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Epocheleben

6. Januar 2012

Zum 95. Geburtstag von Ursula Besser

Frau Dr. Ursula Besser, ursprünglich Ursula Roggenbuck, wurde am 5. Januar 1917 in eine Epoche des Streits um den deutschen Einheitsstaat hineingeboren, der 1848 begonnen hatte und erst nach 1989 ein vorläufiges Ende finden würde. Die deutsche Vereinigung unter der Hegemonie Preussens, 1871 gross gefeiert, wurde durch die Kriege gegen Dänemark, Österreich-Ungarn und Frankreich durchgesetzt und wies schon deshalb die Sprengminen zukünftiger Kriege auf. Der deutsche Zentralstaat, als Kaiserreich gegründet, hatte eine antiwesteuropäische Ausrichtung, die langsam, „nach Bismarck“, durch eine Gegnerschaft gegen Russland ergänzt wurde. Dadurch war der Zweifrontenkrieg 1914 und die Niederlage 1918 vorprogrammiert. Eine „Revanche“ lag in der Luft, falls die Demokratisierung und „Verwestlichung“ der Weimarer Republik nicht gelang und die sozialen und politischen Verlierer von 1918 an die Macht kamen. Die nationalsozialistische Diktatur wollte durchsetzen, was 1871 und 1914 misslungen war, Deutschland zur entscheidenden, zentraleuropäischen Macht zu erheben. Der totale Krieg gegen Europa, Russland und gegen Nordamerika endete erneut in der Niederlage und hatte die Teilung des Landes zur Folge. Erst im neuen Jahrtausend, 2012, schien sich die Tendenz deutscher Ziele unter einem westeuropäischen Vorzeichen durchzusetzen. Die 1989 wiedervereinigte, deutsche Republik erreichte als anonyme Wirtschaftskraft die Position, die bestimmte Eliten der konstitutionellen Monarchie und der NS – Diktatur unter dem Anspruch von Grossmacht angestrebt hatten. Eine Wirtschaftseinheit, ohne Selbstbewusstsein und Programm, gewann nun eine imperiale Signifikanz, die jedoch in dieser „Bedeutung“ nicht benannt werden durfte. Diese verdrehte Geschichte einer „deutschen Mission“ begleitete fast ein Jahrhundert das Leben von Frau Dr. Besser.

Diese  „historische Lehre“ wird nicht willkürlich mit dem Leben von Frau Dr. Ursula Besser heute zum „fünfundneunzigsten Geburtstag“ verbunden. Die Herkunft, die Familie, die Heirat, das Studium und die politischen Tätigkeiten in den vielen Jahren hatten Bezug zu diesen deutschen Wurzeln. Friedrich Nietzsche beklagte in seinen Schriften, dass das menschliche Leben zu kurz sei und nur die Bruchstücke einer „Epoche“ aufnehmen konnte. Der einzelne Mensch musste sich deshalb mühevoll mit den politischen und psychologischen Verstrickungen seiner Person in der Geschichte auseinandersetzen und seine Rolle und Bedeutung verstehen oder erarbeiten. Oftmals misslangen all die Anstrengungen, den Sinn einer historischen Konstellation nachzuvollziehen und sich selbst hierin einfügen. Der einzelne Mensch verzweifelte oft und scheiterte an diesen Anforderugen, denn er durchschaute die Dynamik und das Ziel einer Epoche nicht. Frau Dr. Ursula Besser lernte bereits als Schülerin über ihren Vater, bis 1934 ein einflussreicher Offizier der Berliner Polizei, die Verwicklungen der Politik im Übergang der Republik zur Diktatur kennen. Der Vater wechselte in die Wehrmacht und protestierte dadurch gegen die fatale Instrumentalisierung der Polizei durch die Diktatur. Die Heirat mit einem hohen Offizier der Wehrmacht gab ihr die Möglichkeit, Einblicke in einen totalen Krieg und in die Ursachen einer drohenden Niederlage zu gewinnen. Der Vater ihrer Töchter und Ehemann starb auf den Schlachtfeldern der Ostfront. Als junge „Kriegerwitwe“ nahm sie 1943 ein Studium an der Friedrich – Wilhelm – Universität in Berlin bei dem Geopolitiker Professor Albrecht Haushofer auf. „Stalingrad“,  der Rückzug der Wehrmacht an der Ostfront und die Landung der Alliierten in Sizilien bewiesen sehr bald, dass der totale Krieg für die Wehrmacht und die NS – Diktatur verloren ging. Deutschland würde besetzt werden und würde die kulturellen und politischen Werte der Siegermächte übernehmen. Die „Atlantic – Charta“ und die Ergebnisse der Verhandlungen der alliierten Kriegskoalition in Casablanca, Teheran und Yalta wurden in Berlin bekannt. Professor Haushofer knüpfte Verbindungen zu Oppositionsgruppen und wurde von der GESTAPO verhaftet. Zwei Wochen vor der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 wurde dieser Lehrer in den letzten Apriltagen im kleinen Tiergarten erschossen. Dem neuen Deutschland sollten die zukünftigen Eliten genommen werden.

Preußischer Protestantismus

Frau Dr. Ursula Besser verstand sich stets als eine christliche und protestantische Frau. In den Gremien der evangelischen Kirche von Berlin/Brandenburg übernahm sie ehrenamtliche Aufgaben.  Sie kannte die Widersprüche des deutschen Protestantismus, der vor allem nach dem Westfälischen Frieden in Münster, 1648, dem staatlichen und absolutistischen Kalkül der einzelnen Herrschaftshäusern oder Stadtrepubliken folgte. Die politische und christliche Teilung Deutschlands zwischen katholischen und protestantischen Regionen und die Teilung des Protestantismus in die unterschiedlichen „Staatsreligionen“ und „Landeskirchen“ setzte sich nach 1871, nach 1918, nach 1933 und 1945 fort und hatte hier Einfluss auf die entstehenden Parteien und das Wählerverhalten. Die CDU, die Partei von Frau Dr. Besser, wurde 1946 als eine „Einheits- und Volkspartei“ des Katholizismus und des Protestantismus organisiert und vertrat in den einzelnen Ländern die Gegensätze und die unterschiedlichen Stimmungen des deutschen Christentums. In den sechziger Jahren verwiesen die Studentenrevolte, die Ausserparlamentarische Opposition und die Friedensbewegung auf den offenen Status des Protestantismus als „Volkskirche“, Werte der „Wiedertäufer“ neu zu erfinden. Das „Paradies auf Erden“  und der „ewige Frieden“ sollten unmittelbar verwirklicht werden. Über eine derartige „Politisierung“ des Protestantismus gewannen die unterschiedlichen Parteien Einfluss auf die evangelischen Kirchen. Eine derartige „Intervention“ ging sehr weit und artikulierte utopische Ideen, die  dem „politischen Widersacher“ der Bundesrepublik, dem antiautoritären Anarchismus, dem lebensphilosophischen Existenzialismus, aber auch dem „Kriegskommunismus“ Russlands und der DDR Raum und Resonanz boten. Frau Dr. Besser war in dieser Zeitspanne als Mitglied der CDU zuständig für den Aufbau der Reformuniversität in Westberlin und wollte den prinzipiellen Einfluss der entstehenden „Basisgruppen“ oder „ostdeutschen Kaderschmieden“  auf die Forschung und Lehre im Westen und damit auf Erziehung und Politik unterbinden.

Frau Dr. Besser verkörperte in ihrem Glauben den preussischen Protestantismus. Den hatte sie von ihrem Vater aufgenommen. Diese Variante der evangelischen Konfession als preussische Staatskirche war eng verknüpft mit der Hierarchie der Staatsverwaltung und auf den König bzw. Kaiser, auf „Gott“ und „Vaterland“ bezogen. Preussen war als Militär-, Agrar-, Industrie- und Reformstaat verbunden mit den Ost- und Westprovinzen, die in Zentraleuropa so etwas darstellten wie die Keimformen einer modernen Guts- und Landwirtschaft bzw. einer Kombination von Handwerk, Mittelstand und Grossindustrie. Diese Landesteile übersetzten jeweils die Impulse der „industriellen Revolution“ und „Agrarwirtschaft“ Englands und Nordamerikas für Preussen. Das Militär und der Militarismus standen im Zentrum der Staatsaktivitäten, denn Preussen musste sich gegen den Westen, hier besonders gegen Frankreich, gegen den Norden, gegen Dänemark, gegen den Süden, gegen Österreich-Ungarn und gegen den Osten, gegen Russland diplomatisch und kriegerisch behaupten.

Der Staat als Beamtenapparat und als Generalstab übersetzte die rüstungstechnische Mobilmachung der Armee in eine Reihe von Reformen, schon um die industrielle Schlagkraft des Heeres gegen die unterschiedlichen Gegner zu erhöhen. Was später als „Revolution von oben“ beschrieben wurde, bedeutete nach der Niederlage gegen Napoleon und nach einem „Volkskrieg“ gegen diesen Imperator zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine umfassende Veränderung aller Sektoren der Gesellschaft unter der Aufsicht des Staates. Im Zentrum stand die Heeresreform, um aus einer kadavergehorsamen, „feudalen“ Streitmacht eine moderne „Erziehungsanstalt“ des Volkes und eine moderne Armee zu schaffen. Sie sollte jeweils das Kriegsgeschehen taktisch und technisch nach dem Stand der neusten Rüstung definieren. Die industrielle Produktion musste den Weltstand der Technik aufnehmen und hatte hochqualifizierte Arbeitskräfte und Ingenieure zur Voraussetzung. Eine Neuorganisierung der Armee verlangte deshalb als Grundlage eine Schul- und Universitätsreform, um die Bildungskompetenz auf die Mittelschichten und partiell sogar auf die Bauernschaft und die städtischen Unterschichten zu übertragen. Eine neuartige Volksschule, die Berufs- und Fachschulen für mittlere Staatsaufgaben, für Ingenieure, medizinisches Personal und Offiziere wurden geschaffen. Der Höhepunkt einer derartigen Bildungsreform wurde in den technischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen „Universitäten“ gesehen. Den hervorragenden Wissenschaftlern, wie den Gebrüder Humboldt wurde die Aufgabe übertragen, eine freie Stätte der Wissenschaft und der Forschung einzurichten. „Politik“ als Ideologie, Sonderinteressen oder Machtintrige innerhalb der Lehre und Forschung und innerhalb der Staatsadministration wurde bewusst ausgeklammert. Der deutsche Beamtenstaat sollte „neutral“ bleiben, war auf den preussischen König oder deutschen Kaiser eingeschworen und sollte primär objektive oder „technische“ Aufgaben bewältigen. Die Beamten erlangten kleine Privilegien, aber sie bewährten sich in erster Linie als Spezialisten, „Staatsdiener“ und Untertanen, die in einer arbeitsteiligen und funktionalen Apparat tätig waren. Die evangelische Staatskirche zeigte sich verantwortlich für die Arbeitsethik und die Staatsgesinnung. In ihrer Hierarchie folgte sie dem Staatsaufbau und genügte zugleich der Initiative der einzelnen Pfarrer und Gemeinden.

Frau Dr. Besser erlebte über ihrenVater die „Politisierung“ des Staates nach 1933. Bereits die Parteien der Weimarar Republik schufen für ihre oberen Parteigänger Staatsstellen, um sie langfristig wirtschaftlich abzusichern und um den „sozialen Aufstieg“ zu garantieren. Der Präsident als Gegenspieler zur Parteiendemokratie in der Weimarer Verfassung schützte den Zentralstaat vor dem Zugriff der Parteien und vor der Ideologisierung der Staatsfunktionen. Allerdings war durchaus bemerkbar, dass der Protestantismus als deutschnationale Volksbewegung und Partei dem Konservatismus und dem antirevolutionären Radikalismus offen war. Nach 1933 wurde der Staat „Beute“ der nationalsozialistischen Volks- und Massenpartei. Vor allem der Sicherheits- und Sozialstaat wurde im Sinn des Nationalsozialismus besetzt und gesäubert. Der Vater musste erleben, dass die Berliner Polizei in kurzer Frist in den Dienst einer Diktatur gestellt wurde, die jede Rechtsnorm brach und alle demokratischen Kontrollen auflöste. Ein „Führerstaat“ widersprach im Aufbau dem Rechtsstaat und unterstellte die politischen Massnahmen Prämissen, die auf Krieg und Willkür eingestellt waren. Der preussische Vater war entsetzt und wechselte 1934, kurz nach dem „Röhmputsch“, zur Wehrmacht. Er fühlte sich bedroht und wollte keinerlei Anteil haben an den Naziverbrechen.

Der Protestantismus, gelöst vom Preussentum, von Staat und Gottesfurcht, zerfiel nach 1933 in die Extreme der „Deutschen Christen“, des Neuheidentum und des Rassismus, Antisemitismus der Nazis und in die „Bekennende Kirche“. Anders als der Katholizismus, der europäisch angelegt war und zugleich auf den Papst, die Kurie, die Lehre, die soziale Aufgabe, auf eine „Hierarchie“ ausgerichtet war, die nicht der Betriebsrationalität von Verwaltung oder Staat folgte, sondern die Gläubigen im Ritual vereinen sollte, verlor sich der Protestantismus in den Ursprüngen der „Wiedertäufer“ und der „Utopie“ der Unmittelbarkeit von Glauben und Existenz. Er gab die Distanz zum „Politischen“ auf und radikalisierte sogar die Politik im Sinne einer  Erfüllung hier und jetzt. Nicht Staat oder Kirchenhierarchie legten diese Öffnung zur Gesellschaft fest, sondern einzelne Pfarrer oder Demagogen. Der antifaschistische Protestantismus zeigte sich genauso abhängig von einzelnen „Ideengeber“ und „Hirten“ wie der völkische, heidnische, rassistische Protestantismus oder die Restgemeinden einer „preussischen Kirche“. Nach 1933 war weniger der Katholizismus gefährdet. Ein Protestantismus ohne Staat und Ordnung subsumierte sich weitgehend den herrschenden Verhältnissen. Für die preussischen Christen ging eine Welt unter.

Bewährungsprobe

Für die fast dreissigjährige Frau brach 1945 eine Diktatur zusammen, die sie nicht geschätzt hatte. Berlin wurde in erbitterten Strassenkämpfen von der Roten Armee erobert und besetzt. Die „Kriegerwitwe“ und junge Mutter, ohne Beruf, ohne Abschluss, ohne Auskommen, verlor   vorerst jeden Rückhalt, denn der Vater wurde 1945 vom russischen Geheimdienst NKWD verhaftet und später in den „Waldheimprozessen“ 1949/50 als hoher Polizei- und Wehrmachtsoffizier für 25 Jahre Zwangsarbeit in Russland verurteilt. Später wurde die Haftzeit auf 10 Jahre reduziert. Schon deshalb blieb sie in Ostberlin, um den Vater nicht zusätzlich durch die Flucht nach Westberlin zu gefährden. Am studentischen Protest gegen die Politisierung der „Humboldt – Universität“ durch die SED und die Zentralverwaltung für Volksbildung 1948 nahm sie nur am Rande teil. Sie wollte ein Studium der Romanistik und der portugiesischen Sprache nicht gefährden und sie war besorgt, nicht mehr mit den kleinen wissenschaftlichen Tätigkeiten über die Runden zu kommen. Sie arbeitete ab 1949 als Übersetzerin, Privatlehrerin und Publizistin. Sie musste zwei Kinder durchbringen. Sie erwarb trotz dieser Mühen in diesem Jahr ihren akademischen Doktortitel, konnte jedoch in Ostberlin nicht auf eine Dozentenstelle oder gar Professur hoffen. Der Makel des „Bürgertums“ oder gar des „reaktionären Preussentums“ blieb an ihr hängen. Hinzu kam, dass sie als die Tochter eines „Klassenfeindes“ galt.. Sie engagierte sich in der Ost – CDU und erlangte über diese „Blockpartei“ Schutz. Sie war erstaunt über den Wandel des Protestantismus hin zu den „Christen für den Sozialismus“.

Aber sie kannte diese christliche Adaption der Ideologien aus dem III. Reich. Trotzdem schwamm diese christliche „Volksfrontpartei“ nicht nur im staatstreuen und kommunistischen Fahrwasser. Partei und Landeskirchen kooperierten mit dem SED – Staat, bzw. mit dem Staatssekretariat für Kirchenfragen, aber es gelang, unter dem Mantel der Blockpolitik „Nischen“ zu errichten, in denen die Kritik oder die Distanz zur Diktatur aufrechterhalten werden konnte. Wie nach 1933 hing alles von den Pfarrern ab, ob die „Jungen Gemeinden“ oder Stadtkirchen den dissidenten Geistern Raum und Schutz gaben. Der Westprotestantismus half, den offenen oder heimlichen, kommunistischen Atheismus innerhalb der evangelischen Kirchen im Osten einzuschränken. Die Westgemeinden unterstützten die Ostchristen mit Geld und mit Pfarrern, die aus der Bundesrepublik in die DDR kamen, um einzelne Gemeinden am Leben zu erhalten. Schon damals entstand das Muster, Oppositionsgruppen und Persönlichkeiten eine Öffentlichkeit zu geben, wenn mutige Pfarrer oder Gemeinden die Möglichkeiten nutzten, die die Kirchenpolitik der Diktatur im beschränktenMass gewährte. Die offizielle Zustimmung zur DDR musste allerdings die heimliche Kritik überwiegen. Das Ministerium für Staatssicherheit konnte diese offene und staatsfreie Kirche einschränken, einzelne Pfarrer und Kirchenfunktionäre bestechen oder erpressen, jedoch nicht vollständig kontrollieren und besiegen. Ende der achtziger Jahre wuchs im Rahmen der evangelischen Kirchen eine Opposition, die 1989 im Massendemonstrationen die kommunistische Diktatur überwinden konnte. Zumindest zauberten derartige Massenaktionen das aufregende Bild oder die revolutionäre Kulisse von Absprachen, die den organisierten und gewaltlosen Übergang der DDR und Osteuropas in die westliche Demokratie überleiteten.

Frau Dr. Besser unterstützte die „Dialektik“, zwischen Ost – CDU und Gemeindearbeit die Distanz zu finden, die den DDR – Protestantismus vor der „Politisierung“ durch die Diktatur schützte. Erst als der Vater aus dem Arbeitslager frei kam, wechselte Frau Dr. Besser nach 1954 die Grenze nach Westberlin. Als fast vierzigjährige Frau kam sie in die sozialdemokratisch regierte Weststadt, in der die CDU als eine ewige Oppositionspartei galt und nur sehr schwer sich profilieren konnte. Diese christliche Volkspartei lebte in der Teilstadt ökonomisch und ideologisch vom politischen Katholizismus der Westrepublik. 1946 sollte die katholische Zentrumspartei mit dem protestantischen Nationalismus bzw. mit dem preussischen Protestantismus vereint werden. Der Katholizismus wies eine soziale und liberale Disposition auf, fasste die unterschiedlichen Schichten und die katholische Arbeiterbewegung und Gewerkschaften mit dem Mittelstand und mit den Unternehmern zusammen. Vor allem war er europäisch ausgerichtet und korrespondierte mit dem italienischen, österreichischen und französischen Katholizismus. Diese Europäisierung des katholischen Christentums sollte verbunden werden mit dem Status einer grossen Volkspartei, die die sozialen Schichten zum „Volk“ vereinte und die unterschiedlichen Varianten des Protestantismus aufnahm. Der rheinische „Antipreusse“, gleichzeitig liberal aufgeschlossen und trotzdem katholisch, konservativ, Konrad Adenauer, sollte Symbol werden für die neue Partei.

Die historisch bestimmte Zersplitterung des Christentums sollte politisch überwunden werden, um eine Volkseinheit gegen die Sozialdemokratie zu behaupten. Hinzu kam die Aufgabe, die Masse der Parteigänger der NSdAP, die fast 10 Millionen erreicht hatten, aufzunehmen, die vor und nach 1933 sich von der NS – Propaganda fasziniert zeigten. Die CDU in Niedersachsen, Hessen, Schwaben, Nordrheinwestfalen wurde sogar als Nachfolgeorganisation der Nazipartei betrachtet, denn sie wurde von den ehemaligen „Parteigenossen“ (PG) weitgehend geprägt. Die zwei Volksparteien, SPD und CDU, sollten nach 1945 zwei politische Lager bilden, die sich jeweils die Regierungsmacht zuspielten oder eine grosse Koalition bilden konnten, ohne dass die bestehenden Herrschaftsverhältnisse in Frage gestellt wurden. Ausserdem kam es darauf an,  den Extremparteien von KPD und NSdAP oder den unterschiedlichen neuen Parteiinitiativen die Substanz zu rauben. Der Bezug zur Staatsverwaltung gab den Parteigängern dieser zwei Lager Auskommen und Karriere. Die Politisierung des Staates durch die Parteien wurde nach 1945 fortgesetzt und gewährte den Parteiführern und ihren Fraktionen und Gefolgschaften Aufstieg und soziale Sicherheit. Diese Nivellierung der Politik auf zwei Volkspareien oder politische Lager, sollte den politischen Radikalismus vermeiden, der ab 1918 Deutschland in den Bürgerkrieg und in die Nazifiktatur gerissen hatte. Eine derartige Nivellierung erleichterte zugleich die Westbindung und die Kontrolle der Eliten durch die westlichen Besatzungsmächte. Sie ermöglichte ausserdem die „Inszenierung des demokratischen Geschehens“ über Werbung und Medien, ohne dass den Bürger eine wirkliche Mitsprache in Partei oder Politik eingeräumt wurde.

In Westberlin schrieb sich Frau Dr. Besser in die CDU ein und machte dort eine kommunale Karriere ab 1967 als Deputierte im Abgeordnetenhaus. Zwischen 1960 und 1987 residierte sie im Parteivorstand des Bezirks Schöneberg. Ab 1990 war sie Stadtälteste. Sie wurde Ende der sechziger Jahre Mitglied des Kuratoriums von FU und TU. In dieser Stadt musste sich diese christliche Partei gegen die Sozialdemokratie und gegen die kommunistischen Einflüsse und Unterwanderungen durch die DDR – Diktatur behaupten. Vollkommen unvorbereitet wurde die CDU ab Mitte der sechziger Jahre von einer Studentenrevolte getroffen, die sich zu einem Generationsprotest ausweitete und die westberliner Hochschulen, Universitäten und Gymnasien in Aufruhr versetzte. Nicht kommunistische Agitatoren hatten auf die Schüler und Studenten Einfluss genommen, sondern die Generation bürgerlicher Kinder begehrten gegen eine Wohlstandsgesellschaft auf, die die historische Vergangenheit einer „Epoche“ genauso verdrängte wie die Fatalitäten einer Konsum- und Eventgesellschaft. Was die Soziologen noch als „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ beschrieben hatten, stellte sich als ein Zustand moralischer Gleichgültigkeit und die Fatalität von Prassucht und Angeberei heraus. Alle Werte einer christlichen und sozialen Verantwortung wurden nach 1945 verschlissen. Dagegen begehrte eine Jugend auf, die allerdings sich Alternativen und Utopien erträumte, die erneut an ein „Wiedertäufertum“ erinnerten, das der Schlüssel sein konnte für die folgende Ideologisierung und Politisierung der Bildung und der Kultur. Die zukünftigen Eliten der Gesellschaft würden nicht die Grundlagen einer zentraleuropäischen Gesellschaft aufnehmen, sondern sich nach Umwegen auf den „Kriegskommunismus“ des Ostens und der DDR oder auf eine „inszenierte Demokratie“ des Westens orientieren bzw. eine neue Diktatur anstreben.

Frau Dr. Besser hatte bereits zwei Mal in ihrem Leben Formen eines christlichen und atheistischen Fundamentalismus erlebt. Die „deutschen Christen“, Rassismus und das nazistische Heidentum hatten die christliche Tradition und Hierarchie abgelegt und folgten einzelnen Demagogen. Die Unmittelbarkeit einer deutschen Krise wurde angesprochen und unterstützte eine derartige Politisierung des Protestantismus. Bei den „Christen für den Sozialismus“ und der „Friedensbewegung“ im Osten wurde ein ähnlicher Fundamentalismus spürbar, die christlichen Werte der „Erlösung“ unmittlbar auf die Politik zu übertragen und mit dem „realen Sozialismus“ zu identifizieren. Frau Dr. Ursula Besser bezog als Mitglied des Abgeordnetenhauses und der CDU Position in einer „Wissenschaftskommission“ und sie unterstützte die Prämissen der Humboldt’schen, preussischen Universität in der „Notgemeinschaft für eine Freie Universität“. Später engagierte sie sich im „Bund Freiheit der Wissenschaft“. Sie hatte Anteil an der Reform der Technischen Universität, als deren „Ehrensenatorin“ sie ernannt wurde.

„Wiedertäufer“

Die Hierarchie der katholishen Kirche demonstrierte über Jahrhunderte die komplizierte Arbeitsteilung zwischen den Klöstern, Bischhöfen, Papst und Kurie und bezog sich zugleich auf die Auslegung der christlichen Lehre. Diese Hierarchie zeigte sich nicht selten verbunden mit der Staatlichkeit der Fürstenherrschaft oder des Absolutismus in Europa, rang jedoch um Unabhängigkeit und Authentizität. Schon deshalb zielte jeder Aufstand gegen diese Hierarchie und gegen das Papstum auf die Wiederherstellung der urchristlichen Gemeinden bzw. auf die Verwirklichung des „Himmels auf Erden“. Martin Luther stellte schon deshalb seine reformierte, evangelische Kirche unter die Obhut der deutschen Einzelstaaten.

Die Studentenrevolte mit den „Wiedertäufern“ des späten Mittelalters oder mit den radikalen Streitern eines Thomas Münzer oder eines Jan Huss zu vergleichen, zielte darauf, religiöse Motive des Aufstands in den Vordergrund zu stellen. Einzelne Exponenten dieses Aufbegehrens hatten theoretische und politische Ansprüche, jedoch nicht die Masse der Mitläufer. Die Revolte als Bewegungsform, Demonstration, Provokation, Ritual, Poster, Spruchband und Sprache parodierte religiöse Zeremonien oder wiederholte sogar, eher unbewusst, christliche Bilder und Gleichnisse. Die einzelnen Agitatoren gerieten in die Rolle der „Hirten“ und „Priester“. Die Kritik an Hochschule, Lehre, Wissenschaft, Reform oder Politik oder am amerikanischen Krieg in Vietnam verlor sich im allgemeinen Klagen, im  rythmischen Klatschen oder in die Kampfrufe des „Ho, Ho, Ho Tschi Minh“ und liess oft ein konkretes Programm der Analyse vermissen. Die Übersetzung für die „nächsten Aufgaben“ fehlte. Die Unmittelbarkeit von Stimmung, Gefühl und Massenpsychologie überwog. Ein „Prinzip“ Hoffnung als Aufbruch und Vision zielte auf abstrakte Werte von Gemeinschaft, Demokratie, Frieden, Revolution, Utopie, Gleichheit und Freiheit, ohne die konkrete Umsetzung im konkreten Zeitabschnitt zu benennen. „Wunschlandschaften“, farbenvoll aufgetragen, expressionistisch verwischt, wurden entworfen.

Die Töchter und Söhne einer Wohlstandsgesellschaft wurden nicht von einem Unbehagen, von Hunger, Unterdrückung und Zwang getrieben. Sie kämpften nur vermeintlich gegen einen „Polizeistaat“ und den „Faschismus“. Derartige Parolen bezogen sich auf Ereignisse oder auf den Auftritt der Polizei, wiesen jedoch selten analytische Beweise auf. Selbst die antiautoritäre Kritik an Eltern, Lehrer, Politiker, an den „alten Faschisten“ in Amt und Würden sprach zwar ein Unbehagen an, war jedoch selten fundiert. Ein „Gefühl“ der Jugend, der Mode, des Habitus setzte sich durch. Die Medien feierten die Jugend als Musik, Aussehen, Tanz und Gestus, aber es fehlte eine eindeutige Definition der Gegnerschaft zu den alten Generationen. Schon deshalb waren die Ziele der Revolte abstrakt und allgemein. Sie wurden von einzelnen Sprechern vorgetragen, die wiederum von den Medien als Symbolfiguren dargestellt und vorgeführt wurden. So jedenfalls kritisierten die bürgerlichen Soziologen wie Erwin K. Scheuch oder Helmut Schelsky diese Revolte. Sie war ein Medienereignis und wurde an allen Universitäten nachgespielt, gab es irgendwo auf der Welt Vorbilder, Szenen oder Symbole, die theatralisch wiederholt werden konnten. Es fehlten Organisation und Willen, bestimmte Ziele umzusetzen bzw. sich als ansprechbare Opposition langfristig zu organisieren. Die Ernsthaftigkeit des Politischen wurde vermisst. Frau Dr, Besser reichte eine derartige Kritik nicht aus, denn sie hatte erlebt, dass der Fundamentalismus bestimmten Parteien und Ideologien den Weg zur Macht ebnete und dass er selbst Objekt der politischen Instrumentalisierung wurde. Die „Wiedertäufer“ würden sich selbst verändern und ein neues Spiel beginnen. Für sie stand fest, dass die „Spontanität“ der Kommune oder der Teach’ ins des SDS, der Regelverletzungen und der Provokationen sehr bald überwunden werden würde durch Organisationen und Programme, die der politische Gegner der Westrepublik hineintragen würde. Tatsächlich wurden SDS und „Republikanischer Club“ durch die Geheimpolizei des Ostens (HVA) unterwandert. Die Volksfrontpolitik der SEW und der Aktionseinheit der Demokraten und Sozialisten (ADS) ergänzten diese Massnahmen. Genauso war die Zersetzung der APO in die K – Gruppen und in die RAF das Werk des Ostens, um die Bundesrepublik zu destabilisieren und die Radikalopposition zu zerstören und zu beerben. Innerhalb von zwei Jahren hatte das studentischen „Wiedertäufertum“ sein Format verloren und wurde zum Objekt östlicher Einflüsse. Schon deshalb war es wichtig, die Reformuniversität nicht den Machenschaften der DDR auszuliefern. Die zukünftigen Eliten durften nicht den Prinzipien und Werten des Kriegskommunismus ausgeliefert werden, meinte Frau Dr. Ursula Besser.

Fast dreissig Jahre später, etwa 1998, trafen wir uns im Rahmen der Seminare der Gründer der Freien Universität. Wir kamen in ein fortdauerndes Gespräch, das sich um die Einschätzung der Epoche der „deutschen Einheit“ drehte. Sie bestätigte, dass die Kritik am Zustand einer entstehenden Massenuniversität oder an der Form der vorherrschenden Demokratie durch die Einzelvertreter der Studentenrevolte durchaus richtig war. Es waren jedoch Einzelmeinungen, die wenig Resonanz innerhalb der Studentenschaft oder der politischen Parteien fanden. Deshalb wurde eine derartige Kritik unterschlagen bzw. überspielt durch die unterschiedlichen Inszenierungen der Revolte und der parlamentarischen Parteiendemokratie. Die Rolle der Medien als Fernsehen oder Zeitung, als Internet oder Facebook ersetzte inzwischen jede ernsthafte Diskussion und verflachte sie zu Serien, Spiel, Talk und Sensation. Gerade die Parteiendemokratie wurde durch die Medien überspielt, die inzwischen die Kandidaten aufbauten, Regierungen zusammenstellten und sogar den Bundespräsidenten aufführten oder demontierten. Die Parteien- als Mediendemokratie und Inszenierung einer „zweiten Wirklichkeit“ verlor die Ernsthaftigkeit und die Verantwortung der Politiker. In dieser Einschätzung hatten wir keinerlei Meinungsverschiedenheit. Eine Epoche gelangte an ihr Ende. Frau Dr. Besser wird am 5. Januar 95 Jahre alt. Wir wünschen ihr, dass sie das hundertste Lebensjahr übersteigt.

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