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April 1968: Sturm auf das Springer-Hochhaus

17. April 2012

Politische Konstellation nach dem 2. Juni 1967 in Westberlin

Foto: Andreas Praefcke / Wikipedia (Lizenz: gemeinfrei)

Der Tod von Benno Ohnesorg wurde von den unabhängigen Zeugen und Beobachter als eine Art Hinrichtung gesehen. Für die Studentenschaft blieb der angesetzte Todesschuss eines Zivilpolizisten auf einen unbekannten Studenten unfassbar. Nicht erklärt werden konnte, was dieser „Mord“ bezweckte? Es blieb zweifelhaft, warum die Polizeiführung in Westberlin an der Aufdeckung dieser Tat nicht interessiert war und die vielen Zeugen aus den Polizeidiensten veranlasste, keinerlei Aussagen zu machen oder falsche Behauptungen aufzustellen? Unverständlich bleib, warum die Lokalpolitiker aus CDU und SPD sich hinter die Polizei stellten und so taten, als hätten die linken Studenten diesen Tod provoziert? Entsetzen über die Medien kam auf, die in der westlichen Teilstadt die Bevölkerung gegen die Studenten aufhetzten und ihnen die Schuld gaben an der Zuspitzung der Lage und an den brutalen Polizeieinsätzen.

Meinungsmässig wurde die westberliner Teilstadt geteilt in eine Minorität westdeutscher und ostdeutscher „Abhauerstudenten“. Diese wollten den Wehrdienst nicht in der Bundeswehr oder in der Nationalen Volksarmee antreten, Sie studierten an den Fachhochschulen und Universitäten Westberlins. Die Majorität der Bevölkerung distanzierte sich von dieser studentischen Minorität. Diese „Mehrheit“ verkörperte den „Kalten Krieg“ gegen den Osten und das Vorurteil gegen eine liberale Gesinnung. Der Springerkonzern beherrschte die Zeitungswelt und selbst die kleinen Parteiblätter wie „Kurier“ und „Telegraf“ oder die ehrwürdige Tante „Tagesspiegel“ verliessen nicht die von „Bild“, „Morgenpost“, „BZ“ und „Welt“ propagierte Volksgemeinschaft. Erst die westdeutsche Presse, „der Spiegel“, „die Zeit“, „der Stern“, „Frankfurter Rundschau“, westdeutsche Rundfunk- und Fernsehstationen deckten einige Hintergründe des Polizeieinsatzes in Westberlin auf. Ein Untersuchungsausschuss über die Ereignisse am 2. Juni wurde von den „Allgemeinen Studentenausschüssen“ der westberliner Universitäten eingerichtet, um Zeugen und Aussagen zu konzentrieren und einen Prozess gegen den Todesschützen Karl Heinz Kurras, gegen die Polizeiführung und gegen die verantwortlichen Politiker vorzubereiten. Ausserdem sollte Fritz Teufel freikommen, dem von Polizei und Staatsanwaltschaft vorgworfen wurde, mit Steinen geworfen zu haben.

Die westdeutschen Gewerkschaften, vor allem die IG – Metall, einzelne Linksintellektuelle, sozialdemokratische Bundespolititiker, Chefredakteure und unabhängige Journalisten unterstützten das Anliegen der Studenten, denn sie waren daran interessiert, die „Grosse Koalition“ aus CDU und SPD unter dem Kanzler Georg Kiesinger und dem Aussenminister Willy Brandt in eine „Sozialliberale Koalition“ unter sozialdemokratischer Vormundschaft und liberaler Teilhabe zu überführen. Der Studentenprotest sollte die grosse Politik anregen, Reformen in Zentraleuropa einzuleiten, die die Republik verändern sollten. Von Anfang an stand die „Bildungs- und Ostpolitik“ im Zentrum der politischen Transformation. Dadurch wurde den alliierten Westmächten, dem traditionellen Deutschland, der DDR und Russland verdeutlicht, dass die unterschiedlichen, westdeutschen Reformen auf Gesamteuropa zielten und die Teilung Europas und den Status quo zwischen NATO und Warschauer Pakt beenden sollten. Eine „untergründige Revolution“ wurde vorbereitet, um die Verträge von Jalta und Potsdam aufzulösen. Aufgeregt über diese Pläne und Ziele waren die östlichen und westlichen Geheimdienste, die dieses Spiel forcieren oder stören wollten. Es ging um die Existenzfragen des nachstalinistischen Staatskapitalismus und des westlichen Finanzkapitals, die jeweils sich anpassen mussten an die neuen Bedürfnisse und Interessen der jungen Generationen und den technologischen Herausforderungen.

In Cuba hatte der KGB – Chef Andropov 1964 die trikontinentale Konferenz einberufen und den USA signalisiert, dass Lateinamerika, Asien und Afrika den Weg der „sozialen Revolution“ gehen würden. In Ägypten, Syrien und Irak wurde ein arabischer Nationalismus von Russland unterstützt und Waffen geliefert, um den „us- amerikanischen Stützpunkt Israel“ im Nahen Osten unter Druck zu setzen. Der Sechstagekrieg im Juni 1967 hatte die Präzision der amerikanischen Waffen und die Kampfkraft der israelischen Armee bewiesen. In der CSSR, in Ungarn und Polen nahm ein Reformkommunismus die Werte der westlichen Demokratie auf. In Italien und Frankreich erstarkte der Kommunismus und bedrohte die konservativen Regierungen. In Vietnam eskalierten die USA die technologische Überlegenheit an Militär und Waffen und trotzdem siegte der Vietcong in einer ersten Offensive in den Städten. Nicht primär die Technik zeigte sich als Faktor der „Entscheidung“, sondern die Ideologie und das „Menschenmaterial“. „Konsumsoldaten“ konnten nicht kämpfen. In USA bewiesen die Aufstände der Afroamerikaner in den Ghettos und die massive Einwanderung der Latinos aus Mexico, dass die Gesellschaft gespalten war. Die weissen Mittelschichten verloren die Vorherrschaft über den Kontinent. Jalta brach auseinander. Niemand wusste, wer das Rennen machen würde. Zentraleuropa sollte die Widersprüche glätten und die zwei „Systeme“ angleichen oder in den Bankrott treiben. Dieses Zentraleuropa sollte wirtschaftlich und politisch den zukünftigen Ruhepol bilden, um Russland, Ost- und Südeuropa zu befähigen, sich an den Standard der westlichen „Produktivität“ anzugleichen. Die westlichen Staaten sollten eine Entkolonialisierung einleiten und Afrika und Lateinamerika „europäisieren“, falls sie nicht an der Einwanderung der Überbevölkerung dieser Kontinente ersticken wollten. Die Probleme von 1989 und 2012 blitzten 1968 auf und fanden Aufmerksakeit in den unterschiedlichen Machtzirkeln in Ost und West.

Organisationsfrage

In diesem Kontext der Widersprüche agierte eine ausserparlamentarische Opposition in Westdeutschland, die selbst zerrissen war in diese zwei skizzierten Lager von Aufstand und Veränderung. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), letztlich eine gemütliche Organisation sozialdemokratischer und kommunistischer Intellektueller, geriet durch eine „Provokationselite“ in den Sog von Aufruhr und Neubeginnen. Der SDS wurde teilweise als ein „Focus“ der angepeilten Veränderungen von den Parteien, etwa von der progeressiven SPD, den linkssozialistischen Gewerkschaften, von der SED, vom KGB und CIA oder von der illegaler KPD bzw. sich gründender DKP benutzt, Interessen und Ziele anzusprechen, die offiziell nicht verlautet werden sollten. Der SDS hatte etwa 1000 Mitglieder bundesweit und wies eine „Avantgarde“ von knapp 100 Frauen und Männer an den unterschiedlichen Universitätsstädten auf. Nach dem 2. Juni 1967 sprengte die Quantität der Neueintritte den Rahmen eines Bundes, der über Schulungskurse, Vollversammlungen und Fakultätsgruppen bisher eine organisatorische Stabilität erreicht hatte. Jetzt kamen massenhaft junge Leute, junge Frauen und aufgeregte, junge Männer, die den Status quo der Gesellschaft hinterfragten und sich selbst verändern wollten. Die „sexuelle Revolution“ sollte eine Kulturrevolution radikalisieren, um vom „Überbau“, von den Universitäten und Schulen her die Gesellschaft zu revolutionieren, verkündeten nicht nur Kunzelmann und die Kommune.

Der charismatische Agitator und Theoretiker Rudi Dutschke hatte in seiner Sicht der „Revolution“ einen ähnlichen Zungenschlag. Eine „Kulturrevolution“ sollte nicht primär wie in China die Jugend gegen die alten Repräsentanten der ökonomischen und politischen Macht ansprechen. Im geteilten Europa sollte eine „kulturelle Revolution“ die „soziale Revolution“ als ein Reformprogramm vorbereiten und neue Werte von Demokratie, Selbstbewusstsein, Eigensinn, Würde usw. hervorbringen. Sie war gleichzeitig gegen die „autoritäre Tradition“ von „Faschismus“ und „Kommunismus“ gerichtet. Die westlichen und östlichen Okkupationsmächte sollten ihren Herrschaftsanspruch verlieren. Diese Revolution im „Überbau“ verfolgte deshalb internationalistische und nationale Ziele, die jedoch neu gesetzt wurden. Den „Müll“ der Jahrhunderte wollte niemand mitschleppen. International organisierten sich das „Kapital“, der Markt, die Arbeitskräfte. Das Nationale bezog sich auf den „Rahmen“ der individuellen und sozialen Befreiung, der Institutionen der Demokratie und der „Kultur“, die die Öffentlichkeit, das Wort, die Sprache, die Wissenschaften und die Herrschaftsformen vor „Ort“ umfassten.

Der SDS musste die Biederkeit eines Bundes aufgeben. Er wurde jetzt organisiert über Vollversammlungen, Teach ins, Demonstrationen, Kampagnen, Kongressen, über Wohngemeinschaften und eine „Szene“, die aus Kneipen, Buchläden und „Initiativen“ bzw. „Roten Zellen“ und „Basisgruppen“ bestand. Über eine derartige „Öffentlichkeit“, über die Berichte und Interviews in den grossen Zeitungen oder über die Negativbilder von Springer wurde diese neuartige Opposition als „Gesicht“ und „Ereignis“ entworfen. Der SDS selbst wurde zu einer „Medienpartei“ und verschmolz mit einer APO, die in die jungen Generationen und in die etablierten Parteien und Verbände hineinreichte. Die einzelnen Redner und Führer wurden „veröffentlicht“ oder inszenierten sich selbst. Dutschke und Krahl hatten in ihrem Organisationsreferat im September 1967 auf einer SDS – Delegiertenkonferenz diesen „Bewegungstypus“ einer Gegenpartei festgehalten. Sie bestand aus Kampagnen, temporären Führern, Basisgruppen, Wohngemeinschaften, Kommunen, „Kritischen Universitäten“, Seminaren und zielte darauf, keinerlei Cliquen und Klüngel und erst recht keine „Oligarchie“ oder Eliten zu dulden, die nichts anderes im Sinn haben würden, als den politischen Verrat und ihren Aufstieg in die Klasse der gutbezahlten „Staatsdiener“ über eine „Staatspartei“ einzuleiten. Demokratie sollte „gelebt“ werden. Die dekadenten und vor allem die korrupten Machteliten sollten abtreten.

Ich wurde damals in den Bundesvorstand des SDS gewählte und gehörte zugleich zum kollektiven Vorstand des SDS in Westberlin. Ich betrachtete mich nie als „Funktionär“, sondern sah mich als Agitator, Selbstdarsteller und zugleich als Übersetzer komplizierter Theorien, als eine Art „Verkünder“, der stets seine Rolle offenlegen würde und der den Aufstand seiner Gefolgsleute gegen sich anstacheln musste, um eine fatale Gefolgschaft zu vermeiden. Diese „Revolte in der Revolte“ passierte unzählige Male und hatte den Sinn, Autorität und die archaischen Machtverhältnisse zwischen den Generationen, zwischen Mann und Frau, zwischen den alten und jungen Semestern aufzulösen. Trotzdem zersprengten diese Gegensätze sehr bald die APO und schufen Sehnsüchte nach der geborgten Autorität der ungleichzeitigen Revolutionen aus Russland und China. Allerdings halfen die „Dienste“ aus Ost und West nach, diese unheimliche Opposition zu zerschlagen. Die APO scheiterte an den eigenen Ansprüchen.

Dutschke besass durch seine unvorstellbare Naivität und sein „Gottvertrauen“ ein Charisma, das sich auf die vielen Unentschlossenen, Skeptiker und Zyniker übertragen liess, die an nichts glaubten und plötzlich von der Ehrlichkeit und von dem Willen eines Mannes überzeugt wurden, der an Thomas Müntzer und sogar an Martin Luther erinnerte. Dutschke war gleichzeitig bibel- und marxfest und er glaubte an seine historische Mission. Selbst Willy Brandt reichte in der „Aufrichtigkeit“ nicht an ihn heran. Überhaupt erlangten die etablierten Staatsparteien zu keinem Zeitpunkt diese Unmittelbarkeit und die „Begeisterung“ des SDS. Die Teach ins und die Kongresse trugen die Dramatik des Brechtschen Theaters. Nicht zufällig nahmen die Regisseure und Schauspieler der „Schaubühne“ an diesen Ereignissen teil. Der „Widerspruch“ als Autorität, professorale Würde oder politische Funktion heizte die Situation an und strebte nach „Lösung“. Die Gegner vom RCDS, etwa Bernd Runge, oder aus den Verbindungen waren willkommen. Sie gaben die Stichworte. Die Diskussionsleiter, an der FU, meist Jürgen Treulieb oder Sigrid Fronius, beeinflussten die Dramatik der Diskussion. Irgendwann wurden Tilman Fichter, Christian Semler, Wolfgang Lefevre, Wolfgang Dressen, Hans Joachim Hameister, Bernhard Blanke, Peter Schneider, Bernd Rabehl u. a. aufgerufen, um die Argumentation zuzuspitzen. Sie mussten ihren Fundus von Wissen öffnen und überstiegen oft die Professoren aus den fernen Seminaren im Habitus und Beweisführung. Niemand ging weg. Alle liessen sich faszinieren. Zum Schluss bestieg Dutschke das Podium und sang seine Texte: „Meine Damen und Herren, Genossinnen und Genossen“, dann legte er los und entführte die Zuhörer in die Weiten der europäischen Revolutionsgeschichte. Zum Schluss lief die Rede auf Aktionen hinaus. Er überzeugte die Mehrheit der Anwesenden. Fast alle stimmten zu.

Der „Republikanische Club“ (RC) musste als eine Gegengründung der „Novembergesellschaft“ gegen den SDS angesehen werden. Als die „Keulenriege“ um Horst Mahler, Walther Barthel und Dietrich Staritz sich unfähig zeigten, die „Antiautoritären“ um Dutschke und Rabehl aus dem SDS zu drängen und diese sogar die Mehrheit der „jungen Genossen“ überzeugen konnten von der Methode der „Provokation“ und der „Gegeninszenierung“ des Protests gegen die etablierte Politik, gründeten die „Alten“ eine Volksfrontorganisation. Der RC sollte die Gewerkschaften, die Sozialdemokraten und Liberalen erreichen und der SED/SEW ein Forum bieten, aus der politischen Isolation herauszukommen. Die bewährten Agenten des MfS und der HVA stellten die Weichen, denn die Erfolge des SDS sollten in die Realpolitik der Reformen und des politischen Bündnisses mit der DDR überführt werden. Auf keinen Fall sollte die „antiautoritäre Revolte“ die Grenze überschreiten und die osteuropäische Jugend überzeugen oder sich kurzschliessen mit dem Reformkommunismus in der CSSR und in Polen.

Der Vietnamkongress vom Februar 1968 wies in diese Richtung. Dutschke hatte ihn mit einem „Vietnamausschuss“ unterschiedlicher Linksgruppen, mit Unterstützung der „illegalen KPD“ und des Zentralrats der FDJ und des KGB in Gestalt des italienischen Verlegers Feltrinelli organisiert. Er ahnte, woher das Geld kam, aber er war überzeugt, seine „Bündnispartner“ überspielen zu können. Das Gegengewicht sollten die Trotzkisten der VI. Internationale um Ernest Mandel, Allain Krevin, Tony Cliff aus Belgien, Frankreich und Grossbritannien geben. Aus Italien und Spanien kamen die Nenni – Sozialisten und Eurokommunisten und die Frontorganisatoren der entstehenden „Roten Brigaden“ und der ETA. Osteuropäische „Revisionisten“ traten auf, die in ihren Ländern unabhängige Gewerkschaften und autonome Jugendclubs gründen wollten. An der TU in Charlottenburg war der „Teufel“ los. Das revolutionäre Europa beratschlagte, wie die us – amerikanische Kriegsmaschine „lahm“ gelegt werden konnte. Die NATO sollte zerschlagen werden. Black – Panther – Soldaten in Zivil traten auf und verkündeten den Aufstand in den Kasernen in Lichterfelde, falls der „Kongress“ in einer „Kampfdemonstration“ vor die Tore zog. Die unterschiedlichen Redner und Agitatoren überboten sich gegenseitig. Sie wurden unterbrochen durch die Gesänge der „internationalen Solidarität“ und die Kampfrufe des „Ho, Ho, Ho Tschi Minh“. Tausende waren unterwegs.

Dutschke hatte mich ausgemustert. Ich sass beim Bischhof Scharf in der Jebenstrasse und verhandelte mit dem Kirchenrat, mit Professor Gollwitzer, mit Pastor Alberts, mit Scharf, kurz: mit der „Bekennenden Kirche“ um ein politisches Asyl für die Linke in Westberlin. Der amerikanische Stadtkommandant und der neue Innensenator Neubauer wollten den SDS verbieten und einen Ausnahmezustand über Westberlin verhängen. Alberts, vor Monaten noch Bürgermeister, berichtete mir über den Hass und den Willen der Politiker, in dieser westlichen Teilstadt die Opposition zu zermalmen. Der amerikanische Präsident liess sich diese studentische, deutsche Gegnerschaft gegen die Vietnampolitik nicht bieten. In Polizei und in einzelnen Kreisen der Senatsverwaltung wurden „Polizeireserven“ gebildet, den studentischen Protest mit Waffen zu unterbinden. Eine Lynchstimmung breitete sich in einer Bevölkerung aus, die von „Springer“ überzeugt wurde, dass „kommunistische Agenten“ die Teilstadt an den Universitäten besetzt hielten. Ich sollte Dutschke überzeugen, die „Kampfdemonstration“ abzublasen und stattdessen einen „Karnevalsumzug“ in der Innenstadt zu veranstalten. Nur auf diese Weise konnten die „Ultras“ und die bewaffneten Einheiten der amerikanische Militärpolizei und der deutschen Sicherheitskräfte zurückgehalten werden.

Ich rannte zwischen der Jebenstrasse und dem Audimax der TU hin und her. Dort empfingen mich die Kampfgesänge, die verliebten Blicke von Gaston Salvadore, der seinem Mentor und Meister Dutschke anhimmelte und ihm einredete, dass der deutsche Frühling im Februar den Namen „Revolution“ tragen würde. Dutschke nickte mir zu, zuckte mit den Achseln und ich rannte zurück an den Tisch der besorgten, alten Männer. Irgendwann begleitete er mich. Die „Patriarchen“ überzeugten ihn. Wir tanzten über den Ku – Damm. Die „Revolution“ wurde verschoben.

Mit Dutschke befand ich mich seit Dezember im Widerwort. Er hatte mir mitgeteilt, dass er mit seiner Frau Gretchen und seinem gerade geborenen Sohn Hosea in die USA übersiedeln wollte. Die Sachen wurden gepackt und die Bücher verladen. Im April/Mai wollte er nach Chicago reisen. Ich war entsetzt, weil Dutschke zu diesem Zeitpunkt nicht ersetzbar war. Es wurde notwendig, die APO als Bewegungspartei und als Gegenordnung zu den etablierten Parteien so einzurichten, dass sie teilnehmen konnte an den Universitäts- und Bildungsreformen, an der Kommunalpolitik und an Bundestagswahlen, schon um die Stärke und die Resonanz innerhalb der Wähler zu testen. Wir hatten einen Band zur Parlamentarismusdebatte herausgegeben und uns vorerst hinter den Rätekommunisten Anton Pannekoek und Herman Gorter versteckt. Johannes Agnoli und Peter Brückner machten uns bekannt mit den Überlegungen der „Transformation der Demokratie“. Über Jürgen Habermas hatten wir Carl Schmitts Kritik des „heutigen Parlamentarismus“ studiert. Otto Brenner, der Vorsitzende der IG – Metall, Harry Ristock und Peter von Oertzen von der SPD – Linken in Westberlin und Hannover waren an uns herangetreten, die APO als Partei oder als „Bündnis“ zu legalisieren. Wir waren bisher zu keinem Ergebnis gekommen. Dutschke war bedeutsam in diesen Auseinandersetzungen, weil er Meinungen bündeln und Fraktionen unterlaufen konnte. Ging er weg, würden viele die Ambitionen haben, ihn zu ersetzen. Eine Spaltung der APO war angesagt. Dutschke redete freundlich von der „Dialektik“ der temporären Führer und wusste, dass er sich vor der politischen Verantwortung drückte.

Er stand unter einem vielfachen Druck. Er hatte keinen festen Wohnsitz und pendelte mit Frau und Kind zwischen den unterschiedlichen Wohnungen hin und her. Im SDS. am Kurfürstendamm 140, in einer alten SS – Ruine, war er gemeldet. Er konnte dort nicht wohnen, weil die vielen Besucher und Neugierigen ihm das Privatleben zerstörten. Von den Anwohnern wurde er bedroht. Tag und Nacht empfing er Drohanrufe. Ich war dabei, als Taxifahrer ihn lynchen wollten. Horst Kurnitzky brauste mit seinem VW – Käfer über den Bürgersteig davon. Dutschke flüchtete nach Dahlem, in die Wohnung von Helmut Gollwitzer, der den Gejagten aufnahm und eine Heimstatt bot. Wollte Dutschke seine Ehe retten und seinen Sohn grossziehen, musste er Berlin verlassen. Es durfte jedoch keine chaotische Flucht sein. Ausserdem bemerkte Dutschke, dass sein „Charisma“ sich auflöste. Er wurde inzwischen in der Presse vorgeführt und lächerlich gemacht. In einem Capital – Interview wurde ihn ein rotes Tuch umgebunden und das Kapital von Marx unter den Arm geklemmt. Er poussierte im Bett wie Che Guevara vor Jahren im Life – Magazin. Die Studenten der illegalen KPD im SDS forderten seinen Ausschluss. Ich hatte ihn verteidigt, merkte jedoch, dass er keinerlei Instinkt besass, sich gegen einen Journalismus zur Wehr zu setzen, der die Sensation mit der Denunziation verband.

Wir konnten ihn nicht schützen. Er reiste wie ein Rock – Star an die unterschiedlichen Universitäten. Lediglich Gaston, sein Chauffeur und Übersetzer, ein Chilene, der über die Konrad – Adenauer – Stiftung an die FU gekommen war, kutschierte ihn mit einem klapprigen VW zu den Treffen, zur Familie, zu Diskussionen und fuhr sich dadurch in die Funktion des Sekretärs hinein. Dutschke und ich hatten es abgelehnt, in eine „Kommune“ zu ziehen. Wir liebten unsere Frauen und scheuten Sexualexperimente, von denen wir wussten, dass sie uns zerstören würden. Dieser Widerspruch zwischen dem Propagandawort und der Lebensweise wurde in unserem Aussehen sichtbar.

Die Frauenfrage war keineswegs im SDS gelöst. In Westberlin und sicherlich auch anderswo stellten junge Frauen die Mehrheit der Mitglieder. Der SDS war eine Art Frauenorganisation, denn vorerst nur hier konnte über die Fragen des Studiums, der Freiheit, der Gleichheit, des Berufs diskutiert werden, ohne die Fragen künstlich durch ein „Frauenrecht“ zu verzerren. Der SDS bildete die Fortsetzung der grossen Seminare und Vorlesungen und kannte zugleich die „Extreme“, die an der Universität nicht angesprochen wurden. Hier kamen die Frauen zu Wort, hier wurden sie anerkannt und nur reserviert „angemacht“. Wir Antiautoritäre waren überzeugt, dass die Frauen Führungspositionen oder die Rolle der Agitation übernehmen konnten. Es gelang nicht. Vielen Männern lag der Sprachgesang, die Selbstdarstellung, die Wortergreifung, die kühne Interpretation, so als gehörte diese Gabe zum „Patriarchat“ oder zum „Balztanz“. Selbst der Feminismus konnte später dieses offene Machtspiel nicht für die Frauen gewinnen. Sie benötigten „Quoten“, um Positionen zu besetzen. Wir diskutierten die Bedeutung von Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, Alexandra Kollontai, Vera Sazulich, Jenny Marx, Dolores Ibauri für die Arbeiterbewegung. Unsere Frauen konnten wir damals nicht aus der Reserve locken. Das Gesicht des SDS blieb männlich. Trotzdem war die Frauenstimme wichtig, um ein Realitätsprinzip im Politischen und in der Wissenschaft zu wahren. Die wichtigen Denkerinnen des SDS seien an dieser Stelle kurz erwähnt, ohne allerdings an alle erinnern zu können: Sigrid Fronius, Sigrid Rüger, Ursel Henning, Ute Schmidt, Annemarie Tröger, Sigrun Anselm, Susanne Kleemann, Marianne Herzog, Ines Lehmann, Ursula Jenner, Helge Sander, Hannah Kröger u. a.

Soziale Realität und inszenierte Wirklichkeit

Die unterschiedlichen Schulungsgruppen im SDS und die Einrichtung einer „Kritischen Universität“ verfolgten das Ziel, die „bürgerlichen Wissenschaften“ umzuwälzen und die „Kritik“ der Verhältnisse anzupassen an die Realitäten von Veränderung und Transformation. Nach unseren Gesichtspunkten gab es keine statische Gesellschaft. Sie war in einer permanenten Umwälzung begriffen und besass die Spannung von Theorie und Praxis. Entweder wurde alles so hingenommen, was passierte und die Praxis reduzierte sich auf das Nichtstun der einfachen Kenntnisnahme oder auf die Fatalität der Unterwerfung unter die Bedingungen gesellschaftlicher Entwicklung. Oder die subjektiven Akteure beeinflussten durch Aktionen oder politische Intervention den Gang der Geschichte. Die „Theorie“ unterlag dem Auftrag, eine verdrängte Realität als „Scheinwelt“ wahrzunehmen und ihre „Widersprüche“ aufzuzeigen, indem sie das soziale Handeln, die Sprache, die Kultur, die Tradition, die sozialen Streitpunkte in das Spektrum einer Subjekt – Objekt – Dialektik stellte und die vielen Symptome der sich wandelnden Realität registrierte. Dieses Entziffern von Wirklichkeit duldete keinerlei Dogma. Der suchende und revolutionäre Marxismus des jungen Marx wurde deshalb mit der Psychoanalyse, der Anthropologie, mit der Sprach- und Kulturtheorie und der Sozialgeschichte verkoppelt. Die negative Aufhebung der Religion in der politischen Ökonomie verlagerte die religiösen Rituale nach Marx in das Marktgeschehen und in die Subsumtion der Konsumenten und Arbeitskräfte unter die Reproduktionsbedingungen des Kapitals. „Entfremdung“ umfasste deshalb die Neudefinition des Menschen als Charaktertyp der kapitalistischen Epoche. Die „Befreiung“ aus den feudalen und religiösen Abhängigkeiten enthielt im „bürgerlichen Zeitalter“ die neuen Bedingungen der Unterwerfung und eine Ideologie, die den Konsum und das Leben zur „Satansmesse“, zum „Hexensabat“, zum „Terror“ des Kaufzwangs radikalisierte. Das Zwanghafte, die Hektik und die Reduktion der individuellen Persönlichkeit, sozialen Schichten und Interessen auf „Masse“ und auf den Status des „freien Marktes“, der Konsumfreiheit und der Hierarchie der ungleichen und gleichen Tauschwerte, auf den „Geldfetisch“ wurde zum grundlegenden Thema erhoben. Die Marxismussicht enthielt deshalb Berührungspunkte zur Philosophie Martin Heideggers und zur Kritischen Theorie von Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Ihre „Dialektik der Aufklärung“ beeindruckte.

Die modernen Medien standen deshalb im Vordergrund des Interesses, weil sie Wirklichkeit als Szenen, Symbole, Bilder, Sprache inszenierten und eine zweite Wirklichkeit schufen, die ausserhalb der persönlichen Erfahrung stand, trotzdem als Ideal und Wunschbild akzeptiert wurde. Dieses „falsche Ganze“ wollten wir durchblicken. Herrschaft als Macht vermied in der westlichen Demokratie die direkte Repression. Die Interessen von Machteliten und sozialen Minderheiten wurden demokratisch gerechtfertigt und über ein „System“ von Öffentlichkeit, Konsum, Reklame, Inszenierung und Propaganda in Szene gesetzt. Die Netzwerke oder Systemfundamente, die Hierarchie der Cliquen sollten in den einzelnen Elementen zerlegt werden. Die bestehende Wissenschaft als empirische Sozialforschung oder „Theorie“ gehörte zum „System“ und tabuisierte die bestehende „Macht“ und denunzierte „Kritik“ als Subversion und Feindschaft. Die Universität zeigte sich als Bestandteil dieser „Herrschaftsideologie“, die jede Eindeutigkeit vermied. Eine „kritische Universität“ sollte ausserhalb der universitären Machtverhältnisse, der Seminare, der Prüfungen und der akademischen Berufe eingerichtet werden. Sie folgte dem „Auftrag“, den Jargon des Bluffs zu vermeiden. Der „Ordinarienkult“ sollte demontiert werden, um eine Demokratisierung der Hochschule durchzusetzen. Das „kritische Denken“ sollte gestärkt werden. Schon deshalb wurde es notwendig, eine „Rekonstruktion“ von Wirklichkeit zu entwerfen, die über den Kanon der „Koexistenz“ unterschiedlicher Herrschaftsformen hinausstrebte und die den Kritikbegriff des Marxismus oder der Psychoanalyse aufnahm und auflöste in „Konstellationen“ und Situationen. Der „Extremismus“ bestehender Herrschaft sollte benannt werden. Deshalb wurde der Ruf angestimmt, Marx an die Universität zu holen, nicht um die „grosse Ideologieindustrie“ der DDR zu feiern, sondern um zu neuen Gesichtspunkten zu finden.

Die unterschiedlichen Schwerpunkte wurden gelegt. Der „Charakter“ der Kolonialrevolutionen wurde untersucht. Der „Krieg in Vietnam“ als eine Kombination von Guerillakampf und Technikkrieg, der jeweils den Keim des „totalen Krieges“ enthielt, wurde diskutiert. Der Wandel des „Klassenkampfes“ in der westlichen und östlichen Gesellschaft wurde zum Thema erhoben. Hier interessierte die Neudefinition der „Bourgeoisie“ und der „Arbeiterklasse“. Die Macht der Banken und des Finanzkapitals oder die oberen Position in Partei und im Apparat des Staates hatten Konsequenzen für die Selbstdarstellung der privaten und staatlichen Spitzenmanager. Das „Kapital“ oder die staatskapitalistische Herrschaft wurden anonymisiert und hinter Managerfunktionen verborgen. Sie blieben als „Sonderinteresse“ bzw. „Cliquenmacht“ erkennbar. Diese Herrschaftsformen kombinierten die ökonomischen Vorteile mit politischen Interessen und forcierten eine untergründige Diktatur. Jenseits der demokratischen Institutionen von Parteien, Verbänden und Parlamenten wurde Politik festgelegt. Die demokratischen Abstimmungen enthielten die äussere Regie der Manipulation und erlangten das Aussehen von „Ritualen“.

Die unteren Schichten gaben die Eindeutigkeit der „produktiven bzw. unproduktiven Klassefunktion“ auf. Die Spezialisten, Angestellte, Funktionäre, Facharbeiter, Hilfskräfte oder Ingenieure verwalteten, kontrollierten den Arbeitprozess, reparierten oder koordinierten und hatten kaum noch Anteil an der „Arbeitsteilung“ und an der produktiven Arbeit im Produktionsprozess selbst. Dieser folgte der Logik der „Automaten“ und „Systeme“ und verdrängte den Produktionsarbeiter aus dem Arbeitsprozess. Ein neuer Typ von Massenarbeiter, Verwaltungsangestellter, Massenintelligenz und Hilfsarbeiter entstand. Diese Arbeitskräfte in Produktion, im „öffentlichen Dienst“, in Bildung, „Sicherheit“ und Wissenschaften verwiesen auf eine „proletaroide Masse“. Deren Interessen unterschieden sich von der alten „Arbeiterklasse“ als Gewerkschaft und „Partei“. In diesem Milieu kristalisierte sich ein neuer Typus von „Revolutionär“ heraus. Er formte eine „Zwischenexistenz“ zwischen den skizzierten Arbeitsfunktionen oder im Bereich der Arbeitslosigkeit. Karl Liebknecht hatte in seiner Studien über „Max Stirner“ diesen wurzellosen, jedoch eigensinnigen Akteur beschrieben und zum Bild der Kritik und des Widerstands erhoben. Er würde die Gegenelite zu den offiziellen Machteliten darstellen. Er würde die „proletaroiden Massen“ als hoffnungslose Jugend, Studenten, Arbeitslose, Massenarbeiter, Erniedrigte und Beleidigte organisieren und ihnen Ziel und Hoffnung geben. Unsere Studien über den Rätekommunismus enthielten ein ähnliches Suchformat des zukünftigen Revolutionärs, der zwischen Michail Bakunin, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Max Nettlau, Che Guevarra, Fritz Teufel und Rudi Dutschke seine Existenz begründen würde.

Die Freikorps hatten nach 1918 ihn zum „Feind“ erklärt. Die Sozialdemokratie distanzierte sich vom revolutionären Linksradikalismus. Für den Nationalsozialismus und Faschismus gehörte er zum absoluten Feindbild. Die Bolschewiki machten ihn ab 1928 und vor allem ab 1936 zum Opfer der Säuberungen und zum „Volksfeind“. Wir wollten herausstellen, dass die „herrschende Klasse“ als Kapital- und Staatsmacht den Massenarbeiter oder Massenangestellten zum Konsumenten, Publikum, Zuschauer oder Medienobjekt isolierte und paralysierte und ihm den Oppositions- oder Widerstandswillen nahm. Der Gegner der herrschenden Minorität würde aus der „Reservearmee“ der Studenten und der unterbeschäftigten Massenintelligenz kommen. Ihm wurde aus den Geheimdiensten eine Polizeiintelligenz entgegengestellt, die im Sinn der herrschenden Cliquen den „Aufrührer“ bekämpfte. Die Schichtung des „Massenarbeiter“, die Sicht der internationalen Verhältnisse oder die Idee der „nationalen Souveränität“ erlangten durch den Zuzug von Arbeitskräften aus Südeuropa und Kleinasien einen neuen Stellenwert, den wir damals noch nicht einschätzen konnten.

„Springer“ als Symbol von Macht und Manipulation

Der Springerarbeitskreis, der sich mit der „Macht der Medien“ befasste und diese mit der „Macht des Finanzkapitals“ verband, erhielt durch die Programmpunkte der anderen Kurse eine zentrale Bedeutung. Die Konzentration von Kapital und Macht liess erwarten, dass die „öffentliche Meinung“ bewusst von einem zentralen Konzern manipuliert wurde. Er erlangte durch die geplante Privatisierung von Rundfunk und Fernsehen und durch neue Informationstechniken eine weitere, zentrale Herrschaft und würde Parteien, Regierung und Staat grundsätzlich beeinflussen und ihre Politik festlegen. Über „Springer“ wurde eine zerbrechliche Demokratie ausgehebelt, wenn von dieser Seite Einfluss genommen wurde auf die Kandidatenauswahl, auf die innere Parteiendemokratie, auf die Regierungspolitik und die Darstellung des poltischen Geschehens. Das gesichtslose „Kapital“ würde die „proletaroiden Massen“ als Konsumenten vorführen, isolieren, unterdrücken und ihnen das harmlose Aussehen von jungen Stars, Automarken, Maullhelden, Kettenrauchern, Rennfahrern, Make – up – Schönheiten und Whiskyflaschen verpassen. In diesen Sehnsüchten sollten sie sich gefangen geben. Meinung und Wählerwillen wurden von „Springer“ abhängig. Nicht allein über Sondergesetze oder die „Notstandsparagraphen“ wurde ein autoritärer Massnahmestaat sichtbar. „Springer“ demonstrierte durch seine unterschiedlichen Gazetten die Macht der Manipulation und der Täuschung über die alten und neuen Medien.

In einem „Springerarbeitskreis“ wurde die „Bildzeitung“ und die „BZ“ als ein Spektrum der Illusion und des Selbstbetruges der Journalisten und der Leser vorgestellt. Die Faszination dieser tagtäglich Scheinwelt als Bild und Wort stand im Vordergrund unseres Interesses und verdeutlichte, dass Wissenschaft sich lösen musste aus einer veralterten Begriffswelt und sich den Fotos, Portraits, Sensationen, Wünschen, Ritualen und Symbolen zuwenden musste, um die Selbsteinschätzung des Lesers und die Verdopplung von Wirklichkeit in seiner Phantasie zu verstehen. Erst jetzt konnte eine psychologische Disposition nachvollzogen werden, die sich den Farben, Formeln und Gesichtern von Reklamemustern öffnete und sich über diese labilen und austauschbaren „Zeichen“ reproduziere. Es war nicht einfach, diese mediale Ästhetik mit Macht und Herrschaft in Verbindung zu bringen. Für den Springerarbeitskreis stellten R. Lettau und Peter Schneider im Wintersemester 1967/68 die Verbildlichung des Wortes und die Grundfassung einer zweiten, medialen Wirklichkeit vor, die irgendwann die soziale Realität verdrängen würde. Ihre Argumente hatten folgende Schwerpunkte.

Durch das Militär, durch das Büro und die Fabrik und vor allem durch den Sport wurde die deutsche Sprache auf Anweisungen, Vorschriften, Befehle, Regeln verengt, die der Disziplin, der Arbeitsproduktivität oder der Leistung dienten. Der Wortschatz von tausenden Vokabeln wurde auf knapp hundert Signalezeichen eingeschmolzen und nicht selten durch Anglizismen oder technische Formeln ausgetauscht. Die Sprache verlor dadurch die Reflektionsgabe, die literarische Weite oder die Aufnahme von Erfahrung. Aussserdem erfuhren diese reduzierten Worte in den Gazetten eine Neufassung durch das Bild, das mit der Sprache vermengt wurde und dadurch eine verbildlichte Bedeutung erlangte. Bild, Wort, Reklame, Anzeige, Informationen, Berichte verwischten sich gegenseitig, bildeten eine „Einheit“ und bestimmten eine neue Wirklichkeit, die sich deutlich von der privaten Erfahrung unterschied. Sie fanden Eingang in die Alltagssprache, wurden zum „Jargon“ und verdrängten die ursprüngliche Lebenswelt. Der Leser akzeptierte irgendwann diese Wortbilder und Bildworten, denn sie enthielten die Reize seines Alltags. Sie enthielten die Angebote und den einfachen „Dreh“ der Reklame und sie tauchten in der Bildreizworten der Comics auf. Die einfachen Geschichten über Mord und Totschlag, Krankheiten, das Leben der Stars, Sportler und Millionäre vermengte das eigene, kleine Leben mit den Existenzen all der anderen Menschen und machte deutlich, dass selbst die Superreichen krank wurden, Unfälle erlitten oder sterben konnten. Die „Gleichheit“ der Tauschwerte feierte den „Reklamespot“ und verschwieg die grossen Unterschiede und sozialen Widersprüche.

Das kleine Leben wurde verdoppelt in die grosse Welt und zurückgeschraubt auf die Alltagssorgen der einfachen Leser. Dadurch wurde eine Wirklichkeit vorgestellt, die aus Teilinformationen, Werbesprüchen, Bildern und Illusionen bestand, die alle nicht entschlüsselt werden durften und eine Wirklichkeit inszenierten, die viele Probleme der sozialen Realität ausblendete. Die Sportreportage wurde auf die Sozial- oder Kriminalreportage übertragen. Alle sahen im Sportstar ihr eigenes Gesicht und identifizierten sich mit den Grossen dieser Welt und mit der anderen, willkürlich harmonisierten Wirklichkeit. Diese Vermischung aus Bild und Wort, Reduktion und Reportage, Werbung und Halbwahrheit vereinfachte die Wahrnehmung der Bildzeitungsleser. Der Journalist arbeitete als „Übersetzer“ und „Zeuge“ einer Wirklichkeit, die er nach den Erwartungen und nach den wenigen Wort- und Bildfetzen der Leser vereinfachte. Sie bestätigten seine Vorurteile und bedienten die pychologischen Wünsche. Die Redner atmeten durch. Schneider und Lettau kamen auf die Kriegspropaganda zu sprechen, die in Hollywood und bei der Ufa auf den unpolitischen Film nach 1939 gesetzt hatte, auf die banalen Liebesgeschichten, auf die schönen Frauen und Männer, die vom Kriegsgeschehen, vom Sterben und von den Materialschlachten ablenkten und vom kleinen Leben, von Liebe und Eifersucht berichteten, von der modelierten Frau und dem idealen Hutmann. Eine Scheinwelt wurde erschaffen, in die sich für Stunden die kleinen Leute flüchteten, um nicht die Erbärmlichkeiten und die Gewalt der Realität wahrzunehmen. Die inszenierte Welt als Bildillusion und Worttäuschung wurden in „BZ“ und „Bild“ neu entworfen und verbunden mit der allgemeinen Angst vor dem „Bösen“ und vor dem „Feind“, der diese Idylle bedrohte. Das waren 1967/68 der „Kommunismus“ oder die linken Studenten.

Herbert Marcuse hatte in seiner Schrift über den „eindimensionalen Menschen“ herausgestellt, dass in der Kombination von Arbeit und Konsum, in der täglichen Einflussnahme der Reklame und der „inszenierten Wirklichkeit“ der Shows und Stars eine psychologische Disposition der Leser und Konsumenten stattfand, die sich auf bestimmte Verhaltensweisen festgelegen liess. Ein Denken und Trachten wurde den „Konsumenten“ langfristig antrainiert und stimuliert. Sie schufen jeweils einen oberflächlichen, jedoch neurotischen und manipulierbaren Charaktertyp, der sich deutlich vom „autoritären Charakter“ unterschied. Früher waren Familie, Schule und Militär, das patriarchalische Vorbild die wichtigen Instanzen der „Sozialisation“. Jetzt gehörte die Scheinwelt zum Wirkungskreis der Kinder und Jugendlichen. Diese würden ihre Interessen und Wünsche nach den vorgestellten Symbolen und Werten ausrichten. Ein „Grenzmensch“ wurde geboren, der den vielen Reizen genügte und seine vielen Ängste mit „Erlebnissen“ im Grenzbereich der Realität und der Wünsche einrichtete. Ein Spieler wurde geboren, der den Reizen und Angeboten genügte und keinerlei Werte und Verantwortung aufbrachte. Nicht allein der Ausnahmestaat, der im Normen- und Rechtsstaat enthalten war, der Repressionsapparat von Militär, Polizei und Diensten, die Kontrollen durch den Sozialstaat, bestimmten die potentiellen Gewaltmacht in der „Demokratie“. Eine derartige heimliche „Diktatur“ wurde spürbar in der scheinbar „unpolitischen Propaganda“ und Inszenierung einer „Konsum- und Wohlstandswelt“, die durch den Springerkonzern vertreten wurde. Ein neuer „Faschismus“ benötigte nicht mehr den Aufmarsch der paramilitärischen Verbände, den „Bürgerkrieg“ auf der Strasse, den direkten Terror oder die ideologische Mobilmachung durch einen „Führer“. Er ergab sich aus diesem Zusammenspiel von Repression und Inszenierung. Die „Enteignung“ des Springerkonzerns wurde gefordert, um zu vermeiden, dass diese Medienmacht im privaten Fernsehen triumphierte und zugleich als Finanzkapital die Regierungspolitik festlegte. Sie sollte vorerst durch die Gewerkschaften, die SPD und die Springerkonkurrenz eingeschränkte werden.

Sturm auf das Springerhochhaus Ostern 1968

Dutschke, der charismatische Redner und Agitator, erregte in den Springerzeitungen, eine eigenartige Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zu den Kommunarden, die in ihren bunten, schrillen Auftritten und in ihrer „Haarpracht“ abgelichtet wurden, um die Leser als Hippies, Provos und Asoziale zu erschrecken, wurde Dutschke finster, gebückt, aggressiv vorgestellt. Er hatte das Aussehen eines Revolutionärs aus dem 19. Jahrhundert. Die Springerjournalisten zeigten sich fasziniert, wussten jedoch nicht, was dieser „Magier des Wortes“ im Schilde führte. Er wurde als Karrikatur oder als ein verdunkeltes Foto auf der Demonstration oder beim Reden publiziert. Das Geheimnisvolle, sein dunkles Haar, das unrasierte Gesicht, ein zerschlissener Pullover oder eine verdreckte Lederjacke verwiesen auf eine Rolle, die niemand zu durchschauen schien und die etwas „Dämonisches“ erwarten liess. In den anderen Zeitschriften ausserhalb des „Konzerns“ erschienen interessante Portraits oder Demonstrationsbilder, die auf seinen Geist, seinen „Bewegungssinn“, den sportlichen Körper und auf die aufrechte Gesinnung hinwiesen.

Über das Motiv von Josef Bachmann wurde oft gestritten, warum er sich „berufen“ fühlte, auf Dutschke ein Pistolenattentat zu vollführen. Er kam aus der DDR, aus der Unterschicht, aus dem kriminellen Jugendmilieu und liess sich über diffuse, rechtsradikale Parolen beeinflussen. Er war der Ansprechpartner einer rechtsradikalen Gruppe in Braunschweig, in denen Agenten der DDR wirkten, die den Aufbau von „Wehrsportgruppen“ in der Region beobachten sollten oder deren Aufmerksamkeit auf die Reste der geheimen „Gladioarmee“ in Niedersachsen gerichtet war. Bachmann wurde angeregt, auf Dutschke das Attentat zu vollziehen. Die „Antifapropaganda“ wollte uns später einreden, dass GESTAPO – Leute, die im Gefängnis Lehrte arbeiteten, dem labilen Bachmann die Idee des Mordanschlages auf Dutschke eingeredet hatten. Die „Nationalzeitung“ wurde zitiert. Ein Beweis wurde nicht gegeben. Dutschke selbst war später überzeugt, dass der KGB hinter dem Attentat stand, denn seine Konzeption einer zentraleuropäischen Revolution setzte auf den Zerfall Osteuropas und auf die Widerstandskraft der polnischen und tschechischen Linksintellektuellen, mit denen er auf dem Vietnamkongress zusammengetroffen war. Der CIA war desinteressiert, denn es war bekannt, dass Dutschke in die USA auswandern wollte. Er hatte keinerlei Kontakte zur Black – Panther – Bewegung in USA und würde vorerst mit seiner Familie befasst sein. Gegen einen Zerfall Osteuropas hatte der CIA vorerst nichts einzuwenden.

Dutschke wohnte draussen in Dahlem bei der Familie Gollwitzer mit seiner Familie. Ein Anruf aus dem SDS forderte ihn auf, an diesem Tag die viele Post aus dem SDS – Zentrum abzuholen. Am späten Nachmittag sollte er unbedingt kommen, war die Verabredung. Über drei Wochen hatte er die westberliner Innenstadt nicht aufgesucht. Am Gründonnerstag wollte er nun die Fanpost sichten. Die Distanz vom Hause Gollwitzer zum Kurfürstendamm 140 betrug etwa 10 Kilometer. Er würde über dreissig Minuten mit dem Fahrrad unterwegs sein. Bachmann suchte Dutschke am frühen Nachmttag am Stuttgarter Platz bei der Kommune und war sogar beim Einwohnermeldeamt, die Anschrift von Dutschke zu finden. Just in dem Moment, wo Dutschke mit dem Fahrrad vor der SS – Ruine auftauchte, beobachtete Bachmann von der anderen Seite des Kurfürstendamms dieses Gebäude. Schlug das „Schicksal“ zu? Trug der Zufall den Hintergrund der Planung dubioser Kreise? Bachmann entdeckte zu seiner Überraschung Dutschke und überquerte die Strasse. Dutschke äusserte später über dieses Zusammentreffen, dass er die Gefahr ahnte. Er wollte sogar die Frage verneinen, die Bachmann ihn stellte, ob er der „Herr Dutschke“ sei. Er zögerte mit der Antwort. Stolz überkam ihn. Er wollte seine Namensidentität nicht bestreiten. Bachmann zog den Revolver und schoss. Dutschke stürzte sich auf ihn, um ihm den Revolver zu entreissen. Neue Schüsse peitschten auf. Dutschke wurde am Kopf getroffen und sackte zusammen. Der Attentäter floh. Von Passanten wurde Dutschke auf eine Bank vor dem SDS – Zentrum gelegt. „Ich muss zum Friseur“, rief er erschreckt aus, denn er wusste, dass gegenüber in der Kaiser – Friedrich – Strasse eine vertraute „Genossin“ arbeitete, die ihm helfen würde.

Zwischen 18 und 19 Uhr fuhren viele aus dem „Beirat“ des SDS in das „Zentrum“. Über eine Telefonkette wurden wir zusammengerufen. Ich kam aus Altmoabit. Es wurde beraten, wer reden und was gesagt werden sollte. Alle waren aufgeregt. Eine tiefe Trauer machte sich breit. Einige heulten. Ich wurde ganz ruhig. Ich wusste, dass ich reden musste. Ich wusste nicht, ob Dutschke noch lebte. Ich hatte mit ihm über seine USA – Reise gestritten. Wir hatten uns nicht verständigen können über die Zukunft einer „Bewegungspartei“, die alle Grenzen zu sprengen schien, die jedoch auf Führungspersönlichkeiten vorerst nicht verzichten konnte. Wir hatten ihn nicht schützen können. Er war zum Opfer einer Lynchstimmung geworden. Wir mussten Mut zeigen. Wir mussten Ziele finden, um unseren Widerstandwillen zu demonstrieren. Mir war plötzlich egal, ob ich alles riskierte, ob ich verhaftet wurde und wie meine berufliche Zukunft aussehen würde. Wir mussten kämpfen und für unsere Ideen einstehen. Wir fuhren zum Audi – max der TU an der „Strasse des 17. Juni“. Der Saal war bereits überfüllt. Immer mehr Studentinnen und Studenten drängten durch die Türen. Alle blickten auf mich. Ich ging langsam ans Mikrofon. Ich würde nicht viel sagen. Ich tat plötzlich so, als sei Dutschke schon tot und schrie in den Raum. „Die Mörder heissen Springer, Neubauer und Schütz“. An der Kochstrasse würden wir gegen den Mordanschlag auf Dutschke protestieren. Wir liefen am Hilton vorbei und nahmen den Weg am „Kanal“ entlang, erreichten die obere „Friedrichstrasse“ und bogen in die Kochstrasse. Vor der Mauer protzte der Hochbau und zeugte von der Macht des Konzerns. Einzelne Parolen wurden gerufen; „Springermörder, Springermörder“. Der dumpfe Schritt der Demonstranten war zu hören. Vor dem Springerhochhaus warteten andere Demonstranten und viele Journalisten. Die Berliner Rundfunksender hatten von der Demonstration berichtet.

Wir bogen auf den Haupteingang zu. Er war kaum Polizei zu sehen. Wir überrannten die dünnen Ketten aufgeregter Jungpolizisten, die wohl lieber mit uns demonstriert hätten. Wir drängten durch die Drehtür. Zehn Meter vor uns erwartete uns die „Arbeiterklasse“, die Drucker und Setzer des Konzerns. Sie hatten sich mit riesigen Hämmern und Schraubschlüssel bewaffnet und blickten uns grimmig an. Eine Sekunde konnte ich nachdenken. Es würde Tote geben, liessen wir uns auf einen Kampf ein. Ich zerrte Horst Mahler und Micky Beinert mit und wir rannten die Drehtür wieder hinaus. Draussen bildeten wir einen Halbkreis und riefen unsere Parolen. Steine wurden geworfen. Die Polizei war verschwunden. Plötzlich flammte Feuer auf. Einzelne Springerautos wurden angezündet. Wir zogen uns zurück. Der Verfassungsschutz hatte die Situation gerettet. Der „Doppelagent“ Peter Urbach (S – Bahn – Peter) hatte Molotowcocktails verteilt und die verzweifelten Kämpfer um Georg von Rauch und Andreas Bader hatten sie auf die Autos geworfen. Das „Feuer“ kündete von Sieg und Revolution. Wir konnten eine Demonstration abbrechen, die uns in der Nacht an der Mauer aus den Händen geglitten wäre. Die „Osterunruhen“ konnten in den nächsten Tagen beginnen.

Axel Cäsar Springer, der Chef

1968 wollte A. C. Springer seinen „Laden“ an den Berthelsmannkonzern verkaufen. Er hätte den „Linken“ sogar eine Zeitung der „Gegenöffentlichkeit“ offeriert, wären diese „respektvoll“ an ihn herangetreten. Diese zwei „Projekte“ wurden nicht verwirklicht. Er war darüber betroffen, dass er an der Dummheit der Menschen schuldig sein sollte und er das Attentat auf Dutschke zu verantworten haben sollte. Springer kam nicht von Joseph Goebbels her und hatte mit der NS – Propaganda nichts zu tun. Das redeten vorlaute Kritiker des Verlags sich ein, um die Agitation „rund“ zu machen.

A. C. Springer verfolgte einen spiritualistischen „Freiheitsbegriff“, den er in den unzähligen Lebenskrisen gewonnen hatte. „Freiheit“ hiess für ihn, „Gott dienen“ und sich nicht über den Menschen als Gottesgeschöpf zu erheben. Er lehnte deshalb den „Rassismus“ und jede Form der „Diktatur“ ab. Der Pietist und Pfarrer Christoph Öttinger (1702 – 1782) aus Süddeutschland schien sein Vorbild zu sein. Dieser Pfarrer hatte im 18. Jahrhundert den lebenden Gläubigen und den toten Sündigern eine strenge Moral und Vergebung gepredigt. Ihm war wichtig, sie in den Gottesglauben und in die moralischen Auflagen des Christentums zurückzuführen. Nur nach Gottes Geboten konnte der Mensch Fleiss, Gehorsam und Glück finden. Pfarrer Öttinger glaubte an die Wiedergeburt und seine Allversöhnungslehre wollte den Religionskrieg beenden und eine Aussöhnung mit dem Judentum einleiten. Seine Predigten um Mitternacht in der Kirche wurden berühmt, denn die toten Sünder, Mörder und Verbrecher Europas versammelten sich hier als Lichter und Geister und zeigten Reue. Die Okkultisten des Kontinents pilgerten zu diesem Prediger, um zu lernen, mit den Toten zu sprechen. „Freiheit“ enthielt die Perspektiven des Dies- und Jenseits und verfolgte die strenge Moral, nicht die historischen Mordtaten aufzunehmen und zu feiern. Im Angesicht des Todes und des Mordes gab es keine Helden. A. C. Springer war kein „Antifaschist“, jedoch auf keinen Fall ein Mann der kriegerischen Tradition.

1933 heiratete Springer eine jüdische Frau, Martha Else Meyer, von der er sich 1938 scheiden liess. Immerhin liess er sich keine „Rassenschande“ einreden. Sein kleiner Verlag, Hammerich und Lesser, brachte die Amtsblätter der Stadt Hamburg heraus. Er war der Vertrauensmann der Familie Ullstein, deren Verlag und Besitz 1933 „arisiert“ wurden. Deshalb erlangte er nach 1945 von den Alliierten als „Nicht – Nazi“ und versehen mit einem guten Leumund die Lizenz, in Hamburg Zeitungen herauszugeben. Dieser Freibrief und diese Unterstützung der Familie Ullstein eröffneten dem Verlag die Impulse, zu einem grossen Konzern aufzusteigen. Das „Hamburger Abendblatt“, „Hör zu“ und „Constanze“ gehörten zu den ersten Schlachtschiffen des 1947 gegründeten Axel – C – Springer – Verlages. Springer verpflichtete sich, in seinen Blättern keinerlei rassistische oder antisemitische Propaganda zu dulden und er unterstützte den neugegründete Staat Israel. Er übernahm das Konzept der „Yellow – Press“, etwa vom „Daily Mirror“ und anderen Boulevardblättern, das Leben der kleinen Leute in den Mittelpunkt zu stellen und zu verbinden mit den Auftritten der grossen Sünder und Bekehrten. Die Unmittelbarkeit von Glauben und Sünde interessierte ihn. 1952 wurde die „Bild – Zeitung“ auf den Markt geworfen. Sie erreichte in ihren „besten Jahren „ eine Auflage von 5,5 Millionen verkauften Exemplaren. Springer übersiedelte 1958/59 nach Westberlin, nicht allein, um Steuern zu sparen. Er kaufte für sein „Imperium“ das Grundstück an der Kochstrasse, direkt an der Sektorengrenze. Hier wurde das Hochhaus errichtet, das nach 1961 direkt an der „Mauer“ stand und dessen Leuchtschriften weit in den Osten reichten.

Springer verfolgte eine „eigenwillige Politik“ und war überzeugt, dass der Osten als Militärblock und als „Kriegskommunismus“ keinen langen Bestand haben konnte, wurde ein Krieg zwischen den Blöcken vermieden. 1958 diskutierte er mit Chrustschow über ein neutrales Deutschland, das in Zentraleuropa für den Frieden und den sozialen Ausgleich sorgen musste. 1973 veröffentlichte „L’ Express“ ein Interview mit ihm und seiner „vierten Frau“. In diesem Gespräch hatte er keine Einwände gegen die Teilung Deutschlands, falls die DDR neural sein würde und die Freiheitsprinzipien des Westens übernehmen konnte. Das „Brandenburger Tor“ konnte geschlossen bleiben, falls die DDR und die BRD für ein friedlichen Mitteleuropa sorgten und sich dafür einsetzen, den Bestand Israels ökonomisch und militärisch zu sichern. Die linksradikalen Aufrührer bezeichnete er als „Terroristen“. Die studentischen Massen, die den Ideologien der RAF oder den K – Parteien folgten, waren nach seiner Sicht „Verführte“. Ihnen billigte er keinerlei Toleranz und Freiheit zu, falls sie nicht bereuten. Springer definierte einen „Feind“, der das Böse und die Versuchung darstellte und der sehr bald zum „Feindbild“ der westlichen Gesellschaft gehören würde.

In dieser politischen Konzeption der „zwei Deutschlands“ und des „Feindes“ schimmert der pietistische Freiheitsbegriff erneut durch, über eine moralische Rigerosität politische Stabilität zu erlangen. Die Überlegenheit „Gottes“ und der westlichen Demokratie über den kommunistischen Atheismus und über die Aussenseiter schien ihm selbstverständlich zu sein. A. C. Springer nahm die Ereignisse von 1989 und die „reuevolle Anpassung“ der Grünen vorweg. Mit Dutschke hätte er gesprochen, falls dieser sich von seinen „terroristischen Ideen“ distanziert hätte. Am 2. Mai 2012 wäre dieser Verleger 100 Jahre alt geworden.

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