Skip to content

Dutschkes Deutschland. Eine Rezension

26. Juli 2011
Tilman Fichter / Siegward Lönnendonker: "Dutschkes Deutschland", Klartext Verlag, Essen 2011

Tilman Fichter / Siegward Lönnendonker: "Dutschkes Deutschland", Klartext Verlag, Essen 2011

ZUR IDEE EINER EPOCHE

Der Titel bereits stiftet Erstaunen. War Rudi Dutschke ein deutscher Kanzler wie Fürst Bismarck, Willy Brandt oder Angela Merkel? Hat er Deutschland politisch in zähen Verhandlungen mit Rußland, England oder USA neu gestaltet? Hat er die deutsche Einheit zu verantworten? Nein, er wird in diesem Buch als Visionär, Utopist und Spinner vorgestellt. Er besaß keinerlei Macht. Niemand hörte auf ihn. Alte Freunde wollen heute an ihn erinnern. Ihr Computer, ein Papierkorb und Schriftensammler, spuckt einzelne Texte und lange Passagen aus und führt den Leser in ein Labyrinth von Ideen und Vorurteilen. Ehe wir auf einzelne Aussagen und Interpretationen eingehen, soll Dutschke an dieser Stelle als Denker kurz skizziert werden.

Die deutsche Ideologie der zwei Deutschlands folgte in den sechziger Jahren dem Propagandabild der zwei Groß- und Besatzungsmächte. In Teheran, Jalta und Potsdam wurde die Spaltung Deutschlands festgelegt, um zu vermeiden, dass von diesem Staat neue Kriege auf den Weg gebracht wurden. Dieses Volk der Krieger und Killer sollte umerzogen und politisch neu gefügt werden. Nach Vorbild der UdSSR wurde eine „Diktatur“ in der DDR errichtet. Die USA und ihre westlichen Verbündeten bestanden darauf, in der Bundesrepublik eine „wehrhafte“ und westliche Demokratie zu schaffen. Jeweils eine „nationale Front“ oder eine „große Koalition“ koordinierten die politischen Kräfte in der Ost- oder Westrepublik. Die Ideologie in der DDR wurde „antifaschistisch“ und pro-russisch, sozialistisch angelegt. In der Bundesrepublik wurde der Antikommunismus und die Formen der nordamerikanischen Demokratie favorisiert. Selbst die offene oder heimliche Opposition geriet in den Bann des jeweils vorherrschenden Denkens. Über die Grenzen der neuen Ordnungen hinauszudenken, wagten nur wenige Intellektuelle.

Selbst die Theorien und Ideologien in den verfeindeten Parteifronten wiesen Ähnlichkeiten auf. Ob „soziale Marktwirtschaft“, „staatsmonopolistischer Kapitalismus“, „realer Sozialismus“, „organisierter Kapitalismus“, überall wurde die Gesellschaft als „riesige Maschine“ gezeichnet. Die Oberingenieure und Maschinisten unterschieden sich. Sie steuerten die jeweilige „Staatsmaschine“. Deren Funktionen, Gesetzmäßigkeiten, Mechanismen waren äusserst rational angelegt. Lediglich der Aufbau und die Ziele mußten geändert werden, um einen idealen Sozialismus oder Kapitalismus zu erreichen. Alle, die diesen rationalen Pragmatismus oder die Disposition von rationaler Herrschaft nicht anerkannten, wurden je nach Position als Terroristen, Chaoten, Kommunisten oder Faschisten tituliert. Sie folgten den irrationalen Prämissen von Zerstörung und Wahn. Der Osten entdeckte in der Westrepublik die Wiederkehr eines „mystischen Faschismus“ als viertes Reich oder Ausnahmestaat. Der Westen interpretierte die Ostrepublik als Zuchthaus, Willkürstaat, Diktatur oder Arbeitslager. Die Beweise schienen auf der Hand zu liegen. Im Westen waren im Justiz und Staatsapparat alte Nazis zu finden. Im Osten regierten die Parteispitze und der Geheimdienst in die Gesellschaft hinein, verachteten jeden Rechtsanspruch der Bürger und trieben sie zur Massenflucht.

Kritische Denker wie Dutschke mußten diese ideologischen Fronten überwinden, wollten sie einen „Begriff“ von Wirklichkeit gewinnen. Sie mußten ausscheren aus den politischen „Mobilmachungen“, die durch Aufrüstung, Militärmacht, Manöver, Bündnisse den dritten Weltkrieg vorbereiteten und jeweils den Bürgerkrieg beim Gegner anpeilten. Kritische Denker benötigten Ideen, die außerhalb der Inszenierung einer politischen Öffentlichkeit angelegt waren. Allein die Machtsprache mußte überwunden werden. Derartige Abweichungen wurden als Linksradikalismus, „Linksfaschismus“, Anarchismus, Krankheit oder Neurose charakterisiert. Dutschke diskutierte über die Visionen und Begriffe vom „Ende der Rekonstuktionsperiode“, „Niedergang“, „nationaler Befreiung“, „Asiatschina“ u. a. den Zerfall der Großmächte Sowjetunion und USA. Ihm ging es darum, über das Jahr „1945“ hinauszukommen. Er wollte wissen, wohin die sozialen Transformationen liefen. Wie würde das neue Jahrtausend aussehen? Die Befreiungskriege in Asien, Afrika und Lateinamerika und die zukünftigen Erschütterungen in den beiden Europas signalisierten Unruhen, die ein „subjektive Faktor“ gestalten konnte. Zentraleuropa würde im Zentrum all der Ereignisse liegen, weshalb die deutsche Einheit und die nationale Frage den Drehpunkt einer europäischen und internationalen Revolution darstellen würde. Die UdSSR würde das Jahr 2000 nicht erreichen. Der Kriegskommunismus Stalinscher Prägung war nicht reformierbar und würde zusammenbrechen.  In den USA würden die weißen Rassen ihre Vormacht verlieren. Ein Kampf der Kulturen würde entbrennen und diese Großmacht in den Strudel des Zerfalls reißen. Diese Grundimpulse von Revolution mußten die deutschen und europäischen Revolutionäre ausnutzen, um eine neue Welt aufzubauen.

DIE „RÄUME“ EINES KRITISCHEN DENKENS

Die Idee einer Epoche herauszuarbeiten, war gleichzeitig spekulativ und notwendig. Die ideologische Faszination oder Parteilichkeit waren nur schwer überwindbar, denn sie lebten vom Lagerdenken, von der alltäglichen Manipulation bzw. vom Übergewicht der staatlichen Propagandaapparate oder der monopolisierten und zentralen Medien. Die „Ingenieure der Seele“ gruben sich tief hinein in die Massenpsychologie. Dutschke verfolgte mehrere Wege zum kritischen Denken. Der christliche Glaube half ihn, Mut zu finden und sich frei zu machen von der Uniformität der Fronten. Der Utopismus eines Ernst Bloch, eines Karl Mannheims oder eines Karl Löwith nahm die christlichen Glaubenssätze auf und radikalisierte sie zur Hoffnung auf Freiheit und Emanzipation. Der Anarchismus eines Bakunin betonte den unbändigen Freiheitswillen des Einzelnen und ironisierte den Machtanspruch intellektueller Parteigänger und verwies auf den Marxismus als Definition einer neuen Diktatur. Herbert Marcuse thematisierte den Zerfall der Klassen und die Herausbildung einer Massengesellschaft, die jegliche Subjektivität einbüßte. Für Karl Korsch war der Marxismus „Ideologie“, Legitimation von Diktaturen, Staaten und Parteien und büßte allein dadurch den Anspruch von Kritik ein, falls er nicht zu seinen utopischen und anarchistischen Wurzeln zurückfand.

Der christliche Glaube erleichterte es Dutschke, sich allen Ansprüchen von Politik, Staat, Macht oder Herrschaft zu entwinden. Der katholische oder protestantische Glaube war nicht gleichzusetzen mit dem Rationalitätsanspruch einer Bank, eines Betriebes oder eines Staates, sondern thematisierte die Gerechtigkeit, die Sünde, den Tod und das Leiden des Menschengottes. Die Utopie wollte das Gottesreich auf Erden errichten und setzte auf die Hoffnung und den Willen, jeden Zwang abzulehnen. Der Anarchismus war gegen jede Form von Herrschaft gerichtet. Die Reduktion des menschlichen Seins auf die abstrakte Masse zerstörte den Freiheitswillen in der Gesellschaft. Die theoretische Kritik verkam zur Legitimation von Macht und Herrschaft, verlor sie den Bezug zur konkreten und individuellen Freiheit. Das waren die Aussagen, die Dutschke in den Kritikbegriff des jungen Marx einpflanzte. Dadurch entfernte er sich von der Marx’schen Abstraktion einer Kritik der politischen Ökonomie. Die unterschiedlichen Marx-Schulen, genauso die soziologischen Maschinenphantasten und Funktionalisten bekämpften ihn deshalb. Jürgen Habermas steigerte sich zum Vorwurf des „Linksfaschismus“. Damit waren alle gemeint: der junge Marx, Ernst Bloch, Michail Bakunin, Herbert Marcuse, Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger. Die soziologischen Priester experimentierten bereits mit einem „mystischen Feindbegriff“ für die Zukunft, um das freie Denken erneut einzufangen.

Dutschke benötigte deshalb einen „Raum“, wo er kühn seine Thesen vertreten konnte. Er fand ihn in der „Jungen Gemeinde“ in einer Kleinstadt der DDR und in einer Situation, die durch den XX. Parteitag der KPdSU bestimmt wurde. Rias Berlin lieferte die Kommentare zur hilflosen Propaganda des Marxismus – Leninismus. Im Westen angekommen, schuf das Jahr des „Westabiturs“ die Atmosphäre, über die Flucht und über die Zukunft der zwei Deutschlands zu reden. Die Seminare an der Freien Universität boten danach den „Raum“, aus der gehegten und ideologischen Welt von Nachkriegsdeutschland herauszufinden. Hier setzte er sich bei Professor Werner Philipp mit dem vorrevolutionären Denkens Rußlands auseinander, das im 19. Jahrhundert noch unberührt war vom europäischen Denken der „bürgerlichen Gesellschaft“. Er schrieb über Michail Bakunin. Die jüdischen Denker der „Kritischen Theorie“, soziale Außenseiter wie die russische Intelligentsia, standen in den philosophischen Seminaren bei Professor Hansjoachim Lieber im Mittelpunkt des Interesses. Theoretiker wie Korsch, Benjamin, Wittfogel, Marcuse, Adorno oder Horkheimer hatten die anarchistische Herrschaftskritik aufgenommen, um den Zustand der amerikanischen Konsumgesellschaft der Zukunft zu gewichten. Die Seminare von Otto Stammer, Ossip K. Flechtheim und Ernst Fraenkel gaben erste Hinweise auf die Staats- und Materialismusauffassung von Otto Bauer, Rudolf Hilferding, Hans Kelsen, Karl Kautsky und auf den dissidenten Kommunismus von Augst Thalheimer, Nikolai Bucharin, Brandler u. a. Die „Subversive Aktion“ gab Mut, die ideologischen Schranken endgültig zu überwinden, um aus der „politischen Situation“ die Ästhetik und den „Realismus“ der Zeit herauszulesen. Geschichte würde sich nicht wiederholen. So wie die faschistischen oder nationalsozialistischen Gesellschaften im II. Weltkrieg besiegt wurden, so würdem alle Varianten von Stalinismus und Kriegskommunismus an den sozialen Widersprüchen zerbrechen. Nordamerika würde in Europa triumphieren und zugleich die Erbschaften „autoritärer Herrschaft“ aufnehmen und daran kaputt gehen. Diese Perspektiven wurden bereits im SDS diskutiert, der kurzfristig den neuen „Rückhalt“ bot, die soziale Revolution für Zentraleuropa aufzunehmen, ehe die unterschiedlichen Ideologen und Einflußnehmer auch diesen „Freiraum“ zerstörten.

Die jungen Generationen weigerten sich längst, die Nachkriegskultur und den Aufbaugeist der Elterngeneration aufzunehmen. Musik, Moden, Haarschnitt, Krawalle, Rock’n Roll gaben  Auskunft über ein unpolitisches Aufbegehren gegen die Werte der alten Welt. Dutschke und vor allem die Provokationen der Kommune würden die bürgerlichen Schichten der jungen Generationen politisieren und mitreißen. Die „Ideen einer Epoche“, so wie Dutschke sie vortrug, wurden anfangs kaum verstanden. Aber sie gaben seinem „Charisma“ Klang und Form. Er sang regelrecht seine Texte und wirkte als Barde und Darsteller des Revolutionärs aus dem vergangenen Jahrhundert. Weil er eine feste Position vortrug, konnte er all die Zögerer und Skeptiker mitreißen und begeistern. Er intonierte wie Mick Jagger den Song der Revolution und erntete Beifall. Dutschke oder Teufel gaben dadurch einer revoltierenden Generation ein Gesicht und eine Stimme.

Dieser Zusammenhang von Idee, Theorie und Persönlichkeit hätte dem vorliegenden Text von Fichter und Lönnendonker Farbe und Stärke gegeben. Sie verlieren sich stattdessen in einer diffusen Organisations- und Theoriegeschichte. Unzählige Streitpunkte, Persönlichkeiten und Themen werden genannt, ohne daß ein roter Faden sichtbar wird. Es wird lediglich angedeutet, daß die sozialistischen Intellektuellen den Schutz der SPD verloren, weil diese Partei den nationalen Anspruch aufgab und auf die Zweistaatlichkeit Deutschlands einschwenkte. Adenauers Deutschland, die Westbindung, wurde favorisiert und Herbert Wehner war bemüht, die wenigen Gegner zum neuen Kurs der SPD heraus zu drängen. Schon deshalb kappte er die Verbindungen zum SDS. Hier hatte die Relikte und Ruinen eines historischen Sozialismus Heimstatt gefunden. Die illegale KPD schickte ihre Intelligenz in diese Organisation, um halbwegs legal an den Universitäten agieren zu können. In diesen SDS gingen Dutschke, Kunzelmann und ich Mitte der sechziger Jahre, um Mitstreiter zu finden und um diesen „Bund“ aufzusprengen in „revolutionären Kommunen“ des Umsturzes. Diese Tatsachen werden bei Fichter und Lönnendonker mühselig nacherzählt und mit Fußnoten belegt.

NATIONALISMUS UNTER VERDACHT

Der Vowurf des „Linksfaschismus“ gegen Dutschke, bereits im Juni 1967 durch den kommenden Chefdenker der Sozialliberalen Koalition, Jürgen Habermas, vorgetragen, belegte, dass die „Studentenrevolte“ mit einem Feindbild charakterisiert wurde, das die Nähe zum „Bösen“ und zum „absoluten Gegner“ der freiheitlich demokratischen Ordnung suggerieren sollte. Die bestehenden „Spielregeln“ von Öffentlichkeit und Ordnung anzuzweifeln und zu verletzen oder die „latente Gewalt“ aktueller Macht und Herrschaft herauszufordern, wurden als der „neue Faschismus“ von Habermas skizziert. Jede Kritik unterlag dem Faschismusverdacht. Das war ein „Maulkorb“. Mit „Faschismus“ wurden ein radikaler Individualismus, die Propaganda der Tat, die Provokation einer inszenierten Öffentlichkeit oder des Polizeiapparates, die kollektive Aktion, das Happening von Teach-in und spontanen Demonstrationen gleichgesetzt. Alles wurde unter „Faschismus“ subsumierte, das den Regeln einer wehrhaften Demokratie oder der Manipulation der Öffentlichkeit widersprach. Konservative Denker wie Erwin K. Scheuch oder Helmut Schelsky hatten noch das Religiöse und den Fanatismus der Revolte betont und die Formen der utopischen Selbstdarstellung mit den „Wiedertäufern“ oder mit der „Priesterherrschaft“ des Jesuitenordens verglichen. Der Vorwurf des Linksfaschismus subsumierte alle Formen von Protest, die nicht der „Rationalität“ der Staats- und Rechtsmaschine entsprachen, in die „Faschismusanalogie“, so als würde sich Geschichte permanent wiederholen, lief sie aus der Bahn der Maschinenlogik. Sogar ein „herrschaftsfreier Dialog“ wurde erfunden und so getan, als hätte die gesellschaftliche Moderne als eine letzte Gesellschaftsformation alle Widersprüche und Konflikte eingeebnet.

Diese „Freund – Feind – Dialektik“ wurde aus dem Nationalsozialismus und aus dem Kriegskommunismus auf die westliche Demokratie nach 1960 übertragen. Nach 1990, nach der Integration der Partei- und Staatskader der DDR in die „wehrhafte Demokratie“, wurde der „Antifaschismus“ in die Legitimation der neuen Ordnung übernommen, staatlich gefördert und zur Staatsdoktrin erhoben. Ein dämonischer Feind, dargestellt als jüdischer Bolschewismus, Kommunismus oder Finanzkapital, sollte in der NS – Diktatur antikapitalistische und antikommunistische Ziele verbinden und zugleich eine Bedrohung schaffen, die den Terror gegen die politischen Gegner und die Aufrüstung und Kriegspolitik rechtfertigte. Dieser Feind lenkte ab und er gab der „Ermächtigung“ des „Führers“ und der Ausrichtung einer Diktatur Programm und Radikalität. Der Antifaschismus der DDR bezog sich nach 1949 auf die Kriegsverbrechen der NS – Diktatur, sollte jedoch den politischen Gegner in der DDR diskreditieren und die Bundesrepublik als potentiell faschistischen Staat kennzeichnen. Der „Feind“ verlor die konkret rechtsstaatliche und politische Größe und wurde in eine abstrakte Bedrohung übersetzt. Er war überall zu finden, hauste sogar in den eigenen Gedanken und Wünschen und mußte als Versuchung und Realität radikal bekämpft werden. Er gewann dadurch das Aussehen des „Teufels“ aus dem Mittelalter und er sprach das Gebot und den Befehl aus, den bestehenden Sozialismus bedingungslos anzuerkennen. Er verpflichtete die Ostbürger, die Politik der DDR – Diktatur zu akzeptieren und sich zu keinerlei Opposition und Kritik hinreißen zu lassen. Auf den Westen übertragen, lief der Antifaschismus darauf hinaus, jede Form von Radikalität und Kritik zu unterbinden, die den „Status quo“ der bestehenden Ordnung verletzte. An dieses Gebot hielt sich Dutschke nicht und er geriet in den Faschismusverdacht, der allerdings nur zögernd ausgesprochen wurde, solange die außerparlamentarische Opposition Erfolge aufweisen konnte. Fichter und Lönnendonker erwähnen in ihrem Buch diesen Faschismusstreit nicht einmal, obwohl er im SDS, im Republikaniscen Club und innerhalb der SPD ein permanentes Thema war.

Der Antisemitismus gehörte zur nationalsozialistischen Feindmobilisierung. Der Antisemitismusvorwurf bezog sich nach 1960 auf die Einschätzung des Staates Israel oder auf die Solidarität mit dem Befreiungskampf des palästinensischen Volkes. Ein falsches Wort entzündete im SDS sofort den Antisemitismusstreit. Er trug allerdings absurde Züge, denn die Ideengeber der antiautoritären Sozialisten waren primär deutsch jüdische Denker, die als Außenseiter die Kritik am „amerikanischen Jahrhundert“ und an der amerikanischen Politik formulierten. Herbert Marcuse oder Max Horkheimer betonten, daß die psychologische Deformation des Konsumenten und Massenmenschen und die Auflösung der Klassen in USA und in Westeuropa einen Kontroll- und Polizeistaat zuliessen, der die Möglichkeiten der NS – Diktatur und des Stalinismus überspielte und die Gesamtheit von Gesellschaft unter eine technologische Kontrolle stellte. Die Demokratie blieb als Spiel und Inszenierung bestehen, überliess jedoch den Macheliten aus Militär, Diensten, Rüstung, Medien und Finanzkapital die Entscheidungsgewalt. Nicht ein neuer „Faschismus“ war die Bedrohung, sondern die moderne Staatsmaschine übernahm die Erbschaft des autoritären und totalen Staates. Nur noch Minderheiten, eine revolutionäre Intelligenz, konnte dagegen aufbegehren. Marcuse formulierte sogar ein Widerstandsrecht, um die heimliche Auflösung der Grund- und Freiheitsrechte durch die subtile Diktatur der herrschenden Machteliten unterbinden zu können. Es ist erstaunlich, dass Fichter und Lönnendonker diese Zuspitzung einer Staatstheorie in ihrem Buch nicht erwähnen, obwohl hier die Ursprünge der RAF und der Intervention der unterschiedlichen Geheimdienste liegen, diese neue Opposition in ihrem Sinn zu instrumentalisieren oder auszuschalten.

DIE IDEE DER „NATIONALEN BEFREIUNG“

Die Idee der „nationalen Befreiung“ geriet in den sechziger und siebziger Jahren sofort unter den Faschismusverdacht oder wurde als untergründiger Antisemitismus beäugt. Die Nazikinder im SDS taten sich hier besonders hervor. Sie vermieden es, ihre Naziväter direkt anzuklagen, schon um ihre Erbschaft nicht zu verlieren. Sie zogen symbolische Handlungen vor, indem sie als antifaschistische Wächter die „Genossen“ kontrollierten oder indem sie im Sinne der DDR – Propaganda Nazifunktionäre im westlichen Polizei- und Justizapparat jagten. Im SDS blieb den Nazikindern die Theorie Dutschkes unheimlich und sie sprachen hinter vorgehaltener Hand durchaus den Faschismusverdacht aus. Dutschke reagierte darauf gelassen. Wiederholt betonte er, dass die Jagd nach alten Nazis wenig Sinn machte, denn sie verhinderte die Umsetzung einer eigenen Konzeption. Entweder verschrieb sich der SDS der Politik, das alte Deutschland zu hegen bzw. ohne Ziel politisch aufzuarbeiten, oder er hatte Anteil daran, neue Verhältnisse zu ertrotzen. Im Aufbau eines einheitlichen und neuen Deutschlands würde es keine Wiederkehr oder Wiederholung alter Fehler geben.

Die „nationale Befreiung“ konnte in den sechziger Jahren nicht an die Traditionen des preußischen, liberalen oder sozialdemokratischen Nationalismus anschließen. Der Bezug auf den Nationalsozialismus und eines „großdeutschen Reiches“ wurde nie erwogen. Die sozialen Träger der unterschiedlichen Formen von Nationalismus existierten nicht mehr. Die Idee der „nationalen Befreiung“ mußte die aktuellen Bedingungen der Teilung Deutschlands und der Einflussnahme der Besatzungsmächte aufnehmen. Das Programm der „nationalen Befreiung“, das die KPD 1952 gegen die Westbindung, gegen die Remilitarisierung Westdeutschlands und gegen die „Faschisierung“ des Staatsapparates aufgestellt hatte, war für Dutschke unbrauchbar. Die KPD übertrug die DDR – Propaganda auf den Westen und zielte darauf, die militärische Überlegenheit der UdSSR in Europa zu verteidigen. Eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) oder ein Nordatlantikpakt (Nato) sollte nicht das Fundament der westdeutschen Republik erhalten. Dutschke übersetzte vorsichtig die Idee der „nationalen Befreiung“ aus China, Algerien und Vietnam auf die beiden Deutschlands.

Voraussetzung dafür war, den Niedergang des realen Sozialismus und des amerikanischen Großmacht festzustellen. Vorerst betrachtete Dutschke Sowjetrußland nach den Maßstäben Leo Trotzkis als „deformierten Arbeiterstaat“. Diese Diktatur hatte den Anspruch einer internationalen Solidarität aufgegeben, trotzdem enthielt der Staatskapitalismus und die Großmachtpolitik eine internationalistische Potentialität, den Befreiungskampf in Asien zu unterstützen. Kritisiert wurde die Politik der „friedlichen Koexistenz“ und die Absprachen mit den USA. Diese westliche Großmacht verfolgte imperialistische Ziele und übernahm die Aufgaben des westeuropäischen Imperialismus, die Welt neu zu ordnen und die Dekolonialisierung in der „Dritten Welt“ nicht in eine soziale Revolution eskalieren zu lassen. Zugleich war diese Großmacht nicht in der Lage, die unterschiedlichen Rassen in den USA gleichzustellen und zu befrieden. Der Krieg in Vietnam radikalisierte deshalb die rassistischen Widersprüche in der US – Army und provozierte in den USA die einzelnen Ghettoaufstände.

Dutschke setzte auf dem Vietnamkongress in Februar 1968 auf die Erfolge der Befreiungskriege und auf die internationale Solidarität. Er vermied an dieser Stelle die Kritik an der Sowjetunion, denn dieser Kongress fand die Unterstützung der FDJ der DDR und der SEW. Die Teilnahme von Ost- und Westeuropäern an diesem Treffen signalisierte Widerstandsformen gegen die Großmächte, die die Perspektive einer europäischen Revolution trugen. Zugleich thematisierte er den illegalen Widerstand gegen die nordamerikanische Kriegsmaschine in Westdeutschland und Westeuropa. Der illegale Kampf wurde sogar als Grundlage legaler Kampagnen und Initiativen der dezentralen Aktionskerne betrachtet. Derartige Ziele blieben abstrakt und ignorierten die Idee der „nationalen Befreiung“ für Europa. Sogar die Konzeption einer „freien Stadt“ Westberlin, einer Forderung der sowjetischen Aussenpolitik, wurde von Dutschke aufgenommen. Die Kooperation mit dem offiziellen Kommunismus liess sich nicht verleugnen. Fichter und Lönnendonker zitieren ausführlich die Aufsätze Dutschkes in der Zeitschrift „Anschlag“, im „Oberbaumblatt“ und seine Rede auf dem Vietnamkongress. Allerdings übersehen sie eine Rede Dutschkes am 17. Juni 1967 in der Hasenheide. Hier thematisierte er den Arbeiteraufstand in der DDR und machte deutlich, dass die Streikenden durchaus auch für die Einheit Deutschlands demonstrierten und einen sozialdemokratischen Rechtsstaat einforderten, der in Weimar bis 1933 bestanden hatte. 1953 hatten die Arbeiter im Osten die Idee von Kurt Schumacher aufgenommen, die deutsche Politik nicht den Interessen der Grossmächte auszuliefern. Die Neutralität Deutschlands war nach dieser Sicht die Voraussetzung einer staatlichen Souveränität.

Das Attentat auf Dutschke im April 1968 riss diesen Denker für zwei, drei Jahre heraus aus einer produktiven Diskusssion. Bemerkenswert bei diesem Attentat war, dass der Attentäter Bachmann aus neofaschistischen Kreisen Niedersachsens stammte, die vom MfS aufgebaut und unterstützt wurden. Die Ostpropaganda unterstellte, dass der Attentäter durch die „Nationalzeitung“ motiviert wurde, den Anschlag auf Dutschke zu vollziehen. Der alte Bürgerkrieg zwischen den linken und rechten Fronten schien wie 1933 zu toben. Davon sollte eine aufgeregte Öffentlichkeit ausgehen. Dutschke selbst hegte einen anderen Verdacht. Er war überzeugt, dass KGB, CIA oder HVA ihn kaltzustellen oder auszuschalten wollten. Dutschke nahm später Kontakte zu Bachmann auf, um herauszufinden, wer hinter dem Attentat stand. Der Attentäter verübte 1970 Selbstmord oder wurde im Gefängnis umgebracht. Das Treffen mit Bachmann im Gefängnis verstärkte den Eindruck, dass dieser äußerst labile Mann von außen gelenkt wurde und im Auftrag diesen Mordanschlag verübt hatte. Dutschkes radikale Gegnerschaft zu den Besatzungsmächten in Deutschland und seine Rolle in der Radikalopposition mag diesem Verdacht geschürt haben. Fichter und Lönnendonker gehen auf diesen inneren Kampf Dutschkes überhaupt nicht ein.

Durch Karl August Wittfolgel wurde Dutschke aufmerksam auf die Marxschen Thesen von der „asiatischen oder halbasiatischen Produktionsweise“ in Rußland. Dutschke diskutierte diesen Begriff vor allem in seiner Dissertation, um herauszufinden inwieweit das zaristische Rußland die asiatische Tradition abgestreift und inwieweit der „Kriegskommunismus“ nach 1917 über den Staatsterrorismus diese „Asiatschina“ neu aufgelegt hatte. Bildete die Stalinsche Diktatur den Typus eines absolutistischen Staates oder war sie zu einer „asiatischen Despotie“ verkommen? Der Streit zwischen Dutschke und mir befaßte sich über zwei Jahre mit der Modernität der kommunistischen Diktatur in Rußland. Dutschke wollte herausstellen, dass diese Diktatur nicht zu entstalinisieren war und dass sie auf Willkür fußte und keinerlei Rechtsnormen oder Anpassungen an den westlichen Staatskapitalismus oder Planstaat kannte. Diese Diktatur würde untergehen und mit ihrem Untergang ganz Osteuropa in den Strudel von Streiks und Aufständen reissen. Der Kampf um die Einheit Deutschlands und die nationale Befreiung konnte Anstoß sein, dieses Imperium aufzulösen. Ich betonte die andere Seite der Marxschen Analyse der „Asiatschina“. England hatte bereits im 18. Jahrhundert Rußland eingespannt, sich als eine antirevolutionäre Macht in Europa zu behaupten. Der zaristische Staat kannte deshalb den despotischen Willkürstaat und den absolutistischen Staat, der eine merkantilistische Politik verfolgte und von England unterstützt wurde. Im 19. Jahrhundert förderten Deutschland und Frankreich über das Wirtschaftsministerium vorsichtig die Industriealisierung Rußlands, während der Geheimdienst- und Militärstaat weiterhin den Prämissen von Willkür und Rechtlosigkeit folgte. Diese Dopplung des Staates in eine archaische Despotie oder in einen staatskapitalistisch definierten „Ausnahmestaat“ wurde in der kommunistischen Diktatur fortgesetzt. Sie kannte das Riesenreich der Zwangsarbeit, der Militarisierung der Gesellschaft und des Massenterrors, zugleich wurde dagegen die Rüstungswirtschaft eingerichtet, die die westlichen Errungenschaften der Militärtechnik und der rationalen Produktion aufnahm. Meiner Ansicht nach überwog nach 1945 der rationale Planstaat. Für Dutschke besaß die Willkür keinerlei Gegenpol von Recht und rationaler Organisation. Für ihn war deshalb der Realsozialismus nicht reformierbar und würde unter dem Druck der Hochrüstung und der wachsenden Unzufriedenheit der Völker und Klassen zusammenbrechen. Dutschke sollte Recht behalten. Fichter und Lönnendonker gehen in ihrem Buch auf diesen theoretischen Streit nicht ein.

In der Zeitschrift „Langer Marsch“ und auf den unterschiedlichen Großveranstaltungen für die Solidarität mit Wolf Biermann und Rudolf Bahro entwickelte Dutsche die Theorie der „nationalen Befreiung“ für Zentraleuropa und für die beiden Deutschlands. Er stand dadurch in einem Gegensatz zur neuen Ostpolitik des Kanzler Willy Brandt und seines Beraters Egon Bahr. Die offizielle westdeutsche Politik anerkannte durchaus die „Zweistaatlichkeit“ der zwei Deutschland und war zugleich bemüht, durch Entspannung, Handel, Kredite, Reiseverkehr die Kriegsvorbereitung der zwei Militärblöcke zu entkrampfen. Vertrauen zwischen den Regierenden und den Völkern sollte hergestellt werden. Die Militärfraktionen im Ost- und Westblock sollten isoliert werden. Die Raketenstationierung und die Kriegsplanung für Zentraleuropa sollten eingeschränkt werden. Dutschke öffnete die andere Perspektive. Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR im August 1968 bewiesen ihm, dass der „Kriegskommunismus“ im „Realsozialismus“ längst nicht überwunden war und dass die Militär- und Geheimdienstapparate im Politbüro der Partei und innerhalb der Diktatur grundlegende Reformen und eine Demokratisierung der Macht nicht dulden würden. Diese Diktatur war nicht reformierbar und sie würde an den inneren Widersprüchen scheitern. Schon deshalb wurde es wichtig, davon auszugehen, dass Streiks und Aufstände in der Zukunft diese Diktatur erschüttern würden. Die Streikbewegung in Polen, die Entstehung der Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“ und die Rolle der katholischen Kirche bestätigten ihn in der Ansicht, so etwas zu schaffen wie ein „nationales Bündnis“ in Ost und Westdeutschland.

Franz Fanon wurde für ihn theoretisches Vorbild. Dieser algerische Revolutionär hatte betont, aus den aktuellen Widerstandsformen die Konzeption der „nationalen Befreiung“ zu erstellen. Im Widerstand gegen die Kolonial- oder Besatzungsmächte entstanden die neuen und selbständigen Formen der demokratischen und sozialen Souveränität. Sie begründeten die Werte der entstehenden Nation im Befreiungskampf. Der Staats- und Machtaufbau in der DDR war deshalb nach Dutschke genauso zu verwerfen wie die „verordnete Demokratie“ im Westen. Staatsnormen und Verfassungen der zwei Deutschland konnten nicht als Ergebnis einer sozialen Revolution oder der Kompromisse der Klassen, Verbände oder Parteien betrachtet werden, sondern waren Ergebnis von „Diktat“ bzw. der Einflußnahme alliierter Berater. Die „nationale Befreiung“ in den zwei Deutschlands mußte auf einer radikalen Demokratisierung bestehen, schon um die bolschewistisch nachgebaute Diktatur in der DDR und die inszenierte Demokratie und die Parteimacht der Cliquen und Klüngel im Westen zu zerschlagen. Unterschiedliche Formen der Demokratie sollten die Mitsprache und Kontrolle der Bürger gewährleisten. Die pluralistische Parteiendemokratie mußte durch die kommunale, die Wirtschafts- und plebiszitäre Demokratie ergänzt werden. Das imperative Mandat war genauso wichtig, um die Oligarchisierung und Verselbständigung der Macht zu verhindern, wie eine Rätedemokratie, um übersichtliche, politische Formen der demokratischen Kontrolle in den Behörden, Betrieben und Institutionen zu schaffen. Eine nationale Befreiung mußte nach Dutschke ansetzen bei der Zerschlagung äußerer und fremder Herrschaftsstrukturen.

Fichter und Lönnendonker bringen viele gutgemeinte Hinweise auf das Denken Dutschkes, ohne es in den Kontext seiner utopischen Visionen und seines „grünen Engagement“ nach 1976 zu stellen. Mit Rudolf Bahro war Dutschke überzeugt, dass die staatliche Macht im Osten sich als „zweite Natur“ in den Menschen eingrub und ihm jedes Selbstbewusstsein nahm. Allerdings schuf der absurde „Despotismus“ der Diktatur Unbehagen und Kritik der Werktätigen an den Maßnahmen der Partei. Noch gefährlicher war die psychische Deformation des Konsum- und Massenmenschen im Westen, der nur noch von aussen bestimmt wurde und auf die banalen Markt- und Reklamewerte reagierte. Er war über Feste, Sport, Angebote und Events beliebig manipulierbar. Der Mensch als Naturwesen musste über eine selbstbestimmte Demokratiebewegung zu den Wurzeln seiner Existenz zurückkehren. Der ökologische Gedanke war deshalb eng verbunden mit der sozialen Demokratie und der Koexistenz der menschlichen Gesellschaft mit der organischen Welt der Natur. Das Leben in einer „nachkapitalistischen“ Wohlstandsgesellschaft war auf die permanente Aufklärung der Bürger angewiesen. An Bahro und Dutschke wäre heute schon deshalb zu erinnern, weil die „Grüne Partei“ alle diese Ideen verwirft und eingeschwenkt ist auf den herrschenden Machtblock einer inszenierten Demokratie und einer faktischen Diktatur der Machteliten aus Medien, Banken und Rüstungswirtschaft. Das Buch von Fichter und Lönnendonker hätte eine Botschaft gewonnen, wäre es auf diese Zusammenhänge von „nationaler Befreiung“, Utopie und demokratischer Erneuerung von Staat und Gesellschaft eingegangen. Es stiftet in dieser Frage lediglich Verwirrung.

DIE INSTRUMENTALISIERUNG DER RADIKALOPPOSITION

Fichter und Lönnendonker wagen sich in ihrem Buch an ein heißes Thema. Sie diskutieren die Rolle und Bedeutung der Einflußagenten und der politischen Einflußnahmen der DDR und der SPD auf den SDS und auf Dutschke. Allerdings wollen sie lediglich Hubertus Knabe widerlegen, der in seiner Schrift über die „unterwanderte Republik“ so getan hatte, als wurde die westdeutsche Linke vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR gelenkt. Die Legende um den Agenten „Kurras“ wollen sie diskutieren und die Frage aufwerfen, inwieweit dieser Zivilpolizist im Auftrag von Erich Mielke den Studenten Ohnesorg getötet hatte, um in Westen den studentischen Protest gegen den Senat und die Polizei zu eskalieren. Eine derartige Weitsicht würde den „Armeegeneral“ Mielke ehren. Ein Stasiagent hatte der Studentenrevolte den radikalisierenden Anschub gegeben, die Sozialliberale Koalition vorbereitet und sogar die Wiederzulassung der KPD als DKP erreicht. Das wäre ein Riesenerfolg für den Geheimdienst der DDR gewesen.

Fichter und Lönnendonker wollen die „Verschwörungstheorie“ zurücknehmen, die in den Behauptungen von Hubertus Knabe zu finden wäre. Agenten wie Peter Heilmann, Dietrich Staritz, Walter Barthel u. a. saßen irgendwann im SDS Bundesvorstand oder besetzten die Führung im Republikanischen Club, trotzdem wurde ihr Einfluß als minimal angesehen. Allerdings diskutieren Fichter und Lönnendonker nicht die machtpolitische Position dieser Agenten im SDS und RC. Sie machen sich nicht einmal Gedanken, wer die anderen Agenten gewesen sein konnten, die bei Knabe nur mit Decknamen erwähnt wurden. Außerdem war die „Hauptverwaltung Aufklärung“ (HVA) nicht der einzige Geheimdienst, der Zugriff auf die Radikalopposition gewinnen wollte. Verfassungsschutz, CIA oder die Dienste Frankreichs, Englands, Polens und der Tschechoslowakei wären zu nennen, denn diese Opposition organisierte den Protest gegen den Vietnamkrieg und gegen die Notstandsgesetze. Sie unterstützte die Desertion amerikanischer Soldaten nach Nordeuropa. Sie machte Front gegen die Bundeswehr und die Nato. Sie unterstützte die osteuropäischen Reformbewegungen in Polen und in der CSSR. Sie nahm Verbindungen auf zum Linksradikalismus in Italien, Frankreich, England. Irland und Nordspanien. Diese Opposition gewährte den Revolutionären aus Lateinamerika und Afrika Raum. Im SDS wurde wiederholt der bewaffnete Widerstand diskutiert. Der Faschismusvorwurf lastete auf den einzelnen Führungskreisen und es war schon interessant, ob Verbindungen zur NPD oder zum außerparlamentarischen Neofaschismus bestanden. General Gehlen und sein „Amt“ waren sicherlich daran interessiert, herauszufinden, ob die „Antifaschisten“ im SDS Jagd auf seine bewährten Offizieren planten. Diese Themen interessierten durchaus die unterschiedlichen Geheimdienste. Deshalb ist anzunehmen, dass sie alle ihre Zuträger und Informanten in dieser Radikalopposition platzierten.

Über Verschwörungstheorien läßt sich die Soziologie und die Geschichte einer Radikalopposition kaum erschließen. Die Theorien, die Führungskreise, die Aktionen und die Einflüsse auf die junge Generation, auf die Universität, auf die Kultur ganz allgemein und auf andere Organisationen und Parteien würden Hinweise geben auf die kurzfristige „Hegemonie“ einer derartigen Opposition und auf die Übergänge und Transformationen in andere soziale Zusammenhänge, etwa in die RAF, in Sozialdemokratie und DKP, in eine allgemeine Reformbewegung oder in den Mao-Kult selbsternannter Avantgarden. Eine „Soziologie“ des Linksradikalismus würde von den Teilanalysen leben und müßte tatsächlich die Intervention der politischen Gegner benennen können. Fichter und Lönnendonker erzählen viele Geschichten, erwähnen eine Vielzahl von Namen oder drehen unendliche Pirouetten, trotzdem fehlt ein halbwegs plausibler Zugang zur „linken Geschichte“.

Der Geheimdienst der DDR besaß gegenüber der SED keinerlei Eigenständigkeit. Er bezeichnete sich selbst als „Schild und Schwert der Partei“. Schon deshalb wären die Ansätze des  „Westbüros“ beim ZK der SED, die Abteilung von Albert Norden interessant, die Politik der illegalen KPD und ihrer Transformationsorganisationen festzulegen. Die Einflußnahmen auf die Einzelgewerkschaften, auf die unterschiedlichen SPD – Fraktionen, auf die studentischen Organisationen und auf den SDS wurden hier koordiniert. Im März 1966 fand eine Konferenz von KPD – Studenten unter der Obhut des „Büros“ in der DDR statt, die ihre Rolle im SDS benennen wollten und die sich gegen die antiautoritäre Fraktion positionierten. Außerdem wurden bei „Albert Norden“ die unterschiedlichen Initiativen in der Friedensbewegung oder Kampagnen in Gang gebracht und finanziert. Parteien wie die „Friedensunion“ wurden in dieser Abteilung gegründet und die SEW in Westberlin erhielt hier ihre Anweisungen, mit der APO zu kooperieren. Die Neugründungen der DKP und der SDAJ wurden hier vorbereitet.

Die HVA setzte ihre Agenten ein, um diese Politik zu unterstützen und zugleich die Machenschaften der anderen Dienste zu beobachten oder zu unterlaufen. Ihre Agenten gingen deshalb in den Vorstand der „feindlichen Organisationen“, um Übersicht zu gewinnen. Sie gründeten Zeitungen, um einen Kern zu schaffen und Öffentlichkeit zu finden. Sie waren an Arbeitskreisen interessiert, um Diskussionen zu bestimmen. Sie waren damit beschäftigt, Fraktionen, Kreise oder Zellen zu gründen, um die eigene Position abzustimmen. Die Spaltung der Radikalopposition und die Gründung von kommunistischen und maoistischen Zirkeln, Gruppen und Parteien wurde ab 1969 zum Hauptgeschäft der Agenten. Bestimmte Namen tauchen bei all diesen Initiativen immer wieder auf, um so etwas zu erreichen wie Einfluß oder Eigenständigkeit oder um die Opposition zu spalten. Die Barthel oder Staritz und Co. liefen an der langen Leine der HVA und der Westabteilung der SED und potentierten durch bestimmte Positionen ihren Einfluß. Sie wurden sogar angewiesen, für den Verfassungsschutz zu arbeiten, um herauszufinden, was der politische Gegner in der Radikalopposition vor hatte oder um ihn zu täuschen und mit falschen Informationen zu versorgen. Im Gegensatz zur gemütlichen Meinung von Fichter und Lönnendonker waren die Agenten in der Radikalopposition sehr erfolgreich.

Vor allem bei der Bildung der RAF, der Tupamaros Westberlin oder der „Bewegung 2. Juni“ ist anzunehmen, dass einzelne Agenten vor Ort waren. In der CSSR hatte sich 1968 gezeigt, dass die westlichen Geheimdienste in der Bürgerbewegung das Ziel verfolgten, den Osten als Militärblock und als Wirtschaftsgemeinschaft zu destabilisieren. Nach 1969 gingen die Ostgeheimdienste in Italien, Westdeutschland, Frankreich und Spanien ähnlich vor, die politische Stabilität zu unterminieren und die politische Klasse anzugreifen. Bombenattentate, Entführungen, Erschiessungen, Sabotage, usw. waren beliebtes Mittel, die politische Klasse zu verunsichern und die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu treiben. Überall waren die Agenten der unterschiedlichen Geheimdienste tätig, um einen Bürgerkrieg zu beginnen oder über einen asymmetrischen Krieg den Gegner zu verunsichern. Die Radikaloppositionen wurden plötzlich Objekt der illegalen Machenschaften der Geheimdienste. Dieses Kapitel ist für Westdeutschland längst noch nicht geschrieben und es bleibt die Frage offen, ob die unterschiedlichen Partisaneneinheiten, die der APO entstammten, nicht von der HVA geführt wurden. Fichter und Lönnendonker würden einen derartigen Zugriff verneinen, weil sie die organisatorische Konsequenz und die Weite des Untergrundkrieges nach 1969 nicht überschauen.

Tilman Fichter / Siegward Lönnendonker: „Dutschkes Deutschland“
Klartext Verlag, Essen 2011
318 Seiten
€ 19,95
ISBN 978-3-8375-0481-1

Advertisements

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: