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Jugendrevolten und Revolutionen in Osteuropa und in Asien

8. März 2011

Eine Rezension

Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft

Erwin K. Scheuch konnte für sich in Anspruch nehmen, so etwas zu sein wie ein „Fürst“ oder eine Koryphäe der deutschen Soziologie. Er trat in den fünfziger Jahren sehr schnell aus dem Schatten von Rene König heraus, der als der Gründer der „Kölner Zeitschrift für Soziologie“ und ihrer „Schule“ anzusehen war. „Köln“ verstand sich als ein Zentrum der empirischen Soziologie. Die unterschiedlichen sozialen Phänomene sollten über Umfragen ergründet werden. Die soziologische Theorie über die „Familie“, „Parteien“, „Jugend“ usw. war auf die Erkenntnisse der emirischen Erhebungen angewiesen. Dagegen bezog die „Kritische Theorie“ des Frankfurter Instituts für Sozialfoschung der Professoren Theodor W. Adorno und Max Horkheimer und ihrer „Nachfolger“ Ludwig v. Friedeburg, Jürgen Habermas und Oscar Negt eine Gegenposition. Ähnlich argumentierte die austromarxistische und „dialektisch“ bzw. philosophisch ausgerichtete Berliner Soziologie der Professoren Otto Stammer und Hansjoachim Lieber. Der Streit der fünfziger und sechziger Jahre über die „wissenschaftliche“ und „wahre“ Soziologie wäre heute vollkommen unverständlich, wenn nicht die späten Diskussionen in Indien und China diese Widersprüche für die Gegenwart benennen würden.

Die Frankfurter und Berliner Sozialwissenschaftler behaupteten, daß die empirische Forschung aus den Polizeiwissenschaften entstammte und zu dieser „Funktion“ zurückkehren würde, wurden nicht die Auftraggeber und die Ziele der Bestandsaufnahme von Gesellschaft benannt. Die GESTAPO und später der „Verfassungsschutz“ im Westen und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) im Osten konnten durchaus als riesige Forschungsinstitute betrachtet werden, die Zig Tausende „Interviewer“ als Spitzel in die unterschiedlichen Milieus der Gesellschaft aussandten, um abweichendes Verhalten, Widerspruch oder Widerstand festzustellen und zu verfolgen. Über die „Methoden“ der polizeilichen Sozialfoschung und über ihren Wahrheitsgehalt konnte gestritten werden, nicht jedoch darüber, daß über empirische Umfragen genauso Meinungen, Bedürfnisse, Wahlverhalten, Markenzeichen, Warenangebote, Symbole, Sympathien und Anpassungen festgestellt wurden, die der Polizei oder der Politik Hinweise über die Stimmungen in den unterschiedlichen Schichten, Generationen oder Berufsgruppen gaben. Derartige Meinungen und das Verhalten der „Konsumenten“ wurden von den „dialektisch“ inspirierten Theoretikern sogar mit einem neuartigen „Alltagsfaschismus“ verglichen. Eine „Kultur- und Medienindustrie“ schuf über Reklame und Inszenierung von Meinung Wohlverhalten und konstruierte eine „zweite Wirklichkeit“, aus der die Werte und Motive der „Meinungen“ entstammten. Eine derartige „Manipulation“ von Öffentlichkeit zerstörte den demokratischen Anspruch einer Republik.

Die Kölner antworteten auf diese Vorwürfe damit, daß das Ethos der Forscher eine offene Unterwerfung unter „Polizeiwissenschaft“ oder „Staatsaufsicht“ nicht zulassen würde. Die „empirische Forschung“ wurde jedoch als Bestandteil der freien Soziologie und der demokratischen Gesellschaft angesehen. Im Gegensatz zu den Ansprüchen der Kritiker, die Gesellschafts- und Herrschaftstheorie in den Vordergrund zu heben, stellten die Köllner das „Utopische“ und das „Pathetische“ derartiger Ansprüche heraus. Sie konnten sich leicht in „politische Religionen“ oder „Ideologien“ verfestigen. Derartige Bekenntnisse ließen keinerlei „Reflektion“ zu und waren auf „Glauben“ ausgerichtet. Erwin K. Scheuch wurde durch die Polemiken gegen die „Wiedertäufer der Wohlstandsgesellschaft“ 1968 berühmt. Er konnte sich dabei auf Professor Helmut Schelsky aus Münster berufen, der in seinen theoretischen und empirischen Studien das „nivellierte“ Mittelmaß einer Gesellschaft betonte. Die Auflösung der Klassengesellschaft in der NS – Diktatur und im Krieg setzte sich nach 1945 fort und war Beweis dafür, daß die vorerst unpolitischen Werte des Mittelstands selbst in den Unterschichten dominierten und sich auf Lebensstil, Konsumwerte und Statussymbole bezogen. Eine „Politisierung“ derartiger Ansprüche und Verhaltensweisen konnte nur von außen durch „Ideologien“ oder Propaganda geschehen, die aufgesetzt waren und das „Religiöse“ und „Priesterhafte“ der politischen Einflußnahmen betonten und kaum das allgemeine Meinungsbild langfristig beeindrucken konnten. Die unpolitische und zugleich materielle Gesinnung der Mittelschichten würde sich durchsetzen.

Im ostdeutschen Teilvolk entwickelten Konsumbedürfnisse und der hohe Lebensstandard im Westen in den achtziger Jahren neue Ansprüche, die sich mit der Kritik an der kommunistischen Plan- und Mangelwirtschaft verbanden. So manifestierte sich bei den Ostdeutschen ein Wille zur deutschen Einheit und zum „Weltmarkt“, der von den Westdeutschen vorerst kaum verstanden wurde. So erklärte Erwin K. Scheuch den chinesischen Soziologiekollegen dreißig Jahre nach dem „Methodenstreit“ der Soziologie in der westlichen Bundesrepublik die sozialen Hintergründe der deutschen Wiedervereinigung und betonte dadurch den Wirklichkeitsgehalt seiner empirisch ausgerichteten Soziologie. Nicht die Interpretation von Staatsmacht oder Parteienherrschaft gab die Stimmungen und Meinungen wieder. Sie mußten aus den vielfältigen Umfragen über Konsumgewohnheiten, schichtspezifische Lebensweisen, Familie, Generationsanalysen, Fallstudien und Bestandsaufnahmen der Arbeitswelten entschlüsselt werden.

Über das Ende des „Sozialismus“ in Europa und Asien

Erwin K. und Ute Scheuch reisten in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nach Indien und nach China, um hier an soziologischen Kongressen und Symposien teilzunehmen. Diese befaßten sich mit dem sozialen und traditionellen Aufbau dieser Länder und Kontinente. Die Zukunft und Realität der staatskapitalistischen Planwirtschaften, die Herrschaftsansprüchen der Eliten und ihre „Ideologien“ standen im Vordergrund der Debatten. Es konnte nicht ausbleiben, daß die „alten Fragen“ der theoretischen und empirischen Soziologie an Aktualität gewannen. In Indien und China regierten Eliten über westlich ausgerichtete „Modernisierungsideologien“, hierarchische Parteien und einem Staatsapparat, dessen repressive und polizeiliche Ausrichtung die kulturelle und ideologische Reproduktion von „Herrschaft“ legitimieren und absichern sollte. Diese Machteliten hatten historisch und aktuell den sozialen und politischen Zugang zu ihren „Völkern“ und den nachwachsenden „Generationen“ verloren. Ihre politische Abschottung mußte langfristig Gegenwehr und Aufstände bei der Masse der Unterpriviligierten und Arbeitslosen provozieren. Es war eine Frage der Zeit, wann soziale Unruhen oder der Protest der „Jugend“ die herrschenden Eliten und ihre politsischen Herrschaftssysteme hinwegfegen würden.

Der Zusammenbruch des „Realsozialismus“ in Zentral- und Osteuropa Ende der achtziger Jahre interessierte vor allem die „chinesischen Genossen“, die für ihren Herrschaftsbereich diesen Kollaps vermeiden wollten. Erwin K. Scheuch wurde nun nicht gerade zum Ratgeber der chinesischen Sicherheitsexperten, trotzdem gab er Hinweise und diskutierte „Zusammenhänge“, die sich aus dem historischen Scheitern des „Sozialismus“ in Europa ergaben. Er verwies dabei nicht allein auf seine Erfahrungen als Sozialforscher. Er gab den chinesischen Kollegen kund, daß nicht nur die „Politik“, „Geheimpolizei“ oder das „Militär“ im Westen auf den Zusammenfall des „Sozialismus“ vorbereitet wurde. Soziologen wurden zu Rate gezogen, diesen „Kollaps“ einer Gesellschaftsformation und einer Herrschaftsepoche zu beobachten und zu deuten. Erwin K. Scheuch wurde mit anderen Experten zu einem „Sozialismuskongreß“ in Boston, in USA, 1987 eingeladen. Nicht die östlichen Machthaber machten sich Sorgen über die Erusion und Auflösung ihrer Diktatur. Ihre ideologischen Borniertheiten ließen derartige Fragen nicht zu. Die us – amerikanische Großmacht USA wollte „Weichen“ stellen, um Krieg und Bürgerkriege in Europa zu vermeiden und um eine „akzeptable Landung“ dieser Umbrüche zu garantieren. Revolutionäre Umwälzungen sollten nicht stattfinden, schon um ein Echo in Westeuropa oder Nordamerika zu vermeiden. Außerdem sollten die westlichen „Werte“ auf den Osten übertragen werden. Die kommunistischen Machthaber sollten zwar ausgeschaltet werden, an eine Bestrafung oder gar „Rache“ wurde nicht gedacht. Sie sollten hineingenommen werden in eine neu entstehende pluralistische Parteiendemokratie, die ihr Vorbild im „Westen“ hatte.

Erwin K. Scheuch wurde von Professor Peter I. Berger vom „Institute for the Study of Economic Culture“ der Boston University angesprochen, an der Konferenz im Juni 1987 unter dem Titel „Is the Capitalism/Socialism Debate obsolate? A cross – national Assesment“ teilzunehmen. Viele Sozialwissenschaftler und Sicherheitsspezialisten aus Westeuropa, Lateinamerika und Asien debattierten über die „Zukunft“ des Sozialismus. Erwin K. Scheuch hatte für sein Referat ein Thema gefunden, das den Zustand der osteuropäischen Gesellschaften trotz aller Unterschiede genauso beleuchten konnte wie die politischen und sozialen Verhältnisse in Indien oder China. Der theoretische Begriff „Sozialismus“, den Karl Marx, W. I Lenin oder Mao Tse Tung als „Diktatur des Proletariats“ bzw. als „positive Aufhebung“ des Kapitalismus, als „Transformationsperiode“ entworfen hatten, ließ sich nur schwer auf die empirische Realität von Staatswirtschaft oder Staatskapitalismus übertragen. Trunksucht, Bürokratismus, sinkende Arbeitsproduktivität, Dekadenz, fehlende Moral, faktische Arbeitslosigkeit, Überbevölkerung, die „Reservearmee“ einer gut ausgebildeten Jugend ohne Berufsperspektive, Militarisierung der Gesellschaft, der Zerfall der Landwirtschaft, hohe Scheidungsraten usw. korrespondierten längst nicht mehr mit den hehren Versprechungen und Parolen der Propaganda. Die Sozialismustheorie nahm die Konturen einer schlechten Utopie an bzw. wurde zu einem „Negativbild“ gemacht. Sie wurde unbrauchbar, den Machtanspruch der oberen Parteikader und Militärs zu rechtfertigen. Zwar dominierten die alten Ansprüche von Diktatur und Zukunft, trotzdem gelangten neue Werte von Wohlstand, Konsum und Reisefreiheit über die weltweiten Fernseh- und Funkmedien in die Köpfe der Jugend und der Bürger. Vor allem die Jugend enthielt als Masse und neue Generation das Potential, den Protest gegen die „politische Fäulnis“ und gegen die „Auswegslosigkeit“ vorzustellen. Sie bildete zugleich die soziale Basis für „Opposition“, solange sie auf Schulen, Fachhochschulen, Lehre und Universität konzentriert war und den städtischen Raum für Demonstrationen besetzen konnte. Sie benötigte Köpfe, Biographien, Farben, Symbole, Kennzeichen, Treffpunkte, Parolen, um sich als Signal der Veränderung einzurichten und die soziale Alternative nach außen zu demonstrieren. Sie nutzte die neuen Medien des Internet, um so etwas wie „Organisation“ zu bilden. Sie wurde als „Masse“ zur politischen Kraft. Sie mußte bereit sein wie in den bürgerlichen Revolutionen des 19. und 20. Jahrhunderts, alles zu riskieren.

Der Spötter und Kritiker der westeuropäischen Studentenrevolte 1967/68, Erwin K, Scheuch, bestätigte in Boston und später in den Vorträgen in China und Indien, daß eine „nivellierte Mittelstands- und Konsumgesellschaft“ keinerlei „Klassen“, Schichten oder Organisationen kannte, die sich als ein „revolutionäres Subjekt“ aufspielen konnten. Lediglich ein „Überschuß“ an Jugend oder ein „Übermaß“ an Einwanderung von „Landvolk“ fremder Regionen bzw. der innere Zerfall kultureller und politischer Werte trug in die kapitalistischen oder staatswirtschaftlichen Gesellschaften den Bazillus von Aufruhr und Aufstand. Gelang die Integration der Jugend oder der Einwanderer nicht, entstand aus diesen Milieus der revolutionäre Wille von Veränderung. In Westeuropa mußten die Partisaneneinheiten von RAF, „2. Juni“ oder „Roten Brigaden“ oder die Gruppen des utopischen Kommunismus in dem Moment aufgeben, in dem die nachwachsenden Generationen ausblieben, Protest und Widerstand fortzusetzen. Die neu gegründeten „Massenuniversitäten“ und Gesamtschulen boten den Protagonisten der Revolte Beruf und Anstellung als Professoren, Assistenten und Lehrer. Sie verdienten „echtes Geld“ und verkörperten nun den „nivellierten“ Mittelstand. Ein ausgefeilter Konsummarkt bzw. die identische Produktivität von Arbeit und Industrie oder lukrative Berufsangebote hatten im westlichen Europa die politischen Alternativen von Protest zugeschüttet bzw. umgelenkt in die schrillen Jugendkulturen von Sport, Musik und Frohsinn. Den osteuropäischen Diktaturen war es verwehrt, die Jugend zu begeistern, weil keinerlei materielle Ressourcen oder „Freiräume“ vorhanden waren, die jungen Generationen in Beruf und Auskommen einzubinden. Die Militarisierung der Jugend entzündete irgendwann ein grundlegendes Unbehagen, das den Widerwillen an den staatlichen Kontrollen steigerte.

Erwin K. Scheuch zog ein erstes Resüme über den Niedergang des Sozialismus. Ein Zwangs- und Herrschaftssystem hatte die „Produktivität“ in der Wirtschaft und die ideologische „Rechtfertigung“ im Volk verloren. Es fand vor allem in den nachwachsenden Generationen keinerlei Anklang. Außerdem wurden vom westlichen Ausland Ziele und Hoffnungen gesetzt, die keinerlei Rückhalt im eigenen Land besaßen. Die „sozialistische Ordnung“ brach zusammen, weil den unterschiedlichen „Kategorien“ von Polizei und Armee versagt wurde, zu Gunsten der morbiden Machteliten einzugreifen. Außerdem wurde vom „Westen“ her diesen Eliten „Abfindungen“ und  „Perspektiven“ versprochen, die zwar die westlich kapitalistische Produktionsform, die Werte von Konsum und Status, Verfassung, Recht, Parteiendemokratie und „Staatsordnung“ enthielten, die jedoch offen blieben für die Millionenmasse der Mitläufer, Staatsdiener und Funktionäre von Partei, Propaganda und Polizeiapparat. Die Bestrafung der staatlichen „Gewalttäter“ wurde ausgeschlossen. Eine „Revolution“ ohne revolutionäre Erschütterungen wurde versprochen, eine „friedliche Revolution“, die weder Gewalt, Krieg und Bürgerkrieg kannte. In China staunten im „exklusiven Club“ der Akademie der Wissenschaften die Soziologen und Sicherheitsexperten und überlegten, ob sie eine derartige Adaption der „Produktivkräfte“ und Veränderung der Produktionsverhältnisse ohne fremde oder nordamerikanische „Entwicklungshilfe“ selbst leisten konnten.

Reisen in die alten Welten der Zukunft

Die Nivellierung der bürgerlichen Gesellschaft in den Status von Konsum und Inszenierung erinnerte durchaus an vorkapitalistische Sozialformationen, die durch Besetzung, Eroberung oder die Aufpropfung fremder Herrschaftsordnungen geprägt wurden. Die Hierarchie der Völker in Indien, der Hinduismus oder die Einflüsse des Islam oder der britischen Kolonialismus wiesen auf diese Vergangenheit. Sie zeigte sich im bunten Treiben und in der „Koexistenz“ der unterschiedlichen Völker und Kasten. Erwin K. Scheuch entfaltete seinen soziologischen Blick einer „Landvermessung“, denn er wußte, daß er in die Zukunft der europäischen Gesellschaften reiste. China litt ähnlich wie Indien an einer ländlichen Überbevölkerung und einer jugendlichen „Reservearmee“, die die städtische Kultur und die staatskapitalistische Planwirtschaft aus dem Konzept brachten.

In Indien und noch mehr in China wurde augenfällig, daß die Prozesse der „Nivellierung“ zur Ghettoisierung der unterschiedlichen Ethnien, Generationen, Schichten und Lebensformen führten. Die Städte wurden durchpflügt durch immer neue Wellen der Landflucht und der Neugründung von Barackenstädten, Werkstätten, Küchen, Privatmärkten und Lebensräume der Einwanderer, die neben der Planwirtschaft und der offiziellen Diktatur existierten. Der Staat mußte ein Netz der Kontrollen spannen und trotzdem verloren Parteien, Verbände, Polizei und Medien an Einfluß. Die Zugereisten, Neusiedler oder Immigranten schufen ihre eigene Ordnung von Religion, Reproduktion, Politik, Mafia und Verbindungen. Diese Doppelherrschaft von offiziellem Staat und inoffizieller Macht schuf Spannungen, die diese nivellierten Gesellschaften anfällig machten für Manipulationen und äußere Interventionen.

In der DDR und Osteuropa drängten nach 1989 die Spekulanten, Händler und Aufkäufer im Windschatten der Demonstranten einer friedlichen Opposition an die Futtertröge. Die alten Eliten ließen sich bestechen und erlaubten die Zugriffe auf Rohstoffe, Immobilien und den  materiellen Reichtum einer Gesellschaft, die in die Prozesse der Auflösung geriet. Die protestierende Jugend  machten den Weg frei für die „Spekulanten“ aus dem Westen. Diese sorgten dafür, daß die nachfolgenden Eliten im neuen Staat nicht aus der „Reihe“ tanzten.  Die neu „eroberten Regionen“ verloren ihre industrielle Grundlage und schickten ihr „werktätiges Volk“ in die Arbeitslosigkeit oder in die Abwanderung. Was würde der Kölner Soziologe zu den Gerüchten sagen, daß der Betrüger, Milliardär und Fondsmanager George Sorros eine Stiftung finanziert, die sich mit den „Jugendrevolten“ in der Ukraine, Serbien, Rußland, China und in den arabischen Ländern befaßt? Derartige Aufstände werden als Vorbereitung gesehen, einen Zugriff auf die materiellen Reichtümer durch westliche „Investoren“ zu erhalten. Die Aufstände und Revolten, so berechtigt sie sind, tragen dadurch die Konturen von „ausländischer Besetzung“ und „Konterrevolutionen“. Der „Revolutionsentwurf“ von Erwin K. Scheuch enthielt ein Nachspiel, das auf die internationalen Machtverhältnisse verwies.

Er würde antworten, daß Westeuropa und Nordamerika von parallelen Umbrüchen und Revolten bedroht wurde. Hier erlaubte allerdings die Nivellierung der Werte keinen gezielten Umsturz. Es gab keinelei Programmatik und Alternativen, die nicht durch Korruption bzw. durch Umwertungen aufgelöst werden konnten. Manipulierte Jugendkulte verdeckten ursprüngliche Anliegen bzw. opferten sie den Inszenierungen von Streit und Kampf gegen nationale Minderheiten oder Rassen, gegen den Neofaschismus, den Islam oder anderen neu erfundenen „Feindszenarien“. Dadurch wurde die Einheit von Opposition unterlaufen. Nivellierte Gesellschaften kannten kein allgemeines Maß. Sie zeigten sich ziellos und diffus. Sie trieben in die „politische Paralyse“, wo unzählige Fronten und Vorurteile jedes eindeutige Urteil zerschlugen. Die politischen Eliten aus Wirtschaft und Finanzkapital konnten unter derartigen Verhältnissen ohne Schwieirigkeiten ihre Interessen über Geheimabsprachen und „Verschwörungen“ umsetzen. Aufstände und Unruhen entstanden in Gesellschaften, die das „soziale Chaos“ bzw. die „Rückständigkeit“ über Planung, Diktatur und Erziehung überwinden wollten. Ein wachsendes „Durcheinander“ zu nutzen, um Herrschaft über  Medien, Manipulationen, Korruption und „soziale Paralysen“ zu stabilisieren, war ein altes asiatisches Herrschaftsmittel, das die Kolonialmächte im 19. Jahrhundert übernahmen und das nun in der Moderne von den alten „imperialistischen Mächten“ neu aufgelegt wurde.

Der Text von Ute Scheuch, nach dem plötzlichen Tod ihre Mannes verfaßt, ist bemüht, nicht primär Kongreßberichte wiederzugeben. Er ist eingebunden in Reisebeschreibungen oder Schilderungen über Land und Leute. Taxipreise, unwirsche Reiseführer, wundersame Winkel, verborgene Städte, Flüsse, Berge und Begebenheiten geraten dadurch kurzfristig in den Vordergrund, werden jedoch durch Gespräche, Reden, Lektüren und Kongreßberichte stets überlagert. Ute Scheuch will  die „soziologische Landvermessung“ verbinden mit der sozialen Theorie, Philosophien oder den Phänomenen und Aussagen einzelner Religionen und Ideologien. Das gelingt nicht immer. Zwischen den Zeilen entstand für den Rezensenten der vorgestellte Bericht über eine neuartige „Revolutionstheorie“, die die „Intuitionen“ von Erwin K. Scheuch aufnahm.

Erwin K. und Ute Scheuch: Indien und China – soziologische Einblicke, Edwin Feiger Verlag Bergisch Gladbach 2010

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