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Karl Marx über „Revolution und Konterrevolution“ in Europa

20. März 2009

Ein Denker der industriellen Revolution

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Karl Marx (Grafik: b.c. richter)

Karl Marx verstand sich selbst als Denker und Politiker einer Übergangsepoche. Sie ließ sich politisch charakterisieren durch die europaweiten, bürgerlichen Revolutionen von 1848 und durch die deutschen Einigungskriege von 1864, 1866 und 1871. Revolutionen und Kriege besaßen die Tendenzen zum „Weltkrieg“ oder zur „Weltrevolution“. Die bürgerlichen Revolutionen erlitten in allen Ländern fast identische Deformationen. Der Liberalismus widerrief im Verlaufe der Ereignisse überall die allgemeinen Freiheits- und Demokratieforderungen. Außerdem ging er unfaßbare Kompromisse mit der „Konterrevolution“ ein. Die bürgerliche Revolution wies deshalb nach Marx die Merkmale radikaler und zugleich reaktionärer Aktionen auf. Etwa eine „proletarische Revolution“ zu propagieren, ohne auf ihr Gegenteil einzugehen, war für ihn unmöglich. Alle Klassenkämpfe provozierten die Volksaufstände der rückständigen Schichten oder Völker, die verwoben waren mit dem „Mittelalter“. Die Revolutionäre waren deshalb gezwungen, „Bündnisse“ einzugehen oder sie konnten erwarten, daß die liberalen und demokratischen Parteigänger die Fronten wechselten. Wegen dieser sozialen und politischen Komplikationen verbat sich Marx jeden historischen Optimismus. Wirklichkeit auf „Gut“ oder „Böse“ zu reduzieren, blieb für ihn die Weltsicht von Narren.

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Marx' Bonapartismusschrift „Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte“ (1852)

Revolutionen und Kriege wurden nach Marx zugleich gekennzeichnet durch die industriellen und technologischen Neuerungen und „Umwälzungen“. Die „industriellen Revolutionen“ waren deshalb die Motoren der politischen Veränderungen. In der Militärrüstung und in der Produktionstechnik bzw. in der technologischen Arbeitsteilung und Hineinnahme der menschlichen Fähigkeiten und Qualifikationen in ein „Maschinensystem“ zeigten sich die „revolutionären“ Elemente von Technik. Die Werkzeugmaschine war deshalb für ihn der Anfang einer neuen historischen Epoche. Sie würde menschliche Produktivität absorbieren und in den Selbstlauf der Automaten und Denkmaschinen übersetzen. Die Erfinder und Ingenieure würden im Verlauf von knapp zwei Jahrhunderten die menschliche Produktivkraft außerhalb der Produktion stellen oder sie zum „Gott aller Dinge“ erheben. Der Mensch würde die Produktion lediglich von außen kontrollieren und unter Aufsicht stellen und sich dem Müßiggang oder den neuen Versuchungen von Leben und Freiheit hingeben. Das „Reich der Freiheit“ würde alle Notwendigkeiten von Zwang, Qual, Krankheit und Tod zurückdrängen. Marx ließ in derartigen Formulierungen anklingen, daß er den materiellen und technologischen Utopien der großen Erfinder anhing. Die industrielle Revolution der Werkzeugmaschine setzte diesen Anfang der „Befreiung“ und wurde von der politischen Revolution von 1848 begleitet.

Weltmarkt, Nation, Revolution und Konterrevolution

Marx skizzierte diese Phase der Entwicklung in Europa als eine letzte Phase der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals und des Übergangs zur industriellen Produktion auf kapitalistischer Grundlage. Die nationalen Märkte Europas verschränkten sich miteinander. Es bildete sich neben den Kolonialreichen der europäischen Großmächte ein „Weltmarkt“ heraus. Diesem Übergang, der in den unterschiedlichen nationalen Gesellschaften unterschiedliche Entwicklungsstufen und industrielle Potentiale enthielt, entsprachen die sich verändernden Klassenverhältnisse und Staatsformen. Die vorkapitalistischen Stände, Schichten, Völker und Bevölkerungen wurden überlagert durch die modernen Fraktionen und Klassen der Bourgeoisie und der Arbeiterklasse. Neben den modernen Klassen existierten weiterhin die Massen der ländlichen und städtischen Bauern, Handwerker, Kleinbürger, Mittelstand, die alle noch ideologisch und religiös verwoben waren mit der Vergangenheit, trotzdem durch die unterschiedlichen „Umwälzungen“ mitgerissen wurden in die neuen Verhältnisse der industriellen Arbeitsteilung, der entstehenden Großstädte und Industrieregionen.

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Walzwerk (Quelle: Sautdudarn / Wikimedia Commons)

Die entstehenden Kriege um „nationale Unabhängigkeit“ oder um Einflußsphären wurden begleitet von politischen Erschütterungen und Revolutionen. Der liberale Protest besaß die Sprengkraft von Arbeiteraufständen und Massenstreik. Die Konterrevolution fand ihr Material bei den entwurzelten Bauern und deklassierten Städtern. Beide Revolutionen eskalierten jeweils, lernten von einander und kopierten sich gegenseitig. Demagogen fanden die Sprache der Massen und wiegelten sie auf. Die Utopisten warfen ihre Visionen in die Köpfe und schmückten sie mit den Träumen des „neuen Menschen“, des „auserwählten Volkes“ oder der „auserwählten Rasse“. Sie versprachen allen alles. Ein Höllenschlund schien Europa in den puren Wahnsinn zu treiben. Marx wollte Verstand bewahren und wissenschaftlich diese Umbrüche analysieren. Gleichzeitig setzte er darauf, daß der wachsende Sachverstand der Ingenieure und Facharbeiter, der Naturwissenschaftler und der Spezialisten, der Manager und Professoren auf eine umfassende Rationalität drängte und die Logik der „Werkzeugmaschine“ sich durchsetzen würde. Er sollte sich irren und doch der „Wahrheit“ das Wort sprechen.

Diesen industriellen und technologischen „Übergängen“, Verstädterungen, sozialen Entwurzelungen und Umgruppierungen entsprachen bestimmte Staatsformen und „Verfassungen“. Sie umrissen die Dimensionen des „Politischen“. Die absolutistischen, zentralen Staatsapparate mußten sich einer ersten Parlamentarisierung und Demokratisierung öffnen, ohne allerdings die zentralen Apparate und Staatsbürokratien aufzugeben. Kern des Staates blieb wegen der Revolutionen und Kriege der Sicherheits- und Militärapparat. Er wurde allerdings ergänzt durch die Wirtschaftsbürokratien, die Zoll- und Handelsverwaltungen oder durch die Apparate der Außenpolitik. Zugleich machte sich eine neuartige „Zirkulation“ der Eliten bemerkbar. Der Adel wurde in Staat und Militär ersetzt durch bürgerliche Kräfte und sogar durch die intelligenten Abkömmlinge der Unterschichten. Der Staat wurde dynamisiert und funktionierte als „Maschine“ im Sinne der industriellen Produktion und eines effektiven Managements. Markt- und Produktionsgesetze fanden Eingang in die Staatspolitik und unterwarfen die Staaatsbürokratie dem Reglement „rationaler Arbeitsteilung“.

Die Bonapartismustheorie als marxistische Konzeption des „Politischen“

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Otto Bauer, 1881-1938 (Grafik: b.c. richter)

In den fortschrittlichen industrialisierten Gesellschaften wie England, Frankreich, Deutschland, Belgien, Norditalien entstand ein „Doppelstaat“. Die Staatsexekutive ließ sich nur schwer von der absolutistischen Zentralisation und Aufgabenstellung lösen, die Gesellschaft militärisch und polizeilich unter Kontrolle zu halten. Über die demokratische Verfassung wurde gegen diese „Staatsgewalt“ ein „Rechtsstaat“ durchgesetzt, der die Verrechtlichung der sozialen Beziehungen einleitete. Er wurde gestützt durch eine demokratisch gewählte Regierung und durch den parlamentarischen Pluralismus. Es bestand zugleich die Tendenz, diesen „Rechtsstaat“ demokratisch zu überwinden, ohne allerdings auf die Inszenierung von „Volksmacht“ oder „Massenpolitik“ zu verzichten. Für das „Politische“, das Krieg und Revolution genauso umfaßte wie die veränderte Klassenlage, „industrielle Revolution“ oder die Transformationen des Staates und der Eliten, benutzte Marx den Begriff des „Bonapartismus“. Er orientierte sich historisch konkret an der „Diktatur“ Louis Bonapartes in Frankreich. Als eine Skizzierung der europäischen „Konterrevolution“ bezog dieser Begriff sich durchaus auf die Politik des englischen Premier Palmerston oder des Reichskanzlers Bismarck. Europa wurde nach 1851 durch die Politik des „Bonapartismus“ bestimmt.

Karl Kautsky, Otto Bauer, August Thalheimer, Heinrich Brandler, Nikolai Bucharin, Leo Trotzki, W. I. Lenin, Angelika Balabanoff oder Rosa Luxemburg und selbst Antonio Gramsci würden später nach 1918 diesen „Bonapartismusbegriff“ von Marx nutzen, um den italienischen Faschismus, den russischen Bolschewismus, die klerikale Konterrevolution in Südeuropa oder den deutschen Nationalsozialismus politisch, sozial, organisatorisch, ideologisch und ökonomisch zu erklären. Schon deshalb müssen wir Marx hinterfragen, wie und nach welchen Gesichtspunkten er die bonapartistische Diktatur in Frankreich untersuchte?

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Moses Hess, 1812-1875 (Grafik: b.c. richter)

Marx verstand sich — als Analytiker der konkreten sozialen Verhältnisse in einer konkreten Gesellschaft — als „Antiutopist“. Er folgte zwar den theoretischen Prämissen der industriellen Akkumulation des Kapitals, wollte jedoch jede Spekulation über die Dimensionen von Revolution und Konterrevolution vermeiden. In den großen und wichtigen Auseinandersetzungen und Polemiken mit dem Junghegelianismus der Gebrüder Bruno und Edgar Bauer, mit Moses Heß, Pierre-Joseph Proudhon, Ferdinand Lassalle und Michail Bakunin bezog er aus unterschiedlichen Motiven Position gegen das „Utopische“. Es bedeutete als theoretische Verheißung einen Bruch mit der Wirklichkeit und Gegenwart. Es verließ den wissenschaftlichen Anspruch der „dialektischen Kritik“. Es trug als Ideologie und Wunschbild magische Züge. Es erinnerte an das Phantastische und Spekulative. Es wies die Narben und die Ursprünge der Religion auf. Die Utopie war nicht nur Ideologie, Ausdruck und Interesse intellektueller Agitatoren und Prediger, die sich neben oder außerhalb der Gesellschaft bewegten. Sie trug als ein unrealistisches Ziel die Faszination von Revolutionären oder Sektierern, die sie einsetzen würden, um Gefolgsleute zu organisieren und zu politisieren. Das Utopische enthielt für die Arbeiterklasse den Machtanspruch einer entwurzelten Intelligenz. Es kopierte bewußt oder unbewußt die Machtphantasien oder den Herrschaftsapparat der herrschenden Klassen. Die Utopien führten nicht aus der sozialen Misere heraus, sondern verlängerten oder verewigten sie, weil sie als unwirkliche Ansprüche keine Alternativen zum Bestehenden bargen. So würden später Georgij Plechanov gegen Lenin und den „Putschisten“ Trotzki argumentieren oder Kautsky und Otto Bauer gegen Benito Mussolini oder Adolf Hitler, gegen den italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus polemisieren, ohne allerdings Bolschewismus, Faschismus und Nationalsozialismus zum „Extremismus“ zu verharmlosen und gleichzusetzen.

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Georgij Plechanov, 1856-1918 (Grafik: b.c. richter)

Die „bonapartistische Herrschaft“ durch Partei, Staat, Diktatur, Bürokratie, Propaganda, Terror, Demagogie, Massengefolgschaft wurde bei Marx aus der demokratischen Verfassung in Frankreich abgeleitet und zugleich aus der Dynamik des Scheiterns und des Verrats der einzelnen Parteien und Klassenfraktionen entziffert. Marx war dem „demokratischen Schwindel“ auf der Spur. Jede bürgerliche Verfassung trug nach seiner Einschätzung einen Ausnahmeparagraphen, der die Versprechen der Freiheit und Gleichheit, der Gerechtigkeit und des Rechtsstaates zurücknahm. Solange die Reichen, Industriellen, Grundbesitzer, Bankiers und Rentiers ihr Eigentum und ihre Privilegien gegen die Habenichtse verteidigen mußten, würden alle Ansprüche auf soziale Emanzipation, persönliche Freiheit und soziale Gleichheit bei „bester Gelegenheit“ ausgehebelt werden. Demokraten, Liberale oder Konservative würden in Krisensituationen sich gegen die Macht der Unterklassen verschwören und einer Militärdiktatur, einer absolutistischen Restauration oder einer sozialen Diktatur das Wort reden. Jede parlamentarische Demokratie ging nach Marx mit einer potentiellen Diktatur und Ausnahme schwanger.

Diese „Verfassungskritik“ und „Kritik am Liberalismus“ wurde in der „Bonapartismustheorie“ von Marx ergänzt durch eine Analyse der zweifachen Konterrevolution in Frankreich nach 1848. Sie besaß im Staatsapparat ihre Wurzeln und sie gewann ihre soziale Grundlage bei der ländlichen und städtischen „Reservearmee“, die ihren kleinen Grundbesitz und Besitz aufgeben mußte oder von den Banken, Geldeintreibern, Steuerfahndern, Inflation und Verlusten enteignet wurden. Diese Massen waren noch befangen in den Illusionen der kleinen Leute oder vergangener Verhältnisse und warteten auf einen Erlöser, der sie zusammenführen, organisieren und begeistern würde. Der reaktionäre Staatsapparat als Armee, Polizei, Spitzelsystem, als Bürokratie und Großverwaltung würde Geld geben, um die revolutionären Kräfte zu bändigen und der Restauration eine Massengrundlage zu geben. Der Funktionärskörper dieses Apparates war schon deshalb „reaktionär“, weil er Privilegien, Aufstieg, Pensionen, Renten, kurz ein gesichertes Einkommen versprach und jede Unruhe und Revolution diese Garantien zerschlagen konnten. Der Apparat selbst als Hierarchie und Machtquelle, Privileg und Einkommen hielt konservative und zugleich konterrevolutionäre Interessen bei den unterschiedlichen „Beamten“ wach. So jedenfalls analysierte Marx diese riesige Bürokratie, die stets außerhalb des Pluralismus der Parteien stand. Diese würden sich in diesen Moloch hineinfädeln, sobald sie als Regierung Einfluß auf die Staatsverwaltung gewannen und alles vergessen, was sie früher bewegt hatte. Die Bürokratie, die im Absolutismus entstanden war, entpolitisierte die Ansprüche der Parteien, nahm jedoch durchaus „Sonderinteressen“ auf, um sie zu bedienen.

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Louis Napoleon Bonaparte (Napoleon III, 1808-1873) Grafik: b.c. richter

Aber die Polizeioffiziere oder Armeegeneräle, Verwaltungsleiter und Bürovorsteher konnten kaum Massen ansprechen. Sie hatten weder Charme und Charisma und stotterten ihre Paragraphen oder Direktiven in die Runde. Es mußte ein Politiker mit Visionen und Utopien gefunden werden. Es mußte einer sein, der „historische Legenden“ aufwies und der so etwas werden konnte wie ein „Sprachrohr“ der Massen. Er mußte die entwurzelten Bevölkerungsteile ansprechen können und ihre Interessen, Hoffnungen und Illusionen wiedergeben, einer von ihnen sein und trotzdem herausragen, sich als Prediger, Agitator, Held, Übersetzer und Führer verstehen und zugleich eintauchen können in die Gefühle, Ängste und Sorgen der kleinen Leute. Verrückte gab es in Frankreich genug, aber es war schwer, jemanden zu finden, der diese Tugenden, Naivitäten, Gehässigkeiten, Eigenschaften und Begabungen vereinigte. Die Polizei fand ihn schließlich in Louis Bonaparte, der behauptete, ein Neffe des großen Napoleon zu sein, dessen Gehabe nachahmte und sogar öffentlich reden konnte. Er wurde ausgewählt und mit Geld ausgestattet, eine neue Massenpartei der Armen und Unterdrückten gegen die industriellen Arbeiter und Pariser Intellektuellen zu gründen und als „Massenbewegung“ aufzuziehen.

Louis Bonaparte entsprach den Erwartungen. Er besaß Instinkt genug und wußte, wie Politik und Propaganda klingen mußten. Er war halbwegs belesen. Er kannte die Utopien von St. Simon und schwärmte deshalb von einem gerechten Sozialstaat, der wie eine „Maschine“ funktionieren würde und Gemeinschaft und Ausgleich stiften konnte. Die Bauern sollten ihr Land behalten. Die glorreiche Armee würde ihre Söhne aufnehmen. Sie würde in Europa und Nordafrika kämpfen und Frankreich würde zur europäischen Größe aufsteigen wie unter Napoleon I. Die Handwerker würden Abfindungen erhalten. Neue Wohnungen sollten in Paris gebaut werden. Öffentliche Arbeiten wurden geplant und das „Recht auf Arbeit“ verkündet. Bonaparte pflegte ein Charisma, das die Herzen zum Klingen brachte und Vertrauen und Hingabe bei den „Massen“ schöpfte. Er war ein großartiger Selbstdarsteller und Schauspieler. Er vereinigte die fremden Besucher seiner Veranstaltungen zur politischen Einheit. Der Demagoge mischte bereits die utopischen Ziele seiner Gegner mit den heroischen Traditionen seines Volkes. Er versprach Größe und Zukunft, Siege, Kolonialbesitz, Auskommen und Aufstieg für alle, Wohlstand und Sicherheit. Die Bankiers waren begeistert. Die Polizeioffiziere rieben sich die Hände. Die Industriellen lauerten auf neue Aufträge für Kanonen und Spaten. Sie alle gaben Geld und Louis Bonaparte lief zur Hochform auf.

Propaganda, Großveranstaltungen, Demonstrationen, Auftritte waren sein Mittel, an die Leute heranzukommen. Musik spielte auf, Fanfaren erklangen, Trommelschlag war hörbar, wenn der kleine Napoleon die Zirkuszelte, Säle, Plätze, Höfe und Straßen betrat. Er gründete eine Bewegungspartei, die seinen Ruhm nach außen darstellen mußte. Eine „Bande“ sorgte für Saalschutz und stellte die Claqueure. Sie bildete den militärischen und terroristischen Teil der Partei, der die Gegner einschüchterte und vertrieb und der später im Staatsapparat die neue Geheimpolizei stellen würde. Im Juniaufstand der Arbeiter von 1848 wurden die revolutionären Organisationen zerschlagen und die Akteure verfolgt und verbannt. Der kleine Napoleon überspielte die Sozialdemokratie und die Liberalen, weil diese gehemmt waren und außerdem noch nicht im Zeitalter der Massen angekommen waren. Sie ließen sich abfinden mit den kleinen Stellen im Staatsapparat. Er beerbte die revolutionären Industriearbeiter, übernahm ihre Utopien und Parolen. Er ließ Fahnen flattern und Lieder singen und gefiel sich darin, einen Kult um seine Person zu erfinden, der angelegt war im vorrevolutionären Katholizismus, aber auch in der Faszination der Arbeiter, die bisher ihre Märtyrer, die Blanqui und Proudhon als Helden und Widerspenstige gefeiert hatten. Der kleine Napoleon nutzte die Propaganda als Aufmarsch, Verkündigung und Selbstdarstellung. Er setzte den Terror seiner Schläger ein und kombinierte beide, um Begeisterung und Angst zu schüren.

Der neue „Kaiser“ und Volkspräsident

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Pariser Kommune 1871: Sturz der Vendôme-Säule

Napoleon wurde nach 1851 zum Präsidenten der Republik gewählt. Das „Volk“ als die Masse der Bauern, Landarbeiter, Handwerker, Paupers der Städte, der Mittelstand und die Industriellen gaben ihm das Vertrauen. Er sammelte die Hoffnungen der Enttäuschten und der Opfer der Wirtschaftskrise von 1847. Er schuf so etwas wie eine „politische Einheit“ gegen die soziale Entwurzelung, Armut, Arbeitslosigkeit und gegen die Folgen der industriellen Expansion. Er wurde demokratisch gewählt, und er benötigte nicht viel Zeit, um über den Staatsapparat einen „legalen Putsch“ gegen die Konstitution durchzuführen. Er hob die liberale Verfassung auf. Er begründete eine soziale Diktatur mit Mindestlöhnen und den 10-Stundentag. Er ließ kleine Renten vergeben und beglückte die Massen als „neuer Kaiser“. Gleichzeitig ließ er aufrüsten und erweiterte den Staatsapparat durch seine Gefolgsleute. Frankreich schlitterte hinein in Kolonialkriege und in einen europäischen Krieg. Niederlagen waren vorgezeichnet. Die revolutionären Arbeiter bildeten gegen das „Staatsungeheuer“ die Pariser Kommune. Napoleon durfte sie noch niederkämpfen. 1871 besetzten deutsche Truppen Paris und in Versailles wurde das deutsche Kaiserreich ausgerufen. Das „revolutionäre Preußen“ wurde zum Kernstaat Deutschlands. Napoleon dankte ab und gab zu erkennen, daß Bismarck der größere „Bonaparte“ war.

Marx: „Demokratischer Schwindel“ in Amerika

Marx analysierte nach 1866 den „nordamerikanischen Bürgerkrieg“. Unter dem Druck eines Sklavenaufstandes und sozialer Unruhen in den Süd- und Nordstaaten einigten sich die Kontrahenten auf den Frieden und auf eine Neudefinition der „amerikanischen Demokratie“. Zwei Großparteien wurden lanciert und erfaßten als „Republikaner“ und „Demokraten“ die Farmer des Südens und die Industriellen des Nordens. Sie stellten abwechselnd den „Präsidenten“, der vom Wahlvolk nach einem aufwendigen Wahlkampf bestimmt wurde. Die unterschiedlichen Interessengruppen nahmen Einfluß auf beide Parteien gleichzeitig, weil diese im Parlament vertreten waren, die Senatoren stellten und zugleich den Kandidaten für das Präsidentenamt „auslosten“. Der Präsident stand der Staatsexekutive vor, verfügte über die Armee und die Flotte. Er sicherte Krieg oder Frieden und kontrollierte den Staatshaushalt. Er legte die Innen- und Außenpolitik fest und gab die Staatsgelder für die Rüstung oder für die großen Investitionen in den „öffentlichen Arbeiten“ aus. Die Inszenierung der unterschiedlichen Vorwahlen und die Wahl des Präsidenten verschlang riesige Summen von Geld, die von den unterschiedlichen Interessengruppen aufgebracht wurden. Die Propaganda als Reklame, Aufmarsch, Fest, Theater, Spektakel war Trumpf und setzte sehr früh auf die neuen Medien der Zeitschriften, Stelltafeln und Auftritte ein. Diese Wahlen erschienen Marx wie ein „Putsch“, durch den der neue Präsident aufgebaut und durchgesetzt wurde. War er im Amt, bediente er die Interessen seiner Geldgeber und folgte den Ratgebern aus den gleichen Kreisen. Die beiden amerikanischen Parteien als Groß- und Massenparteien waren nach Marx organisatorisch und politisch identisch. Sie dienten den Parteigängern, die freien Stellen in der Staatsexekutive nach den Wahlen zu besetzen. Die USA hatten das Mittel gefunden, den Bürgerkrieg zu „befrieden“ und zugleich den „demokratischen Schwindel“ hinter dem Trubel der Wahlkämpfe und Reklame zu verbergen. Die USA hatten damit die höchste Form von „bonapartistischer Herrschaft“ erreicht.

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Michail Bakunin (Grafik: Richter / Valloton)

Marx hatte einen ersten Einblick in die moderne Zeit gegeben. Nicht nur soziale Revolutionen im Sinne der „fortschrittlichen Klassen“ waren zu erwarten. Die Konterrevolutionen würden „revolutionär“ auftrumpfen und mit neuen Methoden die Massen begeistern. Es war fraglich, ob der Sozialismus siegen würde. Alle Utopien und Mythologien ließen sich in Visionen von „Diktatur“ steigern, die durchaus die „Legitimation“ durch die Massen oder das „Volk“ fanden. Derartige Diktaturen würden vieles verändern. Die bestehenden Machtverhältnisse in Staat und Gesellschaft indes würden sie kaum antasten. Die parlamentarische Demokratie besaß über den Militär- und Polizeiapparat, über die „Staatsbürokratie“, über die Sondergesetze in der Verfassung den Zuschnitt, in Krisen und Notsituationen sich in eine „demokratische Diktatur“, in die „Militärdiktatur“ oder in ein neues „Kaisertum“ zu verwandeln. Neue Methoden des inneren Bürgerkriegs, der Propaganda und des Terrors wurden aufgenommen. Neue Ziele von Industriemacht und Weltherrschaft wurden ins Auge gefaßt. Marx war deshalb nicht nur ein Theoretiker der „proletarischen Revolution“. Er wußte, daß vorerst nicht die Industriearbeiter und Ingenieure die politische Vormacht erringen würden. Im Zeitalter der „industriellen Revolution“ konnten durchaus die alten Klassen ihre Herrschaft festigen und sich auf eine „Diktatur“ einigen. Über den Staatsapparat wurde diese neuartige „Konterrevolution“ vorbereitet. Die „technologischen Revolutionen“ ließen nach Marx in den „Grundrissen“ („Grundrisse zur Kritik der politischen Ökonomie“, zuerst erschienen 1939 in Moskau) sogar ein „nachindustrielles Zeitalter“ erwarten, in dem die Masse der Arbeiter und Angestellten außerhalb der Produktion stand und ein neuartiges „Volk“ stellte. Es mußte ein Auskommen und Wohlstand finden. Es mußte eine innere Einheit entweder über Kriege oder über „Spiele“ erreichen. Die Freisetzung der Arbeitskräfte durch produktive und automatische Maschinen „produzierte“ Massen, die sich allein einem bonapartistischen Staat fügen würden.

Die „Konterrevolution“ mußte nicht die Fahnen der „Reaktion“ tragen, sie konnte sich durchaus proletarisch kostümieren und mit dem „roten Banner“ auftreten. Was würde ein Bakuninscher Bauernaufstand in Rußland erreichen? Eine „neue Despotie“ oder das Himmelreich auf Erden? Was würde passieren, falls Blanqui mit seinen Verschwörern das Regierungszentrum in Paris besetzte? Eine Militärdiktatur? Was würde die Gründung des „neuen Jerusalems“ im Heiligen Land im Sinne von Moses Heß bewirken? Einen Militärstaat? Marx gab durch seine „Bonapartismustheorie“ einen ersten Einblick in die Geheimnisse der unterschiedlichen Revolutionen und der demokratischen Konstitution in der Gegenwart.

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