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Kaleidoskop der Initiationen

25. November 2009

Klassentreffen nach 50 Jahren

Foto: © b.c. richter 2009 — http://www.bcrichter.de

Fünfzig Jahre nach dem Abitur stieß ich, leicht verspätet, zu den ehemaligen Klassenkameraden, die sich zu diesem Jubiläum bereits im Kulturhaus meiner Heimatstadt Rathenow eingefunden hatten. Unten im großen Saal versammelten sich Jugendliche und ihre Eltern, um die „Jugendweihe“ zu zelebrieren. Diese märkische Kleinstadt, zu DDR–Zeiten noch eine Wirtschaftsregion und Zentrum der optischen Industrie, hatte fast alle Betriebe nach der deutschen Einheit verloren. Heute ist sie eine Stadt der Rentner und einer hoffnungslosen Jugend. Zumindest das Stadtbild dominieren die Zukurzgekommenen. Ein produktiver Mittelstand hatte bis auf eine Minderheit aufgegeben, war weggezogen oder arbeitete auswärts. Seit der Wiedervereinigung hat die Stadt über ein Drittel ihrer Bevölkerung verloren. Wie vor 1961 haben Berlin oder die westdeutschen Städte magnetisch auf jene gewirkt, die sich mit dem „Abbau Ost“ nicht mit aufgeben wollten. Allein diese Tatsache genügt, zu erklären, warum es in Rathenow kaum noch gesellschaftliches Leben gibt. Seit ihrer Zerstörung 1944/45 hatte die Stadt kaum wieder Kontur oder Format zurückgewonnen. Die deutsche Wiedervereinigung hatte ihr 1989/90 die industrielle und wirtschaftliche Substanz „geraubt“. Heute zeigt sie sich als ein Straßendurchlaß von Ost nach West oder von Nord nach Süd. Die Plattenbauten, errichtet auf dem Ruinenfeld einer letzten Schlacht, waren nur Schlafverließe und wurden mittlerweile zu großen Teilen zu Parkplätzen planiert. So oder so konnte und kann sich in solcher Ödnis kein neues Zentrum und damit blühendes städtisches Leben entwickeln.

Supermarktparkplatz unweit des Kulturhauses Rathenow (Foto: © b.c. richter 2009 — http://www.bcrichter.de)

Inzwischen herrschten, was den gesellschaftlichen Comment anging, fast schon wieder DDR-Verhältnisse. Mit Blick auf die im Kulturhaus gleichzeitig stattfindende Jugendweihfeier flüsterte mir mein alter Klassenkamerad und Pfarrerssohn Detlef K. zu, die Christen, ob katholisch oder evangelisch, seien längst wieder in der Minderheit, nur wenige Jugendliche hätten sich für die Konfirmation oder Kommunion angemeldet. Die Jugendweihe erfreut sich dagegen regen Zuspruchs. Letztenendes ist sie Ausdruck dafür, daß die aus Gründen des Machterhalts erfolgende Nivellierung der sozialen Schichten durch die DDR-Diktatur auch nach 1990 einfach, sozusagen automatisch, fortgesetzt wurde. Freilich hat das Ereignis inzwischen eine zeitgemäße Umdeutung ins Konsumistische erfahren, und die bei diesen Gelegenheiten gehaltenen Reden dürften zwar ideologiefreier, aber deswegen nicht notwendig inhaltsreicher sein. In manchen Fällen mag das Ereignis nicht mehr als die schale Initiation in den Alkoholismus sein. Um die grundsätzlichen Fragen von Individuum und Gesellschaft, Religion oder Politik, Unterordnung oder Selbstverwirklichung jedenfalls geht es bei dieser „Initiation“ nicht. Man bereitet sich im äußersten Fall auf ein Leben auf der Verliererstraße vor: Alkohol, Drogen, Gewalt, Verzweiflung. Und wer aus dieser Sackgasse doch herausfand und-findet, wird sich an diesen Leerlauf und die Langeweile einer Schlaf- und Wartestadt kaum erinnern wollen. Jetzt aber drängten zwanzig bis dreißig Jugendliche in das Kulturhaus, um sich für die Ödnis eines beschränkten Lebens „weihen“ zu lassen.

Die St. Marien-Andreas-Kirche, Symbol für die Zerstörung und den Aufbau der Stadt im und nach dem Dreißigjährigen Krieg, thronte wie vor Ewigkeiten über dem blauen Band der Havel und einer Landschaft der Seen, Sümpfe und Wälder, die nun wie zur Gründungszeit der Stadt im 12. Jahrhundert von Heiden bewohnt wurde, die allerdings gegen jede „Mission“ immun waren. Wir ehemaligen Abiturienten, längst in die Jahre gekommen und oft angereist aus den Großstädten und Gegenden West-Deutschlands, drückten uns an der jugendlichen Hoffnungslosigkeit vorbei nach oben in die Gesellschaftsräume. Hier wurden Kaffee und Kuchen gereicht. Rund dreißig Gesichter blickten mich erwartungsvoll an, als ich wie in alten Zeiten nicht gerade pünktlich die Gaststätte betrat.

Vor über fünfzig Jahren hatte ich selbst zu den jungen Atheisten gehört. Allerdings hatte ich mir einreden lassen, daß die Welt uns, der jungen Generation, gehören würde. In den staatsoffiziellen Feierstunden hatte ich Gedichte vorgetragen und die Lieder des „Fortschritts“ gesungen. Allerdings hatte ich es mir auch nicht nehmen lassen, die „Konfirmation“ abzulegen. Pfarrer Stubbe, ein ehemaliger Offizier der Wehrmacht und Kriegsinvalide, war aus Süddeutschland in das Land der Kommunisten und Ungläubigen übergesiedelt. In Rathenow wollte er das Evangelium verkünden und der schnöden Gottlosigkeit die christlichen Tugenden entgegen halten. Jesus war für ihn Revolutionär und Kämpfer gegen die römische Besatzungsmacht in Jerusalem, einer, der gegen den kulturellen und religiösen Zerfall seines Volkes aufbegehrte. Pfarrer Stubbe war erfreut, als ich mich in den Kreis der Konfirmanden einreihte, denn ich war als Agitator der Jugendweihe und der großen Sprüche stadtbekannt. Er prüfte mich und vertraute mir, daß ich nicht als Provokateur im Konfessions- und Religionskrieg gegen die „Junge Gemeinde“ auftreten würde.
Nach der christlichen „Absolution“ folgte ich erneut der Faszination der Staatsjugend. Die „Partei“ verzieh mir meinen Übermut und mein „Fehlverhalten“ und verstieß mich nicht aus den Reihen der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Zur „Karl-Marx-Oberschule“ wurde ich als „Arbeiterkind“ zugelassen, um ein Gegengewicht zu den Sprößlingen aus den bürgerlichen Familien, aus den Haushalten der Ärzte und Pfarrer, der technischen Intelligenz, der oberen Angestellten oder der Lehrer zu bilden. Daß meine Mutter Arbeiten als Schreibkraft, Reinemachefrau, Hilfskraft im Büro usw. versah, verlieh mir den „proletarischen Adelstitel“. Ich würde meine Förderer enttäuschen.

Aber dieser „Wankelmut“ und diese „Unrast“ waren Indizien für einen tiefen Zweifel, der in mir lebte. Im Abituraufsatz, der eigentlich vom Tod handeln sollte, hatte ich der DDR Niedergang und Zerfall vorhergesagt. Ich verwechselte nicht nur die Stadtödnis mit dem „sozialistischen Gemeinwesen“. Dieser Staat hatte nach meiner Überzeugung keine Zukunft. Er verkörperte damals schon den „Zerfall“. Ich ließ den „Tod“ sächseln und gab ihm den Schatten von Walter Ulbricht. Rektor und der Parteisekretär der „Karl-Marx-Oberschule“ standen zu mir. Ich wurde zwar zur Abiturprüfung nicht zugelassen und mußte die zwölfte Klasse wiederholen, aber ich wurde nicht der „Boykotthetze“ verdächtigt, und es wurde keine Meldung an das Ministerium für Staatssicherheit gemacht. Das Jahr 1958 war, zumindest in Rathenow, noch geprägt vom 17. Juni 1953, vom „Neuen Kurs“ der SED, vom XX. Parteitag der KPdSU 1956 und der Abrechnung mit Josef W. Stalin.

Kulturhaus Rathenow (Foto: © b.c.richter 2009 — http://www.bcrichter.de)

In meinem ersten Abiturjahrgang dominierten später, nach dem Berufsabschluß, die Lehrer, die Ingenieure, Offiziere und Generäle der Nationalen Volksarmee. Im Jahrgang, mit dem ich heute zum 50jährigen Abitursjubiläum zusammenkam, gab es dagegen eine ganze Reihe von Dissidenten und solchen, die der DDR beizeiten den Rücken gekehrt hatten. Und diejenigen, die blieben, hatten zwar alle ihren naturwissenschaftlichen, pädagogischen und medizinischen Beruf absolviert, aber trotzdem keinen „sozialistischen Lebensweg“ aufzuweisen. Nach Rathenow fuhr ich deshalb regelmäßig alle zwei, drei Jahre zu den zwei Abiturtreffen der Jahrgänge 1958 und 1959. Ich unterhielt mich mit den Generälen über die von ihnen damals mitgeplanten „Raketeneinsätze“ im Westen und Militärmanöver im Osten vor 1989. Sie schwärmten vom mutmaßlichen Erfolg eines Panzerdurchbruchs der NVA zum Rhein, zu dem es bekanntlich nie kam. Die anderen dagegen berichteten über ihre Erlebnisse im Gefängnis und die Verhörmethoden der Stasi. Erstaunlich war, daß dieser Jahrgang in der DDR trotz seiner Dissidenz eine Ausbildung machen konnte. Ich selbst wiederum erzählte von 1967/68 und sprach darüber, daß die Ostler um Rudi Dutschke im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) den Plan verfolgt hatten, über Demonstrationen und Streiks in Prag, Budapest, Warschau, Ost- und Westberlin, Paris, Rom, Madrid die Großmächte in Europa zu zermürben. West- und Osteuropa sollten über einen großen Aufstand die Besatzer abschütteln. Was 1989 im Osten passierte und im Westen sich nicht fortsetzen ließ, sollte in den endsechziger Jahren als die „große europäische Revolution“ in Ost und West in die Geschichte eingehen. Meine Schulfreunde rätselten über den Idealismus, den „Irrsinn“ und den Wagemut der Ostler im Westen.

Fünf Reifeprüfungen für ein „wildes Leben“

Aber ich hatte in den vier Jahren, die meinem 18. Lebensjahr folgten nach dem ersten und zweiten Abitur noch eine dritte Reifeprüfung in der DDR bestanden. Und nach meiner Flucht in den Westen wurde ich gezwungen, ein „West-Abitur“, also ein viertes Abitur-Zeugnis, zu erwerben. Die fünfte Lebensprüfung bestand ich in Westberlin bei der BEWAG, den Berliner Elektrizitätswerken. Im „Volkseigenen Betrieb (VEB) Ofen- und Herdbau“ hatte ich bereits die dritte Reifeprüfung abgelegt, denn nach meinem Abituraufsatz sollte ich mich erst einmal in der Produktion „bewähren“. Hier wurde ich in das „Betriebsklima“ und das soziale Milieu der DDR hineingenommen. Es galt, sich als Hilfsarbeiter zu behaupten. Die Normen mußte ich erfüllen und mich einpassen in ein Arbeitskollektiv. Ich lernte die Solidarität der Arbeiter kennen und studierte über sie die politische Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Außerdem wurde mir die absurde Hierarchie von Partei und Gewerkschaft (FDGB) bewußt. Ich erkannte, daß die Planwirtschaft dieses Staates, das Spitzelsystem und die politischen Kontrollen die Produktivität der Arbeit behinderten und zur Lethargie und Schlamperei anregten. Der „politische Überbau“ im Betrieb erreichte das Ausmaß sinnloser Einmischungen in den Produktionsablauf. Schließlich „delegierte“ mich der Betrieb zum Studium der Landwirtschaft an die Humboldt-Universität in Ostberlin. Meine Kollegen auf der Betriebsversammlung allerdings stichelten, man solle mich lieber an die „Freie Universität“ in Westberlin schicken. Später würde ich behaupten, daß „mein“ Betrieb mich zum Studium an die FU delegiert hatte.

Aber was wären das „zweite Abitur“ und die dritte Reifeprüfung im „Ofen- und Herdbau“ ohne meine große Jugendliebe. Ich lernte Uschi J. im Sommer 1958 kennen. Für mich war sie die schönste Frau in ganz Rathenow. Sie hatte gerade das 16. Lebensjahr erreicht und erlernte im dritten Lehrjahr das Friseurhandwerk. Ihre Familie nahm mich freundlich auf. Ihr Vater hatte die Lager und Gefängnisse der DDR durchlitten. Als Sozialdemokrat, Leiter der MTS-Station (Maschinen-Traktoren-Station) und als Landwirtschaftsexperte war er unter Anklage gestellt worden. Als Wirtschaftssaboteur wurde er verurteilt. Nach 1956 amnestierte man ihn. Er arbeitete als Hilfsarbeiter und bewährte sich als „Aktivist“ und „Bestarbeiter“ im ROW (Rathenower Optische Werke). In die Partei mochte er nicht zurückkehren. Er nahm mich mit offenen Armen auf und wunderte sich über meine ketzerischen Ideen. Ich jedoch ließ mich ergreifen von den tiefen Gefühlen einer großen Liebe. Es war eine schöne Zeit. Trotzdem wollte ich mich nicht fest binden und war bemüht, meine „Universitäten“ bis zur endgültigen Reife durchzustehen.

Diese Jugendliebe und „fremde Familie“ entzog mich der Fürsorge einer „alleinerziehenden Mutter“. Meine „Wally“ arbeitete zehn Stunden am Tag. Wir „hausten“ in einem Kaninchenstall in der Dimitroffstraße, einer engen und niedrigen Zweizimmerwohnung. Ich sah sie nur sonntags wirklich. In den Wochentagen eilte sie morgens kurz nach 6 Uhr zur Arbeit und sie schlief schon, kam ich spät nach Hause. Ihre Zettel, Notizen und Hinweise wirkten auf mich wie „Liebesbriefe“. Sie hatte sich noch vor Kriegsende scheiden lassen, weil sie die Fassade vor einer gescheiterten Ehe nicht aufrechterhalten wollte. Nach 1945 mußte sie sich in den niedrigsten Berufen durchschlagen und war oft verzweifelt, denn Anerkennung oder Akzeptanz erhielt sie so gut wie keine. Die  wenigen Männer, die auftauchten, vertrieb ich alle erfolgreich. So geriet ich sehr bald selbst in die „männliche Rolle“, ihr Mut zu machen oder Halt zu geben. Freundschaften schloß ich auf der Straße, der Schule und bei der FDJ. So ergaben sich auch Gruppenzugehörigkeiten. Ich mußte mich behaupten und zugleich die Mutter vor Schmach und Beleidigungen schützen. Das prägte mein Frauenbild.

In der Kleinstadt wollte ich nicht alt werden. Ich wollte die Mutter und „mein Mädchen“ vorerst zurücklassen und beide später in den Westen nachholen. Meine Mutter, die aus Rathenow am Ende doch nicht fortziehen mochte, erlebte die „Studentenrevolte“ als DDR-Rentnerin auf Besuch in Westberlin ab 1964. Bei diesen Gelegenheiten schrieb sie unsere Texte und Flugblätter auf Wachsmatritze, schimpfte und lachte über den „Unsinn“, ließ sich allerdings gern von den „Revolutionären“ zu Kaffee und Torte ins Cafe Körner laden. Sie verfolgte sogar die „großen Reden“ im Audimax, schüttelte den Kopf und genoß dennoch die Frechheiten, die sie nie gewagt hätte, auszusprechen.

Im Westen angekommen nach einem kurzen Praktikum in der LPG „Zukunft“ in Schönfeld, in der Nähe von Werneuchen, zwang mich die Senatsverwaltung, ein Westabitur abzulegen. Ich besuchte die 13. Klasse in der Ranke-Oberschule im Wedding. Etwa 30 Mitschüler aus dem Osten, zwischen 20 und 40 Jahre alt, ließen sich in die westliche Sicht der Geschichte und der Literatur einweisen. Wir studierten die modernen englischen und amerikanische Schriftsteller und verbesserten unser Klassenkampfenglisch mit den Redewendungen von Edgar Allan Poe oder Arthur Miller. Im Lateinunterricht ergänzten wir Cäsar durch Tacitus und wurden über den germanischen Befreiungskampf gegen die Römer informiert. Ein Religionslehrer mühte sich ab, uns Augustinus näher zu bringen. Das römische Imperium zerfiel im vierten Jahrhundert nach Christus. Die Kultur, Sprache, Recht und Moral mußten in der katholischen Kirche ein Reich finden, das sich gegen das Heidentum und den Zusammenfall des Staates behaupten mußte. Große Themen wurden uns geboten. Wir erhielten keine Zensuren. Sicherlich wurden wir beobachtet und überprüft, ob wir „echt“ waren oder irgendeinen „Auftrag“ verfolgten.

Interessant gestalteten sich die Treffen mit westlichen Politikern, die an unsere Schule geladen wurden. Walter Sickert und Theodor Heuss blieben mir besonders lebendig in Erinnerung. Gegen Sickert, den Gewerkschaftschef des DGB, würde ich später Flugblätter verfassen. Er kam aus der Roten Gewerkschaftsopposition (RGO), geriet jedoch nach 1933 in den Strudel der Wandlungen. Die Kollaboration mit den Nazis verziehen ihm seine Genossen nicht. Nach 1945 ließ er sich vom CIA einspannen, gegen den FDGB in Westberlin eine Unabhängige Gewerkschaftsorganisation (UGO), einen Vorläufer des DGB, zu bilden. Dieses Engagement wurde entsprechend honoriert. Seit den frühen fünfziger Jahren saß er in den obersten Stockwerken der Westgewerkschaft. Wir Ostler mochten diese Form von Machtopportunismus nicht. Theodor Heuss plauderte mit uns über das Provisorium des Grundgesetzes. Er war überzeugt, daß bei einer deutschen Einheit sich eine neue Verfassung an den großen Revolutionsverfassungen Europas orientieren müsse. Das Parteienprivileg war ihm und uns suspekt. Es erinnerte an die Cliquenwirtschaft in der DDR, die wir alle verachteten. Im Westen befördere diese Parteiendemokratie eine Negativauslese der Eliten, ließ uns der Bundespräsident wissen.

Die „fünfte Reifeprüfung“ bestand ich bei der BEWAG. Der 13. August 1961 warf mich aus der Bahn. Die Mauer riß die Stadt in zwei Hälften. Meine Jugendliebe war an diesem Wochenende nicht bei mir in Charlottenburg, in der Zillestraße. Auch meine Mutter hatte an diesem heißen Sommertag die Reise in den Westen gescheut. Plötzlich wurde ich von meinen zwei Frauen getrennt. Ich hatte mich im Westen eingelebt und hatte das vierte Abitur bestanden. Ich erhielt ein gutes Stipendium und hatte mir ein Zimmer bei Frau Hackl genommen. Ich besuchte die Theater der Stadt und studierte die westliche Literatur. Ich war häufiger Gast in den Cafés am Steinplatz und am Kurfürstendamm, haderte jedoch mit mir, welchen Berufsweg ich einschlagen sollte. Ich entschloß mich kurzerhand, bei der BEWAG ein Betriebspraktikum zu absolvieren. Vielleicht würde ich mich für den öffentlichen Dienst bewerben, Betriebswirtschaft studieren oder zur Kriminalpolizei gehen. Ich wollte Zeit gewinnen und Fluchtpläne schmieden. Ich wollte meine Uschi mit einem falschen Paß aus dem Osten lotsen. Ich zog oft an die Mauer in die Innenstadt, nahm teil an Aktionen, sie niederzureißen. Ich nahm Verbindungen zu den verschiedenen Kreisen auf, die sich mit Fluchthilfe befaßten.

Bei der BEWAG durchlief ich diverse Abteilungen. Dieser Großbetrieb war Eigentum der Stadt Westberlin. Er bot den Parteigängern von SPD und CDU, Gewerkschaften und anderen Verbänden Karrieren und Auskommen. Hier wurden gescheiterte Politiker geparkt. Ich fühlte mich zurückversetzt in DDR-Zeiten. Dieser Betrieb war ähnlich unproduktiv und überlagert von einem Wasserkopf politischer Direktiven und Kontrollen. Positionen waren überbesetzt. Allerdings, es fehlten jene Kumpanei und Solidarität, die ich in der DDR erlebt hatte. Man hielt eine formale Disziplin ein. Ein bestimmter Status durfte nicht überschritten werden. Ich fühlte mich unwohl, nutzte jedoch die Zeit, den Fluchtplan auszuarbeiten und umzusetzen. Im Winter 1962 überwand Uschi die Grenzen. Ich verwarf alle Pläne, mich in den Dienstapparat einer städtischen Bürokratie zu bewerben. Ich würde Soziologie studieren, ein Fach, das mir weitgehend unbekannt war, das mich jedoch faszinierte, weil es kein festes Berufsbild besaß und weil es die unendlichen Freiheiten des Denkens bot. Ich hatte mein fünftes Abitur bestanden.

Viele Lehrer – kein Vorbild

Die DDR-Einheitsschule hatte alle Lehrer entlassen, die irgendwie als Nazipädagogen tätig waren oder Funktionen in der NS-Diktatur innehatten. Das „Antifaschistische“ bezog sich auf den Lehrplan und auf die Kaderarbeit des Lehrkörpers. Gefragt waren „Parteilichkeit“ und die Hingabe an die marxistisch-leninistische Ideologie und Weltanschauung. Indes, diese dogmatische Festlegung wurde zumindest an meiner Schule durch eine vergleichsweise freie und produktive Pädagogik unterlaufen. Die Grundschullehrer empfand ich als ältere Freunde. Sie kamen aus der Produktion oder den Büros, waren unsicher und im Lehrstoff ihren Schülern oft nur wenig voraus. Auf bloße Autoritätsdemonstrationen durften sie sich nicht zurückziehen. Prügel und handfeste Ungerechtigkeiten waren verpönt. Stets mußten sie vor dem Rektor und Schulbehörden Rechenschaft ablegen. Schon aus diesen Gründen gingen sie auf die Schüler ein, zeigten sich mitunter genervt und flippten manchmal regelrecht aus, was zu Gelächter und Spott führte. Sie mußten sich vor der Schulleitung rechtfertigen, wenn sie schlechte Noten gaben oder einzelne Schüler fallen ließen oder gar das Ziel der Klasse nicht erreichten. Die fehlende Routine und die Unsicherheit machten sie sympathisch. Der permanente Kurswechsel der Partei bewirkte einen Mangel an Festigkeit und Maß. An der Oberschule hatten die „akademischen“ Lehrer längst nicht ihre frühere Statur erreicht.

Ein Lehrer aus der Grundschule begeisterte mich für das spekulative Denken, Joachim „Emil“ Freimuth. Zu Beginn des Geschichtsunterrichts vergab er die Themen des Geschichtsstoffes. Die von jedem Schüler während der Unterrichtsstunde zu lesenden Passagen umfaßten kaum zwei Seiten. Trotzdem war es unmöglich, in kurzer Zeit, also während der Unterrichtsstunde, alles zu lesen. Bestimmte historische Zusammenhänge mußten kombiniert oder erfunden werden. Ich zählte sehr bald zu seinen „Lieblingsschülern“, denn die Kunst des Fabulierens lag mir. Die Mitschüler ließen sich begeistern und Lehrer „Emil“ schüttelte den Kopf. „So hätte es sein können,“ gab er zu bedenken, die historischen Ereignisse waren faktisch jedoch anders verlaufen. Mir wurde schnell bewußt, daß „Geschichte“ und Geisteswissenschaften von der Intuition lebten und anfällig waren für Ideologie und subjektive „Wunschlandschaften“. Trotzdem benötigten die Fakten und empirischen Daten Ideen und „Werte“. Lehrer „Emil“ hatte mir die Geheimnisse der „Weltanschauungswissenschaften“ verraten. Jahrzehnte später entdeckte ich ihn bei meinen Ostbesuchen in der Pförtnerloge eines Großbetriebes. Er hatte den Lehrerberuf aufgeben müssen, erzählte er mir. Die Partei hatte ihn geschaßt, weil er die soziale Wirklichkeit der DDR vom Schein der Propaganda entkleidet hatte. Ein „kleiner Lehrer“ durfte sich derlei in der DDR nicht erlauben. Um ihn aufzumuntern, sagte ich ihm, wie sehr mich sein Unterricht immer beeindruckt habe.

Schulkarneval, Ende der 50er Jahre

Setzt den Beamer in Gang: Werner C. (Foto: © b.c. richter 2009 — http://www.bcrichter.de)

Auf dem Klassentreffen war es nach dem Kaffee nun an der Zeit, die Bilder der Vergangenheit Revue passieren zu lassen. Werner C., einstiger Mitschüler und seit Jahren Organisator unserer Klassentreffen, setzte den Beamer in Gang und zeigte die Bilder eines Schulkarnevals, auf dem die Lehrer sich verkleidet hatten. Lehrer Just, ein Quälgeist der Mathematik, der durch die schlechte Notengebung Schulruf erlangt hatte, posierte als ABC- Schütze. Damals rätselte ich über diese Verkleidung, ohne eine richtige Interpretation zu finden. Lehrer Lichtenberg gab sich als Cowboy oder Förster zu erkennen. In seinem ersten Leben war er Bomberpilot und wurde über Rußland abgeschossen. Im Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) hat man ihn umerzogen. Irgendwann ließ er sich zum Kunst- und Biologielehrer umschulen und erwies sich als scharfer Hund im Dienste von Partei und Staat. Niemand wurde aus ihm schlau.
Dr. Schirrholz, der Rektor, war von der Aufbauarbeit der DDR überzeugt. Er wollte die Grundlagen für eine neue Gesellschaft und einen neuen Menschen legen. Er gab Geschichte und Gegenwartskunde. Auf dem Schulkarneval grinste er als Seeräuber in die Linse. Seine Gattin, eine Russisch- und Englischlehrerin, hatte sich als Dienstmädchen verkleidet. Mutt’chen Engel, die den Deutschunterricht erteilte, hatte sich in den Putz der zwanziger Jahre geworfen, der ihr besonders gut stand. Sie gehörte zu den bürgerlich fortschrittlichen Kräften an der Schule. Ich hatte sie zu ihrem Entsetzen mit dem Niedergang der DDR konfrontiert. Lehrer Klein, zuständig für den Marxismus und die Geschichte der Arbeiterbewegung und gleichzeitig Parteisekretär, spielte sich selbst in einem unerkennbaren Kostüm. Er hatte mich stets geschützt, vielleicht, weil ich mir aus irgendwelchen Gründen die unterschiedlichen Abspaltungen und Führer der Arbeiterbewegung merken konnte und bereits in frühen Jahren zur FDJ gestoßen war. Für ihn war ich in letzter Konsequenz ein Mann des Fortschritts und der DDR, der, pubertierend, lediglich vorübergehend den Irrungen der bürgerlichen Dekadenz erlegen war. Münchow, der Lateinlehrer, zeigte seine Baskenmütze. Irgendwo war Benndorf, ein echter Angelsachse, zu sehen. Der Sportlehrer Lorenz huschte über das Bild. Der Musikus Tressel lächelte verschmitzt. Nein: keiner verkörperten eine natürliche Autorität. Sie standen lediglich einem System aus Lehre, Noten, Ideologie und Disziplin vor. Mancher der Lehrer hat das Verschwinden seines Staates und seiner Utopie nach der Wiedervereinigung kaum verwunden und ist früh am Alkohol gestorben.

Bei „Ofen- und Herdbau“ fand ich lediglich zwei Lehrer. Willy am Lastenfahrstuhl wies mich ein in die Gruppen, Personen und Geschichten der Rathenower Arbeiterbewegung. Er kam aus der Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD) und hatte bei den Nazis und den Kommunisten nach 1933 und 1945 in Gefängnissen und Konzentrationslagern gesessen. Seinen Gegner, den Schamottschneider, titulierte er noch immer als „Nazisau“. Der war als Tambourmajor der SA-Kapelle aufgetreten und konterte nur mit „Kommunistenschwein“. Beide hatten den sozialen Krieg längst verloren und rangierten am unteren Ende der Betriebshierarchie. Willy machte mich mit alten Sozialdemokraten und Kommunisten bekannt und grinste über mein erstauntes Gesicht, wenn ich die „Genossen“ der kommunistischen Opposition (KPO), der „Roten Kämpfer“ oder der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) nicht auseinanderhalten konnte. Im Juni 1953 hatten alle ihr „letztes Gefecht“ geschlagen. Sie hatten gegen die Arbeitshetze und Normenerhöhungen protestiert und waren für unabhängige Betriebsräte und Gewerkschaften eingetreten. Die SED sollte den Betrieb verlassen. Sie hatten verloren. Willy verbarg seine Hände hinter der großen Lederschürze. Er zeigte sich als ein guter Lehrer. Er wollte keine Autorität herauskehren. Zur persönlichen Freiheit gehörte die gleiche Augenhöhe. Das leuchtete mir sofort ein.

Kollege Spassow hinterließ bei mir einen großen Eindruck. Er war knapp zehn Jahre älter als ich. Nach 1945 hatte er sich in der französischen Fremdenlegion verdingt. Es hatte ihn bis nach Vietnam verschlagen. 1953/54 hatte er an der Schlacht um die Festung von Dien Bien Phu teilgenommen. Als der Vietminh die zerlegten Geschütze auf den Bergen im Urwald neu zusammensetzte und postierte, war er zu den Partisanen übergelaufen. Er erklärte mir den Partisanenkrieg in dieser Region und machte mir deutlich, warum eine technologische Überlegenheit der Waffen sich langfristig nicht auszahlte. Er erläuterte mir die „Gehirnwäsche“ und verwies darauf, daß Söldner oft keine anderen Motive für den Krieg hatten als Geld, Spiel und Kumpanei. Er sprach allerdings auch von der „Lust“ am Krieg und am Töten. Nur solange die eigenen Waffen technisch überlegen waren, waren die Söldner bereit zu kämpfen. Leisteten die Partisanen aber erbitterten Widerstand, sahen es die Legionäre nicht ein, für ein „paar Dollar“ zu krepieren. Die moralische Überlegenheit der Partisanen war für mich interessant. Spassow sprach auch von den Vertretern unterschiedlicher Waffengattungen und Armeen in unserem Betrieb. Hier waren die diversen Dienstgrade der Wehrmacht, der Waffen-SS, der Volksarmee, der Grenztruppen, der Kasernierten Volkspolizei, der Transportpolizei, der Volksmarine und sogar der Fremdenlegion versammelt. Er warnte mich vor einer militaristischen Gesinnung und weckte den Ekel vor Kadavergehorsam und blinder Disziplin. In Westberlin würden wir später die Black Panther-Soldaten überreden, der „Army“ Lebwohl zu sagen.

Und hier, in Westberlin, traf ich einen anderen „Märker“ gleicher Gesinnung aus Luckenwalde, der, obwohl jünger als ich, mich mitreißen konnte: Rudi Dutschke. Er legte einen tiefen christlichen Glauben und eine hohe Moral an den Tag. Er überzeugte mich, daß das Leben einen Sinn besaß und daß wir den Befreiungskampf der europäischen Sozialrevolutionen fortsetzen mußten. Deshalb befaßte er sich mit den verschiedenen Freiheitstheorien. Die unabhängigen Denker waren ihm interessant, weil sie es ermöglichten, in den alten Zielen der sozialen und nationalen Befreiung neue Wege zu entdecken. Ich gab meinen Zweifel auf und mühte mich ab, wie er, die neuen Formen von Protest und Widerstand umzusetzen. Mich störten lediglich seine Lebensfremdheit und der selbstzerstörerische Übermut. Wir fanden Weggefährten in der „Subversiven Aktion“ und im SDS. Für eine kurze Zeitspanne hatten wir Anteil an einer Neudefinition der deutschen Frage im Kontext einer europäischen Revolution.


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