolg, denn das Frankenreich brach nach seinem Tod sehr bald auseinander. In fast 2000 Jahren strengten sich die unterschiedlichen Kaiser, Könige und Herrscher, natürlich auch aus wohlverstandenem Machtinteresse, an, die Staatsdiener als eine spezifische Schicht zu formen und ihnen eine Art „Verantwortungsethik“ zu geben. Nach 1918 und noch einmal nach 1945 wurde diese spezifische „Beamtenposition“ ausgehöhlt, denn die Organisation der Staatsbehörden als Spezialbetrieb von Verwaltung, der eng mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Sektoren zusammenarbeitete, erlaubte das Eindringen von privaten und politischen Interessen in eine Instanz, die Neutralität und Rechtschaffenheit bewahren sollte. Heute wären die unterschiedlichen Tätigkeiten einer weitgefächerten Staatsbürokratie als Objekte der Lobbyarbeit und politischen Interessen anzusehen. Politische Cliquen und Klüngel machten sich hier genauso breit wie einzelne Wirtschaftsinteressen, so daß die Aufsichts- und Regulierungstätigkeit von Staatsfunktionen stark beeinträchtigt wurden. Vor allem die jeweiligen Regierungsparteien nutzten ihren Status, die Schleusen der Staatsbürokratie für ihre Parteigänger zu öffnen. Die Negativauslese in den „Staatsparteien“ wurde auf den Staatsapparat übertragen. Die Staatsverwaltung geriet in den Zustand, die Rechtsstaatlichkeit aufzugeben und vor der Korruption bzw. Vetternwirtschaft zu kapitulieren.

Teile und herrsche: soziale Paralyse als inneres und äußeres Herrschaftsprinzip

Aber nicht einmal die europäischen Eliten waren an diesem Zustand von Staat, Recht, Verfassung, Sprache, Kultur, Bildung und Wissenschaften allein verantwortlich. Seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts und noch einmal intensiviert nach 1989 steht Europa auch unter dem nicht immer offenen Einfluß Amerikas. Dessen eigene „soziale Paralyse“ — entstanden aus der Desintegration der unterschiedlichen Nationalitäten und Schichten — war durchaus ein probates Herrschaftsmittel — innen- wie außenpolitisch. Mit ihm ließen sich die sozialen und politischen Interessen der Arbeiter und Angestellten, der Gewerkschaften und Verbände, der einzelnen Völker, Nationen und sozialen Schichten unterlaufen. Über das amerikanische Zweiparteiensystem und über den inszenierten „Putsch“ der Präsidentenwahlen sicherten die Parteieliten die Kooperation mit dem Rüstungs- und Spekulationskapital ab. Dieses spekulative Finanzkapital hatte in den USA, anders als in Europa, die Vormacht über das produktive Kapital schon seit Ende des Bürgerkrieges nach 1866 errungen und spielte als Kredit-, Aktien-, Immobilien und Geldkapital seine Potenzen der gesellschaftlichen Buchführung, der Zentralisation und Monopolmacht weltpolitisch aus. Die politischen Eliten genügten den Zielen und Machenschaften dieses Kapitals und es benutzte die staatlichen Grundlagen von Militärmacht und Rüstung, die Spekulationen staatlich abzusichern und bei Verlust aufzufangen.

Nicht erst jüngst wurde diese Manipulation umgesetzt. Immerhin gewann die nordamerikanische Kombination der staatskapitalistischen Methoden mit den Operationen des Finanzkapitals einen Vorrang, der alle Formen des europäischen Staatskapitalismus „überlegen“ war. Dieses Trio von Kapitalismus aus Bankimperium, politischen Eliten und Rüstungswirtschaft in Nordamerika war daran interessiert, gleichzeitig die Weltmachtrolle der USA zu sichern und die soziale Frage zu paralysieren, weshalb Europa diese zerstörerische Macht übernehmen mußte, um nicht die Abhängigkeit zu verlieren oder gar Souveränität zu gewinnen. Nicht ein traditionsreiches Rom inspirierte die germanischen Barbaren zu einer produktiven Umsetzung von Tradition, sondern umgekehrt einem eher barbarischen, nordamerikanischen Imperialismus war daran gelegen, mit der europäischen Tradition den Nationalstaat, die sozialen Emanzipationsbewegungen, Recht und Kultur zu zerstören und das Chaos der zerrissenen Siedlungsgebiete, die Ghettos der unterschiedlichen Völker und Kulturen und die Minoritätsherrschaft der Milliardäre und ihrer Höflinge auf Europa zu übertragen. Die „nordamerikanischen Barbaren“ besaßen den Trotz und den Spott, die europäische Kultur endgültig zu liquidieren.

In Kürze:

  • Karl der Große und Europa IV: Das amerikanische Finanzkapital als Machtfaktor
  • Karl der Große und Eruopa V: Der finanzkapitalistische Cäsar und die europäische Tradition

Siehe auch:

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