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1000 Jahre taz: Vom Pflasterstrand ins Kanzleramt

23. April 2009

Feierstunde der Staatsbürokraten

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taz-Gebäude in der Rudi-Dutschke-Straße (Foto: b. richter 2009)

Diesen Triumph ließ sich der Innenminister nicht nehmen. Der Herr Schäuble durfte den Jahrestag der taz im Festsaal der Kongreßhalle genießen. Ihm gefielen wahrscheinlich Applaus und Huldigungen der vielen Besucher auf dem taz-Kongreß. Vor allem Jugend-liche waren zu sehen. Vor „Ewigkeiten“ bewegte sich die westdeutsche Mittelstands-jugend noch im Taumel der internationalen Revolution. Den unterschiedlichen Auf-rührern wurden Ovationen dargebracht. Die Innenstädte erglühten im Barrikaden-kampf. In den Universitäten wehten die Fahnen von Aufstand und Rebellion. Eine „ganze Jugend“ ging verloren. Ihre Idole waren Dutschke, Che Guevara oder Ho Tschi Minh. Eine Rote Armee Fraktion (RAF) rüstete auf und griff die Stützpunkte der nordamerikanischen Brudermacht an. Furchtbar. Gott sei Dank ließ sich dieser Spuk auflösen. Dafür mußte der Staat viel Geld ausgeben. Jetzt saß die „klammheimliche Freude“, ein grüner Exminister, neben dem Chef des Innenministeriums und leckte wie ein großer, trauriger Bernhardiner die Phrasen der Stunde. Er stieg zum „klammheimlichen Schäuble“ auf. Sie beratschlagten gemeinsam über eine „Schwarz-Grüne-Koalition“. Vielleicht schon bald werde die Rückkehr der Grünen an die Staatsmacht als Koalition mit den Schwarzen oder Roten erfolgen, drohte der ehemalige Umweltminister. Teilhabe an Macht und hohes Einkommen bildeten die ewige Versuchung der Grünen, spottete Schäuble. Darüber vergaßen sie alles. Der Herrscher über Polizei, Verfassungsschutz und Dienste schaute sich um. Taz-Redakteur Bollmann gefiel sich im Gestus der Anbiederei. Hunderte Augen starrten erwartungsvoll nach oben, auf das Podium. Der „gläserne Mensch“ nahm unten Gestalt an. Hier saß er, jung, unterwürfig, aufstiegsbereit oder alt, fett und lahm. Diese Zuhörer konnten zu treuen Staatsdienern gemacht werden. Das Geld war bei der taz gut angelegt. Der Minister würde wohl auch eine „Akademie“ für junge Journalisten unterstützen. Die jungen Leute sollten in der Illusion leben, daß nur der den Aufstieg schafft, der fleißig, gehorsam und staatstreu war. Der Minister lachte.

APO an die Leine gelegt

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Henry Kissinger am 25. April 1975 (Foto: White House Photographic Office / Wikimedia Commons, Lizenz: PD-USGOV))

Henry Kissinger, einstiger amerikanischer Außenminister, berichtete in seinen Memoiren über die großen Wendepunkte der Politik in USA und Westeuropa zwischen 1973 und 1980. Nicht auszuschließen, daß auch die Gründung der taz 1979 zu diesen Wendungen gehörte. 1977 wurde in Stammheim die erste Generation der RAF durch „Mord oder Selbstmord“ ausgeschaltet. Die zweiten und dritten Generationen dieser Stadtkämpfer besaßen einen moralischen Rückhalt bei den unterschiedlichen, studentischen K-Parteien, Initiativen, Basisgruppen, Putztruppen und Aufrührern. SPD und DKP hatten versagt. Es war ihnen nicht gelungen, die aufmüpfigen Jugendgenerationen in Karriere und Staatstreue zu führen. Es wurde deshalb von offiziellen Stellen alles daran gesetzt, den jugendlichen Außerparlamentarismus über eine „Partei“ zu domestizieren und zu parlamentarisieren und die Brandherde des Aufruhrs zu löschen. Zugleich war es wichtig, die Masse der berufslosen, „älteren Jugend“ in die Medien oder in den öffentlichen Dienst zu schieben. Vorbild bei diesen Aktionen war die positive Integration der akademischen Jugend nach 1970 in die Massenuniversitäten und Schulen, wo sie rührend ihren Dienst als Sozialarbeiter oder Hilfsprofesssoren versahen. Die vielen Szenezeitungen, die die Jugendradikalität bisher bestätigt oder gar gesteigert hatten, sollten zu einer „Tageszeitung“ vereinigt werden. Die Großverleger wie Axel Cäsar Springer, Henry Nannen, Rudolf Augstein und andere versprachen großzügige Entwicklungshilfe. Sie würden später einzelne taz-Redakteure abwerben und in den Genuß des „Aufstiegs“ bringen. Der „Verrat“ sollte sich lohnen. Die glanzvolle Journalisten-Karriere mochte den vielen Ratlosen demonstrieren, daß es zur Umkehr nie zu spät war. Neue Vorbilder benötigte das Land.

Sternstunden einer Großmacht

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Soldaten der 4. US-Infanteriedivision, November 1967 (Foto: Nr. CC-45142, Earl A. Young IV, U.S. Army Center of Military History / Wikimedia Commons)

1973 kapitulierte die Großmacht USA in Vietnam und schloß Frieden. Der Krieg indes war nicht in Fernost verloren gegangen, sondern in den USA selbst und in Westeuropa. Denn Vietminh und Vietcong trotzten zwar der technischen Überlegenheit der nordamerikanischen Kriegsmaschine, ein militärischer Sieg blieb undenkbar. In der US-Army liquidierten schwarze, des Kämpfens und Verheiztwerdens müde Soldaten ihre weißen Offiziere. Alkohol und Drogen zersetzten die Kampfkraft der Truppe. Der Rassenkrieg der nordamerikanischen Großstädte hatte sich in das Militär gefressen. Die Mütter und Schwestern, die Brüder und Söhne der weißen und schwarzen Soldaten demonstrierten gegen die Kriegspolitik ihres Präsidenten. Die Veteranen, Kriegskrüppel, Verwundete und andere Uniformträger zerrissen die Wehrpässe und gaben kund, daß dieser Krieg nicht im Interesse der nordamerikanischen Völker geführt wurde. Eine Gesellschaft brach auseinander.

In Westeuropa lief das sozialliberale Programm der Integration einer aufmüpfigen Jugend ins Leere. RAF und Rote Brigaden zeigten Kampfeswillen im Streit mit dem Staatsapparat. Und die politischen Klasse fühlte sich verfolgt. Sie ließ die Villen und Paläste in Bunker und Burgen umbauen. Angst breitete sich aus. Selbst die Stützpunkte der nordamerikanischen Großmacht in Westeuropa waren gefährdet.

Der Staat als Killer und Bombenleger

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Malcolm X, März 1964 (Foto: Marion S. Trikosko / Lizenz: PD)

Wie die WELT kürzlich zu berichten wußte, setzten die Vordenker der „Utopie des gläsernen Menschen“ aus CIA, FBI und Verfassungsschutz auf Mord und Todschlag. Flughäfen, Bahnhöfe, öffentliche Plätze sind durch Bomben in die Luft gejagt worden. Gezielte Todesschüsse auf die Exponenten von Politik und Opposition gerieten in das Kalkül der Repressionsmacht. Aber alle Aktionen sollten der RAF oder anderen Gruppen der Radikalopposition unterstellt werden. In den USA wurden die Führer der Black-Power-Party getötet. Martin Luther King wurde durch einen gezielten Kopfschuß umgebracht. Ziel war, die Gesellschaft in „Terror und Schrecken“ zu versetzen, um die „Umstürzler“ in Mißkredit zu bringen und um den Polizei- und Kontrollapparat auszubauen. Jeder Winkel der Stadt sollte überwacht werden. An einen heißen oder kalten Putsch wie in Chile oder Mexico wurde gedacht. Die Großmacht USA schien im eigenen Land, in Lateinamerika, Nahost und Westeuropa ums Überleben zu kämpfen.

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Martin Luther King 1964 (Foto: Marion S. Trikosko / Lizenz: PD)

Kissinger zog die Notbremse. Er überredete seinen Präsidenten Richard Nixon, eine andere Taktik einzuschlagen. In Vietnam wurde die weiße Fahne gehißt. In Nahost wurde die Eskalation des „permanenten Krieges“ vermieden. Den Sturz des Schahs in Persien nahm man hin, die Rückkehr Ajatollah Khomeinis in das gepeinigte Land wurde akzeptiert. Im Westen machte man der Jugend großzügige Angebote. Der Ostwestkonflikt entschärfte sich geradezu von selbst, weil die Sowjetunion sich in einen Verschleiß- und Partisanenkrieg in Afghanistan hineinziehen ließen, wie ihn die USA in Vietnam gerade verloren hatten. Das Wettrüsten und den Volkskrieg konnte Sowjetrußland langfristig nicht verkraften. Kissinger war bewußt, daß die Weltordnung des Jahres 1945 auseinanderbrach. Aus dieser Situation konnten die USA nur dann erfolgreich hervorgehen, wenn alle zerstörerischen Widersprüche überwunden oder eingehegt werden konnten. Der Rang der einzig verbliebenen Großmacht war für die USA nur zu gewinnen, wenn sie den Zusamenbruch der Sowjetunion überlebte. Eine politische Stabilität mußte also um fast jeden Preis erreicht werden.

Das Projekt einer gelenkten Opposition

In Westeuropa enthielt die Gefahr der Massenarbeitslosigkeit der Jugend, insbesondere der Mittelstandsjugend, die Potentialitäten eines Bürger- und Generationenkrieges. Die Massenuniversitäten beschäftigten seit mehreren Studentengenerationen jeweils kurzfristig eine akademische Jugend, die kaum nach Stand und Bildung ein Auskommen finden würde. Viele haben heute die Flucht in eine prekäre Selbständigkeit angetreten. Fast 60% der Studenten brachen das Studium ab, lebten jedoch weiterhin im großstädtischen Milieu. Eine proletaroide Massenintelligenz entstand. In Rußland hatte 1917 eine derartige Revolutionsintelligenz die alte Gesellschaft in Fetzen gerissen und ihre Diktatur errichtet. Ein ähnlicher Typus von Intelligentsia hatte 1923 in Italien den „Marsch auf Rom“ gewagt und gewonnen. 1933 setzte sich die NSdAP in Deutschland als Partei der Krieger und der „Arbeiter der Stirn“ durch. In den endsiebziger Jahren gaben sich die kleinen Rottenführer in Göttingen, Heidelberg, Frankfurt/Main, Hamburg, Westberlin ein Stelldichein mit der Polizei. Die RAF-Aktivisten gingen in diesen Kreisen ein und aus, und man konnte durchaus damit rechnen, daß diese unzähligen Gruppen sich eines Tages zu einer einheitlichen Revolutionsfront zusammenschließen könnten.

In den frühen 80ern zog auch an der innerdeutschen Grenze etwas Ruhe ein: wenn die westlichen Dienste sich im Grenzgebiet in ihren Aktivitäten zurückhielten, versprach auch die DDR Mäßigung. Entsprechend verloren auch die K-Gruppen ihren ostdeutschen Rückhalt. Umgekehrt fand die DDR-Opposition bis 1989 kaum finanzielle und organisatorische Unterstützung von den westlichen Diensten. Im Westen gingen die einzelnen K-Gruppen bankrott und die RAF mußte die DDR plötzlich als logistisches „Hinterland“ meiden. Der Verlust der logistischen und finanziellen Hilfen war geeignet, die Radikalopposition außerhalb der etablierten Staatsparteien auszutrocknen. Neue Legenden und griffige Ideologien und vor allem Geldgeber mußten gefunden werden. Als nun Dutschke eine neue Partei vorbereitete und mit den konservativen Kräften aus CDU, NPD, AUD, neuer Linker und neuer Rechter die „nationale Befreiung“ Deutschlands und Europas aus der Vorherrschaft der USA und der Sowjetunion thematisierte, ergaben sich Gelegenheiten, das Projekt fortzusetzen, zu übernehmen und gleichzeitig zu hintertreiben.

Die „ökologische Abstraktion“ als Naturkraft, die „Emanzipation“ von Frau und Mann, der demokratisch-emanzipatorische Aufbruch boten einen großen Schirm, unter dem die unterschiedlichen politischen Richtungen Zuflucht suchen konnten. Als Dutschke, der charismatische Führer und Märtyrer der Jugendrevolte der sechziger Jahre, 1979 in der Badewanne „ertrank“, war die Stunde der Macher, Intriganten und Doppelzüngler gekommen. Eins hatten sie gelernt, die proletaroiden Bankrotteure der K-Parteien: organisieren, absichern, abkassieren. Der Außerparlamentarismus des Jugendprotests wurde in der „Grünen Partei“ parlamentarisiert. Als „Partei neuen Typus“ zerstörten die Macher alle Ansätze von Basisdemokratie und liberaler Freiheit. Der Parteiaufbau folgte dem Zentralismus der Kader, die endlich das „gemeinsame Bett“ gefunden hatten und alle Streitigkeiten begraben konnten. Allerdings liefen sie nun an der langen Leine der staatlichen Ordnung. Der öffentliche Dienst wurde den „armen Jacken“ der Parteiarbeiter geöffnet. Ein möglicherweise ausufernder Jugendprotest wurde vorerst eingehegt durch die unzähligen Angebote des Sozialstaates. Die Bundesrepublik erreichte zu Beginn der achtziger Jahre eine nach den späten 70ern kaum zu erwartende Stabilität.

die taz — Vom Pflasterstrand ins Kanzleramt

Die Tageszeitung (taz), bereits vor der Auflösung der APO und vor der Etablierung einer „grünen“ Abteilung der staatlichen „Einheitspartei“ gegründet, besaß die intellektuelle Kraft, sich zu einer informationsreichen und zugleich unangepaßten Oppositionszeitung zu entwickeln. Sie hätte die großbürgerliche FAZ oder die gewerkschaftliche „Frankfurter Rundschau“ und erst recht die bildungsbürgerliche „Welt“ überbieten können. Selbst „Spiegel“ und „Zeit“ wären ins Grübeln gekommen. Die Quellen der Möglichkeiten der taz waren vielfältig. Die Redakteue kamen aus verschiedenen Kreisen der Radikalopposition, etwa vom „Arbeiterkampf“, vom „Langen Marsch“, vom „Pflasterstrand“, von der „Kommunistischen Volkszeitung“ und von den Szenenblättern der Streetfighter und der Aufmüpfigen aus den Universitäten. Unterschiedliche Generationen und Begabungen trafen zusammen, die ein „Kollektiv“, eine „Idee“ oder ein guter Chefredakteur hätte „bändigen“ und motivieren können.

Der „Pflasterstrand“ als Aktionszeitung der Frankfurter Putztruppe berichtete von der „Straße“, von den unterschiedlichen Aktionen „vor Ort“ und bot Reportagen aus den randständigen Zonen der europäischen Großstädte. Derartige Berichte sucht der Leser heute vergeblich in der taz. Der „Arbeiterkampf“, eine Zeitschrift des Kommunistischen Bundes Nord, unterhielt „Arbeiterkorrespondenten“ in den einzelnen Großbetrieben. Heute würde der Leser gern wissen, wie es in den Belegschaften von Opel, VW, Lidl, Deutsche Bank oder Mercedes aussieht und wie die Betriebsräte und Gewerkschaftsvertreter Entlassungen, „Arbeitshetze“ (unbezahlte Überstunden, Überwachung, Gängelung und Bedrohung durch den Arbeitgeber) oder die Erhöhung der Gehälter und Abfindungen des Managements rechtfertigen oder geißeln. Diese Seite des Betriebs wird bei allen großen Zeitungen ausgeblendet, obwohl hier Entscheidungen gefällt werden, die für die Produktivität der deutschen Wirtschaft wichtig sind. Die taz hat sich dieser Thematik nicht geöffnet. Ein neuer Wallraff entstieg nicht aus den Reihen der Redakteure. Der „Lange Marsch“, eine Zeitschrift aus Westberlin, verstand sich selbst als antikommunistisches und antisozialdemokratisches Blatt. Diese Monatszeitung befaßte sich mit programmatischen Themen der Linksintelligenz. Langfristige politische Kampagnen über „Biermann“ oder „Bahro“ wurden hier vorbereitet und umgesetzt. Die Kritik am Realsozialismus war schon deshalb bedeutsam, um aus der stalinistischen Tradition auszuscheren. Zugleich bezog man Position gegen die vorherrschende Ideologie des „Kalten Krieges“ und gegen die imperialistische Propaganda. Die taz dagegen mutierte vor und während der rot-grünen Koalition unter Kanzler Schröder Schritt für Schritt zu einer heimlichen Regierungszeitung und zum Organ des grünen Opportunismus.

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taz 1979, 1980 und 2009: Einst radikal, heute banal (Fotos (3): taz)

Die Reportagen aus den Brennpunkten der Städte, der Betriebe, der Massenuniversitäten, der politischen Szenen, der Parteien fehlen in der taz. Ein großer oder kritischer, über Reflexe hinausgehender Journalismus ist in dieser Zeitung selten zu finden. Analysen über die Staatsutopie des „gläsernen Menschen“ von Herrn Schäuble sucht der Leser hier vergeblich. Über die „Linkspartei“, eine Partei der Großagrarier und der Millionäre, wird bestenfalls bieder berichtet. Die Subsumtion der Grünen unter die Interessen des internationalen Finanzkapitals ist kein Thema. Die Machenschaften der Seilschaften aus CDU und SPD im öffentlichen Dienst werden kaum erwähnt. Dafür werden die Staatsprämien für den antifaschistischen Kampf kassiert. Der Aufzug der „Glatzen“ bringt kontinuierlich Schlagzeilen. Schon wegen der zweifelhaften Qualität hinkt der taz-Journalismus hinter den großen, bürgerlichen Zeitungen weiterhin hinterher. Er bleibt unvergleichbar mit der New York Times oder mit der FAZ und der „Zeit“. Daß es schlechtere Zeitungen gibt, kann keine Ausrede sein. Der Dilettantismus wird auf allen Stockwerken gepflegt und als eigener Stil verkauft. Die Erbschaft der „Roten Fahne“ oder der „Kommunistischen Volkszeitung“ hat sich durchgesetzt. Diese folgten dem Vorbild der KPD der dreißiger Jahre. Sie ließen sich die Themen von „oben“ diktieren. Selbst wenn der Setzer seine Kommentare in die Artikel einschieben konnte oder die jugendlichen Schreiber die Interpunktion nicht beherrschten, so blieben freche Texte die Ausnahme in der taz. Darüber hätte auf einem Kongreß geredet werden müssen.

Tu was? Tu nix!

Sich als Schule des jugendlichen Journalismus vorzustellen, ohne die sozialen Widersprüche, Kämpfe und Ereignisse zu benennen, ist mehr als billig. Minister Schäuble wird schon wissen, warum er diese Jugendzeitung so chic und devot findet und sie weiterhin loben will.

Große Journalisten hat die taz zu keinem Zeitpunkt hervorgebracht. Die großen Verlage kauften einzelne Schreiber, ohne daß sie dort wirklich groß wurden. Thomas Schmid gefällt sich heute als Chefredakteur bei der „Welt“ als Langweiler und Pöstchenschieber. Gern würde ich ihn an seine aufrührenden und frechen Artikel aus dem „Pflasterstrand“ erinnern. Michael Sontheimer versauert beim „Spiegel“. Seinen freien Geist versteckt er zwischen den Zeilen oder er hat ihn längst verloren. Max Mehr ist beim Biokauf zu finden. Er grüßt jetzt sogar mißmutig, um sich nicht hinterherspotten zu lassen. Klaus Hartung wollte das Publikum mit kritischen und aufrüttelnden Texten inspirieren. Nichts ist geblieben. Der Betrieb hat sie alle verschluckt und ihren Geist stumpf werden lassen.

Liebesgrüße an den „Pförtner“

Ein Millionärssohn aus München hatte sich vor Jahrzehnten in die taz geflüchtet. Jetzt sitzt er im Empfang und grüßt die Besucher. Um nie mehr über Dutschke schreiben zu müssen, hat er die Redaktion überredet, einen Teil der Kochstraße in die Dutschkestraße umzubenennen. Dadurch bleibt ein revolutionärer Nimbus erhalten, den die Zeitung längst nicht mehr besitzt. Die Fahne oben auf dem Dach verrät alles. Sie ist weder rot noch schwarz und hütet sich davor, diese Farben zu kombinieren. Ein verwaschenes Grün und ein mattes Rot erinnern an faule Kompromisse. Der Revolutionär Dutschke bleibt außen vor. Christian Ströbele, die graue Eminenz und der Einfädler all der geheimnisvollen Transformationen der Zeitung, wird der Umbenennung der Kochstraße zugestimmt haben. Ihm war das Symbol Dutschke wichtig, hinter dem alles andere verborgen werden konnte. Er hätte auf dem taz-Kongreß über die Immobilie im Stadtzentrum, über die Geldgeber, Spender, Genossenschaftler, überhaupt über den finanziellen und politischen Hintergrund dieser Zeitung Bericht erstatten können. Er schwieg oder plauderte über Nebensächlichkeiten. Der Pförtner wurde von niemand beachtet, obwohl er den „Geist“ der taz verkörpert.

Er war noch vor dreißig Jahren ein großartiger Sänger und Schauspieler. Unvergessen bleiben mir die Strophen: „Roter Wedding, grüßt euch Genossen, haltet die Fäuste bereit, haltet roten Reihen geschlossen, bald ist der Tag nicht mehr weit“. Großartig war sein Auftritt als Ernst Thälmann, „Stimme und Faust der Nation“. Er trug eine lange Lederjacke, ballte die Fäuste und zeigte ein kaltes, unrasiertes Gesicht. Entschlossenheit zu demonstrieren, war sein Lieblingsspiel. Jetzt ist er ein altes Männchen, etwa mein Alter. Er wurde auf dem Kongreß nicht gefeiert. Schäuble hat ihn nicht einmal gegrüßt. Er hätte es verdient. Was wäre die taz ohne seine großen Taten?

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