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Szenen einer Revolte

3. April 2010

Foto: © Bernd Rabehl 2009

Nachstehender Beitrag ist ein Kapitel aus einem längeren Text über die Rolle und Bedeutung der politikwissenschaftlichen, soziologischen und historischen Universitätsseminare an der FU Berlin für die Entstehung der Studentenbewegung.

Theaterdonner

Die Bildungserlebnisse an der Universität wurden unmittelbar in den politischen Diskussionen und in den Schulungsgruppen des SDS umgesetzt. Montags, in der Semesterzeit, tagte im SDS – Zentrum der Beirat, der so etwas vorstellen sollte wie das Führungsgremium der unterschiedlichen Stimmungen und Fraktionen im Verband. Die Sitzungen begannen gegen 19 Uhr. Zwei Stunden später waren alle versammelt. Der Raum quoll gegen 22 Uhr über und leerte sich nach Mitternacht. Dieses Durchgangs- oder Berliner Zimmer lag in der ersten Etage eines ehemaligen Bürohauses, das bei den Bombenangriffen auf Berlin das Dach und die oberen Stockwerke verloren hatte und eher als Restruine anzusehen war. Vorn am Eingang des zerstörten Gebäudes prangte noch der Reichsadler. Das Hakenkreuz war ihm entrissen und zerschlagen. Der Kopf war vom Rumpf getrennt und nur die Krallen zeugten von vergangener Gewalt. Ein Sargmagazin hatte sich im Parterre eingerichtet und warb für einen vornehmen Tod. Daneben hatte sich ein französischer Weinhandel niedergelassen. Der politische Untergang und die weinselige Lebensfreude markierten nicht zufällig das Zentrum des Berliner SDS.

Ein langer, dunkler Gang erschreckte alle Besucher. Eine wacklige und zerbrochene Holztreppe wies nach oben und hielt alle Zögerer davon ab, den ersten Stock zu betreten. Der Versammlungsraum umfaßte etwa 60 Quadratmetern. Oft drängelten sich mehr als 70 Personen in diesem Gemäuer. Montags, nachts diente die Fläche als Forum politischer Streitgespräche, Erklärungen und der Selbstdarstellung der einzelnen Protagonisten vergangener und kommender Revolutionen. Eine Mischung aus Theater, Kabarett, Ballhausschwur und Seminar wurde sichtbar. Es war deshalb nicht verwunderlich, daß die Akteure der Schaubühne um Dieter Sturm, Wolfgang Schwiedzrick, Peter Stein und Botho Strauß sich hier aufhielten und teilnahmen an den zeitversetzten Disputen. Die Filmemacher um Helge Sanders, Harun Farocki, Thomas Mitscherlich, Helga Reidemeister oder Werner Maria Faßbinder suchten hier nach Themen, Typen und Bildern. Die Stückschreiber und Possenreißer um Wolfgang Neuß, Dirk Müller, Detlef Michel, Volker Ludwig u.a. ließen sich hier inspirieren. Bernward Vesper saß stumm und hager in einer Ecke und blitzte nur ab und zu mit den Brillengläsern. Hans Dieter Heilmann verbarg sein ironisches Grinsen in der letzten Stuhlreihe. Hansjörg Viesel dagegen lachte laut vernehmbar und schlug sich mit der flachen Hand auf den Schenkel. Von der „Keulenriege“ ar niemand zu sehen. Johannes Agnoli besuchte nach dem Debakel das dunkle Gemäuer nicht mehr. Horst Mahler schaute nur ganz kurz vorbei. Der HVA-Oberst mied bewußt dieses Zentrum der Unruhe. Auch Dietrich Staritz ließ sich hier nicht mehr sehen. Von den Advokaten kam nur Dieter Eschen. Otto Schilys Gattin verfolgte in dieser Runde andere Absichten. Christian Ströbele habe ich in diesen nächtlichen Runden nie gesehen.

Christian Semler ließ irgendwann sein Kichern vernehmen. Peter Neitzke gab sich finster. Jürgen Treulieb gab komplizierte Erklärungen ab. Jörg Schlotterer hielt seine kleine Tochter im Arm, um sie in diesem Lärm zur Ruhe zu bringen. Die Kommunarden mit Dorothea Ridder, Dagmar Seehuber, H. J. Hameister, Dieter Kunzelmann, Ulrich Enzensberger, Fritz Teufel, Rainer Langhans u. a., obwohl längst ausgeschlossen aus dem SDS, schauten irgendwann vorbei, trieben ihre Späße oder ließen sich von den Thesen mitreißen. Selbst Andreas Baader oder Gurdrun Enzlin gönnten sich die Muße, an diesem Revolutionsspektakel teilzuhaben, ehe sie in einer Spätvorstellung verschwanden. Jan Carl Raspe wohnte in den Räumen des SDS und pflegte zusammen mit Eike Hemmer den politischen Anspruch einer politischen „Gemeinschaft“ (Komune 2). Georg v. Rauch fand auf diesem Stockwerk Unterkunft, wohnte später jedoch in der „Wielandkommune“. Tillman Fichter zeigte sich empört, redete dazwischen und focht alles an, was gerade als Parole in den Raum geworfen wurde. Peter Rambauseck, der die „Basisgruppe Wedding“ begründen würde, war häufiger Gast. Wolfgang Lefevre, der Hochschulpolitiker und spätere Inspirator der „Proletarischen Linken“, behauptete die Bedeutung der Universität als Faktor der gesellschaftlichen Transformation. Anschließend gingen fast alle Teilnehmer auf ein Bier zur „Dicken Wirtin“, zu „Costas“, in den „Zwiebelfisch“ oder in andere Kneipen, die gerade in gutem Ruf standen, um die Diskussionen fortzusetzen.

Die Beobachter beobachteten sich selbst und wollten Zeuge sein, wie die Zauberlehrlinge und Akteure sich eine historische Möglichkeit einredeten und gestalten wollten, als Gruppe von vielleicht hundert, zweihundert Leuten die junge Studentenschaft der Universitäten mitzureißen und von den Hochschulen her die Teilstadt und später die Republik zu erschüttern. Die neuartigen Theorien und Sichtweisen regten auf, denn nicht von einem traditionellen Sozialismus her wurden die Verhältnisse beschrieben, sondern neue Interpretationen des Anarchismus und des Marxismus sorgten für Aufregung. Eine „antiautoritäre Fraktion“ um Rudi Dutschke wollte den SDS spalten und erneuern. Zugleich wurde der psychologische Existenzialismus der Kommune abgelehnt und die Aktion, das Wort, die Situation gepriesen, auf die Jugend und auf die Ungeduldigen zu setzen, die ausbrechen würden aus den vorgegebenen Lebensläufen. Drei, vier Fraktionen trafen sich zur nächtlichen Stunde: die antiautoritären Streiter, alle Schattierungen des alten Sozialismus, die Kommunarden und die vielen Zögerer, die ihren Status der Beobachtung und des ironischen Kommentars nicht aufgeben wollten.

Frauen im „Männerbund“

Das SDS – Zentrum hatte das Schöneberger Rathaus im politischen Sinne an Ruf und Ansehen längst überrundet. Hier am oberen Kurfürstendamm, Ecke Kaiser Friedrichstraße wurden „Weltpolitik“ gemacht und die wichtigen Fragen West- und Ost – Europas, Berlins, der DDR, der Sowjetunion und Chinas erörtert. Es gab Referate über den Vietnamkrieg, über die Kulturrevolution in China, über den Mord an Lumumba im Kongo, über die Aufstände der Schwarzen in den US – Großstädten, über die Notstandsgesetze, über „Springer“, über die „Aufklärung in der Aktion“. Die unterschiedlichen Spezialisten waren zu hören, die ihre Seminar- oder Nachtlektüre vortrugen oder die sich begeistern ließen vom eigenen Bildungsdrang. Ich denke dabei an Ulli Stöhle, ein Ökonom, an Jörg Schlotterer, ein Lebenskünstler, an Peter Gäng und Jürgen Horlemann, Vietnam- und Kriegsspezialisten, an Eric Nohara, Urs Müller Plantenberg, Wanja v. Heiseler, Walter Weller, Jürgen Treulieb, Udo Knapp, Horst Mahler, Klaus Meschkat, Peter Neitzke, Zlatomir Popovic Journalisten, Advokaten, Assistenten, Dozenten, ASTA – Funktionäre.

Die Genossinnen riefen dazwischen, fühlten sich wohl in dieser Runde, wurden nicht unterbrochen oder mißtrauisch beäugt. Trotzdem kamen Sigrid Rüger, Helge Sanders, Ute Schmidt, Sigrund Anselm, Christine Labonte, Annemarie Tröger, Ursel Henning, Susanne Kleemann, Sigrid Fronius, Uschi Jenner, Gretchen Klotz, Ines Lehmann, Sybille Plogstedt u. a. kaum zu Wort. Das lag nicht an den Männern. Die Art und Weise, sich darzustellen oder den Auftritt zu improvisieren, mag die Frauen abgehalten haben, sich einzubringen oder zu intervenieren. Große oder beeindruckende Rednerinnen oder Theoretikerinnen ließen sich im „öffentlichen Raum“ nie blicken. Sie wirkten im Stillen und in den Seminar- und Abschlußarbeiten. Die unterschiedlichen Gesten oder Stile von Intervention, Wortergreifung, Zitatologie, Bluff mochten patriarchalisch, „männlich“ eingestimmt sein, weshalb eine innere Angst und Schüchternheit bei den Frauen nicht überwunden werden konnte.. Sicherlich dominierten in Wissenschaft und Politik die männlichen Gesichter, ihr rauher Ton und Sprechgesang. Warum auch nicht.

Es ist trotzdem anzunehmen, daß der SDS in der Mehrheit der Mitgliedschaft junge Akademikerinnen zählte, die hier ein erstes Forum sahen, ihre zukünftige Position im „Überbau“ zu durchdenken und zu verteidigen. Schon deshalb bildete dieser Verband die „Herberge“ für die schönen und durchgeistigten Frauen und trug trotzdem ein männliches Aussehen. Akademische Männerfreundschaften waren spürbar. Die einzelnen Redner, Typen und Darsteller begeisterten sich gegenseitig. Die Frauen wirkten im Hintergrund, im Einzelgespräch oder in den konkreten Freundschaften und Beziehungen. Hier wurde oft die bedeutsame Kritik an den einzelnen Beiträgen ausgesprochen.

Es klaften Widersprüche zwischen den jungen Frauen und Männern, die damals nicht ausgetragen wurden. Gretechen Klotz – Dutschke etwa sprach 1966/67 kaum Deutsch und wirkte als amerikanisch wirkende „Hippiefrau“ auf die strengen „Genossen“ komisch mit ihren Kapuzen, Sandalen, Hekelkleidern, dünnen Haaren und ihrer stets gereizten Stimme. Außerdem litt sie unter einer komplizierten Schwangerschaft. Es war ihr anzusehen, daß sie sich in dieser Runde nicht wohl fühlte. Sie hockte oft unter dem Tisch, um an Rudis Füßen Trost zu suchen und sich vor der „feindlichen Welt“ zu schützen. Sie diente nicht nur als Spottfigur bei den Männern, auch die Frauen wunderten sich über ihren „Aufzug“.. Sie besaß allerdings eine Ahnung von der Gefahr, in der sich Rudi bewegte. Sie sah voller Entsetzen die drohenden Blicke auf der Straße. Sie fühlte die verächtlichen Worte, die die Straßenpassanten ihrem „Mann“ hinterherwarfen. Die nächtlichen Drohanrufe raubten den Schlaf. Als „Theoretikerin“ fiel sie im SDS nicht auf. Von ihr stammte weder die „Kommuneidee“, noch die Taktik der „Provokation“. Ihrer „Schreckensfigur“ Kunzelmann muß der Betrachter heute diese Inspirationen lassen. Sie konnte damals öffentlich nicht reden. Rudi erzählte mir, daß sie als „Theologin“ mit ihm das „Alte Testatament“ las. Sie bestärkte ihn sicherlich in seinem christlichen Glauben. Er schätzte und liebte sie ohne Zweifel und würde auf ihr Drängen, sogar Westberlin, seine „Bühne“ und eine entstehende Opposition verlassen wollen, um in die USA zu gehen. Diese emotionale Verbundenheit zwischen den beiden will und kann ich nicht bestreiten. Im SDS beeinflußte sich nicht einmal ihre engen Freundinnen, Helga Reidemeister oder Elsa Raßbach.

Wichtiger wäre es, in dieser Zeit an Sigrid Rüger, Sigrid Fronius, Sigrun Amseln, Ute Schmidt oder Ursel Henning zu erinnern, Hochschulpolitikerinen und Wissenschaftlerinnen, für die der SDS schon deshalb wichtig war, weil er den akademischen Frauen Anerkennung und Stimme gab. Sie sahen diesen „Männerbund“ als Durchgangsorganisation an und ließen sich von den Revolutionsthemen faszinieren, weil sie wohl ahnten, daß Realgeschichte nicht den utopischen Vorgaben folgen würde. Sie waren in der Hochschulpolitik und im ASTA unersetzbar. All die genannten Frauen erlangten später in der feministischen Bewegung und in der Wissenschaft Bedeutung.

Revolutionsspiele

Die Hauptakteure, etwa Rudi Dutschke, Horst Mahler, Christian Semler, Hans Jochim Hameister, Tilman Fichter, Wolfgang Lefevre, Dieter Kunzelmann, Bernd Rabehl brachten ihre Schulungsgruppen, den Umkreis der Kommunarden oder die Exponenten des Republikanischen Clubs mit, um einen Rückhalt zu behaupten. Die Fraktionen im Berliner SDS gruppierten sich um die „Antiautoritären“, um die heimlichen und offenen Parteigänger der Sozialistischen Einheitspartei (SEW), um einen orthodoxen Sozialismus oder wurden getragen von den unterschiedlichen Sichtweisen des „Argumentclubs“, der „Evangelischen Studentengemeinde“, der „Gewerkschaftler „der IG – Metall“ oder der „Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft“ (GEW) oder des „Clubs“ in der Wielandstraße. Die „Linke“ zeigte sich auch in Westberlin durchpflügt und gespalten von den vielen Niederlagen und der Existenz eines „wirklichen Sozialismus“ vor der Haustür am Brandenburger Tor. Die Antiautoritären gewannen schon deshalb Anklang und Dominanz, weil sie die alten Ziele neu durchbuchstabierten und bewerteten.

Rudi Dutschke, der charismatische und gleichzeitig freundliche Redner und Agitator, hatte im SDS von außen einen „Arbeitskreis Internationalismus“ hineingebracht, der linksradikale und zugleich anarchistische Denkweisen aufnahm und mit den unterschiedlichen sozialistischen Ideen konfrontierte. Hier trafen sich die „Revolutionäre“ aus Haiti, etwa Eden Germain, Berhard Pierre Louis, die Umstürzler aus Somalia oder Äthopien, Assigid, Haile, aus Mexicos Columbien, Peru, Chile, USA und der zwei Deutschlands zusammen. Viele von ihnen waren vom Tod „gezeichnet“ und würden die nächsten zehn Jahre nicht überleben. Dieser Sprengsatz der Kontinente, Kulturen und Ansprüche schuf durchaus eine Fraktion in der Fraktion, denn viele der Aktivisten hatten Verbindung zu nationalen Parteien, Guerillaverbänden oder radikalen Strömungen. Schon deshalb erwarb die „Weltrevolution“ in diesem Arbeitskreis Aktualität. Wer wollte den afrikanischen oder lateinamerikanischen „Berufsrevolutionären“ widersprechen? Trotzdem wurden die Kampfbedingungen dieser Gesellschaften nicht auf Deutschland übertragen. Dutschke warnte stets vor der Gleichsetzung einer Revolution in Cuba oder anderswo mit den Umsturzversuchen in Westberlin. Er redete zugleich gegen eine andere Tendenz an, die unterschiedlichen Ereignisse, Personen, Parteien und Ziele der russischen, deutschen, spanischen oder chinesischen Bürgerkriege und Revolutionen auf die Bundesrepublik zu übersetzen. Dieser Anspruch bestand durchaus.

Ich war zuständig für die europäische und deutsche Arbeiterbewegung. Eine Schulungsgruppe diskutierte die „Räteidee“, die als Kritik der „bürgerlichen Demokratie“ die Teilhabe der Produzenten und Bürger an der Selbstverwaltung einklagte. Wir gaben uns theoretisch hochgerüstet und diskutierten neben der „klassischen“ Staatskritik von Marx, Lenin, Kelsen, Fraenkel und Horkheimer die Überlegungen der Rätesozialisten um Richard Müller, Ernst Däumig, Anton Pannekoek, Herman Gorter u. a.. Wir standen mit diesem Ansatz im Widerspruch zum offiziellen SDS – Schulungsprogramm, das von Wolfgang Abenroth und Helmut Schauer unter der Schirmherrschaft von Otto Brenner, dem Chef der IG – Metall, vorgeschlagen wurde, um einen linkssozialistischen und gewerkschaftsfreundlichen SDS zu stimulieren. Wir waren in Bezug auf den kontinentenweiten „Internationalismus“ und auf die Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung an einer „Revolutionsdialektik“ interessiert, die die jeweiligen Prinzipien von Umsturz mit den Erfolgen und mit dem Scheitern kombinierte. Aus den „Fehlern“ und den „Erfolgen“ lernen, war unsere Devise. Es gab weder eine innere Einheit unterschiedlicher historischer Verlaufsformen, noch wiederholten sich Ereignisse und Aktionen. Eine „Wiederkehr“ der Revolution existierte auf keinen Fall. Trotzdem waren die Diskussionen nicht frei von historischen Analogien. Der III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale (KI) von 1921 beeindruckte uns und vor allem Dutschke. Die „Offensivtaktik“ der Linkskommunisten schien ihm handhabbar für die Bundesrepublik von 1966/67. Ihn beeindruckten die hohe Moral und der Durchsetzungswillen der Jungkommunisten, die die obkejtiven Bedingungen für einen Umsturz als zweitrangig betrachteten. Der subjektive Faktor konnte zur obkejtiven Bedingung gemacht werden, wenn in ökonomischen und politischen Krisensituationen sich keine soziale Kraft zeigten oder es den herrschenden Cliquen gelang, die Akteure gegeneinander aufzubringen und die politische Opposition zu paralysieren. Dutschke konnte sich mit der Idee anfreunden, einzugreifen oder die Radikalopposition zu „mobilisieren, falls „die da oben“ nicht mehr konnten und die „da unten“ noch nicht wollten.
Bündnisfragen
Die Gewerkschaften waren aus unterschiedlichen Gründen am SDS interessiert. In diesem „Bund“ entdeckten sie das intellektuelle Potential für die zukünftigen Sekretäre, Schulleiter und Berater. Die IG – Metall empfand sich als Vorhut eines deutschen Arbeitersozialismus und war bemüht, das Godesberger Programm und die Autorität Herbert Wehners in der SPD zurückzudrängen. Dieser ehemalige kommunistische Politiker hatte den SDS aus der Obhut der SPD 1960 in einer Situation entlassen, als dieser scheinbar der illegalen KPD ein Forum der Agitation gab. Wehner war überzeugt, daß die Führungsstäbe der Verwaltungs- und Gewerkschaftspartei wie die SPD der ideologischen Raffinesse der kommunistischen Propaganda erliegen konnte. Otto Brenner dagegen gewährte den Junggenossen Anerkennung und Unterstützung. Dieses sensible Verhältnis von Reformismus und Revolutionismus, von Gewerkschaften und Revisionismus, übertragen auf die Gewerkschaftspolitik der kommunistischen oder sozialistischen Opposition in KPD und SPD vor 1933, wurde zum Hauptthema der Forschungs- und Schulungsarbeit in der IG – Metall und an einzelnen Lehrstühlen und SDS – Gruppen in Marburg und Berlin. Die Professoren Wolfgang Abendroth und Ossip K. Flechtheim betreuten deshalb die „Gewerkschaftswissenschaften“, die einzelnen Assistenten und Studenten, die aus dem SDS kamen.

Die „antiautoritäre Fraktion“ im SDS verfolgte dagegen das Konzept, diesen Verband zu spalten, um die Parteigänger des traditionellen Sozialismus zu isolieren und um die revolutionären Gruppen und Einzelpersonen in einer „Bewegung“ zusammenzuführen. Diese sollte sich das Ziel stellen, eine Taktik der Provokation zu entwerfen, die sich gegen die vorherrschende Politik der „Kompromisse“ der Parteien stellen würde. Alternativen zur Nachkriegsordnung sollten entworfen werden, die die „aufgesetzte“ Form der Demokratie nicht akzeptieren würde. Vor allem die Hegemonialmächte, Sowjetrußland und die USA sollten aus der deutschen Innenpolitik entfernt werden. Dieses strategische Ziel kannte die taktischen Bündnisse, Widersprüche und Gegensätze auszunutzen..„Taktische Bündnisse“ in den Fragen „Springer“, „Notstandsgesetze“, „Vietnamkrieg“ und „Hochschulpolitik“ wurden angepeilt, um politische Resonanz zu finden oder sogar „Mehrheiten“ zu gewinnen. Diese taktische Zugeständnisse sollten auf keinen Fall die Prinzipien verfälschen. Unsere Stärke bestand vorerst in der Improvisation und im Bewegungscharakter der Opposition, die mehrere Schwerpunkte aufwies. Das Experimentelle in der Theorie schien für uns zu sprechen. Außerdem wurden wir vorerst nicht von „Existenzängsten“ geplagt und mußten uns nicht irgendwelchen Partei- oder Machteliten andienen. Wir wollten keinen „Job“ bei den Gewerkschaften oder an der Universität. Diese „Apparate“ würden sich öffnen, wenn wir Erfolg hatten, dachten wir und sollten uns irren.

Über die Gewerkschaften und die SPD mischten SEW/SED mit, denn ihre „Kader“ waren in diesen Organisationen fest verankert. Über den „Republikanischen Club“ und über den „Argumentclub“ erreichten diese Parteigänger ideologischen Einfluß auf die SPD und sogar auf den SDS. Selbst das Ministerium für Staatssicherheit stand nicht abseits. Politisch wurde der SDS als Einflußorganisation gesehen, die einen Generationsbruch politisieren konnte und die der Drehpunkt von Bündnissen in der Hochschul- und Friedenspolitik sein konnte. Die jungen Natur- und Sozialwissenschaftler würden das „politische Klima“ an den Universitäten und Schulen verändern. Der SDS konnte Zugang zu den „Kulturschaffenden“, zu den Stückeschreibern und den Filmregisseuren, Lehrern, Ärzten. Jourrnalisten u. a. verschaffen. Außerdem ließen sich hier „Perspektivagenten“ ansprechen, die in Wissenschaft und Politik, Forschung, Rüstung und Militär eine große Bedeutung für die DDR erlangen konnten. Deshalb wurden SED und die „Organe“ diesem Studentenverband wohlgesinnt. Lediglich die radikalen Antikommunisten um Dutschke und Rabehl bereiteten kleine Sorgen, vor allem weil sie die „Revolte“ nach Osteuropa tragen wollten. Jedenfalls verwies Dutschke oft auf diesen revolutionären Anspruch. Die „Genossen“ von drüben setzten auf ihre organisatorische Kraft und auf die „geheime Front“, die im SDS längst tätig war.

All diese Themen waren Gegenstand auf den skizzierten Beiratssitzungen. Deshalb luden sich dort die gegensätzliche Stimmungen auf, denn die unterschiedlichen Parteigänger des „realen Sozialismus“ wollten unsere Interpretationen unterlaufen oder lächerlich machen, indem sie uns „Spekulation“, „unmarxistisches Denken“, „Revisionismus“, Abweichungen, „Kleinbürgertum“ oder unwissenschaftliche Herangehensweise vorwarfen. Wir konnten uns oft nur mit Mühen behaupten, jedoch durchsetzen. Tage später würden wir unsere kleinen Triumphe und die Wortwahl bei den großen „Teach – In“ im Audi – Max feiern. Der jeweilige ASTA – Vorsitzende rief uns ungefragt auf, um die „Dramatik“ zu steigern und zu Abstimmungen oder Aktionen zu gelangen. Wir nahmen Stellung zu allen Weltfragen und brachten allein dadurch die Gegner in Bedrängnis. Dieses „fliegende Seminar“ hatte wichtige Wurzeln in den Universitätsseminaren, wurde auf die SDS – Schulungsarbeit und auf die politische Selbstbehauptung im Verband übertragen und bewährte sich zugleich in den Großveranstaltungen und Demonstrationen. Die theoretischen Inspirationen und Improvisationen, die allerdings eine wissenschaftliche Grundlage aufwiesen, formten in einem offenen Verband das „politische Programm“. Es wurde trotz einer umfassenden Kritik zeitbedingt anerkannt und sogar gefeiert.

Die „schwachen Glieder“

Einschätzungen der politischen Lage, die „Manöverkritik“ der letzten Aktionen und Demonstrationen, die Erkenntnisse über die Weltlage wurden vorgetragen und sofort vermengt und an den Seminararbeiten überprüft. Die Ergebnisse der unterschiedlichen Seminare und Erkenntnisse wurden von uns in einer „Revolutionstheorie“ zusammengeführt. Sie enthielt die unterschiedlichen Aspekte von Generation, Nation oder Volk, Klasse, Internationalismus, nationale Befreiung, Demokratisierung und den Begriff der „revolutionären Avantgarde“. Eine derartige „Theorie“ erlangte Leben durch die einzelnen Theoretiker und Redner und sie war abhängig von der politischen Situation in Westdeutschland und Europa in den endsechziger Jahren. Sie wurde in dem Augenblick vergessen und verdrängt, wo neue Führungsgruppen innerhalb der APO entstanden und sich diese Opposition zwischen den Ansprüchen der RAF und den Zielen des Neostalinismus der K – Parteien zersetzte. Die Renaissance der Sozialdemokratie in einer Sozialliberalen Koalition und die Legalisierung eines Reformkommunismus als DKP zerrieben die antiautoritären Ansprüche der Radikalopposition.

Von Lenin wurden die realpolitischen Ziele einer „Theorie der schwachen Glieder“ übernommen. Zu diesen Schwachpunkten der bestehenden Ordnung wurden die Universitäten und Schulen gezählt. Die heranwachsende Jugend und die Legitimationsnot der Politik wurden zu weiteren Schwachpunkten der politischen Ordnung gerechnet. Die Generationen, die in die Kriegs- und frühe Nachkriegszeit hineingeboren wurden, entwanden sich der Erziehung bzw. den Berufsgeboten und bildeten als Generationslagerung, die etwa zehn Jahrgänge umfaßte, eine „rebellische Generation“ bzw. stellten die „Avantgarden“ des Umsturzes. Nicht die Arbeiterklasse, sondern eine „proletaroide Intelligenz“ übernahm die Initiativen, um aus den „Sackgassen“ der politischen Paralyse herauszufinden. Sie würde ausscheren aus der kulturellen und sozialen Reproduktion der Gesellschaft und sich gegen die bestehende Ordnung stellen. Aus dieser „Intelligentsia“ rekrutierten sich die Revolutionäre, die sich allerdings nicht zu einer „Partei“ fügen sollten. Über die unterschiedlichen Kampagnen sollte ein organisatorischer Zusammenhang hergestellt werden, der die Struktur und den Aufbau von Oligarchien vermeiden würde. Dadurch sollten alle Aufsteigertypen und Polizeispitzel aus Ost und West in der Opposition keinerlei Halt und Einfluß finden. Außerdem sollten der „Bewegungscharakter“ der Opposition, die Kampagnen, Demonstrationen. Treffen, Teach – Ins usw. Erziehungsprozesse einleiten bzw. Anregungen geben, sich selbst zu verwalten und zu bestimmen. Eine Jugendschicht, die sich vorerst außerhalb von Beruf und Tätigkeit befand und lediglich Objekt „staatlicher Maßnahmen“ sein würde und an Universitäten, Hochschulen, Schulen, Programmen als eine neu Form einer jugendlichen „Reservearmee“ festgehalten wurde, sollte durch die unterschiedlichen Aktivitäten lernen, sich selbst zu bestimmen und politische Ziele durchzusetzen.

Zu den „schwachen Gliedern“ wurde deshalb das bestehende Parteiensystem und der Parlamentarismus gezählt. Machteliten wählten sich letztlich selbst, wenn Politik zur „Show“ oder zum Marketing der Spitzenkabdidaten verkam. Im Bundestag regierten offene oder heimliche Koalitionen, die in Geheimabsprachen die Ziele und Interessen abstimmten und festlegten. Wir waren überzeugt, daß die einzelnen Kapitalfraktionen der Großindustrie und der Banken in die Parteien hineinregierten und dort ihre subalternen „Diener“ hatten. Die Machteliten der Parteien und Verbände isolierten sich deshalb in Krisenzeiten von ihren Wählern und vom Volk insgesamt. Als Alternative schwebten uns Formen der „direkten Demokratie“ vor, die über Volksabstimmungen verwirklicht werden sollte. Wir dachten sogar an eine Verfassungsreform, um diese „Stellvertretermacht“ abzulösen und zu demokratisieren. Zu den „Schwachen Gliedern“ zählten wir sogar die USA, deren hochgerüstete Armee in Vietnam einer militärischen und moralischen Niederlage entgegen taumelte. Der Bürgerkrieg in USA belegte, daß die Großmacht die gesellschaftliche Stabilität verlor. Diese Schwäche auszunutzen, würde für Europa und Deutschland bedeuten, die politische Unabhängigkeit zu gewinnen. Sogar der nordamerikanische Kapitalismus wurde als „schwach“ angesehen, denn die Vormacht des Finanz- und Spekulationskapitals nahm diesem Kapitalismus die „Rationalität“ und das volkswirtschaftliche Kalkül für eine erfolgreiche Konjunkturpolitik.

Bewegungsformen

Die „Organisationsfrage“ sollte im Sinne einer „Bewegung“ gelöst werden. Die Bewegungsformen verhinderten Hierarchien und unterminierten Machtstrukturen bzw. Machtansprüche einzelner Gruppen. Deshalb wollten wir den SDS spalten, um die „machthungrigen“ Altsozialisten zu isolieren. „Bewegung“ allerdings verlangte nach den verschiedenen Schwerpunkte, die die unterschiedlichen Akteure hervorbringen würde: die Anti – Springerkampagne, Aktionen gegen die Notstandsgesetze, der Kampf für eine „Kritische Universität“, der Protest gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam, die internationale Solidarität mit den Befreiungskämpfen in Afrika, Asien und Lateinamerika, die „nationale Befreiung“ in Deutschland und Europa und die Selbstbehauptung als emanzipative Lebensform der jungen Frauen und Männer. Je nach Situation bildeten die skizzierten Kampagnen ein Hauptanliegen der Opposition. Jede „Front“ hatte ihre eigenen Sprecher und Aktivistinnen, so daß diese Opposition keine feste „politische Elite“ hervorbrachte, sondern von den „temporären Führern“ lebte. Die verschiedenen Aktionen und Kampagnen ergänzten sich und kannten trotzdem die Konkurrenz und den Widerspruch. Die Kommune verstand sich als Gegenbewegung zum SDS. Dieser nutzte ihre Erfolge am 2. Juni, um eine umfassende Aufklärung an den Universitäten zu starten. Diese Bewegungsform besaß keinerlei Führerprinzip oder „Herrenstandpunkt“, sondern war angelegt auf die unterschiedlichen Ziele, einen bestehenden Machtapparat zu verunsichern. Diese Unsicherheit der Mächtigen war die Gelegenheit, auf andere und neue Freiheiten zu verweisen. Als „Befreiungsbewegung“ besaß die antiautoritäre Bewegung einen radikaldemokratischen Anspruch und war in Bezug zum bestehenden Parteiensystem der inszenierten Demokratie oder des Kriegskommunismus eine Anti – Partei. Schon deshalb war eine Teilnahme an Bundestags- oder Landeswahlen vorerst nicht geboten, um die „oligarchische Verselbständigung“ der einzelnen Avantgarden zu vermeiden.

Die Anti – Springerkampagne richtete sich primär gegen die Pressekonzentration und gegen eine politische Zensur, die bestimmte Informationen auswählte und andere unterdrückte. Die Zerstörung von Sprache und Denken durch die Kombination von Bildsprache und Sprachbildern, die enge Verbindung von Reklame und Information, die Reduktion der Worte und des Sprachschatzes eines Volkes und die Vorlieben für englische Satzfetzen in diesem „Medienimperium“ wurden in der Kampagne angesprochen. Es ging stets darum, über Stadtteilzeitungen, Flugblätter, Demonstrationen, Großveranstaltungen, Filme, Theater, Verlage, Provokationen eine eigene Öffentlichkeit zu schaffen. Die vielen Talente sollten ihre Betätigungsfelder finden und entwickeln und nicht von irgendwelchen Großkonzernen, Banken oder Marktauflagen abhängig sein. Der Kampf gegen den Springerkonzern sollte nicht nur die Pressemanipulation auflösen oder die Einseitigkeiten einer inszenierten Öffentlichkeit unterlaufen. Eigene Maßstäbe sollten gefunden werden. Es ging zugleich darum, die neuen Medien anzuwenden: Film, Fernsehen, Straßentheater und die entstehende Computerwelt.

Ein weiteres „schwaches Glied“ in einer organischen Ordnung wurde in der „technologischen Revolution“ entdeckt. Die wachsende Automatisierung der Produktion machte die lebendige Arbeit überflüssig. Entweder wehrte sich die Arbeiterklasse gegen ihre „faktische Entmachtung“ durch Entlassungen, Arbeitslosigkeit oder Dequalifizierung zur Hilfsarbeit oder der neue Zustand der Gesellschaft verwies auf die parasitären Schichten, die durch oder über den öffentlichen Dienst ernährt wurden. Eine untergehende Klasse würde kämpfen, dachten wir und erwarteten von den zukünftigen Streiks eine Bestätigung unserer Thesen. Genauso würden die pauperisierten Schichten gegen die politische Ordnung aufbegehren, würden sie in Armut und Verzweiflung getrieben. Wir sollten uns irren.

Der Protest gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam wurde gekoppelt mit den Ideen des Internationalismus und der „nationalen Befreiung“ in Deutschland. Der Vietcong oder die Partisaneneinheiten der Kolonialrevolutionen übernahmen die historischen Perspektiven des Marx’schen „Proletariats“. Sie fanden ihre Übersetzer bei den Revolteuren in den „Metropolen. Die USA agierten in Vietnam als Weltpolizist, um den Status quo der Machtblöcke von 1945 aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig waren sie an der inneren Erosion des internationalen Kriegskommunismus interessiert, die seit Stalins Tod von innen her die Diktatur zermürbte. Der Protest gegen den amerikanischen Krieg zielte deshalb zugleich gegen die Machtstabilität der nordamerikanischen Großmacht. Die sowjetrussische Diktatur hatte seit 1953 gegen das Aufbegehren der einzelnen Völker zu kämpfen. Die USA verlor die innere Stabilität durch einen Rassenkampf der afro- und lateinamerikanischen Völker in USA selbst. Wir übersetzten deshalb die Thesen von Franz Fanon einer Neugeburt der algerischen Nation im Befreiungskrieg gegen Frankreich für Deutschland. Es machte keinen Sinn, an preußische, konservative oder völkische Traditionen anzuschließen, die in der Nazi – Diktatur verschlissen wurden. Die „rebellische Generation“ würde im Sinne von M. Bakunin, M. Heß oder F. Fanon einen deutschen Befreiungsnationalismus neu definieren. Er würde gekoppelt sein an eine neue Verfassung, die die unterschiedlichen Demokratieformen aufnahm und auf die radikaldemokratische Teilhabe des Volkes an der Politik konzentrierte.

Diese Vorstellungen wurden wiederholt angesprochen. Sie fanden Resonanz auf einer Großveranstaltung in der „Neuen Welt“ in der Hasenheide am 17. Juni 1967 und auf dem Vietnamkongreß im Februar 1968. Mit den „Genossen“ des oppositionellen Kommunismus wurden auf diesem Kongreß auf einem Sondertreffen die Thesen von Otto Bauer und August Thalheimer diskutiert. Es wurden Parallelen gezogen zwischen 1921 und 1968 und die Offensivtaktik aus der Summe der politischen und ökonomischen Schwieirigkeiten des „Weltkapitalismus“ hergeleitet. So sollte ein Aufstand der Black – Panther – Soldaten in Lichterfelde zu diesem Zeitpunkt demonstrieren, daß die Ideen von „Volk“ und „Rasse“ durchaus revolutionär umgesetzt werden konnten. Der Aufstand der schwarzen Soldaten in den Kasernen sollte von außen durch die Demonstranten unterstützt werden. Der amerikanische Stadtkommandant drohte mit dem Aufmarsch der amerikanischen Militärmacht in Westberlin. Vor dieser Gewalteskalation wichen wir zurück. Das war im Februar 1968. Eine „friedliche Massendemonstration“ verwies auf die unterschiedlichen Keime dieser Oppsotiion, die später zur RAF, zum Massenprotest oder zur leninistischen Idee von Partei als „oligarchische Verschwörung“ führen würden.

Diese westberliner Teilstadt spielte deshalb eine besondere Rolle im Revolutionsdenken. Sie bildete die „dritte Zone“ zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Sie wurde als eine „Freie Stadt“ angesehen und als das „schwächste Glied“ in den zwei Deutschlands betrachtet, das sich zu einem politischen Experimentierfeld der neuen Opposition eignete. Sowjetrußland würde das Jahr 2000 kaum erreichen, so Dutschke und würde sich als Großmacht unter den Schlägen der osteuropäischen Volksaufstände auflösen. Jedoch nicht der Westen oder die USA durften triumphieren. Die Revolution hatte im Osten oder in der Kolonialwelt ihren Ausgangspunkt. Die Radikalopposition würde sie für den Westen übersetzen und zugleich für die zwei Deutschlands mit dem Ziel der Neugeburt der Nation als Staat und Verfassung definieren. Westberlin konnte als ein „Hongkong“ dienen, die morbide Planwirtschaft Osteuropas durch Kapitalexperimente zu erneuern. Es konnte zugleich der Umschlagplatz von den neuenTechnologien, der westlichen und östlichen Errungenschaften dienen, die sich gegenseitig ergänzten und beiden „Formationen“ nützlich sein konnten. Westberlin bot sich für derartige Experimente an, die auf eine „politische Übertragung“ harrten. Dieses Wunderwerk sollte die APO verrichten, so jedenfalls Dutschke. Auf diese Herausforderungen mußte die Opposition vobereitet sein.

Die „Begriffswelten“ des alten Europas

Die europäischen Umbrüche in West- und Osteuropa in den endsechziger Jahren wiesen noch die Narben des alten Europas auf. Die zwei Großmächte, USA und UdSSR ließen erkennen, daß sie in ihren „Blöcken“ jeweils an Macht und Einfluß verloren. Die Teilung Europas wies militärisch und kulturell erste Risse auf. Die Sowjetunion demonstrierte in Osteuropa und im eigenen Land, daß die zentrale Planungsökonomie und vor allem der politische Zentralismus der oligarchischen Partei und der latente „Kriegskommunismus“ nicht reformierbar waren. Entweder wurde der westliche Kapitalismus übernommen oder es wurde ein pragmatischer Sozialismus umgesetzt, der den materiellen Wohlstand mit der sozialen Demokratie verband. Eine derartige Alternative wurde als Idee und intellektuelles Potential bereits in den dreißiger Jahren liquidiert und besaß nach 1960 kaum Traditionen oder gedankliche Inspirationen. Die militärischen Interventionen und Einflußnahmen dieser östlichen Großmacht auf die CSSR und auf Osteuropa insgesamt, 1968, waren Beweis genug, daß irgendwann dem russischen Giganten die Luft ausgehen und sich dem Westen öffnen mußte. Trotzdem wurden die USA nicht als die „Lösung aller Dinge“ angesehen. Die „Staaten“ demonstrierten militärische Stärke und imperiale Macht in Vietnam. Ihre Armeen konnten trotz der technologischen und militärischen Überlegenheit keine Kriege vor Ort führen oder gar gewinnen. Die Soldaten meuterten oder in der eigenen Geselllschaft paralysierten die Friedens- oder Antikriegsdemonstrationen die Regierungspolitik. Der Vietnamkrieg ging im eigenen Land und in Westeuropa verloren. Die Kooperationen des Spekulations- mit dem Rüstungskapital gewannen vorerst keinerlei Perspektiven, die Kriegspolitik vor den Wählern zu rechtfertigen. Zugleich wurde sichtbar, daß in den USA die traditionellen „Klassen“ sich weitgehend aufgelöst hatten und die Gewerkschaften und Unternehmerverbände Bestandteil der Regierungspolitik und des Rüstungskartells waren. Die soziale Nivellierung und die Gegensätze zwischen den wohlhabenden, weißen Schichten und den anwachsenden, farbigen Armen enthielten die Sprengkraft von sozialen Konflikten, die nach Klassenkampfkriterien nicht länger beurteilt werden konnten.

In West- und Zentraleuropa waren Frankreich und Großbritannien nach 1945 gezwungen, ihre kolonialen Weltreiche aufzulösen. Der Sieg über Deutschland entpuppte sich als Pyrrhussieg Die europäischen Westmächte fühlten sich veranlaßt, ihre Grenzen den ehemaligen Siedlern und europäischen Schichten, aber auch den aktiven Afrikanern und Asiaten zu öffnen, die in den ehemaligen „Mutterländern“ Auskommen und Wohlstand suchten. In den genannten Staaten gerieten die Kolonialkulturen und die europäischen Werte in eine Krise. Die traditionellen Klassengeselllschaften wurden durch die Massen aus den fremden Kontinenten und anderen „Kulturen“ überlagert. Das westliche Deutschland schien zum gleichen Zeitpunkt die „deutsche Mission“ zu erfüllen. Unter der Obhut der USA und eingebunden in den europäischen Wirtschafts- und Militärverträgen, expandierte die deutsche Wirtschaft- und Industriemacht in kurzer Frist. Zu Beginn der sechziger Jahre hatte die Bundesrepublik das Produktionsniveau der deutschen Kriegswirtschaft von 1938 überrundet. Sie exportierte technologische Industriegüter wie Autos, Elektrogeräte, Maschinen, Ausrüstungen, Pharmaprodukte und Waffen und begründete durch diesen Export einen allgemeinen Wohlstand. Als Staat ohne Kolonien und traditionellen Verpflichtungen drängte diese Wirtschaftsmacht die alten Konkurrenten Frankreich und Großbritannien an die Peripherie Europas. Diese deutsche Teilrepublik besaß allerdings keine Souveränität und blieb abhängig von der Interventionskraft der USA. Schon deshalb verfolgten die deutschen Eliten keine nationalen Interessen und verbargen die wirtschaftliche Expansion hinter der us-amerikanischen Hegemonie.

Die Folgen waren fatal, denn diese Großmacht zwang die westdeutsche Teilrepublik dazu, eine Europäische Union zu gestalten und als expandierende Wirtschaftsmacht zu finanzieren. Sie veranlaßten den westdeutschen Staat gleichzeitig zur Politik der „Öffnung“. Die Bundesrepublik übernahm von Frankreich und England die Politik einer gezielten Einwanderung bzw. die Maßnahmen der Entstaatlichung und Entnationalisierung von Volk und Staat zu Gunsten einer europäischen Zentralmacht. Der Verzicht auf die nationale Souveränität hatte Konsequenzen für die wirtschaftlichen und politischen Eliten und für die soziale Zusammensetzung des Teilvolkes. Die deutsche Wirtschaft wurde Schritt für Schritt für die internationalen Konzerne und Bankengruppen geöffnet. Dieser außernationale Einfluß auf die Parteien und Verbände erlaubte eine spezifische Selektion der Eliten. Die massive Einwanderung gering qualifizierter Arbeitskräfte aus Südeuropa, der Türkei, Nordafrikas und Asiens veränderte den sozialen und den kulturellen Aufbau der deutschen Teilgesellschaft. Die soziale Nivellierung wurde nun begleitet von einer kulturellen Selektion. Eine Integration der „fremden Völker“ war schon deshalb schwierig, weil die Auflösung der nationalen Kultur und Sprache ergänzt wurde durch die Prozesse einer Entdemokratisierung der Politik, die zunehmend den internationalen Oligarchien und deren „Geheimdiplomatie“ genügte. Die Studentenrevolte von 1966/68 zeichnete deshalb die Bruchlinien einer europäischen Transformation und der us – amerikanischen Hegemonialpolitik nach, ohne allerdings Alternativen zu entwerfen oder politische Lösungen anzupeilen.

Die Studentenrevolte blieb in all ihren Facetten und Fraktionen den Revolutionen des 19. und des Beginns des 20. Jahrhunderts verpflichtete. Auf die neuen Fragen eines europäischen Zerfalls wußte sie keinerlei Antwort. Im Mißtrauen gegen die Parteienpolitik schimmerten die Aversionen gegen die herrschenden Oligarchien und gegen einen Parlamentarismus durch, der den Zugriff auf Politik und Staat nur kleinen Gruppen und Cliquen der Parteien gewährte. In der Kritik an Springer wurde sichtbar, daß die zentralisierten Medien großer Konzerne die öffentliche Meinung festlegten und den Habitus bzw. die Gesinnung der nivellierten und entmündigten Massen bestimmten. In der Kapitalismuskritik wurde lediglich die Macht des „internationalen Finanzkapitals“ angedeutet. Es bestand eine Ahnung davon, daß dieses „Kapital“ die Politik kurz entschlossen korrumpieren und die Medien einsetzen würde, um über Spiele, Shows und einem Reklameleben so etwas zu gewinnen wie Akzeptanz oder Anerkennung. Diese letzte und „ewige“ Form von Kapitalismus würde mit einem Überwachungsstaat, mit Krieg und einer „inszenierten Demokratie“ regieren, schon um gegenüber den neuen Mächten in Lateinamerika, Asien oder China zu triumphieren. Aus diesen Bruchstücken von Kritik hätte eine radikaldemokratische Bürgerbewegung ein Programm des Überlebens behaupten können. Es kam jedoch alles anders, schon weil die Sprache und das Denken der rebellischen Avantgarden veraltert waren.

Die antiautoritäre Gesinnung der Rebellen, soweit diese sich überhaupt vom orthodoxen Sozialismus gelöst hatten, bezog sich auf einen Anarchismus, der gleichzeitig vom „jungen Marx“ und von Michail Bakunin sich beeindruckt zeigte. Deshalb wurde die soziale Anarchie als „Ordnung“ betrachtet, die nicht ausschließlich vorkapitalistische Gemeinschaften und Demokratieformen nachzeichnete. Sie sollte auf der materiellen Grundlage der „großen Industrie“ eingerichtet werden. Jenseits der „notwendigen Arbeit“ sollten experimentell Formen der Demokratie und der Mitsprache verwirklicht werden. Dabei wurde primär an Schulen, Universitäten und Stadtteile gedacht. Daß der moderne Kapitalismus die „produktive Arbeit“ abschaffen würde und daß die Hilfsarbeit neben der Verwaltungsarbeit, der Arbeitslosigkeit oder der Scheinarbeit bzw, „Sozialmaßnahmen“ vorherrschen würde, war undenkbar. Die Anarchie wurde von dieser Modernität verwirklicht und sie war sogar die Voraussetzung für die Vormacht der politischen Eliten. Ging die politische Form, der Zusammenhalt, das „Klasseninteresse“, die soziale Einheit verloren, entpuppte sich die Anarchie als ein Labyrinth von Chaos. In diesem Durcheinander ließ sich gut regieren, herrschen und manipulieren, wenn die einzelnen Gruppen, Individuen, Kulturen, Religionen und Gemeinschaften gegeneinander gehetzt wurden. Dieses Chaos bildete sogar die Voraussetzung für die Macht der herrschenden Cliquen. An diese Auflösung und Umsetzung der Anarchie als ein politisches Programm des internationalen Medien- und Finanzkapitals hatte damals niemand gedacht.

Der „Internationalismus“ der Rebellen berücksichtigte nicht, daß bereits der Internationalismus der französischen Revolution die „Prinzipien“ der „Großen Nation“ auf Europa erweiterte. Der Internationalismus der kommunistischen Internationale war nicht anders gelagert. Er verkündete die Grundlagen des russischen Bolschewismus und erwartete vom „Weltproletariat“ die absolute Unterwerfung unter die bolschewistische und russische „Parteilichkeit“. Schon deshalb wurde nach 1945 das russische Herrschaftssystem des „Kriegskommunismus“ den Staaten Osteuropas aufgepfropft. Die Kommunisten in der Welt waren nichts anderes als die „fünfte Kolonne“ der russischen Außenpolitik. Eine identische Disposition enthielt der „Internationalismus“ der us – amerikanischen Weltmacht. Über die Monroedoktrin wurden die abstrakten Freiheits- und Menschenrechte als „Parolen“ verkündet, die die Märkte und Staaten den amerikanischen Interessen öffnen sollten. Das Zweiparteiensystem und der poltische Pluralismus, aber vor allem das Demokratiespiel der kleinen Cliquen wurden Vorbild für die Welt, um über die Machtoligarchien den amerikanischen Einfluß als Stützpunkte, Militär- und Handelsverträge abzusichern.

Der „Nationalismus“ der Rebellen, übernommen vom „nationalen Befreiungskrieg“ in Vietnam oder Algerien, enthielt ähnliche Widersprüche. Er rieb sich mit dem preußischen und den deutschen Nationalismus und wies Berührungen zum bolschewistischen „Internationalismus“ auf. Der preußische Nationalismus hatte sich in Deutschland durchgesetzt, weil sein Militärstaat und seine Armee an die Aufgaben anschlossen, eine „Revolution von oben“ durchzusetzen, um die kulturelle und wirtschaftliche Rückständigkeit Peußens gegen die deutschen Westprovinzen und Westeuropa zu überwinden und um sich gegen die russische Großmacht zu behaupten. Der „preußische Nationalismus“ umschloß ein Klassenbündnis und die Erziehungsaufgaben, die Masse der Bauern in den Prozeß einer gesteuerten Industrialisierung über die „Militarisierung“ der Erziehung einzufügen. Universitäten, Philosophie und Naturwissenschaften, folgten dieser preußischen Mission und erzogen die zukünftigen Eliten in Staat und Wirtschaft. Preußen war als „kleindeutsche Lösung“ schon deshalb erfolgreich, weil die deutschen Stämme und Völker durch die Religionskriege und durch die Aufteilung in unterschiedliche Machtsphären und Kleinstaaten den inneren Zusammenhang verloren hatten. Der Nationalsozialismus war deshalb nach 1933 darauf aus, über einen „germanischen Rassismus“ die „preußische Mission“ fortzusetzen und „großdeutsch“ zu überspielen. Das konnte nicht gelingen, weil ein „Rassismus“ in Europa das „politische Gleichgewicht“ zwischen den Völkern zerstörte und nur Sieg oder Niederlage kannte. Es gab keinerlei Kalkül der politischen Taktik, die Preußen unter Fürst Bismarck gegen Rußland und Frankreich entwickelt hatte, um sich als Militärmacht in Europa behaupten zu können. Die Rebellen lehnten den Rassismus und der Völkermord der Nazis ab, mißverstanden jedoch den Befreiungsnationalismus der Dritten Welt, aus einem Krieg gegen die Kolonialmächte die Nationen jeweils neu zu schaffen und ihnen eine staatliche und politische Einheit zu geben. Eine deutsche Revolution hätte nur als europäische Revolution gegen die Okkupationsmächte stattfinden können. Dieser „Schuh“ war den Rebellen zu groß. Daß die preußische Idee im israelischen Staat fortlebte und sogar in der Volksrepublik China eine Definitionsmacht erhielt, wurde vollkommen übersehen.

Der Antikommunismus der Rebellen war nicht konsequent. Zwar redeten Dutschke und Rabehl davon, daß der reale Sozialismus zusammenbrechen würde. Er gehörte zu den „schwachen Gliedern“ des kapitalistischen Weltsystems und würde kaum das Jahr 2000 erreichen. Die europäische Revolution würde in Osteuropa ihren Ausgangspunkt finden, ehe sie sich im Westen ausbreiten konnte. Die antiautoritären Rebellen wollten die „Übersetzer“ sein. Trotzdem wurde der DDR – Propaganda geglaubt, daß die Ostrepublik das „bessere Deutschland“ darzustellen würde, weil in dieser sozialistischen Teilrepublik das nationale „Erbe“ pflegen würde. Wieso ein Polizeistaat wie die DDR die positiven Erungenschaften preußischer Politik oder der Revolutionen von 1848 und 1918 verkörpern sollte, wurde nicht gefragt. Die politische Unterstützung der DDR und der SED in den großen Kampagnen gegen den Vietnamkrieg, gegen die Notstandsgesetze und gegen „Springer“ wurden nicht abgelehnt. Die SEW, ein Ableger der SED in Westberlin, wurde sogar als Bündnispartner in einer republikanischen „Volksfront“ akzeptiert. Die Stützpunkte der illegalen KPD im SDS, in Köln, München, Hamburg oder Marburg wurden nicht bekämoft. Die Machnschaften der Agenten der HVA im Republikanischen Club und im SDS wurden nicht abgewehrt. Es wurde nicht einmal erkannt, daß die orthodoxen Kommunisten nur ein Ziel verfolgten, die „antautoritäre Fraktion“ und den SDS zu zerschlagen. Der „Geist der Rebellion“ sollte von der DDR ferngehalten werden.

Die Kapitalismuskritik der Rebellen kaute die Marx’sche Analyse der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals oder der „industriellen Revolution“ durch, befaßte sich mit der Wertform und Warenanalyse, begeisterte sich an den Varianten der Entfremdungstheorie und der Subsumtion unter die Produktionsverhältnisse, unterschlug jedoch die „Dialektik der Aufhebung“: die Bestimmung des modernen Finanzkapitals, aus dem Scheitern von Kapitalismus und Sozialismus Größe zu gewinnen. Marx hatte in der „Bonapartismustheorie“ wiederholt auf die negativen Seiten des Spekulations- und Bankkapitals aufmerksam gemacht. Es förderte die Zentralisation der Wirtschaft und nahm sie zugleich unter Kontrolle. Es nahm Einfluß auf Politik und Staat, indem die milliardenschweren Spekulanten sich einzelne Politiker einfach kauften und die Kanzler und Präsidenten „kürten“. Sie parodierten sogar den Sozialismus, indem sie die Arbeiterführer und Gewerkschaftler sich gefügig machten oder einen eigenen „Sozialismus“ entwarfen. Sie ließen Feste und Spiele aufführen und beruhigten die Massen über Klamauk und Polizei. Sie waren Indiz dafür, daß das produktive Kapital ohne die Investitions- und Kapitalhilfen der Banken nicht auskam und sich Staatshilfen von dieser Seite als Rüstung, öffentliche Arbeiten und gesteuerten Konsum organisieren ließ. Das „Finanzkapital“ feierte politische Triumphe, lösten sich die Klassen und ihre Parteien und Verbände auf und wurden ersetzt durch Massen, die keinerlei Halt oder politisches Ziel besaßen. Eine „Nation“ verlor ihr Format durch die Auflösung der „produktiven Klassen“ innerhalb des Kapitals und der Arbeiterschaft. Genau in dieser Situation befand sich die Bundesrepublik in den sechziger Jahren. Der überbrachte Marxismus hätte „aufgehoben“ werden müssen in einer Bestandsaufnahme des internationalen Finanzkapitals und in einer Soziologie der „nivellierten Mittelstandsgeselllschaft“.

Selbst der Psychologismus der Rebellen war veraltet. Psychoanalyse oder Psychotherapie gehörten zu den Sicherheits- und Polizeiwissenschaften der neuen Epoche des Finanzkapitals, denn durch den Zerfall der Familien, der Dörfer und Städte, der traditionellen Freundschaftskreise, der Belegschaften, der Vereine, Gewerkschaften, kurz der traditionellen Gemeinschaften, verloren die einzelnen Individuen den sozialen Zusammenhalt. Ihre individuelle Neurotisierung wurde durch Sozialneurosen übersteuert und überdreht. Diese Therapien wurde vom Berufszweig der Sozial- und Sicherheitsspezialisten gehegt und analysiert. Eine soziale Entleerung war nicht über Spiele, Shows, Sport und Szenen aufzufangen. Die wachsende Gleichgültigkeit der Geselllschaft, Partnerschaften oder Aufgaben gegenüber, zerstörten Anstand und Moral. Unterschiedliche Sanktionen wurden eingesetzt, um Disziplin und Gefügigkeit zu erreichen. Letztlich ließ alles auf Polizeimaßnahmen hinaus. Die „Kritische Theorie“ hatte bereits vor der „Kulturindustrie“ und der „Sozialtherapie“ gewarnt und deutlich gemacht, daß die Psychoanalyse, eingebunden in Erziehungs- und Staatsaufgaben, reaktionär war. Die Rebellen waren überzeugt, daß sie über eine „sexuelle Revolution“ eine Jugendrevolte lostreten konnten, ohne zu bemerken, daß sie Jugendmoden, Jugendzonen, Jugendthemen und eine „ewige Jugend“ bedienten, die propagiert wurden, um mit der Inszenierung von Jugendmerkmalen ein Marketing zu schöpfen oder einen individuellen Halt für Augenblicke zu schaffen. „Achtundsechzig“ agierte unbewußt im Auftrag des Medienkapitals. Die „Sexualisierung“ der Gesellschaft in die unterschiedlichen Varianten und Extreme von Sexualität diente dazu, die Gleichgültigkeit, Einsamkeit und Angst der Einzelnen zu kaschieren und als „Medienlust“ zu dramatisieren. Einem Star- und Sexkult liefen die Enthemmten nach. Ein inneres Unbehagen wurde überspielt, den Erwartungen und Ansprüchen nicht zu genügen oder Beziehungen nur als Sexkonsum zu erleben. Die Rebellen gaben in ihrem Psychologismus zu erkennen, daß sie in diese „verrückte Geselllschaft“ zurückkehren wollten und daß sie Jobs einforderten, im Rahmen der Polizi- und Sicherheitsberufe tätig sein zu können. Diese Signale wurden verstanden. Sie wurden hineingenommen in die Polizeiwissenschaften des „Öffentlichen Dienstes“.

Die Rückkehr in die staatliche Geborgenheit dauerte Jahre, war schwierig und sehr erfolgreich. Die Rebellenkonnten nicht auf die Sackgassen der „Gewalt“ verweisen. Die Geheimdienste und Polizeieinheiten konnten langfristig jeden illegalen Bürgerkrieg siegreich bestehen. Der „Blutzoll“ der Rebellen besaß keinen Sinn. Die RAF und andere Partisaneneinheiten nahmen den Krieg gegen das „Schweinesystem“ auf, ohne genau zu wissen, worin die „Schweinerei“ bestand. Schließlich wurden sie von außen instrumentalisiiert und kämpften gegen die deutschen Wirtschafts- und Staatseliten. Die K – Gruppen erhielten als „Jugendzentren“ vom Osten Entwicklungshilfe, schon um den inneren Radikalismus auf den westlichen Kapitalismus, allerdings in der Sprache der russischen oder chinesischen Revolution abzulenken. Der innere Zusammenhang der Radikalopposition wurde aufgelöst und zugleich die Ziele verfremdet bzw. einem veralteten Maßstab von Revolution unterworfen. Die vielen Exponenten und Mitläufer hielten Einkehr im Öffentlichen Dienst, in den neu gegründeten Universitäten und Schulen und verharmlosten die Revolte zu einem Pubertätsspektakel oder zum Vorspiel eines neuen Mittelmaßes. Allerdings erhielten nun die politischen und sozialen Umbrüche und Reformen die Weihe von „1968“. Dieses Jahr leitete plötzlich das „sozialdemokratische Jahrhundert“ ein.

Es dauerte knappe zehn Jahre bis die K – Gruppen sich zu einer neuen „Grünen Partei“ vereinigten und bereit waren, Teil der parlamentarischen Machtoligarchie zu werden. Alle Methoden und Ansprüche der Demokratisierung wurden verworfen. Nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus in Osteuropa, 1989, zeigte sich, daß die Idee einer sozialen Revolution längst verloren und verdrängt war. Es fand die europäische Einheit unter dem Getümmel von Massenaufläufen, allerdings unter der Regie des westlichen Medienkapitals und der „Dienste“ statt. Die kommunistischen Machteliten wurden zur PDS und Linkspartei legalisiert. Ihr Kapital wurde produktiv im Dienstleistungssektor und im Bodenkapital eingesetzt. Diese Integration nahm den Kommunisten die sozialistischen oder subversiven Ansprüche. Die Umbrüche besaßen keinerlei Eigengewicht oder Zielsetzung und wurden von den herrschenden Oligarchien im Westen festgelegt Die Amerikanisierung Europas hatte die fatalen Folgen, daß der Kontinent als Kultur, Politik, Reform und Staat alle Traditionen abstreifte. Erst jetzt zeigte sich, in welche Richtung die Veränderungen liefen, die sich 1968 andeuteten und die durch die Revolteure falsch politisiert wurden.


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