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Leisten Sie Widerstand!

14. Juli 2009

Zum 70. Geburtstag von Dieter Kunzelmann

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Dieter Kunzelmann 1967 (Foto: privat)

 

Plötzlich redet kein Mensch mehr von ihm. Die vielen Feinde frohlocken im Verschweigen. Endlich haben sie diesen Spötter und Provokateur überwunden. Der Name „Dieter Kunzelmann“ ist offenbar vergessen. Auch seine Freunde können oder wollen öffentlich nicht mehr an ihn erinnern. Dabei haben seine Inszenierungen der Wirklichkeit in den sechziger Jahren die Aktionskunst von Joseph Beuys an medialer Wirksamkeit überboten. Die Medien, die tagtäglich die Lebensrealität der Bürger mit den Folien von Sport, Sensation, Mord, Liebe und Politik überklebten und dadurch eine illusionäre und zweite Wirklichkeit in Szene setzten, fanden in ihm einen Meister und Gegenspieler. Wer denkt dabei nicht an die großen Auftritte der Kommune I in Westberlin beim „Pudding – Attentat“ auf den amerikanischen Vizepräsidenten Humphrey.

Das „demokratische Getue“ eines Polizeistaates sollte damit entlarvt werden, so die Botschaft. Der Schah von Persien mußte sich durch diese Aktionisten die Show seines Staatsempfangs stehlen lassen. Die Sicherheitsbehörden erlebten den Widerstand einer „Generation“. Die Trauerfeier für Paul Löbe vor dem Schöneberger Rathaus machten Kunzelmann und Co. zur Farce und zum „historischen Lehrstück“. Im Präsidialamt der Freien Universität Berlin wurden die Akten von vielen Disziplinarverfahren öffentlich und publikumswirksam gestohlen und vernichtet. So wurde die Relegation von ein paar Dutzend Studenten verhindert. Kunzelmann demonstrierte seine Formen des Widerstands an der Grenze des Zumutbaren und des Gesetzes, ohne sie vorerst zu überschreiten. Wirklich einschreiten konnten die Sicherheitsbehörden nur im Falle nachweisbarer Gesetzesbrüche.

Immer war die Presse dabei. Die Bilder der „Aktionen“ wurden weltweit verbreitet und galten als Symbol von Revolte und Aufbruch der jungen Generationen. Die Aktionskünstler, die kurzfristig die Westberliner Republik erschütterten, machten ihre Lebensform als Kommune selbst zum öffentlichen Happening. Das Private wurde als das Allgemeine, Öffentliche und Politische gelebt. Die Aktionisten ließen sich als das neue und andere Leben ablichten und bedienten die Neugier der vielen Leser der Boulevardpresse. Zugleich begeisterten sie die jungen Generationen. Schnell verblaßte jedoch der Stern dieser Aktionskunst. Auch, weil Drogen ins Spiel kamen. Die Verachtung dem alten Deutschland gegenüber trieb die Akteure nach 1968 in Illegalität, Gewalt und Partisanenkrieg. Sie verloren den Schutz des Spielerischen und Frivolen. Abseits von Recht und Gesetz lieferten sie sich den Maßnahmen der Polizeidienste aus. Der „Anschlag“ auf das jüdische Gemeindehaus ließ das Rollenspiel der Inszenierung und Provokation endgültig hinter sich. Der den Deutschen von Kunzelmann bescheinigte angebliche „Judenknacks“ war so gewiß nicht zu kurieren. Die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz wurde bereits als Untergrundkrieg gegen den Staat verstanden.
Mit dem Schritt aus der künstlerisch-anarchischen Aktion zur politischen Stellungnahme ging den „Spielern“ jede Ratio verloren. Irgendwann hörte der Spaß auf. Wenn sie ihre eigenen Worte ernst nahmen, so trieb die Entgrenzung der Aktion in die Gewalt und in den Guerillakrieg, aus der Spaßaktion wurde blutiger Ernst. Darin mag die Differenz zwischen Joseph Beuys und Dieter Kunzelmann gelegen haben.

Ansichten eines Clochards

Dieter Kunzelmann wurde in Krieg und Nachkriegszeit hineingeboren. Das „rote Teufelchen“ hätte alle Karrieren der Welt einschlagen können. Der Vater, ein Sparkassendirektor und die sorgenvolle Mutter hätten die Wege bereitet. In Dieter Kunzelmann atmeten tausend Talente. Er konnte sich nicht entscheiden. Er verweigerte das Abitur. Die Banklehre brach er ab, obwohl ihm das Spekulative und der Ordnungssinn durchaus lagen. Aber er hielt es nicht mehr aus. Er setzte sich Ende der fünfziger Jahre ab nach Paris und lebte dort über Jahre als Clochard, behauptete er später. Das Spießige und die Enge Bambergs hatten ihn vertrieben.
Einfach in Rotwein und sinnloser Muße ertränken ließen sich seine vielen Talente aber ebenfalls nicht. Er kam mit Malern, Dichtern, Dilettanten und Scharlatanen zusammen und nahm teil am Disput über Kunst und Politik. Nach dem großen Morden im II. Weltkrieg öffnete sich der Kunst ein dunkler Abgrund. Sie war Teil propagandistischer Selbstdarstellung von Diktatur und Krieg geworden und diente teils als Sedativum, teils als Legitimation für Gewalt und Terror. Nicht einmal eine „Nische“ verblieb ihr. Die Vermarktung der Talente und Stile durch die Reklame im „Frieden“ vollendete die Auflösung der künstlerischen Ästhetik. Das galt für alle „Systeme“ und alle Gesellschaften, die Anteil am „großen Morden“ hatten und die in der folgenden Friedenszeit die „Kriegsmaschinerie“ kombinierten mit einer zivilisierten Modernität. Kunst und Kritik zweifelten an sich selbst. Konnte Kunst sich von der politischen Propaganda unterscheiden? Sorgte sie lediglich für die Kulissen und Portraits im Wahlkampf? War sie mehr als die Colaflasche oder die Waschmittelreklame? Konnte sie die Litfaßsäule oder die bunten Stelltafeln überwinden? Überragte sie die Warenvielfalt im Supermarkt? Korrespondierte sie mit der philosophischen Kritik am Zustand der Gesellschaft oder war sie nicht mehr als Farbenspiel, Fassade und Ramschobjekt gieriger Spekulanten?

Die alte Kunst war tot, verkündeten die Maler und jubelten die Dichter. Kunst wurde in der Situation jeweils neu geboren und mußte sofort zerstört werden, um die Instrumentalisierung im politischen oder privaten Geschäft zu vermeiden. Sie besaß in der „Inszenierung“ eine Parallelität zu den Medien von Film, Fernsehen, Illustration und Bildreportage. Jedes Happening wies einen künstlerischen Anspruch auf, wenn die Künstler ihr Publikum mitrissen, begeisterten und sofort ernüchterten und jede Identifikation vermieden. Die Faszination der Kunst, das Schöne und Wahre existierten nicht mehr. Jeder konnte Künstler sein. Gebäude, Straßen, Szenen konnten in „Aktionen“ verändert werden und sie würden die Trivialität, die Häßlichkeit und die Banalität von Macht und Herrschaft offenlegen. Die Sinnlosigkeit von Konsum und Alltag ging jede Schönheit, jede Ästhetik ab. Sie ließ sich lediglich als Ekel vor dem „großen Saufen und Fressen“ kurzfristig vorführen. Die neue Kunst lebte von den Situationen und Gelegenheiten. Sie folgte der politischen Inszenierung, indem sie diese aufnahm, in die Demonstration von Macht und ins Absurde steigerte.

Dies war die Bühne für Dieter Kunzelmann. Längst wurde Politik auf Wahlkampf und öffentliche Auftritte der Politiker verkürzt. Sie spielten sich selbst, um sich nicht in die Karten schauen zu lassen. Die wichtigen Entscheidungen wurden hinter geschlossenen Türen gefällt. Ansonsten feierten Cliquen und Klüngel sich selbst. Die Inszenierung des Politischen blieb Kulisse und verdeckte die vielfachen Manipulationen und Machenschaften. Hinter der geschminkten Fratze des „Kandidaten“ lauerten Korruption und Verrat. Die demokratische Fassade barg die Umrisse einer „Diktatur“. Diese mußte provoziert werden. Sie mußte sich als Polizeieinsatz und Gewalt zeigen, um den schönen Schein von Anstand und Normalität zu unterlaufen. Kunzelmann hatte seine Mission und die Ziele seiner „Aktionskunst“ gefunden. Sie würde das Atelier oder die „gehegte Fläche“ meiden und direkt auf die Straße gehen. Kunzelmann politisierte die „künstlerischen Vorbehalte“ der Situationisten oder der Gruppe Spur gegen die „direkte Aktion“. Diese Kunst ließ sich primär über das Experiment und die unmittelbare Tat erschließen.

Kunzelmann verstand sich trotzdem nicht als Anarchist im alten Sinn. Jener lebte von der „Spontanität“ der sozial Entwurzelten, die ihren Ursprung im vorkapitalistischen Zeitalter suchten. Kunzelmann wußte von den unzähligen Abhängigkeiten und „Verknotungen“ des modernen Menschen. Er diskutierte deshalb die Ansätze, um die psychologische Disposition des modernen „Konsumenten“, um seine Subsumtionen unter die Bedingungen von Job und „Leben“ zu verstehen. Er las jedoch Marx, Freud, Adler, Nietzsche, Marcuse, Heidegger nicht als Akademiker. Er durchschmökerte die komplizierten Analysen und suchte nach einzelnen Sätzen oder Bausteinen, die ihm wiederum bestimmte Einsichten brachten, um Provokationen zu starten. Ein Buch war Hilfsmittel, nicht der Zitatenschatz für Angeber und Bluffer. Er gab die „unverbindlichen Richtlinien“ heraus und suchte über die Satzfetzen und Signale nach Gleichgesinnten. Mit Frank Böckelmann gründete er die „Subversive Aktion“ und veranstaltete mit den unterschiedlichen Sympathisanten „Konzile“, um die Leute auf Radikalität und Zuverlässigkeit zu „überprüfen“ und anzuregen. Er wußte von seinem Mangel. Er konnte nicht reden. Er vermochte die Zuhörer nicht zu fesseln. Ihm fehlte jedes Charisma. Seine Auftritte, sein Aufzug, die Maskerade waren entscheidend. Im Einzelgespräch gewann er über seine Ironie und das Stakkato seiner Sätze. Trotzdem war er kein Therapeut, kein Analytiker und auch kein Commandante. Er benötigte Mitkämpfer, die seine Ideen übersetzten. Er mußte allerdings sicherstellen, daß diese Mitstreiter nicht sofort in die akademischen Laufbahnen oder Berufskarrieren zurückkehrten. Ihre Entwurzelung mußte seinem Lebensstil entsprechen. Jeder war erst dann frei, wenn er alle Brücken zur Gesellschaft abgebrochen hatte und bereit war, in einer „Gemeinschaft“ zu leben, die aus den Zwängen des Alltäglichen ausscherte. So wurde die Konzeption der „Kommune“ geboren. In Fritz Teufel, Jürgen Hameister, Rainer Langhans, Ulrich Enzensberger, Volker Gebbert, Rudi Dutschke und Bernd Rabehl schien er die männlichen Übersetzer seiner Ideen gefunden zu haben. Obwohl viele Frauen von dem Projekt angetan waren, waren ihnen vorerst Gestalt und Namen versagt. Trotzdem traten Agathe Hemmer, Antje Krüger, Dorothea Ridder, Dagmar Seehuber irgendwann aus dem Schatten der Männer heraus.

Aktionskunst

Worin bestand das „Künstlerische“ in den Aktionen, die Kunzelmann initierte oder zu verantworten hatte? Wurde Kunst bei ihm nicht reduziert auf die Hektik von Handgreiflichkeiten oder auf die schiere Provokation der Mächtigen und des Publikums, die heraustreten mußten aus der Routine der Gelassenheit oder aus der Normalität von Ordnung? Bestand die Kunst darin, die gespielten Wirklichkeit der Medieninszenierung mit der anderen wirklichen Wirklichkeit zu konfrontieren, die nicht mehr den Schein der Harmonie und des Friedens trug? Beide Wirklichkeiten besaßen den Makel der aufgesetzten Tragik oder der theatralischen Inszenierung. Bei den Machthabern wurde tagtäglich Demokratie und Sicherheit demonstriert. Den Provokateuren gefiel es, hinter die Kulissen zu blicken. Das „Künstlerische“ bestand in der Inszenierung selbst und darin, die zweite Wirklichkeit durch die erste zu entlarven und sei es nur für Augenblicke. Die richtigen Mittel mußten gefunden werden und alle mußten mitspielen: die Herrschenden, ihr Volk, die Medien, die Polizei und die Provokateure. Die Ereignisse und Zuspitzungen wurden auf bestimmte Situationen konzentriert. Das war nicht einfach.

Es ist zwischen den öffentlichen Aufzügen und der inneren, auch nach innen zielenden Dramaturgie zu unterscheiden, die die einzelnen Aktionstypen prägten. Kunzelmann war nicht selten ihr Ideengeber. Herauszustellen sind das „Kennedy-Flugblatt“, die „Plakataktion“, das „Humphrey-Puddingattentat“, der „Schahbesuch“, die „Totenfeier“ für Paul Löbe vor dem Schöneberger Rathaus und der „Anschlag“ auf das jüdische Gemeindezentrum in der Fasanenstraße. Die Steigerung der Aktionsformen belegen durchaus die Abkehr von der Kunst und die Einkehr in die „strukturelle Gewalt“. Die Aktionen verloren ihr künstlerisches Format. Sie büßten zugleich den Zuschnitt als „Lehrstück“, Entlarvung oder Ironie ein. Sie gaben den Schutz der „Inszenierung“ und der „Kunstfreiheit“ auf und wurden zur illegalen, kriminellen Aktion.
Im Kennedy-Flugblatt wurde die gelungene Inszenierung des amerikanischen Präsidenten aufgegriffen, der nur in der Medienshow die historische Größe von „Aufbruch“ und das Symbol von Freiheit und Gleichheit zu erreichen schien. Er wurde zum „Übermenschen“ erhoben, zum großen Befreier und Gegenspieler der Despoten der Welt aufgebaut, obwohl seine Regierung den Krieg in Vietnam eskalierte, die Kuba-Krise zu verantworten hatte und zugleich im Kongo beteiligt war an der Ermordung des neuen Präsidenten Lumumba. Der Friedenspräsident entpuppte sich als Kriegstreiber.

Der Kult um Kennedy ignorierte den Neidfaktor der Zuschauer. Ein Präsident strahlte Jugend und Schönheit aus. Eine junge, attraktive Frau war an seiner Seite zu sehen. Die Kinder zeugten von Familienglück und Reichtum. Als dieser Präsident erschossen wurde, schien das Publikum ergriffen und bestürzt. In Wirklichkeit empfand man „klammheimliche Freude“ an Kennedys Tod. Er hatte, scheinbar, jenseits des Alltags der normalen Bürger gestanden, jenseits von Krankheit, Elend und Siechtum. Er war längst zur „Ikone“ von Fortschritt und Wohlstand erstarrt. Jeder hätte deshalb der Mörder sein können, so jedenfalls argumentierte das Flugblatt. Der Aufruf war an eine bestimmte Leserschaft gerichtet. Die kritische Intelligenz sollte sich schämen, daß sie auf diesen Präsidentenkult hereingefallen war. Die individuelle Schadenfreude am Tod des Präsidenten sollte in die objektive Kritik seiner Machtinteressen übersetzt werden. Die Subversiven wollten mit dieser Flugblattaktion bestimmte Leute ansprechen, die sie für ihre Ideen gewinnen wollten. Eine revolutionäre Gesinnung zeige sich im Mißtrauen gegen sich selbst, in der Distanz zum öffentlichen „Rollenspiel“ und in der Akzeptanz einer rationalen und zugleich analytischen Sprache, so jedenfalls dachte Kunzelmann und hatte an den einzelnen Universitäten durchaus Erfolg.

Die „Plakataktion“ in Westberlin und München war 1966 genauso nach innen gerichtet. Die antidogmatische und die junge Linke im Umkreis des SDS sollte angesprochen werden. Es ging darum, aus der Gemütlichkeit eines Seminarmarxismus herauszutreten und Farbe zu zeigen. Gesellschaftskritik hatte den Auftrag, soziale Veränderungen anzustoßen. Der akademische Gestus von Diskussion und Lektüre mußte in Engagement überführt werden. Die Worte „Erhard und die Bonner Regierung unterstützen Mord“… waren gegen die Gleichgültigen gerichtet. Kunzelmann und die „Subversiven“ hatten keinerlei Zweifel, daß die alte Klassengesellschaft sich längst aufgelöst hatte und daß die „soziale Frage“ oder die Arbeiterklasse keine historische Relevanz mehr besaßen. In der Gesellschaft standen die Eliten von Politik und Wirtschaft konträr zu den Provokationseliten. Die „Massen“ waren Objekt der Manipulation und Inszenierung. Ausschließlich die „revolutionäre Intelligenz“, die Außenseiter, die Erniedrigten und Beleidigten würden sich wehren. Sie mußten also zu den politischen Aktionen und Kampagnen zusammengeführt werden. Die „Plakataktion“ war schon deshalb ein Erfolg, weil es der traditionellen Linken als „Keulenriege“ nicht mehr gelang, die Subversiven zu isolieren und aus dem SDS auszuschließen. Diese würden eine Generationsrevolte lostreten, die die Westrepublik über Jahre erschütterte.

Gegeninszenierung

Das „Humphrey-Puddingattentat“, die Aktion beim „Schahbesuch“ und die „Totenfeier“ liefen als Aktionskunst darauf hinaus, eine entstehende Radikalopposition zu erweitern und den Machtapparat des Staates zu verunsichern, ohne ihn direkt anzugreifen. Die erste Aktion hatte das Ziel, die Tatsache zu demonstrieren, daß Westberlin nicht etwa die „freie Welt“ verkörperte, sondern Okkupationsgebiet und Polizeistaat war, in dem die Telefone abgehört wurden und eine Gleichschaltung von Politik und Medien existierte. Die Verabredung, „Bomben“ zu bauen, veranlaßte die Dienste zu einer strengen Observation der Verdächtigen. Sie wurden festgenommen und als gefährliche „Terroristen“ von der Presse vorgeführt. Bereits Stunden später mußte eingestanden werden, daß die Bombe aus den Zutaten eines Napfkuchens bestand. Blamiert waren Polizei, Dienste, Politiker, die Medien und das sensationsfreudige Publikum, die die Verschwörung für bare Münze gehalten hatten.

Der „Schahbesuch“ hatte bereits die Regie einer vielfältigen Inszenierung. Die Subversiven empfingen den „Pfauenthron“ in Westberlin mit Papiertüten, Konfetti, Farbeiern, Trillerpfeife und Karneval. Der Schah hatte seine Schläger mitgebracht. Die Begeisterten der „Regenbogenpresse“, die Leute aus dem Sektor des feudalen Pomps, waren zur Stelle. Die Polizei marschierte auf und demonstrierte grimmige Gesichter, Gerät, Greifer und Reiterstaffel. Die Politiker spielten Staatsempfang und ließen sich in der Oper als die Kulisse einer „Treibjagd“ inszenieren. Selbst der amerikanische Stadtkommandant war mit von der Partie, denn er wollte die „Rädelsführer“ fangen lassen und sich für die Blamage seiner Dienste beim „Humphrey-Attentats“ rächen. In „ihrer“ Stadt wollte sich die Besatzungsmacht nicht länger vorführen lassen und ihre politischen Gegner ein für allemal erledigen. Die Subversiven hatten erreicht, daß in der Teilstadt sich die Machtstruktur als gelenkte Politik, Besatzung, Polizeieinsatz, Medieninszenierung, Spießerhaß offenbarte. Es zeigte sich zugleich, daß ihr Protest sich auf das Grundgesetz beziehen mußte, um nicht zermalmt und liquidiert zu werden. Die Grundrechte waren zwar gegen den kommunistischen Feind gerichtet und versprachen vorläufig nur demokratische Verhältnisse. Sie waren jedoch einklagbar und deshalb auch Schutz für die Radikalopposition. Wie sich herausstellte verließen Polizei, Politik und Besatzungsmacht die rechtliche Ordnung. Trotzdem wurden für den Protest als Aktionskunst Grenzen sichtbar. Mit der „strukturellen Gewalt“ einer Gesellschaft ließ sich nur bedingt spielen. Der Mord an Benno Ohnesorg belegte, daß die staatliche Übermacht jederzeit die imaginären Linien der „gehegten Politik“ durchbrechen würde. Die entstehende außerstaatliche Opposition hatte diese Lehre am 2. Juni 1967 kaum verstanden.

Bei der Totenfeier für Paul Löbe zeigten sich die Möglichkeiten und zugleich die Sperren der „Aktionskunst“. Alle Akteure eines zukünftigen „Bürgerkrieges“ waren vor dem Schöneberger Rathaus versammelt. Die Honoratioren der Stadt, die Kommandanten, Ehrenbürger, die Chefs der Geheimdienste und Politiker hatten sich auf den Stufen des Regierungsgebäudes aufgestellt. Polizeieinheiten standen in Reih und Glied. Eine Musikkapelle würde Trauermärsche intonieren. Der Sarg von Paul Löbe war aufgebahrt und mit weißem Tuch bedeckt. Hier sollte ein Politiker zu Grabe getragen werden, der sozialdemokratische Politik zwischen 1918 und 1967 verkörpert hatte. Zum Machstaat der Exekutive gehörte in der Weimarer Republik der Sozialstaat. Der Generalstab des Kaiserlichen Heeres hatte ihn noch vor der Revolution gefügt und dadurch die Sozialdemokratie hineingenommen in die „Kriegswirtschaft“. So sollte sie dieses Herrschaftsstruktur vor den Ansprüchen einer sozialen Revolution bewahren. Nach 1933 repräsentierte Paul Löbe den pragmatischen Teil dieser Partei. Der jüdische Parteivorstand in Prag wollte einen Aufstand der Arbeiter gegen die NS-Diktatur organisieren. Paul Löbe hingegen machte in Berlin der NSDAP ein Koalitionsangebot. Diese verzichteten höhnisch auf die sozialdemokratische Unterstützung. Nach 1945 wurde diese Struktur von Macht- und Sozialstaat neu gefügt. Jetzt stimmten auch die internen Koalitionen wieder, denn der neue Staat war auf die Mitarbeit der Offiziere und Generale, der Unternehmer, der ehemaligen Nazis, der Gewerkschaftsbosse und der sozialdemokratischen Funktionäre angewiesen. Löbe verließ seine „innere“ Emigration, auf die er sich nachträglich im Blick auf seine Rolle in der NS-Zeit gern berufen hatte.

In einer Nebenstraße zum Schöneberger Rathaus formierte sich unterdessen ein anderer Trauerzug. Kunzelmann streifte sich ein weißen Leinenhemd über und verstaute Flugblätter in einem bereitstehenden Sarg. Dann stieg er selbst hinein. Andreas Baader setzte sich eine dunkle Sonnebrille auf. Gudrun Ensslin lachte fröhlich in die Runde, ehe die Anwesenden stöhnend den schweren Sarg auf ihre Schultern hievten. Dann rannte der alternative Trauerzug auf den John F. Kennedy-Platz zu. Die Polizeikapelle ließ Trommelwirbel erschallen. Die Bläser bliesen einen Trauermarsch. Die Ehrenformation der Polizei schlug die Hacken zusammen. Die Ehrengäste erstarrten, als ein zweiter Sarg auftauchte. Er wurde vor die aufgereihte Polizei postiert. Niemand schritt ein. Alle waren gebannt. Schrill brach die Musik ab. In die entstehende Ruhe hinein klappte Kunzelmann den Sargdeckel auf. Er erhob sich. Das weiße Hemd flatterte leicht im Wind. Er bückte sich und warf die Flugblätter in die Menge. „Freiheit für Fritz Teufel“ rief er in die Trauergemeinde hinein. Erst jetzt rannten beherzte „Zivile“ auf die „Störer“ zu. Der Spitzel Urbach hatte sie nicht gewarnt. Oder die Oberen des Verfassungsschutzes hatten Freude daran, ihre politischen Vorgesetzten derartig aufmischen zu lassen.

Diese Provokation stellte ein Ideal der Aktionskunst dar, weil alle Akteure mitspielten und die „Situation“ stimmte. Der Tote war nicht mißbraucht worden, sondern indirekt an seine „historische Größe“ erinnert, denn die Gazetten würden alle Zusammenhänge aufwärmen und viel besser als die Trauerreden die „historischen Taten“ hervorheben. Zugleich wurde deutlich, daß Spaß und Aktion nicht zu steigern waren. Die Staatsexekutive würde sich nicht ein zweites Mal derartig vorführen lassen. Sie würde lernen und die Dienste würden alles aufbieten, die Provokateure zu zersetzen. Es war deshalb „Zufall“ im Hegelschen Sinn, daß die künftigen Anführer der „RAF“ und der „Bewegung 2. Juni“ zum letzten Mal hier als Privatleute oder „Zivilisten“ zusammenkamen.

Die Aktionen der Kommune stießen ohne Zweifel eine „Generationsrevolte“ an und politisierten sie zugleich, indem sie die „strukturelle Gewalt“ der Republik offenlegten, allerdings selbst nicht ernst genug nahmen. Dutschke und ich hatten uns von Kunzelmann getrennt, weil wir an seiner Ernsthaftigkeit zweifelten und weil wir seinen „Methoden“ nicht trauten. Irgendwann mußte sich eine Oppositionspolitik von den Mittel und Taten der Aktionskunst lösen. Sie benötigte Organisation im weiten Sinn und vor allem Ziele und theoretische Reflektion. Für Kunzelmann war selbst Theorie Spiel und der Disput Klamauk. Er reflektierte nicht das politisch Machbare, und er unterschätzte den Gewaltapparat der Besatzungsmächte und des Polizeidienste. Er ahnte nicht einmal, daß irgendwann sein Spiel beendet werden und man ihn vorführen würde. Kunzelmann experimentierte inzwischen mit Haschisch, LSD und Heroin, behaupteten die Gerüchte. Jetzt ließ er sich kontrollieren, sei es durch seine Dealer, sei es durch deren Hintermänner.

Nach dem 2. Juni 1967 wandelte sich die Freie Universität in eine „demokratische Republik“ im Humboldt’schen Sinn. Die Masse der jungen Studenten waren an Aufklärung interessiert. Theoretiker waren gefragt. Die Ziele der Politik wurden Gegenstand der Dispute. Das Seminar als Raum und Öffentlichkeit entwickelte seinen Rahmen auf Großveranstaltungen oder Demonstrationen. Die Sozialphilosophie von Marx und Freud, von Bloch und Marcuse traf den Nerv der Zeit. Die Studenten wünschten keine tote Wissenschaft, sondern eine „Wirklichkeitswissenschaft“ und eine „Konzeption des Politischen“. Das provokative Spiel sollte durch Theorie radikalisiert werden. Studenten wie Rudi Dutschke, Wolfgang Lefevre, Jürgen Treulieb, Tilman Fichter oder ich selbst traten nun selbst mit theoretischem Anspruch in Erscheinung und fanden ihre Ansprechspartner in Professoren und Dozenten wie Jacob Taubes, Peter Furth, Helmut Gollwitzer, Klaus Meschkat, Helmut Fleischer u.a. Selbst die Kommunarden ließen sich begeistern. Auch Hans Joachim Hameister nahm Anteil an den Diskussionen. Allerdings erinnerten die „Teach Ins“ weiterhin an die „Aktionskunst“ der Kommune. Sie waren den großen Revolutionsdebatten nachempfunden und ähnlich inszeniert. Auf dem „Vietnamkongreß“ im Februar 1968 stritten die ost- und westeuropäischen Radikalen über die „europäische Revolution“ gegen den russischen und nordamerikanischen Imperialismus. Die „schwachen Glieder“ dieser Mächte wurden in der Sowjetunion, in der amerikanischen Armee, in den Kolonialrevolutionen, in den Universitäten und Schulen Westeuropas gesehen. Der Zusammensturz dieser Apparate galt als das Signal einer nationalen und sozialen Revolution, die ihren Rückhalt in den Kampagnen und Szenen der „neuen Linken“ finden sollte. Diese Illusionen zerstoben sehr schnell. Trotzdem gewannen diese „Utopien“ außerhalb der „Aktionskunst“ eine eigenständige und politische Bedeutung.

Absturz

Bereits der Mord an Benno Ohnesorg verwies darauf, daß die „strukturelle Gewalt“ der bestehenden Macht nicht länger mit sich spielen lassen wollte. Eine Opposition als „Szene“ und „Kunstprojekt“ näherte sich dem „politischen Feindbild“ des kommunistischen, „faschistischen“ oder terroristischen Gegners der „freien Welt“, obwohl die Akteure aus den Reihen des Bildungsbürgertums und des Mittelstands kamen. Sie waren nicht selten stolz darauf, die Kinder, die Söhne und Töchter der herrschenden Cliquen zu sein. Das Revolverattentat auf Rudi Dutschke im April 1968 vermittelte den Eindruck, daß jetzt die Rädelsführer abgeschossen werden sollten. Der Kampf der US-Bundespolizei (FBI) gegen die „Black-Panther-Aktivisten“ schien seine Fortsetzung in Westdeutschland zu finden. Aus Lateinamerika wurde die Idee der Stadtguerilla übertragen und die Stadt als pures Siedlungsgebiet, Labyrinth, Einkaufsmeile, Straßenschlucht, als Ghetto, kurz: als Antistadt zur europäischen Tradition und als das Kampfgebiet eines neuartigen Stadtkrieges verstanden. Nicht nur in den Kreisen der jungen Dutschke-Anhänger, Georg von Rauch, Tommy Weißbecker u. a., wurde der gewalttätige Widerstand diskutiert.

Dutschke hatte sich nie gescheut, mit den „jungen Genossen“ die Kampfweise des „bewaffneten Widerstands“ anzusprechen und seine „Perspektiven“ für Lateinamerika und Westeuropa zu erörtern. Ihm blieb als „Abhauer“ bewußt, daß ein hochgerüsteter Gewaltapparat nur durch „Politik“, die „Kritik des Seminars“ oder die „Aktionskunst“ verunsichert werden konnte. Er war durch Partisaneneinheiten nicht besiegbar, es sei denn, ein ganzes „System“ kollabierte nach den Gesetzen seiner negativen Reproduktion. Dutschke sprach deshalb von der „Gewalt gegen Sachen“, von den „Grenzbereichen“ von Recht und Verfassung, die von der Opposition ausgenutzt werden konnten und von lang angelegten, politischen Kampagnen, etwa gegen den Vietnamkrieg, gegen die Notstandsgesetze, gegen die Pressemanipulation und gegen die feudale Ordinarienuniversität. Parteien waren ihm deshalb suspekt, weil sie als Apparat, Oligarchie und Hierarchie grundsätzlich antidemokratisch aufgebaut waren und zugleich das Medium für Manipulation und Sonderinteressen waren. In den beiden Deutschlands waren sie außerdem Objekt der „Fremdmächte“. Die Konkurrenz der demokratischen Formen und die demokratische Öffentlichkeit diverser Kampagnen bildeten die Alternative. Schon deshalb war er gegen die militärische Aufrüstung der Opposition eingestellt. Ein derartiger Widerstand ließ sich von Staatsseite leicht niederkämpfen. Trotzdem setzte sich in der Opposition nach 1968 die Idee des illegalen Stadtkrieges durch. Das war ihr Ende.

Kunzelmann gehörte zu den Parteigängern der Stadtguerilla. Er war Mitbegründer der „Bewegung 2. Juni“ und ließ sich in Jordanien militärisch ausbilden. Hier wurde er bekannt gemacht mit der Kriegspolitik des Staates Israel gegen die Palästinenser. Empört kehrte er nach Deutschland zurück. Er war entsetzt darüber, daß die Linksopposition nicht Stellung gegen den „israelische Imperialismus“ bezog. Der SDS hatte sich geweigert, den Sechstagekrieg vom Juni 1967 anzuklagen oder gegen Israel Stellung zu beziehen. Das Thema war den „Genossen“ zu heiß. Kunzelmann zitierte jetzt Hannah Arendt, derzufolge Israel in diesem „totalen Krieg“ gegen die arabischen Völker die „Erbschaft des europäischen Faschismus“ angetreten habe. Das konnte eine Jüdin sagen, ein Deutscher durfte durch diese Tatsache die eigene Geschichte nicht freisprechen oder auch nur den Anschein eines selbstattestierten Freispruchs erwecken. Kunzelmann ahnte die Abgründe. Als Stadtkämpfer wollte er an seine alte Aktionskunst anschließen und subtil dieses Thema erschließen. Andere sollten die Antwort geben: die Presse, die Politiker, die Linke. Er fingierte ein Attentat auf das jüdische Gemeindezentrum in der Fasanenstraße. Die Bombe besaß keinen Zünder. Dieses „Puddingattentat“ sollte den Gegensatz zwischen Judentum und Zionismus thematisieren und Israel ebenfalls als imperialistischen Staat kenntlich machen. Den angeblichen „Judenknacks“ wollte er den Deutschen nehmen. Kunzelmann verwechselte inzwischen die Waffen von Kritik und Kunst mit richtigen Bomben. Ihm wurde vom Verfassungsschutz-Spitzel Peter Urbach, der höchstselbst die Bombe besorgt hatte, unterstellt, daß er tatsächlich im Zentrum Westberlins unter Juden ein Blutbad anrichten wollte. Dem Spitzel wurde geglaubt. Kunzelmann mußte zwangsläufig als Neonazi erscheinen. Die Linke war über diesen „Antisemiten“ entsetzt.

Der große Aktionskünstler war an seinem Projekt gescheitert, weil er seine eigenen Grenzen nicht kannte und den Unterschied zwischen Kunst, Politik, Inszenierung, Provokation, Gewalt und Aufklärung plötzlich vergessen hatte. Dieser Aktion und anderer Taten wegen mußte er Jahre im Gefängnis verbringen. Er versuchte ein „Comeback“ in der „Grünen Partei“, fühlte sich jedoch fremd unter den Aufsteigern. Heute lebt er äußerst zurückgezogen in seiner Heimatstadt Bamberg. Am 14. Juli wird Kunzelmann 70 Jahre alt. Inzwischen sollte er an seinen frühen Leistungen gemessen werden.

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