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Nicht von schlechten Eltern

3. Mai 2009

Konservativ-Subversive Aktion überrascht mit gelungener Aktion

Götz Kubitschek, Initiator der Konservativ-Subversiven Aktion (Foto: b.c.richter)

Götz Kubitschek, Initiator der Subversiv-Konservativen Aktion (Foto: Richter)

Bei der ersten Aktion, mit der Götz Kubitscheks „Konservativ-subversive Aktion“ vor einem Jahr an die Öffentlichkeit trat, drohte noch die Blamage: eine mit viel Aufwand geplante Aktion gegen den von der Linkspartei mit-organisierten „68er-Kongreß“ an der Berliner Humboldt-Uni, bei dem ein „Sozialistisch-demokrati-scher Studenten-bund“ („SdS“) gegründet werden sollte, drohte innerhalb von zwanzig Sekunden zu verpuffen. Länger dauerte offenbar die unmittelbare „Konfrontation“ mit dem politischen Gegner vor halbleeren Reihen nicht. Mit Bannern, Plakaten, Transparenten und durchs Megaphon sollten die Junggenossen der Linkspartei daran erinnert werden, daß an den Händen ihrer kanonischen Heroen (Mao, Lenin, Stalin, Pol Pot) eine Menge Blut klebte. Die Provokation ging — mangels Erfahrung und vermutlich auch aufgrund einigen Lampenfiebers der Akteure — irgendwie ins Leere. Immerhin berichtete die Frankfurter Rundschau am Rande darüber.

Der zweite Anlauf galt irgendwelchen Stasi-Rentnern und SED-Funktionären nebst Egon Krenz. Allesamt zahnlose Tiger, die sich mit der Irrelevanz ihres Lebenswerks nicht abfinden mochten. Wozu um Himmels willen solche Pappkameraden angreifen?

Anders verlief es da schon bei Günter Grass. Die „KSA“ platzte in die Vorstellung seines neuen Buches „Die Box“ im Hamburger Thalia-Theater und hielt ihm lautstark seine Doppelmoral und unerträglichen Moralismus vor. Zwar gab sich der Altmeister souverän. Es dürfte ihm nicht schwer gefallen sein, nachdem er schon höhere Hürden hat nehmen müssen. Die Aufregung um seine bis jüngst verschwiegene Mitgliedschaft in der Waffen-SS hatte sich längst gelegt. Sein jahrzehntelanges Engagement für die SPD mag den Ablaß, den ein Großteil der intellektuellen Elite ihm gern gewährte, befördert haben. Und: einen Nobel-Preisträger greift man in diesem Alter und bei seinen Lebzeiten eben nicht an. Selbst nicht in Deutschland.
Die jungen Konservativen brachten ihn daher nicht aus der Ruhe, als sie seine Lesung störten.
Ein Erfolg in punkto Aufmerksamkeit war die Aktion für die „KSA“ trotzdem: noch am selben Abend berichtete die DLF-Kultursendung „Fazit“ darüber und sogar in die Fernsehnachrichten schaffte es ihre Aktion. Die Süddeutsche widmete Kubitschek in der Folge ein Porträt in ihrer Wochenend-Beilage. Auch die Welt mochte da nicht zurückstehen, wenn auch natürlich nicht ohne die üblichen verbalen Absicherungen. Immerhin zitieren sie Brodkorb.
Und auch die „Antifa“ war erstaunt, daß die „Gegner“ nun mit vermeintlich klassisch „linken“ Methoden die Öffentlichkeit suchten. (Mit dem zur selben Aktion gehörenden, doch eher dünn geratenen, kalauernden Anti-Grass-Comic hat sich der Verleger Kubitschek allerdings keinen Gefallen getan.)

Protest gegen kleinkarierten Ikonoklasmus

Götz Kubitschek ließ nicht nach. In Chemnitz hatte er den richtigen „Drive“ gefunden. Das Wandgemälde eines jungen Künstlers — Benjamin Jahn Zschocke — sollte übermalt werden. Denn der Maler war in der falschen Partei, und außerdem erinnerte er an den „angloamerikanischen Bombenterror“. Zschocke hatte ein Panorama seiner Stadt entworfen, die in der Vergangenheit zweifach ihre städtische Identität verloren hatte. In den letzten Kriegsjahren zerschlugen die alliierten Bombengeschwader die Industriebetriebe und die Altstadt. Die Zivilbevölkerung sollte in Tod und Verzweiflung getrieben werden. Mit der Umbenennung in „Karl-Marx-Stadt“ zu DDR-Zeiten wollten die „Genossen“ die historische Tradition der Stadt Chemnitz endgültig begraben. Plattenbauten wurden auf dem zerbombten Gelände errichtet und löschten die Erinnerung an das alte Chemnitz. Eine Stadt verlor Namen und Gesicht. Karl-Marx-Stadt wurde fortan als eine sozialistische Musterstadt gefeiert. Ein großer Philosoph wurde degradiert, um Chemnitz unkenntlich zu machen, denn wessen Name für Straßen, Plätze und Städte der DDR herhalten mußte, der war auch ideologisch nur noch Mumie und Mummenschanz. So erging es auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Niemand sprach mehr über ihre radikale Kritik am russischen Bolschewismus. So erging es auch Marx. Niemand redete mehr über den Antiutopisten.

Auf seinem Wandgemälde in der Berufsbildenden Schule in der Chemnitzer Lutherstraße setzte der Künstler Gebäude in die Stadtkulisse, die es nicht mehr gab, weil sie zu Kriegszeiten in Schutt und Asche gebombt worden waren. Für die Stadtoberen war das alles ein Ärgernis. Sie meinten ein Keltenkreuz irgendwo zwischen Türmen und Dächern zu entdecken. Das, und die Zugehörigkeit Zschockes zur Chemnitzer Ratsfraktion von PRO Chemnitz, genügte für die zensorische Maßnahme. Man unterstellte, das Wandgemälde würde zur Pilgerstätte von „Rechten“ werden, als ob es für diese nicht symbolträchtigere Orte gäbe, und eine Schule ja immerhin auch ihr Hausrecht ausüben kann. Gewiß auch besorgt um ihre eigenen politischen Karrieren — die Oberbürgermeisterin der Stadt, Barbara Ludwig, sitzt im Bundesvorstand der SPD—, beschlossen sie daher die Zerstörung des Kunstwerks. Bloß keine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, in die auch Trauer über das Vernichtete einfließen könnte! Statt Zivilcourage instantiierte sich einmal mehr die jahrzehnetelang eingeübte „nationale Front“ und einigte sich darauf, mit der Bilderstürmerei ein weiteres Mal auch die Geschichte von Chemnitz zu verdrängen.

Kubitschek und seine Mannen waren zwei Mal vor Ort. Sie wollten das Übermalen verhindern, wurden von der Polizei verhaftet, aus dem Saal getragen und wegen Hausfriedensbruchs angezeigt. Diesmal berichtete nur die örtliche Presse. Es liegt sicher auch an der lokalen Dimension des Anlaßes.

Die Provokateure waren jedoch noch einmal zur Stelle, als die Stadtoberen sich anschickten, ihre Maßnahme im Chemnitzer Stadtrat zu rechtfertigen. Diesmal traten sie in blauer FDJ-Kluft auf. Sie „begrüßten“ das Einschreiten gegen das von „reaktionärem Bewußtsein“ geprägte „imperialistisch-propagandistische Machwerk“ Zschockes. Die ehemaligen FDJler und Mitläufer der Blockparteien, inzwischen organisiert in der distinkten „Einheitspartei“ von CDU-SPD-Grün-Links, haben die Parodie und Karrikatur ihrer selbst gewiss sofort verstanden. Doch was diskutiert werden darf, bestimmen, wie früher, sie. Die Protestler wurden hinausgedrängt.

Prinzip der subversiven Provokation

Provokation holt hervor, was im Verborgenen bleiben soll. Die inszenierte Politik heute verdeckt vielerlei. Vor allem der Dilettantismus der Mächtigen und ihre Duckmäuserei, die zum Maßstab der zeitgenössischen politischen „Moral“ geworden sind, müssen sichtbar gemacht werden. Der Opportunismus und die „Parteilichkeit“ der alten DDR paaren sich inzwischen mit der allgegenwärtigen Klüngelwirtschaft im „korporierten Staat“. Stets werden Leute nach oben gespült, die ihren Aufstieg einer alten Seilschaft, weniger ihrer fachlichen, geschweige denn charakterlichen Qualifikation verdanken.

Vorgänge wie jüngst die bei der Deutschen Bahn zeigen, daß kritische Analysen und Berichte höchsten noch als graue Wolke am sonnigen Himmel einer ihrer selbst gewissen Herrschafts-„Elite“ empfunden werden. Was Kohl einst in aller Dreistigkeit ausgesprochen hat, dürfte heute mehr denn je ihr Credo und ihre Selbstberuhigung sein: „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.“ Das haben erhebliche Teile der Presse (einschließlich „konservativer“ Publikationen) auch verstanden und wollen keinem mehr weh tun. Es sind die Charaktermasken unserer Zeit mit ihrer zynischen Schein-Moral und Selbstgefälligkeit.
Die „Subversive Aktion“ der frühen sechziger Jahre um Dieter Kunzelmann, Günter Maschke, Frank Böckelmann, Herbert Nagel, Rudi Dutschke und Bernd Rabehl war angetreten, mit gezielten Provokationen die reaktionäre Natur staatlicher Akteure und Institutionen herauszukitzeln. An den Reaktionen auf die Provokation sollte sich zeigen, was deren wirklichen Absichten waren und wer hinter ihnen stand (damals: die amerikanische Besatzungsmacht). Dann würden sich die Phrasen als solche entlarven. Solche Aktionen sind heute wieder nötig, vielleicht mehr noch, als damals.
Kubitschek und seine Mitstreiter haben nun, pars pro toto, eine, wenn auch kleine, so doch gelungene subversive Provokation abgeliefert. Chapeau!


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