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Linksopposition im Visier von MfS und Verfassungsschutz

26. Mai 2011

Emblem des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (Quelle: Wikipedia / jgaray)

Die Hauptabteilung II (HA II) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gab in den sechziger und siebziger Jahren regelmäßig „Operativ – Informationen“ über den SDS und den Republikanischen Club (RC) bzw. über die Linksszene heraus. Sie wurden an den Genossen Minister, Armeegeneral Erich Mielke, gerichtet und erreichten über ihn das Politbüro der SED und den Ministerrat der DDR. Sie dienten dazu, die Führungsspitzen der deutschen Teilrepublik über die neuartige, außerparlamentarische Opposition (APO) in Westberlin und über die politische Lage in diesem westlichen Stadtteil zu informieren. Es galt abzuschätzen, inwieweit diese Opposition dort die politische Ordnung in Frage stellte und inwieweit sie die Einflußmöglichkeiten der SED – Westberlin (SEW) oder der DDR auf das politische Geschehen erweiterte. Außerdem wurde abgewogen, ob diese Opposition Einfluß nehmen konnte auf die innenpolitischen Verhältnisse der DDR, denn einzelne Exponenten dieser APO stammten aus der DDR, waren „Republikflüchtlinge“ und kombinierten die Ideologie des Marxismus – Leninismus mit den antikommunistischen Thesen von Anarchismus und Trotzkismus. Wachsamkeit war geboten. Operative Vorgänge wurden eingeleitet und Agenten wurden in die Reihen des Protests geschickt, um Einfluß zu nehmen.

Anfang 1968, das genaue Datum war unleserlich, wurde eine derartige „Information“ herausgegeben. Sie wertete Dokumente des Verfassungsschutzes aus, die dem MfS über „Zuträger“ zugeleitet wurden. Die „Information“ wurde mit dem Vermerk „streng vertraulich“ versehen. Die genaue Beschriftung oder andere Angaben wurden nicht preisgegeben, um Einblicke über die genaue Herkunft der Papiere zu vermeiden. Die Informationen wurden originalgetreu abgeschrieben. Eine elektrische Schreibmaschine wurde eingesetzt, die ein gleichmäßiges Schriftbild garantierte und mehrere Durchschläge bzw. Abzüge ermöglichte. In der Information wurde festgehalten, daß der westberliner Senat „Maßnahmen“ gegen den SDS und den RC eingeleitet hatte. Der Regierende Bürgermeister, Klaus Schütz, hatte das Landesamt für Verfassungsschutz angewiesen, über diese zwei Organisationen der APO „geheime Untersuchungen“ einzuleiten. Sie sollten unter eine „ständige Beobachtung“ gestellt werden, die die Kontakte der Opposition zu den politischen Parteien und zu den Gewerkschaften aufzeigte. Die Aktivitäten von SDS und RC, die Demonstrationen und Provokationen, hatten die alliierten Besatzungsbehörden veranlaßt, darauf hinzuweisen, falls der Senat nicht für die politische Stabilität und innere Sicherheit in Westberlin sorgen konnte, die Stadtkommandanten die „Ordnung in ihren Sektoren“ herstellen würden. Das konnte bedeuten, daß die alliierten Truppen kurzfristig eine Militärdiktatur errichten würden.

Der Regierende Bürgermeister ließ nach Auskunft des Papiers, des „Beutestücks“ aus dem Westen, Materialien vom Verfassungsschutz sammeln, um „geeignete Maßnahmen gegen SDS und RC einzuleiten“. Ein Verbot dieser zwei Organisationen sollte erreicht werden. Das konnte geschehen, falls verfassungs- bzw. alliiertenfeindliche und illegale Aktionen eindeutig nachgewiesen werden konnten. Außerdem interessierte der enge Bezug dieser Organisationen zur SEW, FDJ und zur Gesellschaft für Deutsch Sowjetische Freundschaft (DSF). Die Ostkontakte sollten aufgespürt werden, um herauszufinden, inwieweit die Sowjetunion oder die DDR die Radikalopposition beeinflußten. Das Projekt des Verfassungsschutzes zielte auf ein Verbot von SDS und RC und war zugleich langfristig angelegt, den neuartigen Charakter der APO aufzuspüren bzw. den Einfluß des Ostens aufzuspüren.

Nach den Geheimunterlagen des Verfassungsschutzes wurde ein Papier der Konrad – Adenauer – Stiftung vom Herbst 1967 über den SDS in der „Operativ – Information“  ausgewertet, um neue Kriterien über die APO zu erschließen. Die Detailkenntnisse in dieser Studie verwiesen auf Analytiker bzw. intime Kenner dieser Opposition, die sich einen informellen Zugang verschafft hatten. Da diese Skizzierung der Radikalopposition im Mittelpunkt der Berichte der Adenauerstiftung und des Verfassungsschutzes stand und außerdem vom MfS zur Kenntnis genommen und ausgewertet wurde, soll an dieser Stelle auf die personellen Hintergründe dieses Papiers eingegangen werden. Der Autor dieser Zeilen kannte aus „Zufall“ die beteiligten Personen.

Im Osteuropainstitut der Freien Universität arbeiteten zwei Wissenschaftler und zukünftige Professoren, Rene Ahlberg und Helmut Bütow, die sich im Rahmen des Lehrstuhls von Hansjochim Lieber mit der theoretischen Konzeption des Marxismus – Leninismus in der DDR und mit dem dissidenten Marxismus von Georg Lukacs und Ernst Bloch befaßten. Sie wandten sich 1967 den Phänomenen einer antiautoritären Theorie der Radikalopposition zu, die offensichtlich Ideen des kritischen Marxismus aufnahm. Sie beobachteten die Seminare von Hansjoachim Lieber, der sich zwischen 1966 und 1968 mit dem kritischen Marxismus von Karl Korsch, Otto Rühle, Georg Lukacs, Karl Wittfogel, Erich Fromm, Wilhelm Reich, Ernst Bloch u. a. auseinandersetzte. Zum gleichn Zeitpunkt veranstaltete Prof. Werner Philipp ein Seminar über das „vorrevolutionäre Denken“ in Rußland. Hier  standen Michail Bakunin und Petr Tkachev im Mittelpunkt der Dispute. Studenten des SDS nahmen die theoretischen Anregungen der Universitätssminare für ihre neuartige „Revolutionstheorie“ auf. Außerdem arbeitete Rudi Dutschke als „studentische Hilfskraft“ unter der Obhut von Professor Lieber am Osteuropainstitut. Er war zuständig für die „soziologische Bibliothek“ des Instituts und kaufte im Auftrag des Professors die Revolutionsliteratur aus den zwanziger Jahren bei den unterschiedlichen antiquarischen Buchläden und Archiven auf. Gleichzeitig unterrichtete er Stipendiaten der Konrad Adenauerstiftung aus Lateinamerika über die russische Revolutionsgeschichte. Hier lernte er den Rechtsanwalt und „Revolutionsdichter“ Gaston Salvatore aus Chile kennen, der in diesen zwei Jahren sein ständiger Begleiter wurde. Die Wissenschaftler Ahlberg und Bütow suchten viele Gelegenheiten, mit Dutschke über Organisation und Protest des SDS zu diskutieren. Derartige Informationen und Interpretationen fanden Eingang in der Studie der Adenauerstiftung über die neuartige Opposition. Diese informellen Hintergründe waren den Sachbearbeitern des Verfassungsschutzes sicherlich bekannt. Die „Genossen“ des MfS wunderten sich lediglich über die kenntnisreichen Fakten und Deutungen im Bericht.

Nach den Aussagen der Analytiker der parteinahen Stiftung bildete der SDS in Westberlin einen „regionalen Schwerpunkt“ neben den SDS – Gruppen in Frankfurt/Main, Köln, München, Hamburg, Freiburg und Marburg. In der Teilstadt agierten etwa 200 Mitglieder in diesem „Bund“, der jedoch über die allgemeinen Studentenausschüsse (ASTA) an den einzelnen Universitäten und über die Einflußnahme auf andere linksorientierte Studentengruppen den politischen Einfluß erhöhte. Bestimmte Schwerpunktthemen etwa über den „Krieg in Vietnam“, über die „Notstandsgesetze“, über die „Enteignung des Springerkonzerns“ oder über „Hochschulreformen“ bargen die Möglichkeit des SDS, Themen vorzugeben und auf auf studentischen Großveranstaltungen zu verbreiten. Dadurch profilierten sich einzelne „Theoretiker“, die gut vorbereitet die ideologische Bedeutung des SDS im Spektrum der APO unterstrichen. Die emotionale Ausrichtung der Mehrheit der Studenten auf linke Themen und Gesinnungen wurde durch den Auftritt einzelner Führungspersönlichkeiten aus dem SDS erreicht. Dadurch entstanden an den einzelnen Universitäten und in den studentischen Wohnbezirken links eingestimmte Milieus, in denen revolutionäre und antiautoritäre Minderheiten sich bewegten und für Sympathien warben. Diese Kombination von politischer Agitation in den Verbänden, von Auftritten in Großveranstaltungen, die Referate und Diskussionen in Seminaren und Vorlesungen der Professoren erlangte eine Ergänzung durch eine „politische Szene“ in bestimmten Stadtteilen. Hier bildeten einzelne große Wohnungen, aber vor allem Kneipen und Cafes, Bücherläden den „Resonanzboden“, das Bewußtsein zu schulen und zu vertiefen.

Den Analytikern der Adenauerstiftung und ihren Interpreten aus dem MfS reichte diese stimmungsmäßige Skizze des SDS nicht aus, um seine Bedeutung als Schwungrad in einer neuartigen Opposition zu erklären. Die unterschiedlichen Studentengremien bildeten die Plattform des SDS. Hier wurden die finanziellen Mittel für die ideologische Agitation zur Verfügung gestellt. In diesen „Studentenausschüssen“ und Fakultätsvertretungen gelang die Schulung und Beeinflussing der Studentenfunktionäre aus den anderen Verbänden. Sie übernahmen die Aufgabe, die hochschulpolitischen Ziele des SDS zu vertreten und stellten die hochrangigen  Sprecher und Mitläufer. Der 2. Juni, der Tod des Studenten Ohnesorg in Westberlin, erreichte über Presse und Fernsehen eine große Betroffenheit aller Studenten, die über einzelne „Aufklärungsaktionen“ vertieft wurde. Es gelang dem SDS, die Studentenausschüsse an den Universitäten einzusetzen und den Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) zu überzeugen, gegen die polizeilichen Übergriffe zu protestieren. Ein breites Bündnis linker Studentengruppen wurde hergestellt, die in SPD und FDP hineinreichten und die Gewerkschaften ansprachen und hier besonders die Industriegewerkschaften Metall und Chemie beeindruckten. Der SDS fand durch diese Kooperation eine politische Aufmerksamkeit, die das politische Klima der Bundesrepublik veränderte und die Wirkung in den politischen Parteien und in den Medien verstärkte. Dadurch wurden die unterschiedlichen „Kategorien“ der Schüler angesprochen und die Mehrheit der Studenten motiviert, sich mit den Thesen des SDS zu befassen. Dieser „Bund“ wirkte durch diese politische Einflußnahme und „Hegemonie“ in der Gesellschaft als Motor einer entstehenden Opposition, die zwar vorerst auf die „studentische und lernende Intelligenz“ beschränkt blieb, die sich jedoch deutlich absetzte von der vorherrschenden Politik und durchaus die Kraft aufbrachte, andere Schichten zu beeindrucken.

Die Analytiker der Adenauerstiftung und genauso die „Genossen“ des MfS dachten bei dieser Charakterisierung des SDS sicherlich an „politische Eliten“ oder an eine „Kaderorganisation“, die auf die ihr „entsprechenden“ Massen und Denkweisen einwirkte. Es fehlte in dieser Organisation allerdings der „demokratische Zentralismus“ und die einheitliche Mobilisierungsideologie. Die Rolle von Kadern oder Eliten übernahmen offensichtlich die einzelnen Initiativgruppen im SDS, die die Demonstrationen und Aktionen beeinflußten und über sie hinausgingen. Diesen Zusammenhang einer Aktionstaktik und der Rolle von Impulsgebern bzw. Agitationskernen galt es zu beschreiben. Das Papier der konservativen Stiftung zitierte Ekkehart Krippendorf, der die „Technik der direkten Aktion“ aus den USA übersetzte und verglich mit den Aktionen der „Subversiven Aktion“, der Kommune und des SDS. Nach Umfragen und nach der Untersuchung über „Student und Politik“, herausgegeben von Jürgen Habermas und Ludwig von Friedeburg, lehnten über 90% der Studenten die „direkte Gewalt“ ab. Der SDS mußte sich also „gewaltlos“ geben, um den Einfluß auf die Studentenschaften nicht zu riskieren. Die Polizei als Gewaltapparat, der Verfassungsstaat als Rechtsinstanz, die Medienöffentlichkeit als Meinungsmacher, beherrscht vom Springer – Konzern, demonstrierten auf der Seite des Staates eine offensive und zugleich latenten Gewalt. Durch Provokationen und Regelverletzungen mußten diese staatlichen Apparate veranlaßt werden, gewalttätig gegen die Demonstranten vorzugehen.

Der Staat mußte als der Akteur von Gewalt entlarvte werden. Er aktualisierte die Gewaltfrage, nicht die gewaltlosen Demonstranten. Die staatliche Gewaltpotenz als Rechtsstaat, Strafgesetz, Demonstrationsrecht, Polizei- und Sicherheitsdienst, als Regierung, Parteienstreit und innere Führung mußte provoziert werden, um dieses komplizierte „System“ staatlicher Gewalt zu veranlassen, das Recht auf freie Meinung oder die Freiheitsrechte zu brechen. In diesem Sinn wurde die Antischahdemonstration in Westberlin als Beispiel der latenten und der offenen Staatsgewalt angesehen, die eingesetzt wurde, um eine fiktive Staatsautorität, Sicherheitsauflagen oder das Besatzungsrecht der Alliierten aufrechtzuerhalten. Der Polizeieinsatz vor der „Oper“ gab jede Zurückhaltung auf und wahrte nicht das Demonstrationsrecht. Ein Zivilpolizist, eingesetzt, um Rädelführer aufzuspüren und zu vehaften, verlor die Nerven und erschoß einen ihm unbekannten Studenten. Gegen derartige „Gewaltexzesse“ protestierten die Studenten und eine liberale Öffentlichkeit. Die „Genossen“ des MfS staunten, denn die SDS – Theoretiker und Praktiker hatten eine „Aktionstheorie“ entworfen und auf ihre Weise Lenins „Staat und Revolution“ neu übersetzt und aktualisiert. Sie hatten die „Rechtsstaatlichkeit“ in ihrem subtilen Bezug zur „Ausnahme“ demaskiert.

Die „Genossen“ vom MfS lasen fasziniert die Textstellen der konservativen Analytiker der „Adenauerstiftung“, die offenbar einen besseren Zugang zu den Phänomenen einer neuartigen Opposition besaßen als sie selbst. Sie mußten den „Linksradikalismus“ in der „neuen Situation“ aus dem „kurzen Lehrgang der KPdSU“ oder aus Lenins Kritik des „Linksradikalismus“ entziffern, während die Konservativen zwar auch Vorbehalte hatten, jedoch neue Erkenntnisse der Parteien- und Staatsanalyse bzw. der „Massen- und Jugendpsychologie“ einsetzen konnten, um das studentische „Unbehagen“ am bestehenden Machtsystem zu erklären. Die „Genossen“ Offiziere wußten lediglich, daß der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht und das Politbüro der SED die studentische Opposition im Westen positiv einschätzten, denn endlich wurden ideologische Fronten und der Starssinn des Antikommunismus und des „Kalten Krieges“ relativiert und aufgebrochen, aber einen analytischen Zugang zum „Radikalismus“ hatten sie nicht. Sie folgten deshalb den konservativen Ideengebern und kombinierten wie diese die einzelnen „Fraktionen“ des SDS mit den Erfolgen dieser Organisation.

Eine revolutionär anarchistische Gruppe um Rudi Dutschke überspielte die Traditionalisten und Kommunisten im studentischen Verband und erreichte durch die Aktionen die breite Öffentlichkeit. Die Traditionalisten waren an Gewerkschaftsschulung und einer neuen „USPD“ interessiert, die den „Reformismus“ der Sozialdemokratie überwinden sollte. Die Kommunisten stritten für die völkerrechtliche Anerkennung des DDR und die Wiederzulassung der „KPD“, alles Themen, für die sich kaum jemand interessierte. Die revolutionäre Gruppe dagegen machte Front gegen die „Große Koalition“ und stellte in der Kritik an dem politischen Einheits- und Notstandsstaat den Parteienpluralismus insgesamt in Frage. Sie nahmen sogar das Tabuthema auf, daß die USA die politische Realität der westlichen Republik beeinflußte, weshalb der Vietnamprotest diese „Einheit der freien Welt“ in Frage stellte.

Für eine Erneurung der Demokratie einzutreten, zielte darauf, auf die Selbstverantwortung der Bürger zu pochen und den Notstandsstaat abzulehnen, der den Kern einer deformierten Parteiendemokratie zu bilden schien. Außerdem erleichterte die neuartige Demokratieauffassung die Einschätzung der Hochschulreform. Die Professorenkritik des SDS bezweifelte nicht den Charakter oder das Ziel wissenschaftlicher Arbeit, sondern zielte im Gegenteil auf eine demokratische Veränderung von Universität und Gesellschaft. Von der Universität her, von der „Demokratisierung“ der Hochschule her, sollte die demokratische Veränderung überbrachter Machtstrukturen in Staat und Gesellschaft eingeleitet werden. Die Sonderrolle und Borniertheit von Spezialisten und „Fachidioten“ an der Universität wurde in Frage gstellt. Die Forderung nach der „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“ fußte auf der Humboldtschen Universitätsreform, die die deutsche Universität nach 1810 auf die Höhe des Weltwissens gebracht hatte. Diese weitgesteckten Ziele verfolgten 1968 die Hochschulpolitiker des SDS. Über die Intelligenz, über das „Wissen“ sollten die Machteliten aus den Apparaten und Parteien abgelöst werden.

Erstaunt zeigten sich die konservativen Autoren der Studie und mit ihnen die „Genossen“ Offiziere des MfS über die „Bündnispolitik“ des SDS. Der sozialdemokratische Hochschulbund (SHB), der Liberale Studentenbund (LSD), die Humanistische Studentenunion (HSU), die Evangelische Studentengemeinde (ESG) und die Gewerkschaftsjugend vertraten längst SDS – Positionen und bildeten eine Koalition und studentische Einheit an den Hochschulen. Sogar die Technischen Universitäten und Ingenieursschulen, bisher eher unpolitisch, interessierten sich plötzlich für linke Politik. Der Einfluß reichte sogar in die studentischen Verbindungen und in den Ring christlich demokratischer Studenten (RCDS) hinein. Der Republikanische Club (RC) wurde in dieser Studie als Bündnisorganisation des SDS untersucht. Er sollte im städtischen Milieu Einzelpersonen und Gruppen der politischen Parteien und der Gewerkschaften ansprechen. In kurzer Zeit hatte der SDS an den großen Universitäten der Bundesrepublik einen Linksruck erreicht. Er würde über das studentische Milieu hinausgehen. Diese politische Kooperation innerhalb der „Studentenschaften“ und in den Stadtteilen konnte nicht nur mit dem Unbehagen einer jungen Generation an den politischen Verhältnissen erklärt werden. Es wurde eine Front eröffnet, die sich gegen eine „verordnete Demokratie“ richtete, die die westlichen Siegermächte ohne die Zustimmung der „Bürger“ in Westeuropa errichtet hatten. Die revolutionären Gruppen im SDS strebten den Status einer „politischen Macht“ an, die sich gegen die vorherrschend Politik stellen würde. Sie reichte über eine enge, parlamentarische Konzeption des „Politischen“ hinaus und würde die Gesamtheit der sozialen, demokratischen, emotionalen, kulturellen und existentiellen Beziehungen in einer Gesellschaft ansprechen. Der Begriff „Kulturrevolution“ umschrieb dieses Anliegen. Sie wurde als „chinesische Agitation“ parodiert, zielte jedoch darauf, die „Psychologie“ bzw. den „gesellschaftlichen Charakter“ von Ethik und Gehorsam zu zerstören bzw. zu verändern.

Diesen Erfolg wollte der SDS durch den Vietnamkongreß im Februar 1968 ausbauen. Eine innerstädtische Mobilisierung sollte erreicht werden, um andere Schichten und Gegner der vorherrschenden Politik zu interessieren. Die organisierte Arbeiterschaft als Gewerkschaft sollte beeindruckt werden. Außerdem sollten alle europäischen Linksgruppen gesammelt werden, um ein Bündnis in West- und Osteuropa zu erreichen, das die Großmächte und die einzelnen Regierungen herausforderte. Der Kampf gegen die NATO wurde aufgenommen, um diesen Militärpakt als Kriegs- und Interventionspakt zu entlarven. Er sicherte nicht nur die Einflußsphären und Rohstoffressourcen der nordamerikanischen Großmacht, er war zugleich auf „Bürgerkrieg“ angelegt. Gegen die sozialdemokratische Ideologie wurde Front gemacht, um die Kolaboration dieser Regierungspartei mit Kolonialismus und Imperialismus herauszustellen. Die sowjetische Innen- und Außenpolitik stand nach dieser Auffassung unter us- amerikanischen Druck und verweigerte Vietnam die notwendige Unterstützung. Außerdem stemmten die herrschenden Cliquen in Partei, Militär und Staatsapparat in Osteuropa sich gegen notwendige Reformen und die Fortsetzung der „Entstalinisierung“. Die Kritik an der politischen Macht in Westeuropa erreichte nun die Sowjetunion und die „Volksdemokratien“ selbst. Die Genossen des MfS horchten auf, denn die APO strebte einen internationalen Rahmen an. Sie zeigte offen neben den antikapitalistischen und antiimperialistischen Zielen eine antikommunistische Position. Nicht etwa nur Westberlin wurde als das „schwächste Glied“ der nordamerikanischen Macht angesehen, sondern die DDR und die Sowjetunion wurden als morbide Gesellschaftsformen betrachtet. Die „Genossen“ Offiziere rieben sich erstaunt die Augen.

Die konservativen Autoren kennzeichneten die Vorgehensweise des SDS an Universität und Gesellschaft als „innerstädtischen Mobilisierungsfaktor“ und machten dadurch deutlich, daß diese Organisation einen neuen Status anstrebte und ideologisch und organisatorisch über „rote Zellen“ bzw. „Basisgruppen“ einen neuen Zuschnitt als Gegenmacht zur parlamentarischen Demokratie anstrebte. Inzwischen mußten die Genossen des MfS sich fragen, ob die Analytiker der Adenauerstiftung nicht zugleich für den Verfassungsschutz arbeiteten, denn zu eng war ihr Bezug zu den „Metamorphosen“ der neuartigen Opposition. Sie werteten interne Informationen aus und verfolgten das Kalkül, die Taktik des möglichen Umsturzes oder der grundlegenden Destabilisierung der westlichen Ordnung aufzudecken, die in den Aktionen und der Politik des SDS angelegt waren. Sicherlich wollten sie die Parteioberen der CDU aufrütteln, diesen studentischen Protest endlich ernstzunehmen. Bei den „Kollegen“ vom MfS erreichten sie nur Erstaunen und das Bedürfnis, genauer und besser an das Material des Verfassungsschutzes heranzukommen. Wie sollten sie nachvollziehen können, daß die westliche Universität, die Großstadt, ihre Lebensformen und die Verselbständigung von Staatspolitik Räume für eine Opposition freigaben, in denen sie ihre Alternativen experimentell vorstellten? Wie sollten sie verstehen, daß der Protest gegen den Staat auf eine „Systemkritik“ zulief, die den Sozialstaat im Kontext mit dem Sicherheitsstaat sah, die als „Apparate“ oder als „Institution“ die Gesamtheit von Gesellschaft unter Kontrolle stellen wollten? Wie sollten sie nachvollziehen, daß „Arbeit“ in diesem Verwaltungsstaat den „produktiven“ und „lebendigen“ Charakter aufgab und als Beschäftigung, Therapie, Kontrolle, Aufsicht, Pflege, Hierarchie, Privileg und Abgrenzung eingerichtet wurde? Überhaupt fand der „Arbeitsbegriff“ in der Mangel- und Planwirtschaft der DDR keinerlei Aufmerksamkeit. Primär im Westen wurde die Freisetzung der produktiven Arbeit durch die automatische Maschinenproduktion diskutiert, die die Konsequenz aufwies, diese Arbeitsform überhaupt abzuschaffen und durch Schein- bzw. Dienstleistungsarbeit zu ersetzen. Wie sollten die „Genossen“ Offiziere begreifen, daß die Medien im Westen zusammen mit der Reklame einen „totalitären Zuschnitt“ erreichten und die Lebensformen der Konsumenten inszenierten bzw. parodierten und zum Abbild von Markenzeichen erniedrigten? Wie sollten sie wissen, daß hinter der „inszenierten Politik“ der Regierungsparteien und ihrer Opposition eine Medien- und Polizeidiktatur lauerte?

Die Analytiker der Adenauerstiftung oder des Verfassungsschutzes ahnten, daß mit den Thesen vom subjektiven Faktor, die der SDS vertrat, eine Offensivpolitik angesprochen wurde, die subjektiven Aktionen der APO zu den objektiven Bedingungen der Gesellschaft zu erheben. Nicht eine Krise würde den modernen Kapitalismus in die Knie zwingen, sondern die Unregierbarkeit einer Gesellschaft und die Paralyse sozialer Beziehungen würden die Menschen ermutigen, selbst zu handeln und zu agieren. Der Partisanen- und Stadtkrieg wurde lediglich als Gegenwehr diskutiert, falls der Sicherheitsstaat den gesellschaftlichen Zusammenbruch verhindern wollte und die Demokratie in eine Diktatur verwandelte. Es ist an Hand der „Operativinformation“ nicht zu ermessen, welche Passagen vom Verfassungsschutz oder von den Analytikern der Adenauerstiftung übernommen wurden oder welche Abschnitte die Aussagen des MfS enthalten. Die „Genossen“ wollten sich ohne Zweifel mit Interpretationen schmücken, die nicht aus dem „Fundus“ des Marxismus – Leninismus stammen konnten, wurden doch hier die Probleme des „Überbaus“ oder einer „materiellen Psychologie“ äußerst oberflächlich behandelt, während sie in den Sozialwissenschaften des Westens einen zentralen Stellenwert erreichten. Die „Genossen“ schienen sogar mit dem SDS zu sympathisieren, denn eine derartige Duchschlagskraft hatte bisher weder die illegale KPD, noch die DDR – Politik, noch die „große Sowjetunion“ erreicht. Die Gefahr der Parteinahme und Sympathie erkannten sehr schnell die „Genossen“ Generäle des MfS, denn sie ließen von den bewährten Gesellschaftstheoretikern der Humboldt – Universität und der Hochschule für Rechtswissenschaften in Babelsberg Schulungsmaterial erstellen, das sich mit dem „linksradikalen Extremismus“ befaßte und die richtige Linie gegen „Anarchismus“, „Trotzkismus“ und „Maoismus“ vorgab. Den „Genossen“ wurde eingeschärft, daß diese Ideologien gegen „die Klassiker des wissenschaftlichen Sozialismus“ gerichtet waren und nicht nur den westlichen Imperialismus destabilisierten, sondern zugleich den „realexistierenden Sozialismus“ in die „Krise“ treiben konnten.

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