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Spuren einer antijüdischen Linken

3. Januar 2012

Bonapartismus

Bruno Bauer (1809-1882)

Die Bonapartismustheorie von Marx, unterschiedlich in den Frankreichschriften oder in den Entwürfen zum „Bürgerkrieg“ in Frankreich vorgestellt, diskutierten wir in den Seminaren an der Universität und in den Schulungszirkeln des SDS am historischen Beispiel der Arbeiten von Arthur Rosenberg, August Thalheimer, Heinrich Brandler, Ossip K. Flechtheim u. a., die wiederum die Sozialgeschichte der Weimarer Republik nach den Marx’schen Vorlagen entschlüsselt hatten. Für Marx war eindeutig, dass die Revolution in der Hauptstadt Paris nicht erfolgreich sein konnte, wurden nicht die anderen Städte und das flache Land in den revolutionären Prozess einbezogen. Die revolutionäre Intelligenz, die Künstler, Literaten, Philosophen und Berufsrevolutionäre, die Handwerker und Manufakturarbeiter erreichten selbst in der Stadt nicht die Mehrheit. Die revolutionären und konterrevolutionären Kräfte stützten sich jeweils auf früh- oder vorkapitalistische, soziale Schichten oder politischen Fraktionen und waren nicht selten organisatorisch als Führerparteien oder Gefolgschaften „grosser Männer“ aufgebaut. In der Mentalität der Parteigänger, in Ideologie und Theorie unterschieden sie sich grundsätzlich. Trotzdem bildeten sie im Organisationsaufbau den zentralen Staat ab, das „Kaisertum“ Napoleons als Legende oder die Präsidialmacht als Machtkonzentration und fanden im Staatsapparat die Unterstützer und die Gegner. Louis Bonaparte konnte die kostspieligen Wahlkämpfe führen, eine Massenpartei aushalten und zugleich einen Saalschutz organisieren, weil Gelder des Finanzkapitals flossen. Bonaparte sollte die Märkte sichern und auf dem Kontinent Frankreich zum starken Staat machen. Die Familie Rothschild unterstützte diese Politik. Antisemitischen Parolen tauchten nach 1851 in Paris auf.

Die Verfassungsordnungen der Revolution von 1848 oder der Pariser Kommune von 1871 enthielten den gesetzlichen Rahmen des „Politischen“, in dem die Parteien oder Revolutionsgruppen zur Macht strebten und sie für sich vereinnahmen würden. Die Revolution blieb vorerst auf die Hauptstadt beschränkt. Die Partei oder der Kandidat würden sich durchsetzen, die die Gesamtheit der Gesellschaft, vor allem das Kleinbürgertum und die Bauernschaft erreichten und die die Zustimmung in der Staatsbürokratie fanden. Louis Bonaparte stach als Präsidentschaftskandidat die „revolutionären Konkurrenten“ aus, wurde vom Volk gewählt, fand die begeisterte Unterstützung der „Staatsbürokratie“ und erweiterte die Befugnisse des Präsidenten zur „Volksdiktatur“, die nach Innen das „Volk“ vereinte und neu definierte und nach Aussen nach Kolonien und nach einer europäischen „Hegemonie“ strebte. Kriege waren dadurch vorprogrammiert. Die Einigungskriege Preussens gegen Dänemark, Österreich und Frankreich konnte Napoleon III. nicht siegreich bestehen. Er wurde in Sedan 1871 geschlagen. Die Revolution in Paris, die Pariser Kommune, hätten Signal sein können für den nationalen oder den europäischen Umsturz. Die Französische Armee, die Bauernsoldaten, wurden eingesetzt, um das revolutionäre Paris zu besiegen, ohne dass deutsche Truppen einschreiten mussten. Eine Epoche der doppelten, französischen Revolution wurde durch die Niederlage der Pariser Kommune und durch die Kapitulation des „Kaisers“, Napoleon III. endgültig abgeschlossen. Die Weimarer Verfassung enthielt eine ähnliche „revolutionäre Zusammenfassung“ wie die französischen Konstitutionen des 19. Jahrhunderts. Der Präsident, vom Volk gewählt, besetzte die staatliche Zentralmacht und schützte die Staatsbürokatie und die Staatsfunktionen von der Politisierung und Besetzung durch die Parteien. Der Präsidialmacht des Staates wurde die Regierungsmacht des Parlaments gegenübergestellt. Der kaiserliche Absolutismus wurde nach 1918 durch eine demokratische Doppelmacht, die parlamentarische Parteiendemokratie und den Präsidialstaat überwunden.

Die russische Revolution und der Sieg der Bolschewiki inspirierte nach 1917 den „Radikalismus“ der Links- und Rechtsparteien. Berufsrevolutionäre konnten durch Organisation und Willen in einer bestimmten Situation der „Paralyse“ der politischen Eliten, Parteien und des Staates einen subjektiven Faktor bilden, die Unruhen und die Unzufriedenheit in einem Volk auszunutzen, ihre Macht und ihren Staat über eine Volkesrevolution zu errichten und durch Terror aufrechterhalten. Diese bolschewistische Revolutionsmacht gab vorerst in Asien (China) und in Europa das Beispiel ab, eine politische und soziale Krise in die neue Staatlichkeit und Macht der Revolutionäre zu überführen. An diesem Vorbild orientierte sich der italienische Faschismus, der deutsche Nationalsozialismus und der europäische und asiatische Kommunismus.

Die Radikalparteien aus KPD und NSdAP waren teils ausserparlamentarisch, teils parlamentarisch angelegt und würden ihre parlamentarische Macht nutzen, die ausserparlamentarischen Ziele zu erreichen: die Diktatur des Proletariats oder den nationalsozialistischen Ausnahmestaat. Der Präsident und der Staatsapparat konnten derartige Diktaturen fördern oder verhindern. Die Frage war, ob die Gesellschaft durch eine Weltwirtschaftskrise in den sozialen Niedergang gerissen wurde und ob die Radikalparteien, den demokratischen Auftrag der „Republik“ zerschlagen konnten. Ob sie diese histoische Rolle spielen konnten, hing ab von der „Mobilisierungskraft“ der jeweiligen Bewegungspartei und ihres Organisationsnetzes und von der Fähigkeit der Führer, Bündnisse mit der Staatsbürokratie, mit der Reichswehr und mit der Grossindustrie zu schliessen. Die NSdAP definierte ihren Machtwillen aus dem politischen Zustand des geschlagenen Deutschlands, verschwieg jedoch die geplante Neuordnung als Vorbereitung der „Revanche“ und eines neuen Weltkrieges, der die Überlegenheit der „germanischen Rasse“ begründen sollte. Der geplante „Völkermord“ war vor 1933 nicht fassbar und kaum sichtbar, obwohl der Antisemitismus in Hitlers „Mein Kampf“ eindeutig formuliert wurde. Die KPD hatte zugleich die russischen Interessen in Deutschland zu berücksichtigen und fand nur partiell die Unterstützung der Reichswehr und der Staatsbürokratie. Die Neuordnung Russlands über die Industriemacht Deutschland bedeutete genauso Weltkrieg und die Liquidierung der alten Klassen. Für uns, gemeint sind die Schulungsinitiativen im SDS nach 1965, war Ernst Nolte mit seiner Schrift: „Der Faschismus in seiner Epoche“ ein wissenschaftlicher Beleg für unsere These, dass die Oktoberrevolution und die Bolschewiki zugleich die Linksfraktionen der SPD und der KPD und den Rechtsradikalismus der Freikorps, des italienischen und europäischen Faschismus und den Nationalsozialismus stark beeindruckt hatten. Wir konnten später die „Wippermann“, die „Jander“ und die „Habermas“ nicht verstehen, die dieser These radikal widersprachen und den „Professor“ mit dem Makel des „Reaktionärs“ versahen. Eine Diskussion über die „Wurzeln“ und Gegensätze des Links- und Rechtsradikalismus sollte unterbunden werden.

Faschismus und Nationalsozialismus

Der Begriff „Faschismus“, das „Bündel“, das “Bündnis“, wurde aus Italien auf Deutschland zu Beginn der zwanziger Jahre übertragen und umfasste hier den „Repressionsstaat“, das Bündnis von Reichswehr und Freikorps, die SPD als Polizei- und Ordnungsmacht (Gustav Noske), bereits die NSdAP und andere Rechtsgruppen. Benito Mussolini, der Begründer des italienischen Faschismus in Italien, kam aus der Linksfraktion der Sozialisten, weshalb die Sozialdemokratie als Staats- und Ordnungspartei und vor allem als Rechtferigungsorgan und antirevolutionäre Kraft der bestehenden Staatslichkeit von Seiten der kommunistischen Propaganda als „sozialfaschistisch“ bezeichnet wurde. Die Sozialdemokratie schien den Wandel zum „Faschismus“ durchzumachen, wenn sie sich gegen die Übertragung der russischen Revolution auf Deutschland stemmte und zugleich „propagandistisch“ für die „demokratische Republik“, für das „Ende der Revolution“ und für die Einheit des Volkes sich einsetze. Ausserdem war sie bereit, mit bürgerlichen Parteien Koalitionen einzugehen. Sie stellte den ersten Reichspräsidenten, Friedrich Ebert und wurde dadurch zum Symbol von Staat und Verzicht, eine sozialistische Planwirtschaft zu errichten. Sie verriet nach Auffassung des „Linksradikalismus“ den „Klassenkampf“ und die „Revolution“.

Ruth Fischer und Arkadij Maslow erklärten nach 1923 die SPD zur „Partei des Sozialfaschismus“, weil diese zur Konsolidierung der Wirtschaft und des Staates beitrug und zugleich die Kriegsgefahr gegen Sowjetrussland zu schüren schien, obwohl die Rapalloverträge (Genua 1923) mit Russland und die Geheimsabmachungen zwischen Reichswehr und Roter Armee genau das Gegenteil beinhalteten. In einer spezifischen Marxismusinterpretation wurde die „Faschisierung“ der Gesellschaft von Seiten des Staates von den KPD – Theoretikern überbetont. Ausserdem wurde die antikommunistische „Demagagie“ der Sozialdemokraten und die Gegnerschaft zum russischen Kriegskommunismus als Beweis „faschistischer Gesinnung“ benannt. Die jüdischen Parteiführer und Politiker in der SPD wurden von Seiten der KPD nicht rassistisch vorgeführt. Ihnen wurde Korruption, Verrat, Hinterlist vorgeworfen. Die jüdische Abstammung spielte keine Rolle. Der Kampf um die deutsche Arbeiterklasse wurde bereits zu diesem Zeitpunkt von der KPD verloren. Die „Arbeiteraristrokratie“, der sozialdemokratische Facharbeiter und Angestellte und der kommunistische Hilfs- und Massenarbeiter bzw. die Dauerarbeitslosen verkörperten die Spaltung der „Klasse“ und zeigten, wie weit sozial SPD und KPD auseinander waren und wie KPD und NSdAP im gleichen Milieu um Wähler und Anhänger streiten mussten.

Die Bolschwisierung der Kommunistischen Internationale (Komintern) und der KPD stellte die Organisierung und die Unterwerfung unter die Führung der russischen KP (KPR) in den Mittelpunkt der bolschewistischen Prinzipien. Dazu gehörte der „Schutz“ Sowjetrusslands vor dem imperialistischen Angriff und die Schwächung der internationalen Konterrevolution. Die SPD bzw. der Sozialdemokratismus und der Menschewismus wurden als Teil der Konterrevolution gesehen und deshalb unter den Verdacht des „Sozialfaschismus“ gestellt. Ein Bezug zum Judentum der sozialdemoratischen Führer wurde nicht erhoben. Derartige Vorwürfe kamen von der NSdAP und von der radikalen Rechten. Zugleich erfuhren die Freikorpskämpfer, die in Deutschland gegen Frankreich kämpften (Ruhrbesetzung), eine „romantische Verklärung“ und Anerkennung, denn diese „Wanderer aus dem Nichts“ (Schlageterrede von Karl Radek) bewiesen Mut und hehre Gesinnung, wenn sie gegen den westlichen Imperialismus den Kampf aufnahmen. Es gab also mehr Gemeinsamkeiten zwischen den kämpfenden Kommunisten und den verwegenen Freikorpsleuten als zwischen KPD und SPD.

Der frühe Faschismusbegriff der Komintern stellte den repressiven Staatsapparat, die Parteien und hier primär die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften in den Mittelpunkt der Betrachtung. Die „faschistische Partei“ schien aus dem „linken Flügel“ der Sozialdemokratie zu entstammen. Ihre Demagogie und die Kulte um Symbole und dem „Duce“ (Führer) sollten die vorkapitalistischen, kleinbürgerlichen und bäuerlichen Schichten beeindrucken und in Italien eine Gesellschaft politisch vereinigen, die in den industriellen Norden und den agrarischen und vormodernen Süden zerrissen war. In einer „Theorie des Rentners“ sprachen Nikolai Bucharin und Eugen Varga in den unterschiedlichen Aufsätzen in der „Kommunistischen Internationale“ und in den ökonomischen Zeitschriften die Rolle des Finanzkapitals an, die „Sozialdemokratie“ und die „faschistische Partei“ zu finanzieren und diesen „Fraktionen“ eine Propaganda- und Medienmacht aufzubauen. Über Plakate, Filme, Zeitungen, Demonstrationen, Wahlkämpfe und einem „fiktiven Bürgerkrieg“ sollte der „Sozialfaschismus“ seine Überlegenheit gegen den Kommunismus demonstrieren. Diese ideologische Dominanz bzw. „Hegemonie“ wollten die Kommunisten durch eigene Bündnisse  und durch eine eigene Medienmacht brechen. (Willi Münzenberg)

August Thalheimer und Heinrich Brandler erinnerten ab Mitte der zwanziger Jahre an die feinfühlige „Bonapartismustheorie“ von Marx und daran, dass der „Faschismus“ als eine neuartige Variante von Bürgerkrieg und Klassenkampf den Staats- und Repressionsapparat mit den „Bewegungselementen“ der rückständigen Schichten koordinierte, die Linkspropaganda imitierte und sogar durch die neuen Technologien der „Agitation“ und durch einen „Führerkult“ überbot. Deshalb musste unterschieden werden zwischen den unterschiedlichen Teilen und Gruppen von Sozialismus, Sozialdemokratie, Anarchismus und Kommunismus. Der „Faschismus“ wies Grundlagen in der Staatsbürokratie und in den Repressionsapparaten der Polizei und Reichswehr auf. Zugleich wurde er als Bewegungspartei und Bündnis von aussen organisiert und stützte sich auf die rückständigen Schichten und auf die Entwurzelten aus Militär, Arbeiterschaft und Angestellten. Die Masse der „Krieger“, die im Ersten Weltkrieg in den Grabenkämpfen und Materialschlachten gelitten und weitgehend die Werte von „Bürgerlichkeit“ aufgegeben hatten, bildeten die soziale Grundlage einer Massenbewegung, die durch ein Netz von Organisationen die Disziplin, das Militärische und den Bürgerkrieg demonstrierten. In dieser Kombination von Staatsmacht, Parlamentarismus, Milieu, unterschiedlichen Bewegungsformen, Bündnissen und Gegenwelt zur bürgerlichen Ordnung konnte ein „Führer“ bestehen und sich durchsetzen, wurde die Propaganda auf seine Person konzentriert. Er verkörperte so etwas wie die „Einheit“ der „Bewegung“ und den Machtwillen. Er bot sich als Reichskanzler oder Präsident an, legal, demokratisch und parlamentarisch sich zu bewähren. Eine derartige Machtübernahme würde die „Transformation“ in eine Diktatur einleiten, wurden die Prinzipien der Führerpartei und der Diktatur umgesetzt. Eine Partei wie die KPD durfte nicht den Führerkult oder die Bewegungsformen der Nazipartei imitieren. Sie musste mit Gewerkschaften, SPD und Liberalen eine „Einheitsfront“ eingehen, um gegen den „Nationalsozialismus“ bestehen zu können.

Bereits 1928 wurden Thalheimer und Brandler abgelöst und durch „Teddy“, Ernst Thälmann ersetzt, der als ein „Gegenführer“ zu Adolf Hitler inszeniert wurde, um dem Machtzuwachs der NSdAP Paroli zu bieten. Die Kollektivierung der Landwirtschaft in Sowjetrussland und die forcierte Industrialisierung, der innerparteiliche Kampf gegen den „Trotzkismus“ und den „Menschewismus“ in der Planbürokratie schwächten die Kampfkraft der Roten Armee und den Widerstandswillen der Klassen und Völker auf dem „russischen Kontinent“. Schon deshalb war die russische Aussenpolitik daran interessiert, dass weder in Europa, noch in Japan oder China sich eine Gegenmacht profilierte, die das geschwächte Russland mit einem Interventionskrieg überziehen konnte. Die kommunistischen Parteien wurden angewiesen, durch Streiks, Demonstrationen und Aktionen die Konsolidierung bürgerlicher oder sozialdemokratiscer Koalitionsregierungen zu unterbinden. Die Weltwirtschaftskrise, die Pleiten der Industriebetriebe, Städte und Staatswirtschaften durch die nordamerikanische Bankpolitik, die ihre Kredite aus Europa abzogen und zugleich darauf bestanden, dass die Staaten und die Wirtschaft als „Schuldner“ ihre Schulden bezahlten, steigerten die Arbeitslosigkeit und die soziale Verzweiflung. In diesem Klima von „Chaos“ und „Paralyse“ formierten NSdAP und KPD die Aktivitäten und betätigten sich als ein subjektiver Faktor der sozialen Revolution. Beide Parteien glichen sich als „Bewegungsparteien“ an, schlugen zwar in einem „gespielten Bürgerkrieg“ aufeinander ein und gingen trotzdem taktische Bündnisse und Verbindungen ein. (BVG – Streik). Die KPD bemühte sich erneut um einzelne Offiziere aus den Freikorpsverbänden oder aus den Sturmabteilungen (SA) der NSdAP (Scheringerkurs, Beppo Römer) bzw. wollte in einem „Programm der nationalen Befreiung“ die Nazipartei  in Radikalismus, Nationalismus und Antikapitalismus überbieten. Ein antisemitischer Rassismus wurde nicht sichtbar, obwohl gegen das Finanz- und Bankkapital, gegen die grossen Kaufhäuser und gegen den Grosshandel gewettert wurde.

Die Sozialdemokratie erhielt von Seiten der KPD wiederum den Anstrich des „Sozialfaschismus“. Gegen die Gewerkschaften wurde eine Rote Gewerkschaftsopposition (RGO) gebildet, die in den einzelnen Grossbetrieben mit der Nationalsozialistischen Betriebsorganisation (NSBO) kooperierte. Der Faschismus als Nationalsozialismus wurde als Alternative zu „Weimar“ und als potentielle Diktatur vollkommen unterschätzt. Der radikale Antisemitismus wurde ignoriert. KPD und NSdAP wirkten auf die gleichen Wählerschichten ein und rekrutierten die Parteigänger aus dem gleichen Millieu. In den Kominternanalysen wurde durch Kuusinen, Krestinsky, Pjatakov und Varga besorgt die Frage gestellt, ob die beiden Parteien sich nicht anglichen und sogar als Übergangsparteien eine „antikapitalistische Front“ bildeten, egal welche Partei siegte. Selbst der Antisemitismus der Nazipartei fand im Antitrotzkismus, Antisozialdemokratismus und Antimenschewismus in der KPD ein Echo. Der Nationalsozialismus wurde durch die KPD gestärkt und umgekehrt. Eine „antibürgerliches Bündnis“ entstand, das die Prinzipien von Militärmacht, Diktatur und Disziplin enthielt und als „Aktion“ und radikale „Negation“ angelegt war. Es enthielt die Prämissen der politischen Trennung, aber des gemeinsamen Ziels der Zertörung der Weimarer Republik. Beide Radikalparteien rekrutierten die Jugend gegen die alten Generationen und Klassen. Wichtig blieb allerdings das Chaos, das sie stifteten und dadurch verhinderten, dass die Notverordnungsregierungen (Brühning, Papen v. Schleicher) oder die Koalitionen zwischen Zentrum und SPD Erfolg hatten. Die ökonomische Krise sollte in die politische Krise gesteigert werden, um in Europa ein Vakuum, eine Nichtmacht und die Instabilität zu festigen. Es wurde gedanklich unterschlagen, dass eine derartige Situation einen starken Mann benötigte, General v. Schleicher oder Adolf Hitler, die mit Unterstützung des Reichspräsidenten und der Reichswehr eine „Diktatur“ errichten würden, um die soziale, ökonomische und politische Krise zu überwinden. Die „politische Paralyse“ kannte die Antwort: Diktatur und Krieg.

Autoritärer Staat

Wir, die antiautoritäre Fraktion im SDS um Dutschke und Krahl, übertrugen die historische Situation in Deutschland zwischen 1931/33 auf die Bundesrepublik und Westberlin der Jahre 1967/68. Die Argumentation wies nicht nur den historischen Anstrich von Marx, Thalheimer, Tjaden, Flechtheim oder Abendroth auf. Sie wurde zugleich philosophisch über Martin Heidegger, Herbert Marcuse, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno u. a. begründet. Die Okkupation der beiden Deutschlands übersetzte den Gegensatz der zwei Grossmächte unmittelbar, die in Vietnam, Nahost, Osteuropa, Afrika, Cuba und Lateinamerika die unterschiedlichen Fronten und Konfliktlinien eröffnet hatten. Alle diese Widersprüche trugen die Sprengkraft zu einem Dritten Weltkrieg, der primär auf deutschem Boden stattfinden würde. Im Vorfeld von Protest, Widerstand, Aufstand musste dieser Krieg verhindert werden. Es entstand sogar die Vision, dass Volksaufstände die russische Grossmacht zerreisen würden und dass ein Rassenkrieg in USA und in der US – Army diese Grossmacht in Bedrängnis bringen würde. Unzählige Indizien für diese Mutmassungen boten sich an. Die studentische Radikalopposition sollte auf diesen Kollaps der Grossmächte vorbereitet sein. Die Vietnamkampagne und die Kampagne für die Desertion amerikanischer Soldaten zielten darauf, den europäischen Widerstand gegen die USA vorzubereiten. Hier wurden die unterschiedlichen Bündnisse mit den Linksgruppen und Linksparteien vorbereitet und vorsichtig die „rechten Kreise“ beobachtet. Die 1964 neu gegründete NPD unter Adolf v. Thadden schien den Widerstandsnationalismus des „20. Juli von 1944“ aufzunehmen und die Unterschichtsjugend jenseits der NS – Vergangenheit zu politisieren. Der Vietnamkongress im Februar 1968 bildete den vorläufigen Höhepunkt dieser Kampagnen. Der westberliner Senat und die amerikanische Stadtkommandantur verfolgten Pläne, den SDS zu verbieten.

Wir wussten allerdings nicht, dass die „Genossen“ der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) und des KGB längst den SDS „unterwandert“ hatten, oft sich als Doppelagenten für den Verfassungsschutz betätigten und insgesamt das Interesse verfolgten, die „antiautoritäre Fraktion“ auszuschalten, obwohl diese vorerst die Radikalisierung der Oppoition zu verantworten hatte. Ihre „Unabhängigkeit“ war den Genossen suspekt. Sie schienen die „Yaltaordnung“ in Frage zu stellen, wenn sie Aufständen, Streiks und Umstürzen in Russland und Osteuropa das Wort redeten und ausserdem den Zusammensturz der NATO und der USA herbeifabulierten. Die Kombination von „Nationalismus“ und „Internationalismus“ erregte Misstrauen. Überhaupt weigerten sich die Antiautoritäre, einer vorgegebenen Linie zu folgen. Ihr Mentor, Herbert Marcuse, hatte nach Kriegseintritt der USA in amerikanischen Dienststellen (OSS) gerabeitet und niemand wusste, ob heute nicht die CIA die Ideen der „Subversion“ lieferte. Diese antiautoritäre „Fraktion“ sollte durch „Bündnisse“ und die unterschiedlichen Agenten kontrolliert werden. Dutschke wurde durch die FDJ und die HVA hofiert und sollte in die Volksfronttaktik der SED/SEW eingebunden werden. Er blieb trotzdem ein „unsicherer Kantonist“. Als ein charismatischer Führer und Alternativdenker passte er nicht in das Konzept einer geplanten, legalen „DKP“, die 1968 gegründet wurde.

Rekonstruieren wir die politische Situation in den sechziger Jahren und benennen wir die Widerspruchsebene zwischen den Grossmächten. 1961 erhielten Russland und die DDR die Zustimmung der USA, quer durch Berlin eine Mauer zu ziehen und die Grenzen zwischen Ost und West abzuriegeln. Die Flucht aus dem Osten sollte gebremst und der Zusammenbruch der DDR aufgeschoben werden. In Cuba fand 1958 eine politische Revolution gegen die us-amerikanische Marionette Batista statt, die sich in eine soziale Revolution steigerte. Das Mafiaeigentum und die grossen Latifundienbesitzer wurden enteignet. Die Revolutionäre um Fidel Castro bekannten sich zum Marxismus – Leninismus und unterstellten sich dem Schutzschirm Russlands. Dadurch gewann diese Grossmacht einen riesigen Einfluss auf die Revolution in Lateinamerika. Ausserdem gelang es dem KGB und dem cubanischen Geheimdienst, die „Konterrevolution“ einzudämmen. Die exilcubanische Landung in der „Schweinebucht“ auf Cuba wurde siegreich abgewehrt. Die USA unter dem Präsidenten J. F. Kennedy planten eine weitere militärische Landung. Russland schickte Raketen. Ein Krieg wurde diplomatisch gelöst. Der amerikanische Präsident wurde von einem Einzelgänger erschossen. Die Hintergründe des Attentats blieben im Dunkeln. Es fand kein Krieg zwischen den Grossmächten statt. Jedoch hatte Russland die Absprachen über die Einflusszonen in Yalta gebrochen und die Tür nach Lateinamerika aufgestossen.

Dieser Sieg wurde auf der trikontinentale Konferenz durch Jurij Andropov, dem russischen KGB – Chef, in Havanna 1964 gefeiert. Fast alle Guerillagruppen und Kämpfer hielten Einkehr im neuen Revolutionszentrum der Welt. Geheimtreffen und Konferenzen fanden statt, um eine „Offensive“ der kommunistischen Revolution einzuleiten. Es wurde keine neue „Komintern“ gegründet, trotzdem sollten die Aktionen koordiniert werden, um zu vermeiden, dass aus dem sozialistischen Lager einzelne Gesellschaften herausgebrochen wurden, etwa Polen, Ungarn, die CSSR, die DDR oder irgendein Staat im asiatischen Russland. Zugleich wurde daran gedacht, das westliche Lager in Irland, Spanien, Portugal. Italien, Griechenland, Nahost, Iran, Vietnam, Kamboscha, Angola, Äthopien, Kongo, Kolumbien, Brasilien, Peru usw. zu erschüttern. In den genannten Gesellschaften standen Parteien oder Guerillaeinheiten „Gewehr bei Fuss“. Die USA würden in den nächsten Jahren alles daran setzen, diese Konfliktherde militärisch und politisch einzuhegen bzw. in Osteuropa das Gesetz des Handelns übernehmen.

Im Grunde entsprachen die „antiautoritären Revolutionäre“ im SDS dieser russischen Sicht von Aufruhr und Revolution. Sie wollten allerdings die soziale Unruhe auf Osteuropa übertragen und sie vertraten eine „Revolutionstheorie“, die einen doppelten Ausgangspunkt der sozialen Umwälzung skizzierte: der Zusammenbruch der beiden Grossmächte und der „Blöcke“ und die Kolonialrevolutionen würden revolutionäre Situationen schaffen. Aussderdem zeigten sich diese neuen, antiautoritäre Revolutionäre gleichzeitig als Antiimperialisten, Antifaschisten, Antikommunisten und Antistalinisten. Niemand wusste genau, woher sie kamen und ob sie nicht doch vom CIA infiltriert wurden. Ihre Faschismusanalyse umschloss die Wirklichkeit der US – Gesellschaft und der russischen Planwirtschaft. Vorsicht war geboten.

Die Situation, die die trikontinentale Konferenz unter Andropov umrissen hatte, wurde von den Antiautoritären über eine neue „Faschismustheorie“ überboten, die über die Faschismusanalyse der Weimarer Republik hinausging. Die Aufsätze von Max Horkheimer über die „Juden in Europa“ und über den „autoritären Staat“ dienten als Grundlage. Faschismus, Kriegskommunismus und Nationalsozialismus wurden als „rohe Formen“ der „negativen Aufhebung“ des Kapitalismus betrachtet. Die „Konterrevolutionen“ kontrollierten jeweils rückständige Gesellschaften und waren angelegt als Diktaturen der Industrialisierung und wurden deshalb über Zwangsarbeit, Staatsterror, Mindestlöhne und einem niedrigen Lebensstandard bestimmt. In Nordamerika entstand dagegen eine reiche und zugleich satte Wohlstands- und Überflussgesellschaft, die durch einen wohlhabenden Mittelstand und eine Minorität der Milliardäre geprägt wurde. Der „Faschismus“ macht die Wandlungen durch, indem die Herrschaft der Machteliten über den „Konsum“, den „Warenfetisch“ und eine psychologische Neudisposition der Menschen übersetzt wurde. Polizeigewalt, Militär und Krieg, Rüstung und Propaganda begleiteten weiterhin die diktatorischen Ambitionen dieser Eliten, sie erhielten ihre Legitimation allerdings durch Wohlstand, Konsumsymbolen, Manipulation, politische Inszenierung und die Auflösung der Klassen in die Masse der vereinzelten Konsumenten, des Publikums, der Kunden, der Zuschauer, Benutzer usw., kurz in den Zustand des einförmigen „Man“ bzw. des eindimensionalen Menschen, die jeweils jede Individualität oder jedes Eigeninteresse eingebüsst hatten. Sie wurden von Aussen gesteuert und gelenkt. Nicht der alte „Faschismus“ oder „Nationalsozialismus“ würde nach Europa zurückkehren oder sich in Nordamerika ausbreiten, sondern ein „neuer Faschismus“ hatte andere Grundlagen und Konturen und war mit dem „archaischen Faschismus“ nicht vergleichbar.

Der „autoritäre Staat“ kombinierte alle frühe Formen der Diktatur in die modifizierte Form von Herrschaft, die auf eine übermächtige und offensichtliche Geheimpolizei, auf ein System der Spitzel und Denunzianten, auf den Zwang der Gefängnisse oder der Konzentrationslager, auf die Militarisierung der Gesellschaft oder auf eine überlaute und einseitige Propaganda nicht mehr angewiesen war, trotzdem alle diese Zugriffe als geheimnisvolle und potentielle Diktatur und Staatsmacht enthielt, sie jedoch nicht einsetzen musste. Der „alltägliche Faschismus“ erlangte das gemütliche Aussehen einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft, in der nichts passierte und jeder sich nach seiner Ambition ausleben konnte, ohne dass die Staatsgewalt sichtbar wurde. Lediglich in Not- oder Kriegssituationen würde dieser „Faschismus“ seine Macht demonstrieren. Zwei Methoden der Selbsterkenntnis gehörten deshalb zur Entlarvung dieser autoritären Herrschaft: die Provokation und die emotionale Würde und „Eigensucht“. Situationen schaffen, in denen die Staatsmacht ihr Gesicht zeigen musste, gehörte deshalb zur Bestandsaufnahme von Wirklichkeit. Parallel dazu wurde eine erotische Selbstbesinnung notwendig, um in der Gruppe, im Kollektiv, in der „Kommune“ gemeinsam die Verkrampfungen eines „autoritären Charakters“ abzustreifen. Die Rückkehr zu den Quellen der eigenen Persönlichkeit sollte über diese Lebensexperimente gelingen.

Widerstandsrecht

Herbert Marcuse (Quelle: Harold Marcuse / Wikipedia, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Vier, fünf Texte wurden gelesen, um die politische Provokation mit dem individuellen Ausbruch aus dem vorgegebenen Dimension von Leben zu verbinden. Siegmund Freud klärte uns auf, wie wir analytisch die „Massenpsychologie“ in der Disposition der „Ichanalyse“, Werte, Symbole und „Autorität“ des Führers oder der Vorbilder erfassen und darstellen konnten. Die „Massenpsychologie des Faschismus“ von Wilhelm Reich zeigte uns die „verdrängte Kriegergestalt“ im modernen Menschen, der in der Unterwerfung, in der Disziplin und im Gehorsam die Lebensqualität seiner Existenz ignorierte und sich zur Karrikatur eines Instruments, einer Waffe oder einer Maschine erniedrigen liess, die ohne Widerwort eingesetzt werden konnte. Die empirische Untersuchung von Horkheimer, Fromm, Adorno u. a. über die „Arbeiter und Angestellten am Vorabend des III. Reichs“ bewies uns, dass die unterschiedlichen Parteigänger von NSdAP und KPD einen identischen Charakter aufwiesen und ihren Eigensinn genauso verleugneten wie eine Besinnung auf die Emotionen von Liebe, Anstand und Verantwortung. Sie wurden geblendet von politischen Parolen und unterwarfen sich den Zielen der Organisation und der Führung. Eine Subsumtion unter Propaganda, Disziplin und Parteilichkeit machte sie blind.

Schon deshalb stand nicht Erich Fromm oder Wilhelm Reich mit ihren Skizzierungen des „autoritären Charakters“ im Zentrum der Diskussionen, sondern Herbert Marcuse, der den Eros als Anspruch zeichnete, die produktiven Elemente der westeuropäischen Kultur und Philosophie aufzunehmen und mit den Leidenschaften und Emotionen des Einzelnen zu verbinden. „Glück“ und „Selbsterfüllung“ wurden bei ihm mit der philosophischen Tradition der Aufklärung und sogar der Antiaufklärung verbunden, sollte der Willen zum Leben und zur eigenen Einzigartigkeit erklärt werden. Die Psychoanalyse wurde in die Lebensphilosophie hineingenommen und sollte den Wert der persönlichen Erfüllung mit der philosophischen Selbstsicht aufnehmen. Das selbstbewußte Individuum gestaltete die Gesellschaft und musste sich auf das „Recht zum Widerstand“ berufen, geriet die Gesellschaft auf das Gleis des Abnormen und der Gewalt. Herbert Marcuse war deshalb für uns der wichtige Ratgeber in der Reflektion von „Eros and Civilisation“. Die Theorie des „autoritären Staates“ ergänzte nicht die „Totalitarismustheorie“, entsprach ihr auch nicht. Sie machte dagegen deutlich, dass im Anspruch der Demokratisierung und der Eigenverantwortung die Distanz zu den alten Generationen des Gehorsams und der Pflichterfüllung gefunden werden konnte. Das war mehr als eine antifaschistische Gesinnung. Der „Faschismus“ reichte hinein in das linke Lager der Gruppen und Parteien, wurde er nicht als Haltung und persönliches Defizit „aufgehoben“. Die Herrschaft in ihrer „totalitären Disposition“ musste aktiv bekämpft werden. Marcuse schrieb die Marxsche Entfremdungstheorie in der Perspektive des „Existenzialismus“ um. Dagegen hatte die Heidegger – Schülerin Hannah Arendt sicherlich nichts einzuwenden.

Was werden die KGB- und HVA – Offiziere gedacht haben, als sie die Reden und Entwürfe von Marcuse, Horkheimer, Adorno, Dutschke, Krahl, u. a. lesen mussten. Das „Organisationsreferat“ der beiden Wortgeber im Duktus von Max Stirner verwies auf eine Kampagne- und Bewegungspartei, die sich an kein „Bündnis“ und keine „rechtsstaatliche Politik“ halten würde und in der Vietnam- und Medienpolitik, in der Notstands- und Anti – Natokampagne und selbst in der Hochschulreform, in der „kritischen Universität“ und in der Unterstützung des Reformansatzes von Dubscek und des Eurokommunismus von Berlinger alle „Grenzen“ überschreiten würden. Politik wurde unkalkulierbar, wies die individuelle Selbstbesinnung auf und enthielt die Abgründe der Illegalität oder des Spiels. Wolfgang Harich schrieb vermeintlich im Auftrag der HVA die „Kritik der revolutionären Ungeduld“. Das Bild des „Linksradikalismus“ als Verrat und Konterrevolution wurde bemüht und letztlich die Genossen Barthel, Staritz und Mahler als „Keulenriege“ angewiesen, diese Fraktion zur Raison zu bringen, was nicht gelang.

Warum der HVA – Agent Kurras durch einen Todesschuss auf Ohnesorg die Studentenrevolte eskalieren sollte ( Helmut Müller – Enbergs) und warum Bachmann auf Dutschke angesetzt wurde, warum die APO durch die K – Gruppen, die RAF und die Neugründung der DKP zerschlagen wurde, ist schwer nachvollziehbar, soll eine Verschwörungstheorie vermieden werden. Bei dem Attentäter Bachmann wurde das „Radikalismusverständnis“ des Geheimdienstes sichtbar. Sie setzten als Mittel der Destabilisierung der Bundesrepublik linke und rechtsradikale Gruppen ein. Die HVA war offensichtlich an der Gründung der RAF und des „2. Juni“ beteiligt. Sie baute zugleich die rechten Wehrsportgruppen und die Braunschweiger Gruppe auf, aus der Josef Bachmann kam (Ulli Chaussy)( Regine Igel). Italienische und französische Journalisten bestanden bei der Aufdeckung der „Legende“ von Bachmann darauf, dass ehemalige GESTAPO – Leute im Gefängnis Lehrte ihm eingeredet hätten, das Attentat auf Dutschke zu vollziehen. Es gab keinerlei Beweise. Eine andere Spur sollte verwischt werden. Er sollte sich durch die Nationalzeitung, die er bei sich trug, zu seiner Tat bekennen und den Verdacht auf die neue Rechte lenken. Dutschke selbst glaubte später nicht an diese Legende. Rabehl wurde bereits nach dem Anschlag misstrauisch, weil er öffentlich den Hinweis zum Rechtsradikalismus legen sollte, denn ihm wurde von einem „Journalisten“ eingeredet, dass aktive Nazis Bachmann präpariert hätten. Beweise fehlten. Dutschke als der „charismatische Führer“ der APO und das Symbol der „Einheit“ und „Geschlossenheit“ sollte verschwinden. Der Kampf der „Linien“ und die „Spaltung“ wurden in diese Opposition getragen. Andere Antiautoritäre wurden später ausgeschaltet oder isoliert, um die neuartige Theorie von „Herrschaft“ und „Provokation“ zu diskreditieren. Krahl kam bei einem „Autounfall“ ums Leben. Jan Carl Raspe und Holger Meins verschwanden in der RAF. Kunzelmann und Teufel gründeten den „2. Juni“. Lefevre, Jürgen Treulieb, Fichter, Rabehl u. a. wurden an der Universität „verschlissen“. Semler spielte „Thälmann“ in seiner „KPD“. Georg von Rauch und Tommy Weissbecker, revolutionäre Untergrundkämpfer, unabhängig, wurden von Unbekannten am Winterfeldplatz erschossen. Innerhalb kurzer Zeit verlor die antiautoritäre Fraktion ihre Köpfe und ihre Botschaft.

Die psychoanalytische Erweiterung der Faschismusdiskussion muss vor diesem Hintergrund konfrontiert werden mit dieser skizzierten realen Gewalt. SDS und der Ausserparlamentarismus scheiterten an der Gewaltfrage. Schon deshalb setzten sich Sozialdemokratie und ein Sozialreformismus durch. Die stattfindende „Gewalt“ auf der Strasse (Schlacht am Tegeler Weg) (Dutschke – Attentat) machte die utopischen Ideen anrüchig. Jede Initiative schien in sinnloser Gewalt zu enden. Jede Selbstbesinnung oder Gemeinschaft enthielt den Keim von Widerstand und Protest und endete in Gewalt. Die Gewaltfrage wurde dieser Opposition aufgedrängt. Die Gewaltexzesse in Vietnam und die Flächenbombardements wurden intensiv von einer Generation diskutiert, die oft als Kinder die Bombennächte in den deutschen Städten bis 1945 erlebt hatten. Der Mord an Benno Ohnesorg im Juni 1967 fand in dieser Studentenschaft eine intensive Aufmerksamkeit. Das Attentat auf Rudi Dutschke löste Entsetzen aus und wurde in den folgenden Jahren in einen Zusammenhang gestellt mit den gezielten Morden an Martin Luther King, an Melcolm X und an anderen Exponenten der Black Panther Party.

Das Gewaltthema entwertete die Ansprüche der Selbsterkenntnis und des Widerstandsrechts. Es aktualisierte den Antisemitismus der Nazis, denn ein blindwütiger Rassismus schien im rechten und im linken Radikalismus enthalten zu sein, wurden die Ursprünge und Wurzeln aufgenommen. Dieter Kunzelmann und Abby Fichter wurden im Nahen Osten durch Offiziere der palästinensischen PLO und durch Offiziere der „Terrorabteilung“ des MfS auf den Kampf gegen den Zionismus und gegen den „Geist des Judentum“ vorbereitet. Sie planten einen Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindehaus. Horst Mahler und andere Kämfer der RAF kamen ähnlich ideologisch geschult und vorbereitet aus den palästinensischen Gebieten oder aus dem Jemen zurück. Was wollte der DDR – Geheimdienst oder der KGB mit einer derartigen antisemitischen und antizionistischen Indoktrination bei den „Kämpfern“ erreichen? Die russischen Waffen hatten im „Sieben – Tage – Krieg“, Juni 1967, gegen die amerikanischen Raketen und Panzer versagt. Die Ideologie des arabischen Nationalismus hatte die syrischen und ägyptischen Soldaten kaum in ihrer Kampfkraft gestärkt. Die jüdische Selbstbehauptung und wohl auch die theoretische Konzeption von „Faschismus“ und „Staat“ konnte die europäischen Streiter der Revolution unter „zionistischen“ Einfluss stellen, weshalb der unversöhnbare Antisemitismus reaktiviert wurde, wäre die Frage?

„Judenfrage“

Die Literaturlisten der Lektüren und der Theorien im SDS würden eine Überzahl jüdischer Autoren aufweisen. Karl Marx und die Mitstreiter aus der I. Internationale kamen zum grossen Teil aus dem Judentum und bestimmten wie Moses Hess, Wilhelm Liebknecht oder Ferdinand Lassalle die theoretische und politische Richtung. Friedrich Engels und Michail Bakunin bildeten eine Ausnahme an „Herkunft“. In der II. Internationale führten Juden als Revolutionäre, Zentristen oder Revisionisten das grosse Wort. Die III. Internationale und die bolschewistische Partei wurde weitgehend von Juden bestimmt. Das galt auch für die Menschewiki oder für die Trotzkisten. Die Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit in Deutschland kannte primär jüdische Politiker. Die sozialen Wissenschaften und die „Kritische Theorie“ zählten in ihrer grossen Mehrzahl jüdische Denker. Wir diskutierten den jüdischen Einfluss auf die soziale und politische Kritik, ohne an irgendeine Verschwörung zu denken. Die Schriften von Marx, Hess, Horkheimer, Isaak Deutscher und Arnold Zweig über die Judenfrage boten Anlass, über die Juden in der europäischen und russischen Kultur zu debattieren. Wir fanden Übersetzer, Verteidiger und Kritiker bei den Professoren und Dozenten Klaus Heinrich, Jacob Taubes und Ossip K. Flechtheim zu einem Zeitpunkt, in dem jüdische Professoren wie Richard Löwenthal in der Taktik der Provokation „faschistische Einflüsse“ entdeckten.

Karl Marx hatte den Anspruch, in der „Judenfrage“ Bruno Bauers Entwurf zu korrigieren und die Religionskritik am Christentum durch Ludwig Feuerbach zu überbieten und zu radikalisieren. Dieser wollte durch seine Kritik am „Wesens des Christentums“ die religiöse „Entfremdung“ auflösen und zu einer Anthropologie des Menschen aufsteigen. Der Mensch sollte in seiner unverkennbaren „Göttlichkeit“ vorgestellt werden. Die christliche Religion wurde als Blendwerk und Illusion markiert, die in ihren Legenden und Ritualen die Möglichkeiten und die Grundlagen der menschlichen Existenz verheimlichte und verzerrte. Marx nun musste sich mit der Ursprungsreligion des Christentum und des Islam auseinandersetzen, die seit „Ewigkeiten“ von einem Volk, den Juden, schwärmte, das als das „auserwählte Volk Gottes“ sich feierte und feiern liess. Die jüdische Religion hatte das alte und das neue Testament und den Koran inspiriert, allerdings den Messias „Jesus Christus“ nicht anerkannt. Die jüdische Religion wurde zum Glauben eines Volkes, das die Staatlichkeit und das Land der Väter durch Zwang und Vertreibung aufgeben musste und in die Länder der Welt und Europas gezwungen und verstreut wurde. Ohne diesen staatlichen und geographischen Rückhalt, entwurzelt, vertrieben, verzweifelt, verfolgt durch die Gastvölker, am Rande der Gesellschaft lebend, klammerten die Juden sich an die religiöse Gemeinschaft, die hineinragte in das Selbstverständnis als Volk, als Familie, Ritual, als Wirtschaftskraft und Beruf. Ökonomie, Religion, Familie, Leben und Berufung wurden miteinander verschränkt. Die Juden selbst folgten bestimmten Tätigkeiten in Handel, Gewerbe, Geldgeschäft und wurden später durch die einzelnen Gastländer, Staaten und Gesetze dazu gezwungen. Das Christentum beeindruckte die ethische Haltung der Menschen zu Arbeit und Beruf. Das Judentum vereinigte Religion und Wirtschaft und machte das „Geschäft“ zur Religion, so jedenfalls argumentierte Marx. Auch das Christentum „verjudete“ sehr bald, denn der Geld- und Warenfetisch entpuppte sich als ein religiöser Anspruch der Profitsucht, der auch die christliche Religion erfasste. Der anderer Junghegelianer, Bruno Bauer, lieferte die Folie und beschrieb das „Fremde“ im Judentum, den Anspruch sich als Volk der Völker zu behaupten. Er steigerte diese Beschreibung zum radikalen Judenhass.

Die gängigen christlichen oder protestantischen, antijüdischen oder gar antisemitischen Vorurteile vom „Parasitismus“ der Juden, von ihrer „Immitationsgabe“, der Fähigkeit zur Anpassung, zur Isolation oder zur geheimnisvollen Absonderung tauchten bei Marx nicht auf. Ihn interessierte die Fähigkeit der Juden zum „abstrakte Denken“, das die feudale und archaische Gebundenheit und den Provinzialismus der einheimischen Völker gedanklich überwinden konnte. Die Nähe zum Geldgeschäft und zum Wucher wollte er thematisieren, um daraus zu schliessen, das im Zins, im Geldfestisch, in der Spekulation die jüdische Religion ihre Fortsetzung und Erfüllung fand. Die Faszination der Warenwelt, der Geldfetisch, die Derivate von Profit, Gewinn, Kapitalform fanden nach Marx eine Widerspiegelung in der jüdischen Religion, weshalb diese Religionsgemeinschaft den Freiheitskampf der Völker und Klassen ablehnte und zu allerletzt den Weg der sozialen Emanzipation beschreiten würde. Die Illusion der „Auserwähltheit“ machte sie immun gegen die Idee der sozialen Freiheit. Diese Marx’sche Kritik am Judentum blieb uns unverständlich.

Moses Hess hatte als „Jünger Spinozas“ in seiner Schrift über die „heilige Geschichte der Menschheit“ darauf gedrungen, im Ursprungsland der Juden, in Palästina, im „neuen Jerusalem“ eine soziale Utopie zu verwirklichen. Die Besiedlung und die landwirtschaftliche Kooperation sollte den produktiven Geist der Juden belegen und die Gabe hervorheben, den agrarischen Völkern dieser Region die technischen und geistigen Errungenschaften der Welt und Europas zu überbringen. Die Juden würden als „Befreier“ zurückkehren, Elend und Schmach überwinden und sich zugleich selbst von ihrer Tradition befreien. Ferdinand Lassalle hatte verdeutlicht, dass die sozialistische Arbeiterbewegung und ein „Volksstaat“ Grundlage sein konnten für den Freiheitswillen der jüdischen Intelligenz, sich aus der jüdischen Religion und aus der Geschichte ihres Volkes zu lösen. Marx warnte vor diesen jüdischen Utopien, weil sie von den Völkern und Klassen missverstanden werden konnten. Hass gegen die Juden als Volk konnte entstehen, weil der Eindruck nicht zu leugnen war, dass derartige Utopien der Vormacht der Juden dienten. Tatsächlich gewannen Sozialismus und Kommunismus ein jüdisches Aussehen und schienen die antisemitischen Vorurteile der Konterrevolution zu bestätigen, dass die Juden sich als Sozialismus und Finanzkapital gegen die Völker der Welt verschworen hatten. Trotzdem folgten wir damals nicht der Marx’schen Kritik in der „Judenfrage“, sondern waren überzeugt, dass die reaktionären und rückständigen, sozialen Kräfte im Judentum das Symbol von Veränderung, Fortschritt, Kapitalismus und Sozialismus sahen und sich gegen die Juden als ein Volk der „kapitalistischen Akkumulation“ wandten. Der antisemitische Aufstand gegen die kapitalistische Moderne traf primär die Juden.

Uns blieb mit Friedrich Nietzsche, Max Horkheimer, Arnold Zweig und Walter Benjamin bewusst, dass die Juden in Europa die historische Aufgabe der „Übersetzung“ und der wirtschaftlichen „Experimente“ übernommen hatten. Als Gemeinschaft und Grossfamilien lebten die Juden verstreut in Europa über die unterschiedlichen Nationen und Staaten hinweg, redeten in den unterschiedlichen Sprachen, nahmen die  differenten Kulturen auf, vermischten sie und waren schon deshalb fähig, die Produktivität der kapitalistischen Wirtschaftsform zu erkennen. Dazu gehörte auch das Geldgeschäft und die Finanzspekulation. Die deutsche Kultur und „Aufklärung“ regte die jüdische Intelligenz an, sich dieser Sprache und Kultur zu verschreiben und sich im deutschen Volk zu assimilieren. Sie bewährten sich gleichzeitig als Ärzte und Mediziner, weil sie die arabische Medizin für Europa übersetzten und daran interessiert waren, das Leben der eigenen Gemeinschaft vor den unzähligen Infektionen und Krankheiten zu schützen. Sie befassten sich mit dem Staat und den Rechtsgarantien, schon um als Religion und Volk zu überleben. Hervorragende Juristen kamen aus diesen Reihen. In Handwerk und Naturwissenschaften vollbrachten sie Spitzenleistungen und wurden in diesen Fächern von den christlichen Mitstreitern anerkannt. Diese Fähigkeit der „Übersetzung“ der neuen Formen von Gesellschaftlichkeit und Wissenschaft zeichnete dieses Volk aus und gab ihm die soziale Sonderposition, die von den Gastvölkern und den Gegnern oft missverstanden wurde. Als ein „europäisches  Volk“(Nietzsche) wurden die Juden von den Feinden verachtet.

Der Willen zur Assimilation der Juden wurde von den Antisemiten als „Verschwörung“  gedeutet. Die Juden würden die Kultur „vergiften“ und sich selbst Privilegien schaffen. Für uns war der russische und deutsche Antisemitismus der Jahrhundertwende und des Nationalsozialismus Ausdruck einer sozialen und kulturellen Krise und der geistigen Verwahrlosung der jungen Generationen durch Krieg und Revolution. Kapitalismus und der russische Kriegskommunismus machten in der Weltwirtschaftskrise nach 1929 deutlich, dass die Kehrseite dieser Gesellschaftstypen Elend, Terror, Verzweiflung und Stagnation hervorbringen konnte. Diese „Negativität“ von „Fortschritt“, diese „Fäulnis“ wurden den Juden angelastet. Ein „reaktionärer Aufstand“ wurde in Deutschland eingeleitet und zum Staatsterror ab 1933 erweitert, der zum Massenmord an den Juden in Europa im II. Weltkrieg führte. In Russland fand dieser „Aufstand“ ein Echo in den grossen Säuberungen von Partei und Diktatur, die primär die jüdische Intelligenz betraf. Die Judenemanzipation schien vorerst gescheitert zu sein.

Als palästinensische Studenten uns im Juni 1967 aufforderten, gegen den Zionismus und gegen den Staat Israel zu demonstrieren, lehnten wir ab. Wir fühlten uns zu einer derartigen „Kritik“ nicht kompetent. Wir hatten mit viel Interesse die jüdischen Autoren gelesen, weil sie als Betroffene und Verfolgte einen „Begriff der Zeit“ vorlegten, den wir übernehmen wollten, um herauszufinden aus den Grenzen und Sackgassen der aufgezwungenen Okkupation. Die Skizzierung des „Wohlstandsfaschismus“ und die Umrisse einer „Revolutionstheorie“, die in den unterschiedlichen Entwürfen einer jüdischen Kulturkritik enthalten waren, war uns wichtiger, als dem „Aktionismus“ von Krieg und Protest im Falle Israels zu folgen. Schon deshalb waren wir entsetzt, dass im Prozess der Auflösung von SDS und APO antijüdische Vorstellungen entstanden, die anzuschliessen schienen an die uralten Vorurteile des Antisemitismus. Auf die Idee kam niemand, dass KGB und HVA diesen Antisemitismus schürten.

Ausklang

Alle diese Zusammenhänge zu analysieren, würden die sozialen Wissenschaften heute aktualisieren und zugleich politisieren. Die gegenwärtige Hochschule verdrängt jedoch das kritische und analytische Denken und ersetzt es durch erlernbares Spezialwissen, das die politischen Zusammenhänge ausspart. Die Universität folgt Auflagen, die nicht der deutschen Wissenschaftstradition entstammen. Eine „Lern- und Erziehungsanstalt“ ersetzt das Humboldt’ sche Ideal der „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“ und der „analytischen, ideologiefreien Wissenschaft“. Abfragbare Kenntnisse stehen im Mittelpunkt und bestimmen die quantitative Leistung von Bachelor und Master. „Polizeiwissen“ ist gefragt, bestehende Macht und Herrschaft zu stabilisieren und zu erweitern. Spezialisten werden ausgebildet und in Dienst gestellt, die keinerlei Fragen an den Zustand der bestehenden Gesellschaft aufwerfen. Die Forschung wird an private Spezialinstitute verlagert und streng kontrolliert. Ein rebellisches oder nur fragendes Denken wird untersagt. Die komplizierte „Judenfrage“, die vor 1848 durch Bruno Bauer und Karl Marx die Rolle der Juden in Europa hinterfragte, wird heute nicht in den historischen Zusammenhang gestellt.

Nach Gerschom Scholem negierten die Entwürfe von Bauer und Marx den Assimilationswillen und die kulturellen Leistungen der deutschen Juden. Allerdings blieb die Marx’sche Schrift über die „Judenfrage“ bis in die zwanziger Jahre hinein, bis zur Herausgabe der „Frühschriften“ in der Marx Engels Gesamtausgabe (MEGA), weitgehend unbekannt. Allerdings erlebte Bruno Bauer in den antisemitischen Kreisen des Kaisserreichs (Hofprediger R. Stöcker) Aufmerksamkeit. Der entstehende Zionismus (Theodor Herzl), der an Moses Hess anknüpfte, belebte die antisemitischen Verschwörungstheorien. Die unterschiedlichen Marxforscher, etwa Friedrich Engels, Franz Mehring, Karl Kautsky, David B. Rjazanov, Boris N. Nikolajevskij. Georgij P. Plechanov, Auguste Cornu, meist Juden, gingen auf den Geldfetisch des Wucher- und Finanzkapitals als religiöse Form des Judentum nicht näher ein. Sie diskutierten jedoch den internen Streit der Jungehegelianer und hier besonders die „Heilige Familie“. Ähnlich verhielten sich die Finanzforscher Rudolf Hilferding, Eugen Varga, Nikolai Bucharin, Jürgen Kuzcynski, Ernest Mandel u. a., die die religiöse Faszination der Finanzoperationen nicht näher betrachteten. Die Religionswissenschaften ignorierten den Untergangsmythos, die Apokalypse, die „negative Dialektik“ und die „Offenbarung“, die die Geld- und Währungsspekulationen oder die negative Vergesellschaftung der Produktion durch das Finanzkapital provozierten. Alle diese Phänomene werden heute im Wirtschaftsteil der FAZ oder der Financial Times beschrieben, was ein Zeichen wäre, dass die Finanzspekulationen durchaus als religiöse Kulte betrachtet werden.

Markus Wolf (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1208-420 / Schöps, Elke / CC-BY-SA)

Der nationalsozialistische Antisemititsmus von Adolf Hitler oder Alfred Rosenberg berief sich indirekt auf Bruno Bauer. Die Marx’schen Aussagen über die „Judenfrage“ waren unbekannt.  Die allgemeinen Vorurteile gegen den „jüdischen Sozialismus“ und gegen den „jüdischen Wucher“ (Protokolle der Weisen von Zion) wurden vor allem nach 1918 reaktiviert und nach 1938 in den Staatsterror gegen die Juden als „Rasse“ gesteigert. Um 1968 wurde die „Judenfrage“ von Marx zum ersten Mal öffentlich diskutiert und verworfen. Till Wilsdorf schrieb in einer Magisterarbeit in den siebziger Jahren über Idee und Kritik dieser frühen Marxschrift. Es blieb Reinhold Oberlercher und Horst Mahler vorbehalten, im neuen Jahrtausend auf diese Religionssicht von Marx hinzuweisen und einer „Verschwörung“ des „Finanzkapitals“ und der „Juden“ in der Weltpolitik das Wort zu reden. Dass ausgerechnet die DDR und hier die HVA – Offiziere nach 1960 unter dem Kommando von Markus Wolf den Antisemitismus in den Wehrsportgruppen und in der RAF neu, trotz des offiziellen „Antifaschismus“, aktualisierten, um den jüdischen, intellektuellen Einfluss auf die Linke und die „Öffentlichkeit“ zu diskreditieren, trug gleichzeitig tragische und komische Züge. Sie inspirierten antisemitische Vorurteile. Der „Zionismus“, die USA als Weltmacht und der Staat Israel sollten getroffen werden. Ausserdem konnte auf die Gefahr eines wachsenden Rechtsradikalismus in der Bundesrepublik verwiesen werden. Die radikale Untergrundlinke, die RAF, würde Positionen gegen den Staat Israel beziehen. Die alten „Nazis“ in Polizei und Justiz würden die rechten und die linken Fraktionen unterstützen und ein neuartiger „Linksrechtsfaschismus“ würde die Bundesrepublik verwirren. Sollte die „Kritik der repressiven Toleranz“ tatsächlich ein Projekt der CIA gewesen sein?

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