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Ping-Pong mit dem Teufel

8. Juli 2010

Fritz Teufel beim Ping-Pong, April 2009 (Foto: © b.c.richter)

Ping-Pong

In den letzten Jahren spielte er Ping-Pong, beinahe täglich, um seiner Parkinson-Krankheit ein Schnippchen zu schlagen. Die Souveränität über seinen Körper wollte er sich von der Krankheit nicht rauben lassen. Die schnellen Bewegungen, die Koordination der Hand, den kleinen springenden Ball zu schlagen und einen schnellen Spielfluß zu erzeugen, das bekam er hin. Wenn er einmal drin war im Spiel, schnurrten seine Bewegungen wie ein Uhrwerk, und dann war er kein leichter Gegner. Allerdings: um Sieg oder Niederlage ging es nicht. Es ärgerte ihn, wenn man den Ball verfehlte und der Spielfluß unterbrochen wurde. Das Ping-Pong war ihm Therapie, er meinte, daß das Gehirn nicht vergessen dürfe, daß es einmal eine souveräne Körperbeherrschung steuerte. Und er selbst konnte sich täglich beweisen, daß es doch noch ging, irgendwie. Dabei waren die Folgen der Krankheit mit der fortschreitenden Lähmung und dem Kontrollverlust über den Körper unübersehbar. Fritz Teufel lief ganz schief und krumm, so setzte ihm das Leiden zu. Trotzdem schepperte er noch bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zu den Treffpunkten.

Als er anrief und fragte, ob ich nicht Lust hätte, einmal pro Woche mit ihm Ping-Pong zu spielen, war ich hocherfreut. Im Winter spielten wir im Wedding, in einem einst besetzten, inzwischen „legalisierten“ Haus. In den Räumen einer „Volxküche“, wo an den Wänden uralte Sessel und Kanapees sich türmten, bauten wir den Tisch auf und begannen das Spiel. Seine liebe Helene, die Lebenspartnerin, erinnerte ihn und mich oft an die Termine. Im Frühling drängte es ihn nach draußen. Er schlug vor, im Tiergarten, an der Spree, gleich neben Schloß Bellevue zu spielen.
Mit einem Kichern kommentierte er das Gerücht, ich würde mich als Kandidat der „falschen Partei“ für das Amt des Bundespräsidenten aufstellen lassen.

So sehr ihn die Krankheit sichtbar im Griff hatte, sein Geist blieb aufmerksam und wach. Zwischen den einzelnen Spielsätzen erinnerten wir uns unserer frühen Geschichte Anfang der Sechziger in Westberlin. Die gemeinsamen Bekannten lieferten Gesprächsstoff. Über „Kunzel“ redeten wir oft.
Bei Mahler, dem einst brillianten Verteidiger Teufels in dessen ersten großen Prozeß 1967, rätselten wir über die Motive für seine Aktivitäten, die ihn immer wieder und für lange Jahre in den Knast brachten. Wollte er als Märtyrer und Opfer tatsächlicher oder vermeintlicher staatlicher Willkür in die Geschichte eingehen oder über den „Volksverhetzungsparagraphen“ (§130) einen Grundsatzstreit über die Verfassung einleiten? Ein schlüssige Deutung gelang uns nicht.
Bei anderer Gelegenheit lobte Teufel die Dichtkunst des „kleinen“ Enzensberger (Ulrich). Dessen Buch über die bewegten Jahre der „K 1“ betrachtete er als internen Versuch, einen anderen und neuen Zugang zu den Tagen der Kommune zu finden.
Als Volker Gebbert im vergangenen Jahr tragisch starb, waren wir beide entsetzt. Fritz Teufel sprach von der Solidarität dieses alten Mitkommunarden, der großzügig Teile seines Einkommens an die verlorenen und verarmten Mitkämpfer verteilt hatte.
Und was war eigentlich aus den Frauen der Kommune geworden, die alle irgendwo im Niemandsland des Vergessens verschwunden waren? Teufel wußte noch dies und das über Dorothea, Agathe, Antje, Dagmar und Marion und beklagte, daß fast alle Verbindungen verloren gegangen waren.
Auch über Langhans sprachen wir. Daß er sich seit Jahren als Selbstdarsteller und Oberkommunarde inszenierte, betrübte Teufel. Dabei mußte ja zwangsläufig eine Verfälschung der eigenen Biografie und des Lebensexperiments der Kommune herauskommen. Zwang und Kontainerpsychose war das damals jedenfalls nicht. Vielleicht zielte Langhans’ Auftreten als Guru und Pascha eines inszenierten „Harems“ (von im echten Leben unabhängigen und verheirateten Frauen) auf irgendwelche Fantasien irgendwelcher Spießer, wer weiß. Immerhin, es war eine Geschäftsidee und ein Weg, in die Medien zu gelangen. Harmlos, aber blöd, und vor allem peinlich. Schlimm nur, daß die Medien tatsächlich glaubten, dieses Getue qualifiziere Langhans zum 68er-Experten.

In den zwei Jahren, in denen wir Ping-Pong spielten, schritt die Krankheit unerbittlich voran. Schließlich sollte Hans-Joachim Hameister helfen. Fritz Teufel setzte große Erwartungen auf ein Treffen mit diesem Arzt. Exkommunarde auch er, hatte er nach den bewegten Jahren, ähnlich wie Dorothea Ridder, ein Medizinstudium abgeschlossen und sich als Homöopath spezialisiert. Teufel erwartete wenn nicht Heilung, so doch Linderung durch neue Methoden und natürliche Heilverfahren. Zum ersten Mal spürte ich, wie verzweifelt er war. Das Leiden ergriff Gehirnfunktionen und zerstörte die Abwehrkräfte. Jede Krankheit konnte ihn niederstrecken. Doch Mitleid wollte er keines. Damit konnte er nicht umgehen. Man sollte ihn nicht als Kranken und schon gar nicht als Sterbenden sehen. Mit demselben Trotz und Hohn, mit dem er einst einer spießigen und verklemmten Gesellschaft gegenübergetreten war, begegnete er seiner Krankheit.

Frühe Jahre

Am 2. Juni 1967, beim Schah-Besuch, hatte sich Fritz Teufel mit anderen Kommunarden und Sympathisanten gegenüber der Deutschen Oper, vor einem hohen Bauzaun und hinter den Absperrgittern der Polizei auf dem Gehweg zum Sitzstreik niedergelassen. Er trug damals einen Vollbart und einen vollen Haarschopf. Seine Brille blitzte in die untergehende Sonne. Die Fotografen diverser Gazetten schossen ihre Bilder. Teufel galt bei den Journalisten und offensichtlich auch bei den Polizeikommissaren als ein „Rädelsführer“. Den Hintergrund für die Eskalation lieferte eine Begebenheit zwei Monate zuvor, die als „Pudding-Attentat“ in die Geschichtsbücher einging.
Teufel und die anderen Kommunarden glaubten damals, in ihrem Domizil in der Niedstraße in Friedenau am Knacken des Telefons erkennen zu können, daß sie abgehört wurden. So kamen sie auf die Idee, eine Provokation zu starten, die die westliche Teilstadt „erschüttern“ sollte. In ihren Telefongesprächen deuteten sie an, eine Bombe zu konstruieren, gerichtet gegen den amerikanischen Vizepräsidenten Humphrey, dessen Staatsbesuch am 2. April 1967 bevorstand, um auf diese Weise gegen den amerikanischen Bombenkrieg in Vietnam zu protestieren. Die potentiellen „Täter“ gerieten unter die Observation der Politischen Polizei und der Militärdienste der USA. Als sie sich am Tage der Ankunft des amerikanischen Spitzenpolitikers dem Kurfürstendamm näherten, wurden sie verhaftet. „BILD“, „BZ“, „Morgenpost“ und „Welt“, die Massenzeitungen des Springerverlages, aber auch der „Tagesspiegel“ und der „Telegraf“ schlagzeilten, daß „gefährlichen Bombenlegern“ aus der „Horrorkommune“ das Handwerk gelegt wurde. Sehr schnell stellte sich indes heraus, daß die Bombe aus den Zutaten eines Napfkuchens mit Pudding bestanden. Blamiert waren Polizei, Dienste, Gazetten, die Politiker und die gläubigen Hörer und Leser der Nachrichten. Vorgeführt hatten die Kommunarden damit, daß in Westberlin von seiten des Staates und der Medien nicht nur gelogen, sondern auch die Telefone abgehört wurden, und die Medien nach den Vorgaben der Polizeiberichte schrieben. Unisono ereiferten sich Politiker aller Parteien gegen die Frechheiten und Provokationen der Kommunarden. Das also war übrig von der in Sonntagsreden so gern beschworenen „freien Welt“: die autoritären Züge eines Besatzungsregimes und einer konformistischen Politikerkaste.

Offensichtlich waren Polizei, Politiker, Besatzungsmacht und Medien nicht gewillt, die öffentliche Blamage des „Pudding-Attentats“ auf sich sitzen zu lassen. Gelegenheit, es den Provokateuren heimzuzahlen, war der Staatsbesuch des Schahs von Persien am 2. Juni 1967.
Durch inszenierten Tumult und Spaßaktionen wollten Kommunarden im Verein mit iranischen Studenten die heuchlerische Weihe des Staatsempfangs unterlaufen.
Vor dem Schöneberger Rathaus zogen sie sich Tütenmasken mit den Konterfeis des Kaiserpaares über, streuten Konfetti und zündeten Knaller. Doch der Schah hatte seine eigenen Schlägertrupps gleich mitgebracht. Ohne Unterschied schlugen die euphemistisch „Jubelperser“ genannten Geheimdienstler auf alle und jeden ein, die sich im Radius ihrer langen Schlagstöcke und Holzlatten befanden. Es traf vor allem ältere Damen und Herren, die dem Schah und seiner Gattin eigentlich zujubeln wollten.
Für den Abend, an dem ein Besuch des Kaiserpaars in der Deutschen Oper vorgesehen war, bestand von Seiten der Polizei die Planung darin, die „Rädelsführer“ aus der Kommune, des Sozialistischen Deutschen Studendenbundes (SDS) und der ausländischen Kommunisten aufzuspüren und festzunehmen. Ihnen sollten strafbare Handlungen nachgewiesen werden. Neben den Polizeieinsätzen sollten Greiftrupps der Politischen Polizei (Staatsschutz) die polizeibekannten Provokateure festnehmen und sie erkennungsdienstlich behandeln. Ihre Bilder lagen bereit. Teufel war darunter, Dutschke, Lefevre, Nirumand u. a. Der Polizeipräsident und die Spezialisten des amerikanischen Stadtkommandanten waren überzeugt, daß es Ostagenten seien, die die Universitäten und insbesondere die FU aufmischen sollten. Der offensichtlich unter einer Kriegsneurose leidende und unlängst als Stasi-Agent enttarnte Polizist Karl-Heinz Kurras, der vom Osten in die eigenartige Truppe der Kommunistenjäger eingeschleust wurde, verlor die Selbstbeherrschung. Augenscheinlich wähnte er sich bei der Hetzjagd auf die Studenten wieder im Krieg an der Ostfront, zog den Revolver und erschoß Benno Ohnesorg. Fritz Teufel wurde noch durch die „Leberwurst“-Taktik genannte Abdrängungsstrategie von den „Kollegen“ gestellt und verhaftet. Als angeblicher Steinewerfer und Gewalttäter kam er vor Gericht.

Wie hunderte, tausende anderer Studenten kam Teufel nach dem Mauerbau 1961 nach West-Berlin. Das „Schaufenster der freien Welt“ war auch ein Biotop für Wehrdienstverweigerer aus Ost und West, die in den Hilfstruppen der Großmächte nicht dienen wollten. Hierher kamen die unterschiedlichen „Flüchtlingen“ aus den Dörfern und Kleinstädten der beiden Deutschlands, die der Trägheit, der Öde und dem Muff ihrer Milieus entrinnen wollten. Aus Westeuropa und von anderen Kontinenten kamen die Querdenker und die Revolutionäre, die hier Verbindungen suchten und für Revolutionen in ihren eigenen Ländern planten. Fritz Teufel lernten wir im SDS kennen. Dutschke und ich und die Akteure der Subversiven Aktion suchten nach Gleichgesinnten, nach jungen Leuten, denen der Sinn vorerst nicht nach vorgegebenen Lebensläufen und Karrieren stand.

Wir schufen im Rahmen des SDS einen Arbeitskreis, der sich mit den Theorien der internationalen Revolution befaßte und an einem Lebensexperiment arbeitete, wie aus der Isolation des Massenstudenten herauszutreten sei. Fritz Teufel begeisterte sich an den Linkstheorien, aber ein Theoretiker und Bücherwälzer war er nicht. Die Großstadt und das universitäre Milieu gab ihm Gelegenheit, seinen politischen Anarchismus mit seinem komödiantischem Talent zu verbinden, wenngleich er schwankte, ob er nun als Satiriker, Komödiant oder als Stückeschreiber auftreten sollte, der vor allem die komischen und verkrachten Seiten einer Mittelschicht auf’s Korn nahm. Er studierte im Fach Germanistik, aber nicht lang, und war an der Soziologie interessiert. Die Fesseln seiner Herkunft spürte er wohl, obwohl selbst seine Mutter und seine Brüder ihm durchaus zuredeten, alle Verklemmungen hinter sich zu lassen. Mit der Kommune streifte er das alles ab. Außer Dieter Kunzelmann, Dorothea Ridder, Volker Gebbert, Dagmar Seehuber, Agathe Hemmer, Antje Krüger und Hans-Joachim Hameister mochten wir anderen ihm dorthin nicht folgen. Unsere damaligen Herzensdamen wollten nicht, und seine, Fritz Teufels damalige große Liebe Sunhild eigentlich auch nicht. Und Langhans, der heute als Ahnherr der Kommune tingelt, sprang aus Liebespein erst sehr viel später in diese Lebens- und Liebesrunde am Stuttgarter Platz. Und nicht die Gruppenpsychologie stand am Anfang im Mittelpunkt dieser Lebensgemeinschaft, sondern die Provokation.

Die Polizeikommissare werden diese Entwicklung der Szene anders gesehen haben, kohärenter, strategischer. Daß SDS und Kommune sich absprachen und konzertierte Aktionen durchführten, lag für sie wohl auf der Hand. Während der SDS mit Flugblättern und inszenierten Debatten die Linksszene organisierte, drängte die Kommune auf praktische „Aufklärung“ durch Aktion und Provokation. Auf Großveranstaltungen und Teach-ins verbanden sich Linkstheorie auf der einen mit Polit-Spektakel und anarchischem Agit-Prop auf der andern Seite, Protest gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam mit den Ideen der sexuellen Revolution. Eine unschlagbare Mischung, um eine unruhige Generation im Aufbruch für sich zu gewinnen. Man dehnte die Idee einer kritischen Universität und der Studienreform in Konzeptionen der antiautoritären Erziehung. Das waren die Ansatzpunkte, die Hebel für eine „Kulturrevolution“, mit der man die trügerische und selbstbetrügerische Stabilität der Nachkriegsordnung ins Wanken zu bringen hoffte.
Und vor diesem Hintergrund hielt man Teufel und Dutschke als „gefährliche Rädelsführer“, die es aus dem Weg zu räumen galt, um wieder für „Ruhe und Ordnung“ im Land zu sorgen.

Während nach den tödlichen Schüssen auf Ohnesorg der gesamte Polizeiapparat sich schützend vor Karl-Heinz Kurras stellte, während geleugnet wurde, daß man überhaupt einen Schußwaffeneinsatz gegen die „Rädelsführer“ der Studenten vor der Oper geplant hatte, während die Rolle der „amerikanischen Polizei“ aus Tempelhof heruntergespielt wurde und Polizisten sich als Zeugen meldeten, die gesehen haben wollten, wie Teufel Polizisten mit Steinen attackiert habe, die er eigens aus einer von einem rund 3,5 Meter hohen Bauzaun umgebenen Baustelle herbeigeschafft haben soll, saß Fritz Teufel noch monatelang in Untersuchungshaft. Sein Rechtsanwalt Horst Mahler strengte sich an, Zeugen zu finden, die gegen eine geschlossene und abgestimmte Polizeizeugenschaft Fritz Teufel entlastende Beobachtungen zu Protokoll geben konnten. Unterstützt wurde er durch die „Allgemeinen Studentenausschüsse“ der westberliner Hochschulen, die Detail um Detail rekonstruierten und zahllose Bilddokumente beibringen konnten, die am Ende die Version der Anklage zunichte machten. Auch die überregionale und internationale Presse war aufmerksam geworden und nahm schließlich Partei für die Studenten, nachdem offenkundig wurde, daß in Westberlin Polizei, Medien, Parteien und Verbände die Manipulationen und Vertuschungen der Polizeitaktiker mitmachten. Diese „Justizkampagne“, die sich über Monate hinzog, entzündete den Protest einer studentischen Generation, die sich solches Polizeistaatsgebaren nicht bieten lassen wollte, und zu deren Symbolfigur Fritz Teufel wurde.

2. Juni

Bei unseren Gesprächen beim Ping-Pong wollte ich von Fritz Teufel wissen, was ihn eigentlich zum Sympathisanten der „Bewegung 2. Juni“ gemacht habe, und warum er über fünf Jahre, in denen er, als mutmaßlicher Mit-Entführer von Peter Lorenz galt, sein Alibi nicht preisgegeben hatte. Mir war schon klar, daß Fritz mir das nicht so ohne weiteres erzählen würde. Deshalb berichtete ich ihm von meiner letzten Zusammenkunft mit Jan Carl Raspe. Wir kannten uns aus dem SDS. Außerdem standen wir an der Universität unter der Obhut von Professor Dieter Claessens. Claessens wollte uns schützen und davor bewahren, in einen sinnlosen Untergrundkrieg zu treten. Anfang der siebziger Jahre trat Raspe an mich heran, um mir mitzuteilen, daß er sich der neu entstehenden Roten Armee Fraktion (RAF) anschließen wolle. Er forderte mich auf, es ihm gleichzutun. Dabei hatte ich längst beschlossen, so erzählte ich Fritz Teufel, den Schritt in den militanten Widerstand nicht zu vollziehen. Ich war überzeugt, daß Politik, Polizei und Staatsschutz nur darauf warteten, daß die „Revolutionäre“ diese Grenze überschreiten und sich dann der Möglichkeit begeben würden, den unzulänglichen Rechtsstaat mit seinen eigenen Mitteln zu entlarven. Ich sagte Raspe ins Gesicht, daß ich ihn, sollte er wirklich in den militanten Untergrund gehen, das nächste Mal in drei, vier Jahren „wiedersehen“ würde — auf seiner Beerdigung. Und Raspe konterte, er würde mich in ein paar Jahren in einer großen Kreuzberger Wohnung hinter Bücher- und Papierbergen als einen kleinen Professor sehen, unglücklich, drei Mal geschieden, vielfach zerrissen, mit Kindern, die kaum einen Zugang zu ihrem Vater fanden. Er spuckte aus. Ich zuckte die Achseln.
Fritz Teufel lachte. So, oder doch so ähnlich, sei es ja gekommen. Raspe starb jämmerlich in Stammheim. Ich selbst vollführte jahrein, jahraus die Sisyphos-Bahn akademischer Lehre mit all ihren bürokratischen Hemmnissen. Er allerdings würde Raspe näher stehen. Im Knast habe er gelernt, daß das bestehende, politische System den Rechtsstaat erniedrigte und zerstörte. Und er habe die Illusion verloren, den Beruf eines Lehrers oder eines Stückeschreibers ergreifen zu können. Über die Justiz und ihre Verfahren, über das Gehabe der Staatsanwälte und Richter habe er sich zwar lustig gemacht. Aber verändern können habe er nichts. Der Knast habe seinen Lebensplan zerstört. Im Lorenz-Prozeß habe er sein Alibi solange nicht preisgegeben, um zu dokumentieren, daß die Angeklagten vorverurteilt wurden. Die Medien benötigten Schuldige, um ihre Manipulationen und Niederlagen in der Vergangenheit vergessen zu machen. Die kleinen Journalisten seien oft rachsüchtig. Die Staatsanwälte standen unter Erfolgszwang, schon weil die Politik den militanten Widerstand erledigen wollte. Um dieses Geflecht in seiner ganzen Tragweite offenbar zu machen habe er über Jahre geschwiegen, obwohl er zum Zeitpunkt der Lorenz-Entführung in einer Klodeckelfabrik in Nordrheinwestfalen gearbeitet hatte. Ich blickte ihn erstaunt an. Sein Lächeln überzeugte mich. Wir waren beide Verlierer. Wir bereuten nichts.

Am Dienstag, den 6. Juli, ist Fritz Teufel an den Folgen seiner Parkinson-Krankheit gestorben.

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