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Inszenierte Demokratie

12. Oktober 2010

Die mediale Manipulation von Protest

 

Ausstellung zu 1968 im Haus der Geschichte in Bonn (Foto: Holger Ellgaard, Lizenz: cc-by-sa-3.0)

Ausstellung zu 1968 im Haus der Geschichte in Bonn (Foto: Holger Ellgaard, Lizenz: cc-by-sa-3.0)

 

Ein serbischer Professor, Milo Lompar, bat mich unlängst um ein Interview. Ich sollte über die Rolle der Abhauer aus dem Osten in der westlichen Studentenrevolte von 1967/68 berichten. Das Interview erschien Anfang Oktober in der Belgrader Zeitung „Peschat“. Diese Revolte war nach seiner Überzeugung der „Aufbruch“ einer Jugend in Gesamteuropa, in Ost und West, die einen Schlußstrich unter die Nachkriegszeit ziehen wollte. Die politischen Machthaber hatten auf beiden Seiten Europas abgewirtschaftet. Der jugendliche Aufbruch beeinflußte das intellektuelle Denken, das sich neue Themen suchte und den Anspruch hatte, die sozialen und die historischen Wissenschaften umzuwälzen, um die vorherrschenden Ideologien zu zerstören. Dieser Anspruch behauptete die Eigenständigkeit einer Generation, die sich gegen die Tradition genauso wehrte wie gegen die Ansprüche einer neuartigen Medienwelt, die in der Umwertung der Werte nichts übrig ließ als die banalen Geschichten von Moden, Starkult, Sport und Show. Die unterschiedlichen Kreise dieser Intelligentsia probten einen Aufstand, den sie nirgendwo zu Ende brachten. Sie organisierten sich über Projekte, Gruppen, Parteien, um der Revolte Kontinuität und Ziel zu geben. Sie starteten sogar den Versuch, die Kolonialrevolutionen auf Europa zu übertragen. Sie scheiterten alle. Sie wurden verhaftet, abgeurteilt, isoliert, eingekauft und funktionierten als die neuen Professoren, Regisseure, Kulturschaffende, Politiker, die nichts zu Wege brachten. Die Revolte endete in Schall und Rauch. Sie stiftete keinerlei Neubeginn, obwohl die Parteien heute „Achtundsechzig“ auf ihre Art „besetzten“ und als ihre „Revolution“ feierten, um zu verheimlichen, daß sie das Produkt einer „verordneten Demokratie“ sind und keinerlei Eigenständigkeit aufweisen. Unbewußt waren die Revolteure die Parteigänger der „amerikanischen Freiheit“ in beiden Europas.

Vor diesem Hintergrund sind die Fragen, die die nachfolgenden Texte leiten, zu sehen. Milo Lompar interessierte die „Sanftheit“ eines Protests, der zu keinem Zeitpunkt die Radikalität einer „sozialen Revolution“ barg. Die „Grüne Partei“, die irgendwann die Trümmer dieses Aufbruch aufnahm, war für ihn ein wichtiges Thema. Es konnte doch sein, daß in der „ökologischen Frage“ die rebellischen Ziele zum Ausdruck kamen? Die nationale Rückbesinnung bildete einen weiteren Fragenkomplex, denn in ihr wurde die Gegnerschaft zu den Großmächten sichtbar und wurden Aussagen über das wirkliche Verhältnis dieser Generation zur nationalen Tradition gemacht. Die Fragen über die deutsche Wirtschaft zielten auf die ökonomischen Analysen, die nach 1968 unter dem Vorzeichen der „Rekonstruktion des Marxismus“ gemacht wurden. Lompar wollte wissen, ob überhaupt ein „Begriff“ des amerikanischen Kapitalismus bestand. Welchen Stellenwert besaß das „Finanzkapital“ und wie war die Politik der „Paralyse“ oder der „inszenierten Demokratie“ in Bezug auf die parlamentarische Realität und die sozialen und nationalen Fragen einzuschätzen?

Ich habe, so gut es ging versucht, Antworten zu finden. Erst danach, zu Hause, habe ich analytische Kriterien entworfen, diese Fragen halbwegs nach dem Stand der Wissenschaften zu bewerten. Um die Lesbarkeit des Textes zu gewährleisten, verzichtete ich auf Fußnoten. Ich stelle die schriftliche Ausarbeitung hier auf meine Internetseite, weil sie die Artikelserie über „Karl den Großen, Ende und Anfang“ ergänzen und vertiefen.

Materielle Angebote an die studentischen Revolteure

Milo Lompar: Die studentische Revolte von „Achtundsechzig“ wird inzwischen von Zeitzeugen und Historikern als ein „sanfter Jugendprotest“ skizziert. Wie interpretieren Sie diese Aussage?

Das Jahr Achtundsechzig trug für West- und Osteuropa das Kennzeichen einer „revolutionären Situation“. Untergründig kündigten sich in Wirtschaft, Kultur und Politik Umbrüche an. Der „reale Sozialismus“ trug die Keime der Morbidität. Die westlichen Gesellschaften standen genauso vor einer Bewährungsprobe. Im Osten und im Westen mußten die  politischen Systeme sich als „Diktatur“ oder als „parlamentarische Demokratie“ behaupten. Die politischen Repräsentanten aus einer alten Generation fühlten sich wohl in der Geborgenheit einer Nachkriegsordnung. In Kultur, Parteien und Politik dominierte der Lebensstil dieser Autoritäten, die das Kriegsende überstanden hatten und stolz waren auf ihre Aufbauleistungen. In den Institutionen von Staat, Parteien, Bildung, Kultur machte sich ein subtiler „Feudalismus“ und die Herrschaftsform des „Patriarchats“ als Absicherung und Pathos breit. Die „alten Säcke“ verbauten der Jugend Aufstieg und Zukunft. Die „Radikalität der Revolte“ läßt sich  heute aus der Selbstgefälligkeit der alten Eliten erklären. Die Attacken im „Überbau“ und Politik trafen kaum den Nerv der Macht. Die Rebellen ähnelten als Agitatoren den „Priestern“ oder „Wahrsagern“ aus vergangenen Zeiten. Sie erahnten die Veränderungen im Nachkriegseuropa, ohne genau zu wissen, in welche Richtung die Umbrüche liefen. Ihre Utopien atmeten die Stimmung des Unbehagens. Sie waren kaum präzise oder rational angelegt, sondern versteckten sich hinter den Parolen ungleichzeitiger Revolutionen. Die Poster von Marx, Bakunin, Lenin und Trotzki wurden hochgehalten. Die chinesische Kulturrevolution und ihre Repräsentanten, etwa Mao oder Linpiao, dienten als Drohung an die alten Autoritäten im westlichen Europa. Ihnen würde das Gleiche passieren wie in China. Eine derartige  Radikalität war aufgesetzt. Sie verbarg nicht einmal den heimlichen Willen der Rebellen, selbst irgendwie zu Macht und Wohlstand zu kommen. Dieser rebellische Zwiespalt war für die Machthaber durchschaubar.

Sie lernten schnell, die Revolutionsgesten nicht ernstzunehmen. Hinzu kam, daß sozialdemokratische und gewerkschaftliche Funktionäre den Schwung der Revolte ausnutzten, eine neue Machtkonstellation anzustreben. Sozialdemokraten und Liberale einigten sich, unter einem Kanzler Willy Brandt, eine sozialliberale Regierung zu schmieden. Im Osten kamen kurzfristig die Reformer zum Zuge. Im Westen öffneten die Machthaber die „Schleusen“, um die rebellischen Aspiranten an den Massenuniversitäten oder im Bildungs- und Kulturbereich zu integrieren, denn sie selbst wollten über Reformen eine neue „Koalition“ festigen. Außerdem sollte eine Jugendrevolte nicht zu einer „soziale Revolution“ eskalieren, falls die Reste der Arbeiterklasse den „Funken“ aufnahmen. Diese Gefahr bestand schon deshalb nicht, weil die Rebellen über Moden, Musik und Lebensstil der entgrenzten Konsumgesellschaft die Tür öffneten. Mochten die Parolen anfangs antiamerikanisch ausgerichtet sein, die amerikanische Lebensart fand erst nach 1968 in der Jugend die volle Anerkennung.

Die Kooptationsfähigkeit im Westen war größer als im Osten. Die Reform der Bildung schuf unzählige Arbeitsplätze im „Mittelbau“. Der Staat investierte Milliardensummen in dieses Projekt. Die Krankheitssymptome im Osten zeigten sich darin, daß die Armee und die Geheimdienste aufmarschierten, um eine Reformdebatte zu beenden. Es fehlte an Geld und Ideen, eine „Diktatur“ von Innen her zu reformieren, ohne den Machtapparat von Partei und Repressionsapparat zu gefährden. Die „Sanftheit“ der Revolte im Westen ließ sich aus dem Willen der herrschenden Eliten erklären, die jugendlichen Rebellen aufzunehmen, würden sie ihren Revolutionsprinzipien abschwören. Berufsverbote, Spitzelberichte und „schwarze Listen“ verschafften diesem Ansinnen Nachdruck. Die jugendlichen Aufsteiger verstanden diese Warnungen sofort, denn sie kannten das Milieu der Staatsdiener, aus dem oft ihre Familien stammten. Außerdem wirkte der „deutsche Opportunismus“ seit 1933 wie eine Krankheit. Lediglich die RAF, „2. Juni“, „Revolutionäre Zellen“ oder die „Roten Brigaden“ zeugten von der ursprünglichen Radikalität, die Revolution der „Dritten Welt“ oder den Krieg in Vietnam auf Europa zu übertragen. Fraktionen oder Teilbewegungen der Revolte verweigerten sich dem Ansinnen, in die „falsche Bürgerlichkeit“ zurückzukehren. Außerdem hatten die USA ihren Krieg in Vietnam nicht beendet. Der sozialdemokratische Reformstaat konnte den Polizei- und Maßnahmestaat nur mühselig kaschieren. Das waren Gründe genug für die Rebellen, nicht abzurüsten. Die Farben der „Sanftheit“ galten primär für die Universitätsintelligenz, die sich begeistern konnte für die neuen Professoren- und Dozentenstellen, die ihnen angetragen wurden.

Lesen Sie hier die Fortsetzung dieses Themas.

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