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Deutschland zwischen Ost und West

4. Juni 2015

Georg Lukacs und Talcott Parsons über die deutsche Ideologie

Die russische Herausforderung

Die Weltkongresse der Kommunistischen Internationale (Komintern) wurden eingeleitet durch Reden, die die Perspektiven der russischen Revolution in der Welt umschrieben. Unvergessen bleiben die Referate von Wladimir I. Lenin, Leo D. Trotzkij, Gregorij Sinowjew und Georgij Dimitroff auf den Treffen der Komintern 1921, 1928 und 1936. Eine russische Epoche wurde für Europa angesagt. Die russische Revolution vom Oktober 1917 würde die Welt und primär Europa verändern. Die Linksrevolutionen und der europäische Faschismus wurden motiviert durch die Erfolge der Bolschewiki, behaupteten die Agitatoren. Gegen die Dekadenz und das Chaos, das die Herrschenden stifteten, konnten politische Minderheiten in die „Offensive“ gehen. Die Völker und Klassen akzeptierten den Oktoberputsch von 1917, denn die Zeit nach einem verheerenden Krieg, nach dem Ende der ersten kapitalistischen Zivilisation wies das Potential auf, über radikale Umwälzungen ein politisches  Neubeginnen einzuleiten.

Die „Oktoberrevolution“ wurde deshalb in den Reden der genannten Revolutionäre gefeiert als das Signum einer Epoche, die Europa und zugleich die anderen Kontinente  auf eine neue soziale Grundlage stellen würde. So falsch lagen sie in dieser Interpretation nicht. Liberale, Konservative und Sozialdemokraten verständigten sich darauf, die Freiheitsrechte einer neuen Nachkriegsordnung mit den Sozialrechten zu verbinden und in die Verfassungen zu schreiben. Ein Zeitalter der Reformen und des Wohlstand wurde versprochen, um die Offensive der russischen Revolution zu unterlaufen. Selbst der europäische Faschismus und Nationalsozialismus wären undenkbar ohne diesen revolutionären Aufbruch in Russland. Die russische Revolution sollte einer kapitalistischen Restauration weichen, die bestimmt werden würde durch die Parteien und Verbände der Gegenrevolution. Kommunismus und Faschismus kopierten sich gegenseitig in den Ritualen, Kulten, in Propaganda und im Führerprinzip. Ihre Parteigänger wechselten vielfach die Fronten. Die Machtergreifung Hitlers verfolgte die Ziele, die Linksrevolution in ihren Grundlagen zu zertreten und einen Revanchekrieg vorzubereiten, benötigte jedoch die Unterstützung Russlands, um das Bündnissystem und den Aufmarsch der Ententestaaten zu durchbrechen.

Der Zweite Weltkrieg hatte den Hitler – Stalin – Pakt zur Voraussetzung und war angelegt auf einen Raumkrieg in West- und Osteuropa, der alle Konventionen und das Völkerrecht einriss und zugleich gegen die Zivilbevölkerung gerichtet wurde. Die schnellen Siege gegen Polen und im Westen verleiteten Hitler dazu, den Eroberungs- und Kernkrieg gegen Russland einzuleiten, um die russische Herausforderung zu zerstören. Die deutsche Zentralmacht zielte darauf, die „Weltherrschaft“ zu erringen. Gegen die verschiedenen  „Kontinente“ konnte die Militärmacht der NS – Diktatur letztlich nicht bestehen. Das Wirtschaftspotential der USA und die Kampfkraft der Roten Armee brachten die Entscheidung. Die russische Revolution erreichte als Streitmacht und als Besatzungsregime die Elbe. Erst der Zusammensturz dieser Weltmacht 1989 eröffnete die Perspektiven einer neuen Epoche. Würden die USA das neue Zeitalter bestimmen oder würde das vereinigte Deutschland Weltgeltung erlangen?  Wurde die Bedeutung Russlands in der Weltpolitik durch China oder durch den Iran ersetzt?

Der deutsche Zwiespalt

Etwa Mitte der fünfziger Jahre hatte Westdeutschland den II. Weltkrieg siegreich bestanden. Frankreich und England wurden durch ihre Kolonialreiche geschluckt. Nordafrika erreichte Paris. Kalkutta breitete sich in London und Manchester aus. Nach Nordamerika strömten die Einwohner Mexikos und Südamerikas und ergänzten die asiatischen und afrikanischen Einwanderer. Die protestantischen, weissen  Mittelschichten gerieten in die Minderzahl. Die Riesenslums in den nordamerikanischen Städten erinnerten an die Siedlungsräume der afrikanischen, asiatischen oder lateinamerikanischen Kontinente. In Russland wanderten die turkstämmigen und asiatischen Völker in die russischen Industriezentren.

Die Wirtschaftsproduktivität dieser Länder litt an dieser kulturellen Spaltung und an der Massenarmut. Der weit gefächerte Mittelstand, Garant von Arbeitsfleiss,  Konjunktur und Wohlbefinden, löste sich auf oder wurde durch die Überbevölkerung aus den fernen Gebieten überrannt.. In Russland musste die zentrale Planwirtschaft endgültig aufgegeben werden. Sie brach zusammen und geriet in den Taumel der privaten Aneignung. Untergründig entstand in Westeuropa, Nordamerika und Russland ein Streit der unterschiedlichen  Kulturen, Religionen, Lebensstile, sozialen Rollen und der Familienbande, der die Spannungen politischer Aufstände und Revolutionen enthielt. Soziale und rassistische Widersprüche wurden sichtbar. Offene oder untergründige Bürger- und Religionskriege konnten nicht ausgeschlossen werden. Dieser Streit der Kulturen und Religionen wirkte sich auf die Arbeitsmoral und auf das Gesellschaftsbewusstsein aus und musste mehr und mehr durch Polizei, Sozialarbeit, Dienste und Sozialkontrollen geregelt werden.

Deutschland wurde nach 1945 durch die Westmächte und Russland besetzt und 1949 in zwei Teilstaaten gespalten. Grosse Gebiete Schlesiens, Ostpreussens und Ostbrandenburgs fielen an Polen und Russland. Die Bevölkerung wurde vertrieben und siedelte sich hauptsächlich in den Westprovinzen des geteilten Deutschlands an. Die zerstörten Städte und Industrieanlagen wurden durch die Produktivkraft hochmotivierter Arbeiter, Ingenieure und Spezialisten neu erschaffen. Viele Frauen übernahmen die Mühsal harter Arbeit. Die Vertriebenen und Flüchtlinge, ein paar Millionen, leisteten als „Einwanderer“ einen wichtigen Beitrag zum Wiederaufbau und zum „Wirtschaftswunder“ der Westrepublik.

Ernst Jünger hatte zu Beginn der dreissiger Jahre diese Schaffenskraft der unterschiedlichen Berufe und Klassen eines Volkes als „Arbeitsgemeinschaft“ umschrieben. Zusammengefasst in der Kriegswirtschaft und in den einzelnen Heeresverbänden verfolgten die Facharbeitersoldaten oder Offiziersingenieure zwischen 1914 und 1918 das gemeinsame Ziel, den militärischen Feind niederzuringen. Disziplin und der Wagemut wurden  in der Friedenswirtschaft fortgesetzt. Die Kriegsniederlage demoralisierte die Arbeiterkrieger nicht, sondern festigte den Aufbauwillen, aus der Niederlage und der Verzweiflung durch Arbeitsleistung herauszufinden. Die Tatkraft der deutschen „Arbeiter“ bewunderten die westlichen Politiker, etwa Winston Churchill oder die amerikanischen Präsidenten Theodor W. Roosevelt und Harry Truman. Josef W. Stalin machte keinen Hehl daraus, dass die „deutsche Arbeitswut“ sehr schnell die Kriegsfolgen überwinden würde. Den Vorschlägen des nordamerikanischen Finanzministers Morgenthau widersprachen deshalb der englische Premier und der russische „Generalissimus“. Die deutsche Industriemacht liess sich nicht „agrarisieren“ oder auflösen in Ruinen und Schutthaufen. Die Sieger konnten nicht fünfzigtausend „Arbeiter“ erschiessen, um den Arbeitseliten den Willen und den Mut zu nehmen, die Arbeitsarmeen mitzureissen. Die Westpolitiker wollten eine Allianz dieser Arbeiter mit den Russen nicht akzeptieren, wurde die industriellen Grundlagen in Deutschland verschrottet. Stalin würde das „deutsche Volk“ hineinnehmen in einen moralischen und militärischen Krieg gegen den Westen. Die Alliierten einigten sich deshalb auf ein Erziehungsprogramm. Die Deutschen mussten „umerzogen“ und für die eigenen Ziele gewonnen werden. 

Ernst Jünger hatte in seiner Fabel vom „Arbeiter“ der Philosophie von Martin Heidegger widersprechen wollen. Solange  Kultur, Staat, Bildung und Erziehung die Ziele verfolgten, Nation und Gesellschaft, Industrie und Arbeitsproduktivität zu erhalten, um anschliessen zu können an die Errungenschaften der modernen Technik und des Wohlstands in der Welt, verfielen Leistungskraft und der Willen eines Volkes nicht der Lethargie ohnmächtiger Nichtsnutze oder der Zeit- und Sinnlosigkeit der Konsumprasserei. Ernst Jünger verwies auf die preussischen Reformer von 1812, die die Grundsteine einer eigenständigen Staatsordnung gelegt hatten.  Preussen hatte als Mittelmacht zwischen West und Ost den industriellen Aufbruch Englands und die politischen Revolutionen und Umbrüche Frankreichs nach der Niederlage gegen die französischen Armeen 1806 übersetzt in die unterschiedlichen Reformen und Staatseingriffe. Um ein Heer an die Erfordernisse des modernen Krieges anzupassen, waren Gewerbe-, Land-, Militär- und Bildungsreformen notwendig und mussten das gesellschaftliche Wissen und die Berufe  angepasst werden an die Erfordernisse einer „technologischen Revolution“ und der „industriellen Moderne“.

In Preussen und später in den anderen deutschen Staaten wurden Volks und Berufsschulen, Gymnasien, Fach- und Hochschulen, Universitäten für jedes Talent im Volk  geschaffen. Auch die unteren Schichten unterlagen der Schulpflicht. Die Folge war, dass die Industrialisierung in diesen Regionen alle Aspekte der westlichen Technik und des Wissens übersetzen, übernehmen und überbieten konnte. Von mehreren Seiten wurde der industrielle Aufbau angestrebt. Er besass die Ausrichtung der Grossbetriebe und der Grossindustrie und wurde durch staatliche Aufträge und Förderung unterstützt. Die Absolventen der technischen Universitäten und Fachhochschulen gründeten Mittel- und Kleinbetriebe, um ihr Spezialwissen und ihre Organisations- und Erfindungsgabe in den eigenen Betrieben umsetzen zu können. So entstand in Preussen und später im vereinigten Deutschland nach 1871 eine gleichzeitig zentrale und dezentrale Industriemacht. Die zentrale Produktionsplanung wurde ergänzt durch dezentrale Initiativen und Korrekturen. Auf Produktivität und Qualität wurde geachtet. Eine Überzentralisation von Planung und Wirtschaft, die den industriellen Aufbau in Frankreich und Russland charakterisierte, wurde vermieden.

Diese integrierte „Industrieorganisation“ von Gross-, Mittel-  und Kleinindustrie nahm die vielen Anregungen der Ingenieure und Erfinder und die Ansprüche des Marktes und des Militärs  auf und schuf in den unterschiedlichen Branchen Zulieferer- und Zentralbetriebe, die auf den neusten Stand der Technik und auf die Rentabilität dieser Arbeitsteilung achteten. Der Betriebsfrieden und die organisatorische Kooperation der unterschiedlichen Techniken und Betriebseinheiten konnte gewahrt werden, wenn Unternehmer, Generäle, Minister, Gewerkschaften, Sozialdemokraten, Liberale und Konservative miteinander das Gespräch kamen und die Verständigung suchten. Unterstützt wurde diese „Kommunikation“ durch den Staat, der als Übersetzer und Zentralmacht eine „Revolution von oben“ vorbereitet hatte und die konstitutionellen Rechte der Bürger ergänzte durch Sozialrechte. Neben den Bildungsreformen fielen die Gesundheits-, Renten- und Sozialreformen auf, Reformen die bis heute weder in Nordamerika oder in Russland durchgesetzt wurden.

Die Kaiserliche Armee als Orientierung der Arbeitersoldaten und Erziehungsorgan der Jugend errang als Stifter der sozialen und politischen Einheit eine grosse Bedeutung. Die europäische Mittelmacht Deutschland wollte nach den Einigungskriegen gegen Österreich-Ungarn, Dänemark und Frankreich den äusseren und inneren Frieden wahren. Fürst Bismarck, der politische Taktiker, Innen- und Aussenpolitiker und Reichskanzler wollte Deutschland als wachsende Grossmacht schützen und achtete deshalb auf den industriellen Ausbau und den sozialen Frieden. Der deutsche „Arbeiter“ entstand nach Ernst Jünger aus dieser Zusammenarbeit und dieser Tradition einer Nation, die über Kriege und die industrielle Arbeit geformt wurde.

Der soziale Zusammenhalt der Deutschen und die Definition als Volk und Nation ergaben sich nicht über eine aufgesetzte Kriegspropaganda oder den Militarismus. Die Bildung und die Kultur der Toleranz und der Arbeitsethik beeindruckten die Bürger und sozialen Schichten und stifteten so etwas wie eine nationale Identität. Die „Fremden“, die in den deutschen Landen Arbeit suchten, primär Holländer, Hugenotten, Juden, Polen, wurden als Fachkräfte, Handwerker, Arbeiter und Wissenschaftler anerkannt, soweit sie ihren religiösen Sonderstatus aufgaben und sich nicht abschotteten. Über Assimilations- und Toleranzgesetze wurden sie in die Gesellschaft integriert. Der Bergbau im Ruhrgebiet und in Schlesien, der Städtebau, die Landwirtschaft, Medizin und Naturwissenschaften erhielten durch diese „Einwanderer“ wichtige Impulse. Die Erfolge des industriellen Aufbaus in den Industriezweigen schufen bei den Arbeitskräften ein Selbstvertrauen. Deutschland löste England und Frankreich ab als Wirtschaftsmacht und wurde zum Motor der europäischen Akkumulation des Kapitals. Erst die Dekadenz der politischen Eliten und der Verlust an politischer Taktik eröffneten nach der Jahrhundertwende einen dreissigjährigen Krieg, der  letztlich die Jahre von 1914 bis 1945 umschloss. Die russische Revolution bestimmte die nachfolgende Epoche. Trotzdem konnten die „deutschen Hunnen“ nicht besiegt werden, denn die militärischen Niederlagen im Krieg erschütterten nicht den skizzierten Aufbauwillen.

Preussentum und Nationalsozialismus

Der ungarische Philosoph Georg Lukacs und der nordamerikanische Soziologe Talcott Parsons widersprachen den Thesen von Ernst Jünger über den „Arbeiter“ kompromisslos. Für Lukacs war Jünger ein typischer Vertreter der deutschen Romantik und des Irrationalismus. Er bildete nach dieser Interpretation keinen Gegenpol zu Martin Heidegger oder gar zum Nationalsozialismus. Der „Dichter“ des „Stahlgewitters“ idealisierte und heroisierte als Offizier und Militarist den „Stellungskrieg“ und den gezielten Einsatz der modernen Kriegstechnik. Die Idee der „Volksgemeinschaft“ oder des „Arbeiters“ sollte die Realität einer Klassengesellschaft verharmlosen. Diese Propagandabilder bezogen sich auf ein „oragnisches Volkstum“, das aus dem „deutschen Wesen“ der vielen Kriege, der militärischen Disziplin, des Protestantismus und des Untertanengeistes entstanden war und das sich im Krieg und in den Produktionsschlachten bewährt hatte. Nun wurde das Heldenhafte im Militär auf die Arbeitsorganisation  übertragen.

Die Verklärung von Sprache und Kultur, von Universität, Wissen, Technik und Industrie zu einem Volkscharakter unterschlug die Militarisierung der Gesellschaft und die Ziele des deutschen Imperialismus. Überhaupt ein Volk über Krieg, Militäreinsatz und die industrielle Arbeit zu skizzieren und die soziale Differenz zu unterschlagen, verwies auf eine ideologische Konstruktion von „Volk“. Den Deutschen sollte eine „Mission“ eingeredet werden. Nach Lukacs nahm Jünger die „Deutsche Arbeitsfront“ des Nationalsozialismus vorweg, indem er eine Arbeitsgemeinschaft ohne Widersprüche und Konflikte vorstellte und den Terror, die Verfolgung und Liquidierung der politischen Gegner verschwieg. Der „Arbeiter“ stellte das Ideal der „NS – Diktatur“ vor. Für Lukacs gab Jünger der NS – Partei das Signal, dass Intellektuelle wie er, Martin Heidegger und Carl Schmitt die Fronten wechseln würden, nahm die Propaganda der zukünftigen Diktatur sie wahr und setzte sie im ideologischen Kampf ein.

Georg Lukacs schrieb die „Zerstörung der Vernunft“ im Auftrag der KPdSU. Nach „Stalingrad“ und den russischen Siegen an der Front bereitete sich diese Grossmacht auf die Besetzung Deutschlands vor. Den Deutschen sollte das kulturelle Selbstbewusstsein genommen werden. Alle Ideen, Traditionen und Ereignisse, die nach 1848 die preussisch deutsche Geschichte geprägt hatten, verfielen dem Tadel der Romantik, des Irrationalismus, Militarismus und Imperialismus. Gefeiert wurde die Tradition der Aufklärung. Die Philosophen Kant und Hegel und die Dichterfürsten Lessing, Goethe und Schiller wurden als die Grundlagen der europäischen und der russischen Kultur anerkannt. Marx und Engels wurden als die Begründer des „wissenschaftlichen Sozialismus“ gefeiert. Der „kritische Realismus“ eines Thomas Mann wurde bewundert und wurde neben der Opposition der KPD zum „antifaschistischen Widerstand“ gezählt.

Georg Lukacs muss als ein Auftragsschreiber angesehen werden, der dem Tadel des Trotzkismus und Linkskommunismus ausgesetzt worden wäre und in die Arbeitslager und Gefängnisse Russlands gesteckt werden würde und den „russischen Tod“ erlitten hätte, folgte er nicht der befohlenen „Parteilichkeit“.  Die Stalin’sche Propaganda feierte den „Werktätigen“ oder den „Bestarbeiter“ und „Aktivisten“ in der Perspektive des „Arbeiters“ von Ernst Jünger. Allerdings bildeten Zwangsarbeit und Militärdisziplin die Grundlage der russischen Grossmacht. Aspekte von Reformen oder der Mitsprache der Arbeitskräfte jenseits einer zentralen Plan- und Befehlsmacht blieben unsichtbar. Lukacs hätte in seiner Schrift zumindest die Punkte ansprechen müssen, inwieweit die russische Zwangsarbeit oder die Despotie der Geheimpolizei „rational“ sein sollte und warum die industrielle Arbeit und Kultur in Deutschland vor 1933 dem Urteil der „Irrationalität“ ausgesetzt wurde.

Talcott Parsons, der nordamerikanische Soziologe,  widersprach der Intention von Ernst Jünger, die „Funktion“ des „Arbeiters“ als eine Alternative zum Versagen der Demokratie, des Kapitalismus und des „Versailler Kontrollfriedens“ zu betrachten. Erst recht würde er es ablehnen, dass das nordamerikanische Spekulations- und Finanzkapital Europa und Deutschland ab 1929 in eine Existenzkrise getrieben hatte, die letztlich die NS – Diktatur erst  herrschaftsfähig machte. Nicht das Chaos, das die USA in Europa stifteten, die Massenarbeitslosigkeit, die Verzweiflung, der Verlust an Anstand und persönlicher Autonomie, waren verantwortlich zu machen. Für Parsons entstand die antidemokratische und antisemitische Revolution in Deutschland aus den Sehnsüchten und Hoffnungen eines Volkes, das die „Rationalisierung“ der Gesellschaft durch die industrielle Arbeitsteilung im Bewusstsein relativierte und mit den Werten der Militarisierung und der autoritären Macht verband. Anders als Lukacs verwarf er nicht die historische Tradition des mitteleuropäischen Volkes. Er unterstrich die Unterschiede zu Frankreich, England oder den USA. Die „Rationalisierung“ der Beziehungen und Verhältnisse durch die „kapitalistische Moderne“ wurde in Deutschland verpasst. Die Vorherrschaft der Junker und des Kaisers in Militär und Staat und die verklärenden Orientierungen an vorindustriellen Werten von Religion, Natur, Jugend und Heldentum verhinderten den direkten Bezug zur kapitalistischen Wirklichkeit. Die „Kleinbürger“ als Zwischenschicht zwischen Bauernschaft und Arbeiterklasse waren für Parsons anfällig für Weltsichten der Romantik. Sie beeinflussten die Volksmeinung. Sie standen unter dem Druck einer kapitalistischen Erneuerung der Gesellschaft und verweigerten sich. Sie hassten die „Fremden“, primär die Juden, die für sie die kapitalistische Erneuerung verkörperten. Ideologien und Ideen des vorindustriellen Zeitalters verfälschten oder verzerrten den Einfluss des liberalen und demokratischen Denkens.

Parsons hatte 1924 in Heidelberg studiert. Dort hatte er sich mit den drei Herrschaftstypen und mit der protestantischen Ethik in der Soziologie von Max Weber befasst. Die gleichzeitige Existenz der charismatischen, traditionellen und rationalen Herrschaftsformen innerhalb der kapitalistischen Arbeitsteilung und innerhalb der modernen Institutionen und Administrationen drängten das deutsche Volk dazu, der  Dominanz der charismatischen Macht und der Tradition zu erliegen. Über Bildung und Militär gelang die Verdrängung der rationalen Ansprüche in der produktiven Arbeit und im zivilen Leben. Für Parsons war der Bezug der NS – Ideologie zum Protestantismus und zum Preussentum unbestreitbar. Diese Weltsicht wies einen religiösen Wahn auf und wurde über Kulte, Rituale, Aufmärsche, Massenaufläufe, Propaganda und Terror gesellschaftsfähig. Die Ansprüche des Führers, das Volk aus der Knechtschaft des „jüdischen Finanzkapitals“ zu erlösen, seine Intuition, das „Schicksal“ zu meistern und das Volk aus Erniedrigung und Schmach zu führen, folgten religiösen Visionen oder „Vorsehungen“. Der radikale Antisemitismus hatte christliche und heidnische  Ursprünge und wurde durch den Nationalsozialismus zum Völkermord gesteigert. Im Juden oder im Slawen wurde der „Untermensch“ bekämpft, der durch den germanischen „Übermenschen“ besiegt werden musste. Dieser  Menschentypus, der alle Völker überragen sollte, wurde im rücksichtslosen Krieg erzogen und „gezüchtet“. Er wurde als „Zukunftsmensch“ vorgestellt, der als „Auserwählter“, als ein „Medium“ der  germanischen Götter und Weisen betrachtet wurde. Die „antikapitalistischen“ und „antimodernen“ Skrupel und Sehnsüchte im deutschen Volk wurden auf den Hass gegen das „Fremde“ gelenkt und zum Mythos der Neuschöpfung von „Reich“ und „Volk“ erhoben.

Der Nationalsozialismus bündelte in einer Krisensituation die vorkapitalistischen Herrschaftsformen gegen die kapitalistischen Freiheitsrechte. Die Gefolgsleute, die Krieger aus dem I. Weltkrieg, die „Kleinbürger“ und die jungen Generationen, priesen die militärische Disziplin und das Charisma des Führers, der auf Entscheidung in den Jahren der gegenseitigen Paralyse der herrschenden Eliten drängte. Die NS – Bewegung aktualisierte Gefühle und Ressentiments, die in Deutschland über Generationen geprägt wurden. Deshalb kam diese braune Revolution aus dem Herzen dieses Volkes.

Talcott Parsons diskutierte den Begriff der „Rationalisierung“ vor dem Hintergrund der liberalen Freiheitsidee und der rationalen Herrschaft. Die „Rationalisierung“ war gegen jede Tradition und gegen den historischen Ursprung  eines Volkes gerichtet. Sie verfolgte den Auftrag, eine neue Welt zu kreieren, die eine kommende Epoche der kapitalistischen Herrschaft anstrebte. Sie wurde durch die USA vorgestellt. Während Europa nach 1918 in den historischen Traditionen versank, die durch Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus eine Renaissance erlebten, begründete die USA die Freiheitsrechte und die westliche Demokratie. Der Fehler dieser Grossmacht bestand bisher darin, sich nach 1918 weitgehend von Europa zu entfernen. Nach 1941, mit Kriegsbeginn, musste diese Weltmacht darauf drängen, in Europa so etwas zu erlangen wie Dominanz und ideologische Hegemonie. Sie musste die westliche Demokratie hineinschreiben in die Verfassungen der europäischen Nachkriegsrepubliken und darauf achten, dass die Traditionen keinerlei Wiedergeburt fanden und Russland langfristig besiegt wurde.

„Rationalisierung“ bedeutete für Parsons die Überwindung und Zerstörung der europäischen Kultur und ihrer Völker. Dieser Anspruch galt genauso für Asien, Afrika und Lateinamerika. Der „totalitäre Anspruch“ dieses Begriffs war ihm durchaus bewusst. Es gab jedoch keine „Koexistenz“ traditioneller und rationaler Herrschaft, sollten Faschismus und Reaktion vermieden werden. Die USA wurden für ihn zur “einzigen und letzten Weltmacht“, die die Welt nach den Gesichtspunkten der Freiheitsrechte und des Liberalismus ordnen würde. Er inspirierte die amerikanischen Politiker Henry Kissinger und Zbigniew Brezsinski, die nach den Zusammenbruch der russischen Weltordnung 1989 davon sprachen, dass die USA als die „einzige Weltmacht“ die Rohstoffe der Welt für Nordamerika sichern musste und dadrauf zu achten hatte, dass neben dieser Weltmacht kein anderer Grosstaat entstehen durfte.

Talcott Parsons schrieb zwischen 1933 und 1945 unterschiedliche Aufsätze über die NS – Diktatur. Nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 sprach er im Rundfunk und betätigte sich als Berater der US – Regierung unter Theodor W. Roosevelt. Die Vorträge und Aufsätze tragen die unterschiedlichen Titel, z. B. „Nationalsozialismus und das deutsche Volk“, „Propaganda und soziale Kontrolle“, „Max Weber und die gegenwärtige politische Krise“. Die Aufsätze wurde von Uta Gerhardt unter dem Titel „On Nationalsocialism“  in New York 1993 im Verlag  Walter de Gruyter herausgegeben.

Parsons verfolgt u. a. die Absicht, durch die soziologische Analyse von Herrschaft, Macht, Administration, Rolle, Beruf, Arbeit Belege für eine „funktionale Wissenschaft“ zu finden.  Geschichte sollte auf das „soziale Handeln“ der Eliten, sozialen Schichten und Völker konzentriert werden. Diese „sozialen Aktionen“ wurden in den Herrschaftsapparaten jeweils positiv oder negativ übersetzt. Die Reaktion oder die Transformation der Ereignisse und Ziele der sozialen Widersprüche in der der administrativen Institution sollten Gegenstand der soziologischen Untersuchung sein. Die empirische Sozialforschung sollte durch die Herrschaftsanalyse ergänzt werden. Die soziologische Analyse sollte die gesellschaftliche Realität „systematisieren“ und die funktionalen Zusammenhänge erkennen. Sie unterstand dem Auftrag, Hinweise zu geben, negative Tendenzen in den Beziehungen der Bürger und in den sozialen Verhältnissen auszuschliessen.

Phänomene wie Faschismus, Kommunismus, Demokratie oder Nationalsozialismus besassen ihre historischen und sozialen Ursachen und konnten nicht als Zufall oder Manipulation angesehen werden. Sie folgten der  Macht von historischen „Naturgesetzen“, gelang es nicht, ihre Grundlagen und Traditionen aufzulösen. Die Besetzung Deutschlands nach dem Siege über die NS – Diktatur verlangte deshalb die Umerziehung eines Volkes über Jahrzehnte hinweg. Ausserdem mussten die demokratischen Institutionen beeinflusst und kontrolliert werden von den Siegermächten, um die Wiedergeburt der fatalen Traditionen zu vermeiden. Nach Parsons musste die nordamerikanische Grossmacht ihre Gesetze und Lebensformen eingeben in den  demokratischen Wiederaufbau Europas.

Wie bei Georg Lukacs wurde bei Talcott Parsons die Siegerpose sichtbar. Lukacs schrieb im Auftrag des Stalin’schen Russland gegen den deutschen „Irrationalismus“ an. Parsons entwickelte eine imperiale Soziologie, die im Auftrag des State Department oder des CIA die „Aktionen“ der Völker untersuchte und darauf drängte, jede nationale Eigenständigkeit, die mit der nordamerikanischen Hegemonie in Konflikt geriet, zu zersetzen und zu zerstören. Seine „Soziologie“ sollte Bestandteil der imperialen Kontrollen  der  einzelnen Gesellschaften sein. Gegen eine derartige Gleichsetzung von Preussentum und Nationalsozialismus, Tradition und Diktatur und gegen das Ziel einer nordamerikanischen Hegemonie in Europa wären die Überlegungen von Max Weber und Hugo Preuss zu stellen.

Totalitäre Ansprüche der Freiheitsrechte’

In den Aufsätzen “The Problem of controlled Change“ und in „Certain Primary Sources and Patterns of Agression in the Social Structure of Western Word“ analysiert Talcott Parsons  Leitthemen für die Besetzung des westlichen Teils Deutschlands. Langfristig sollen die Mentalität, das  Bewusstsein der Deutschen, Staatsaufbau, Verfassung und Politik von den USA beeinflusst werden. Talcott Parsons weiss, dass die abstrakten Freiheitsrechte zu Prinzipien von Herrschaft und Kontrolle gedeutet werden können. Die Freiheits- und Menschenrechte unter dem Postulat der allgemeinen Gleichheit bestimmen die Strukturmuster von „System“ und „Recht“. Die westliche Demokratie muss als Ordnung, Staat und Apparat von Herrschaft und Demokratie auftreten, um als Vorbild zu gelten und um Mechanismen der Kontrolle von Aussen einzufügen in die zu gründende „Westrepublik“. Die Administration der „demokratischen Ordnung“ muss von oben, von der Staatsseite her auf die „sozialen Aktionen“ der Gesellschaftsglieder einwirken, sie „strukturieren“, sie erziehen und verändern. Nicht aus einer „dunklen Tradition“ sollen Ideen, Verhalten und Konflikte beeinflusst werden, sondern umgekehrt, sollen diese Traditionen „internationalisiert“, nivelliert und durch die demokratischen Institutionen überwunden werden.

Die USA benutzten seit Beginn des 19. Jahrhunderts die Freiheits- und Menschenrechte über die Monroedoktrin, gegen den alten Imperialismus Spaniens und Englands zu kämpfen und Kriege im Namen der „Freiheit“ zu führen. Die weissen Siedler, zusammengefasst in protestantischen Sekten, liquidierten die „Traditionen“ der indianischen Ureinwohner und der afrikanischen „Einwanderer“, die als Deportierte, Sklaven und Zwangsarbeiter auf den grossen Baumwollfarmen arbeiten mussten. Die „Freiheitskämpfer“ im nordamerikanischen Bürgerkrieg interessierten sich nicht für die Befreiung der Sklaven. Sie wollten die englische Baumwollbörse und die englischen Banken ausschalten und verlangten von den Gegnern des Südens die „bedingungslose Kapitulation“. Die USA wollten seit diesem Zeitpunkt ihre Ordnung, freigelegt von allen Traditionen und Zugeständnissen, in die Welt tragen.

Parsons bestreitet nicht, dass der liberale Freiheitsbegriff den Marktgesetzen folgt und dass die Gleichheit sich auf den Geldwert bezieht, den eine Ware enthält oder den eine Person „verkörpert“. Die Forderungen nach Freiheit und Gleichheit kennen deshalb deren Kehrseite: die Unfreiheit und die Ungleichheit. Freiheit und Gleichheit können in einer Gesellschaft nicht umgesetzt werden, in der die Ungleichheit durch Besitz, Einkommen, Macht und Herrschaft vorgegeben ist und in der die Mächtigen sich jede „Freiheit“ nehmen können. Hinzu kommen die unterschiedlichen Begabungen, Talente, die Vorgaben an Wissen, Erziehung und Kultur innerhalb der Gesellschaft, die eine soziale Gleichheit ausschliessen. Die „demokratische Ordnung“ benötigt das „parlamentarische System“, die Wahlen und Abstimmungen, den Wahlkampf, die mediale Verbreitung von Politik, schon um das Gefühl von „Freiheit“ und „Teilhabe“ am demokratischen Geschäft im Volk zu schüren. Die „grosse Illusion“ der demokratischen Teilhabe an Politik und Administration begleitet die Parolen von Freiheit und Gleichheit.

Das „parlamentarische System“ soll die Wähler oder die Massen ausschliessen von der demokratischen Mitbestimmung. Die „Bürger“ delegieren ihren Willen und ihre Befugnisse an Abgeordnete, Politiker und „Präsidenten“, die in ihrem Namen politische Entscheidungen treffen. Ein kleiner Kreis will ungestört „regieren“. Den Massen werden Spiele, Serien und Sensationen geboten. Sie werden unterhalten durch Wahlkampf, Skandale, Feste, Demonstrationen, Aufrufe, Sportereignisse, Gladiatoren und Stars, durch das „demokratische Drama“ und ihnen wird eine Bedeutung eingeredet, die sie nicht haben. Demokratie wird reduziert auf ein paar hundert Entscheidungsträger in den Parteien und in der Wirtschaft. Diese wiederum sind abhängig von den inneren Hierarchien der Parteien und von dem Entscheidungswillen der Milliardäre, die sich die Demokratie leisten, um ihre Macht und ihr Geschäft zu legitimieren. Sie finanzieren eine demokratische Fassade, um ohne Zwischenruf  ihren Interessen nachgehen zu können. Dieser „Demokratismus“ klammert die „Irrationalität“ der Vergangenheit aus. Die demokratischen Verfahren sind kalkulierbar und sie kennen die Konkurrenz des Marktes. Nur die Besten werden sich durchsetzen. Sie folgen den wirtschaftlichen und technologischen Impulsen.

Ein Zweiparteiensystem muss eingerichtet werden, um jeweils die Alternativen in der ökonomischen und technologischen Entwicklung ansprechen zu können. Der Streit konkurrierender Ziele ist notwendig, um Stagnation in Ökonomie und Politik zu vermeiden. Trotzdem muss ein einheitlicher Machtwille schnell hergestellt werden. „Grosse Koalitionen“ und Absprachen werden stets die Einheit der Grossmacht garantieren. Die Auflösung der vielfältigen Interessengruppen, der Klassen und der Radikalopposition folgt der ökonomischen Tendenz, die enthalten ist in der automatischen Produktion und in der Zentralisation der Wirtschaft. Diese Nivellierung der Klassen und Gruppen auf die unförmige Masse wird favorisiert durch die Geheimdienste oder durch die Mafia, die jedes Widerwort und jeden Widerstand ausser Kraft setzen. Die Paralyse der Gesellschaft setzt ein, wenn die sozialen Interessen von Oppositionsparteien unterminiert werden können und wenn ein Strom der Einwanderer die sozialen und nationalen Zusammenhänge einer Gesellschaft  zerstört. Das Desinteresse an Politik, die Gleichgültigkeit der Massen, die Wahlbeteiligung in niedrigen Prozentzahlen erleichtern diese „Politik“ der Machteliten und der Wirtschaftsbosse. Wenn Präsidenten, Abgeordnete und Repräsentanten von knapp 20 %  der Bürger gewählt werden, wäre das Ziel erreicht: die „Rationalisierung“ einer Demokratie, die als eine „demokratische Diktatur“ die Selbstbehauptung  der Wähler und die Tradition der Völker auflösen wird. Jetzt könnte die „einzige Weltmacht“ sich endgültig einrichten.

Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus lebten von einer „politischen Religion“, die die Radikalität und den Einsatz der Gefolgsleute beeinflusste. Über Rituale, Marschkolonnen, Aufrufe, Paraden, Parteitage, Führerbefehle, Weissagungen, Terror und Gewalt gegen den „Feind“ bestätigten diese „Religionen“ ihre Werte und den Mythos von Krieg und Diktatur. Das „demokratische System“ kann auf Rituale auch nicht verzichten. Die Medien übernehmen die Aufgabe, die Werte der „Freiheit und Gleichheit“ in ihren abstrakten Aussagen zu verbreiten. Wahlkämpfe erlangen das Ausmass von Karnevalsumzügen. Sport und Talk sollen ablenken. Feste und Feierlichkeiten werden permanent zelebriert. Das Unpolitische erlangt die höchste Form des „Politischen“, wenn die Politiker sich feiern lassen und die Unterscheidung zwischen Reklame und Wirklichkeit schwer fällt. Die Ritualisierung des „Politischen“ soll die Emotionen der Wähler aufnehmen und befriedigen und zugleich verhindern, dass die Volksfeste an Tradition und Mitsprache  erinnern.

Talcott Parsons suggeriert dem Leser seiner „Manifeste“, dass die Grundlagen seiner „funktionalen Soziologie“ bei Max Weber zu finden seien. Auf „Objektivität“ kommt es ihm nicht an. Sein „Wissenschaftsbegriff“ nimmt die Ergebnisse vorweg und verschweigt die manipulativen Absichten. Die Intentionen von Max Weber dagegen lassen sich nachvollziehen am Beispiel konkreter Untersuchungen. Er verfolgt die Absicht, die unterschiedlichen Herrschaftsformen im realen Prozess von Machtpolitik zu entdecken. Am Beispiel der Weimarer Verfassung lässt sich die „Komposition“ von Herrschaft und Ethik studieren. Zusammen mit Hugo Preuss gehört er zu den „Patriarchen“ dieser Verfassung. Die Transformation der deutschen Gesellschaft und des kaiserlichen Staates in eine bürgerliche Demokratie unter dem Vorzeichen einer Kriegsniederlage, der Revolution von 1918, der Demilitarisierung des Heeres, der Abrüstung und der Reparationsverpflichtungen des Versailler Vertrages  benötigte eine Vision, Tradition mit dem liberalen Fortschritt zu verbinden.  Weber und Preuss hüteten sich davor, nach den Prinzipien der abstrakten Freiheit eine „Konstitution“ der „demokratischen Diktatur“ zu erfinden.

Die Konkurrenz der demokratischen Formen

Max Weber wusste, dass in Preussen und im vereinigten Deutschland nach 1871 Tradition mit den demokratischen Reformen und mit den Sozialrechten einer „Revolution von oben“ verbunden wurden. Die positiven Ergebnisse der europäischen Revolutionen wurden übernommen und zu einem „Rechtsstaat“ gefügt. Der „Weltgeist“ in der Hegelschen Philosophie verkörperte den ökonomischen und sozialen Fortschritt in der Welt, der in Preussen keine „Basis“ besass und deshalb über den Staat interpretiert wurde. Der „Volksgeist“ bestand bei diesem Philosophen nicht aus Sagen und Märchen oder aus der Tradition des Feudalismus und der Leibeigenschaft, sondern er nahm über Staat, Recht, Kultur und Wissen die Impulse der Weltökonomie und des Liberalismus auf. Die „preussischen Junker“ und der Beamtenapparat liessen sich nicht auf eine „reaktionäre Kaste“ einengen. Die Junker als Offiziere und Landwirte nahmen die Lehren der kapitalistischen Farmen auf und mutierten sehr bald zu Agrarkapitalisten. Im Heer befassten sie sich mit dem modernen Technikkrieg und erstrebten den Beruf der Betriebswirtschaft oder der Ingenieurkunst. Die preussischen Könige und deutschen Kaiser förderten diese „Metamorphosen“ der feudalen Machtträger, um als Staat und Grossmacht in Europa bestehen zu können.

Die Sozialreformen und Sozialgesetze wurden erlassen, um die entstehende Arbeiterklasse, Sozialdemokratie und Gewerkschaften in diese Ordnung hineinzunehmen. Es wurde schnell sichtbar, dass „Sozialistengesetze“ das Land zerrissen, weshalb der autoritäre Eingriff nach 12 Jahren aufgegeben wurde. In der Kriegswirtschaft von 1916 wurde die Kooperation der „politischen Lager“  wichtig, um den Aufgaben der Rüstungsproduktion gerecht zu werden. Dieser politische Zusammenhalt der Eliten und sozialen Schichten musste nach 1918 in die Verfassung hineingeschrieben werden und verlangte, den Rechtsstatus mit der demokratischen Mitsprach der Bürger zu verbinden. Eine Revolution wurde „verstaatlicht“ und übergeleitet in Reformen, die einen revolutionären Anspruch beibehielten.  Nicht eine Konstitution sollte erfunden werden, die der „Diktatur des Proletariats“, der Herrschaft einer Partei oder der „Ermächtigung“ eines Generals, eines Präsidenten oder eines Politikers dienen konnte. Die Verfassung sollte eine innere Stabilität erlangen, wenn die gewachsene Kombination von Tradition und Liberalismus und die Koexistenz der Herrschaftsformen eingehalten wurde.

Eine offene Verfassung, die fortgeschrieben werden konnte, entstanden neue „Konstellationen“ von Interessen oder Herrschaft, benötigte die „Konkurrenz der demokratischen Formen“. Sie wäre nach Preuss und Weber fähig,  die Verselbständigung von Macht oder den Putsch der Politiker und Mächtigen gegen die Verfassung zu verhindern oder aufzulösen. Deshalb widerstrebte ihnen eine reine Präsidialverfassung oder die parlamentarische Demokratie der Parteien. Ein übermächtiger Präsident würde nach Alleinherrschaft streben und das Kaiserreich restaurieren. Die demokratischen Parteien unterlagen dem Gesetz der „Bürokratisierung“ und der „Hierarchisierung“. In diesem Apparat oder in dieser  Machtkonzentration, die von einzelnen Fraktionsführern oder Sprechern von Cliquen und Klüngeln besetzt werden konnten, entstand ein Potential unkontrollierbarer Macht. Die „Parteiendemokratie“ war dieser Verselbständigung ausgeliefert, behauptete Max Weber. Die Machtfülle einzelner Politiker erlaubte es den Banken und Konzernen, „Politik“ zu vollziehen oder Einfluss zu nehmen auf die Staatsadministration. Eine Parteiendemokratie benötigte deshalb das Gegengewicht des Präsidenten und der Volksabstimmungen. Erst in einem derartigen Spektrum von „Doppel oder Trippelherrschaft“ konnten die Freiheits- und Sozialrechte gesichert werden.

Der Präsident sollte in der Weimarer Verfassung die Staatsbürokratie vor dem Zugriff der Parteien schützen. Die Staatsverwaltung wurde vom Fachpersonal der Beamten geleitet und durfte nicht die Beute der „Karrieristen“ aus den Parteien werden. Der Präsident wurde vom Volk direkt gewählt und wurde als Konkurrenzmacht zur  Parteiendemokratie betrachtet. Er sollte die Würde und das „Charisma“ des Amtes repräsentieren und wurde in der Tradition des Absolutismus und des Kaisers gesehen. Mit Friedrich Ebert verkörperte der Präsident den Kompromiss zwischen sozialer Revolution und den Reformstaat. Von Hindenburg, der Feldmarschall und Sieger  der Schlacht von Tannenberg, stellte den Bezug zur preussischen und militärischen Tradition her. Er fand die Unterstützung der Sozialdemokratie, um der Republik in einer Krisensituation Stabilität zu geben.

Die „Sozialisierung“ der Grundindustrie und die „Demokratisierung“ der Betriebe, revolutionäre Forderungen von 1918, wurden in die Verfassung hineingenommen, denn eine „Sozialisierungskommission“ beriet über die „Vergemeinschaftung“ lebenswichtiger Betriebe in den Kommunen und im Staat. Die Gewerkschaften, Kommunisten, Zentrumspartei, Liberale und Sozialdemokraten bestanden auf ein „Betriebsrätegesetz“, in dem die Belegschaften über den „sozialen Frieden“ und über die Ziele der Produktion abstimmen konnten. Wichtig wurde die Mitsprache über Anstellung und Entlassung der Arbeitskräfte. Das „Streikrecht“ war wichtiger Bestandteil der Wirtschaftsdemokratie. Sie wurde ergänzt durch die kommunale Demokratie. Bürgermeister und wichtige Repräsentanten der Städte und Dörfer sollten direkt gewählt werden. Die unterschiedlichen „Zugriffe“ der Bürger auf  Politik und Demokratie sollten die Absonderung der Abgeordneten blockieren und der Verfassung gerecht werden.

Die unterschiedlichen Ansätze von Demokratie konkretisierten und vertieften die Freiheitsrechte und die Gleichheitsgebote. Preuss und Weber wollten Prinzipien der absoluten Herrschaft  auflösen und verhindern, dass Machtgruppen die Verfassung lediglich als Dekoration betrachteten. Die unterschiedliche Mitsprache, Wahlen und Volksabstimmungen dienten ausserdem dazu, die Sozialrechte gegenüber den Freiheitsrechten zu stärken. Ein „Recht auf Arbeit“ oder ein „Recht auf Leben“ konnte nicht realisiert werden, jedoch enthielten die Gesundheits-, Renten- , Sozial-, Bildungs-, Wohnraumreformen Ansätze, diese Grundrechte zu stärken. Nach Weber konnte „Tradition“ nicht aus einer aktuellen Verfassung ausgeschlossen werden. Sie war Bestandteil der rechtlichen Ordnung und der Kultur eines Volkes. Tradition musste allerdings für die rationalen Reformen geöffnet werden. Eine „Rationalisierung“ der sozialen Verhältnisse lehnte er ab. Parteien, die derartige Ziele verfolgten, konnten einen totalitären Anspruch nicht ausschliessen. Sie verbreiteten dieses Anliegen über eine „Gesinnungsethik“. Sie kam über unmittelbare Parteipolitik nicht hinaus. Die „Verantwortungsethik“ dagegen liess sich ableiten aus der „Tradition“ des Christentums, das der „Nächstenliebe und der Toleranz verpflichtet war und deshalb den Anspruch einlösen konnte, eine gewachsene Kultur mit den neuen Verhältnissen zu verbinden. Eine hohe Moral im Volk und bei den Eliten  war der Garant dafür, dieses Experiment zu meistern.

Die Weimarer Verfassung scheiterte am Bürgerkrieg der radikalen Parteien, die die „Diktatur“ zum Mass der staatlichen Erneuerung erhoben. Diese Verfassung konnte dem Druck einer Krise nicht standhalten, die die Ökonomie einer modernen Industrie zerschlug und die die Massen der Arbeitslosen demoralisierte. Recht und Moral galten nichts mehr. Die preussischen Offiziere und Beamte waren in dieser Situation gespalten. General von Schleicher wollte über eine Notverordnungsdiktatur und über den Auftrag öffentlicher Arbeiten die Krise überstehen. Der greise Feldmarschall von Hindenburg durchschaute die Pläne der Einflüsterer nicht, die Adolf Hitler zum Kanzler und Erlöser küren wollten. Der Reichstagsbrand, der Terror gegen die Opposition und ein Emächtigungsgesetz begleiteten den Putsch gegen die Verfassung, die plötzlich keine Verteidiger mehr aufbieten konnte. Der „Tag von Potsdam“ muss als eine fatale  Kapitulation der „preussischen Junker“ und ihrer Tradition vor der nationalsozialistischen Diktatur gesehen werden.

Wirtschaftswunder

Irgendwann, Mitte der fünfziger Jahre, hatte die Westrepublik in Deutschland den II. Weltkrieg siegreich überstanden. Frankreich und England wurden von ihren Kolonialvölkern besetzt. Nordafrika und Indien breiteten sich in Westeuropa aus. Frankreich hatte den Krieg in Vietnam verloren und konnte den Ansturm der Befreiungsfront in Algerien nicht widerstehen. England musste die Unabhängigkeit Pakistans und Indiens hinnehmen und zog sich aus Süd- und Ostafrika zurück. Ein „Weltreich“, das Empire, zerfiel. Die USA sahen sich veranlasst, nach dem Koreakrieg die verlassenen Fronten in Vietnam und in Nahost neu zu besetzen. Sie gerieten in die Funktion einer „permanenten Kriegsmacht“, denn die europäischen Westmächte konnten ihre Verträge nicht mehr erfüllen. Der innere Bürgerkrieg in USA wurde durch die Kontrolle der Oppositionsgruppen labil gehalten.

In Europa waren mit  Frankreich und England die anderen Staaten, Italien, Spanien, Portugal, Griechenland unfähig, aus einer wirtschaftlichen und kulturellen Stagnation herauszufinden. Westdeutschland erreichte mit den Benelux – Staaten und den Staaten Nordeuropas einen unvorstellbaren Wirtschaftsaufschwung und Wohlstand. Ob diese Konjunktur zu halten war, hing ab von der Londoner Schuldenkonferenz, 1952, auf der beraten werden sollte, ob die deutsche Westrepublik die Reparationsschulden von Versailles und neue Ansprüche an die Staaten Europas zahlen sollte. Die „Schuld“ würde bei einer Billion DM liegen, rechneten die Experten aus. Im westlichen Deutschland würde die Krise von 1929 zu Beginn der fünfziger Jahre eine „künstliche Fortsetzung“ finden. Verfassung und Politik mussten Wege offenlegen, die diesen Sturz in Stagnation und Elend vermieden.

Bei der Gründung der Bundesrepublik, 1949, wurde ein Grundgesetz als „vorläufige Verfassung“, bzw. als ein Provisorium formuliert, das den Prinzipien der „Rationalisierung“ einer Staatsordnung im nordamerikanischen Sinn entsprach. Die Verfassungsrechtler, die in Herrenchiemsee, in Bayern, zusammenkamen, kannten die Prinzipien der nordamerikanischen Besatzungspolitik. Die amerikanischen Berater hielten sich zurück, um den Eindruck eines „Diktats“ zu vermeiden. Das Grundgesetz nahm die „Prinzipien“ auf und widersprach der direkten Mitsprache oder der „Konkurrenz der demokratischen Formen“. Die Weimarer Verfassung wurde als Weichenstellung für die NS – Diktatur verworfen. Die Direktwahl eines Präsidenten und die „Doppelherrschaft“ zwischen dem Präsidialamt und der parlamentarisch gewählten Regierung wurden ausgeschlossen. Volksabstimmungen auf Bundesebene wurden negiert. Die Verfassungsrechtler trauten den deutschen Wählern zu, dass sie die nationalsozialistischen Gesinnungen nicht aufgegeben hatten und gegen die Parteien mit dem Präsidenten eine faschistische Doppelmacht einsetzten. Er wurde als eine „Galionsfigur“ konstruiert, die zwischen den Parteien und den bestehenden Koalitionen ausgehandelt und im Bundesrat abgestimmt wurde. Er sollte so etwas vorstellen wie ein „Symbol“  oder das „Gewissen“ der Republik und die Rituale einer Demokratie einleiten und begleiten. Er hatte nichts zu sagen.

Regentschaft und Macht lagen beim „Bundeskanzler“. Er wurde durch eine Parteienkoalition „ausgehandelt“ und im Bundestag, im Parlament, durch Mehrheitsbeschluss gewählt. Er bestimmte die Regierungspolitik, aber er wurde durch interne Auflagen, Absprachen, internationale Verträge und die „Kanzlerakte“, die den Einspruch der Westmächte enthielt,  unter Aufsicht gestellt. Das Grundgesetz feierte mit der Kanzlerherrschaft die Parteiendemokratie. Eine Machtelite erhielt über Direkt- oder Listenwahlen die Chance, den Wählerwillen zu absorbieren und sich von den Volksinteressen weitgehend abzuschliessen. Demokratie drückte lediglich Stimmungen oder Parteilinien aus, denen zugestimmt werden konnte oder die nach nach der Frist von vier Jahren abgelehnt wurden. Der demokratische Anspruch  wurde kurzgeschlossen mit der Reklame und „Politik“ auf Konsum und Inszenierung, Feste und Klamauk eingeengt. Diese Parteienmacht war für die Abgeordneten lukrativ und öffnete ihnen den Weg in gut bezahlte Positionen in Staatsverwaltung und Privatwirtschaft.

Die Unabhängigkeit der Politiker wurde zweifach bedroht durch Korruption oder durch die Einflussname äusserer Mächte. Die Machtkonzentration auf eine Brüsseler Zentralbürokratie und der Verlust an Souveränität machten die Parteiherrschaft überflüssig. Sie übernahm Alibifunktionen für eine Militärdiktatur oder eine Kriegsgesellschaft, die über Interventionskriege und über den Nordatlantikpakt vorbereitet wurden.  Das Provisorium „Grundgesetz“ wurde nach 1989 aufrechterhalten, schon um die „Herrschaftsfunktion“ dieses Gesetzes zu erhalten und auf das geeinte Deutschland auszudehnen.

Josef W. Stalin wusste, dass Westdeutschland durch die Forderungen der Kriegsstaaten erneut in eine Strukturkrise gestossen werden konnte. Er sandte 1952 an den Bundeskanzler Konrad Adenauer eine „Note“. Er kündigte an, dass Russland auf alle Reparationen und Zahlungen verzichten würde. Er versprach die Freilassung aller Kriegsgefangenen. Er gab zu erkennen, dass der westdeutschen Industrie in Russland ein riesiger Markte geboten werden konnte. Er war an einer industriellen Kooperation zwischen Russland und Westdeutschland interessiert und gab sogar zu erkennen, dass die Einheit der zwei deutschen Teilstaaten die Unterstützung Russlands finden würde. Er stellte allerdings eine Bedingung, die Bundesrepublik sollte darauf verzichten, einzutreten in die „Europäischen Verteidigungsgemeinschaft“ (EVG).

Stalin hatte viele Gründe, diesen Vorschlag zu unterbreiten. Die russische Kriegswirtschaft war gescheitert. Die aus Ostdeutschland demontierten Maschinen, Gleisanlagen und Fabriken verrotteten bis auf wenige Ausnahmen auf freiem  Gelände. Die Lethargie der Werktätigen, der Terror der Geheimpolizei und die Zwangsarbeit unterliefen die Produktivität der Arbeit. Russland benötigte radikale Reformen und eine „Revolution von oben“, die die Substanz einer zentralen Plan- und Zwangswirtschaft negierte oder mit den produktiven Elementen des „Kapitalismus“ kombinierte. Stalin bereitete die „Entstalinisierung“ vor. In seinen „ökonomischen Problemen des Sozialismus“ verwies er auf die Grundstrukturen einer Reform, die das „Politische“, Partei und Diktatur nicht aussparen durften. Deshalb benötigte er die Produktivkraft und die Disposition der westdeutschen Industrie. Für die Kooperation der zwei Staaten stellte er allerdings eine Bedingung. Westdeutschland sollte darauf verzichten, sich dem nordamerikanischen Einfluss zu beugen.

Adenauer gab diese „Note“ sofort dem amerikanischen Aussenminister Allan Dulles bekannt. Dieser unterrichtete den Präsidenten Harry Truman. Der ehemalige OSS – Chef  Dulles und sein Präsident hatten den Kurs des Präsidenten Roosevelt verändert. In Europa und in Westdeutschland hatten sie aus den Eliten von Faschismus, Wehrmacht, SS und Sicherheitsdienst eine Geheimarmee aufgestellt (Gladio), denn sie waren überzeugt, dass Russland sehr bald mit Panzerverbänden zum Atlantik vorstossen würde. Der Bundesnachrichtendienst (BND) unter General Gehlen wurde vom CIA gegründet. „Gladio“ sollte den Rückhalt einer Partisanenmacht gegen die Rote Armee bilden. In USA trennte sich der Präsident von der Morgenthaufraktion und zeigten sich skeptisch gegenüber den Juden im Staatsdienst und der Rüstung. Ethel und Julius Rosenberg hatten den Russen die Geheimnisse der amerikanischen Atombombe verraten. Der neue Präsident setzte auf die europäische und deutsche Tradition, um die Fürsprache Europas nicht zu verlieren. Adenauer kannte alle diese Hintergründe und wusste, dass der amerikanische Aussenminister und sein Präsident sich in London für einen radikalen Schuldenerlass einsetzen würden.  Er sollte sich nicht irren. Die Amerikaner veranlassten die Streichung aller Schulden. Zugleich wurden Kredite bereitgestellt, um über einen Marshallplan die moderne Technik in der deutsche Industrie bereitzustellen.

Die Berater des Präsidenten waren überzeugt, dass Westdeutschland die anderen europäischen Staaten aus Krise und Stagnation zerren konnte. Der industrielle Aufbau hier sollte auf die anderen Länder zurückwirken, indem Arbeitskräfte aus Italien, Spanien und Jugoslawien nach Deutschland kamen, dort das produktive Arbeiten erlernten und in ihre Heimat als Spezialisten und Unternehmer zurückkehrten oder in Deutschland  blieben, um hier zu arbeiten oder sich als „Unternehmer“ zu betätigen. Die „christliche Religion“ und die Arbeitsethik sollten die Verbundenheit zwischen dem deutschen Arbeitseifer und der Arbeitsethik der „Fremden“ herstellen. Die russische Karte wurde von Adenauer nicht gezogen.

Frei von allen Reparationen und Verpflichtungen des I. und II. Weltkrieges, frei von allen Schulden und Zahlungen, unterstützt von amerikanischen Krediten, steuerte die westdeutsche Wirtschaft auf Konjunktur und Wohlstand zu. Sogar die DDR gab dem westdeutschen Kapitalismus Kredit, indem hochausgebildete Fachkräfte die Grenze wechselten. Neben den Vertriebenen aus den Ostprovinzen bildeten sie eine wichtige Produktivkraft, die durch die Arbeitskräfte aus Südeuropa ergänzt wurden. Die westdeutsche Wirtschaftskraft erlangte dadurch die Funktion eines „Motors“ oder eines „Stabilisators“, der das westliche Europa aus Stagnation und Krise herausführen würde. Dieses Kalkül verfolgte die US – Politik, denn Westdeutschland würde ein Garant der europäischen Einheit und der Wehrkraft sein. Das zentraleuropäische Land wurde von den USA aufgerufen, die „Lösung aller Dinge“ einzuleiten.

Der Tod Stalins, die Aufstände in Workuta, in der DDR, in Polen und Ungarn ab 1953 leiteten den Zusammenbruch des Kriegskommunismus ein. Der XX. Parteitag der KPdSU und die Geheimrede von Nikita S. Chrustchev konnte den Niedergang Russlands  nicht aussparen. Stalin verfolgte die Politik einer zentralen Diktatur, die keinerlei Zugeständnisse machte. Das Politbüro der KPdSU wollte sich der Dezentralisierung der Macht und dem „Völkerfrühling“ nach 1956 nicht verweigern und leitete dadurch den Zerfall des Kriegskommunismus ein. Adenauer hatte auf ein Wirtschaftswunder, den Wohlstand im Westen und auf den Zerfall der östlichen Diktatur gesetzt. Die Geschichte sollte ihn bestätigen.

Die Niederlage 1989

Erst 1989 hatte das vereinigte Deutschland den II. Weltkrieg verloren. Die DDR hatte bisher die Bürden der Niederlage getragen und wurde ruiniert durch eine zentrale Planwirtschaft, die eingebunden war in den russischen Kriegskommunismus. 1989, das Jahr des Zusammenbruch der russischen Hegemonie, gab den Weg frei für eine deutsche Einheit. Der amerikanische Präsident Bush senior machte den Kanzler Helmut Kohl darauf aufmerksam, dass ein paar Milliarden DM ausreichten, Ostdeutschland auszulösen aus der russischen Vormacht. Er musste den Abzug der russischen Truppen bezahlen und garantieren, dass die Masse der Parteigänger der Diktatur nicht bestraft wurden. Ausserdem mussten Städte, Dörfer, Strassen und Industrien saniert werden. Die westdeutsche Wirtschaft musste einer Herausforderung genügen, die sie spielend bestehen würde. Die zentrale Planökonomie der DDR wurde zerschlagen. Industrieregionen wurden zerstört, denn die Produktivität der Westwirtschaft reichte aus, diesen Markt zu versorgen.

Die vielen Gegner der deutschen Einheit kamen aus Westeuropa und aus Israel. Es bestand die Furcht, dass das geeinte Deutschland zu einer europäischen Grossmacht aufsteigen würde. Deshalb sollten Wirtschaft und Staat die Souveränität und die Geldmacht genommen werden. Deutschland wurde „europäisiert“, um den wirtschaftlichen Bestand Südeuropas zu sichern. Die Schulden und die Misswirtschaft dort wurden der Obhut des deutschen Staates übertragen. Die geheimen Bedingungen der deutschen Einheit wurden eingelöst: die DM wurde abgeschafft und durch den Euro ersetzt.  Vorgaben der Wirtschaftspolitik, der sozialen Ziele und der Einwanderung wurden in der europäischen Zentralverwaltung in Brüssel festgelegt. Deutschland erbte plötzlich die Ergebnisse einer misslungenen Kolonialpolitik Frankreichs, Spaniens, Portugals und Belgiens in Afrika und Asien. Der Euro wurde als Kreditgeld aufgelegt und verlor die Kontrolle einer produktiven Industrie. Die „säkulare Inflation“ würde den Bestand der deutschen und europäischen Wirtschaft langfristig erschüttern.

Eine derartige Politik war Absicht. Die USA hatten die Produktivität einer konzentrierten Wirtschaft aufgegeben. Die Banken regierten die Ökonomie. Sie drängten darauf, die Rohstoffe der Welt militärisch zu sichern. Ein US – Imperialismus verlor die Sicherheit der weissen Mittelschichten und verirrte sich im Kampf der Kulturen in der Innenpolitik und in anderen Regionen. Spekulation und hohe Staatsschulden zehrten an der Substanz dieser globalen Wirtschaftsmacht. Die deutsche Industrie hatte die Märkte in USA, Lateinamerika, Europa, Russland und Asien erobert. Sie mutierte zur geheimen Weltmacht in diesen Ländern. Das durfte nicht sein. Jetzt wurde nachgeholt, was Morgenthau nicht erreichen konnte, die Substanz der deutschen Kultur und damit der deutschen Nation zu zerschlagen. Die Grenzen wurden geöffnet für Völker und Flüchtlinge, die den produktiven und beruflichen Aufgaben einer Industriegesellschaft nicht gewachsen waren. Einen derartigen Zuzug fremder Ethnien und Religionen hatte die deutsche Politik bisher verhindert.

Die chinesische, kanadische und israelische Einwanderungspolitik hätte Beispiel sein können für einen souveränen Umgang mit der „Überbevölkerung“ der fernen Kontinente, die in die reichen Gebiete abwandern wollten. Strikte Einwanderungsgesetze sollten eine „Lawine“ verhindern, die den inneren Zusammenhalt und die Kultur der eigenen Nation zersetzten. Ausserdem wurde daran gedacht, eine Entwicklungspolitik zu starten, die nicht die traditionellen, korrupten Eliten in den Ursprungsgesellschaften förderten. Eine „dialektische Rationalisierung“ im Sinne von Talcott Parsons wurde angedacht. Strassen, Eisenbahnen, Industriezentren wurden durch chinesische oder israelische Arbeiter und Ingenieure errichtet. Zugleich wurden Schulen, Fachhochschulen und Grundschulen gebaut, um den unteren Schichten ein Grundlagen- und Weltwissen zu vermitteln. Kredite wurden vergeben, um einer Mittelschicht den Start zu ermöglichen. Die korrupten Stammesfürsten wurden mit kleinen Prämien bedacht, zugleich jedoch eine „Revolution von Aussen“ angestossen, reaktionäre und unbewegliche Kulturen aufzusprengen.

Die deutsche Entwicklungspolitik könnte diesem Beispiel folgen, indem den jungen Einwanderern aus Afrika, Nahost und Asien  verpflichtet wurden, in Deutschland Sprache und Beruf zu erlernen. Würden diese sich weigern, sollte das Gesetz die Ausweisung verordnen. Den jungen Berufsabsolventen sollte ein Kredit gewährt werden, um in ihren Heimatländern Firmen zu gründen. Märkte würden entstehen, die wiederum wichtig wären für die deutsche Wirtschaft. Alle die Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge im Land zu halten und sie mit Renten oder Gaben des Sozialstaates zu unterstützen, wäre kontraproduktiv, denn sie waren nicht wie die Vertriebenen oder Gastarbeiter der Vergangenheit auf den Fleiss und die Arbeitsethik eingestellt. Das Wissen, das berufliche Können und die Arbeitsethik fehlten ihnen. Ausserdem nahmen sie Leistungen eines Sozialstaates an, der nicht auf ihre „Existenz“ ausgerichtet war. Sie gehören zur „Weltüberbevölkerung“, die bisher ausserhalb der Kultur einer produktiven Arbeit angesiedelt war. Oft sperrten sich ihre  Religionen gegen eine produktive Arbeitsethik oder gegen den Anspruch auf Persönlichkeit und Durchsetzungswillen, Tugenden, die eine europäische Tradition aufwiesen. Die Reformation, die die christlichen Religionen eingestimmt hatte auf Verantwortung und auf eine Identität mit Arbeit und Beruf, hatte im Islam oder im Buddhismus bisher keinerlei Resonanz gefunden. Religion und Kulturen, die sich dem modernen Kapitalismus sperrten, fehlten die Werte des Willens, als Persönlichkeit sich durchzusetzen und des Wissens, sich auf eine Arbeitsgesellschaft einzustellen.

Die Einwanderungspolitik der Europäischen Union verfolgte allerdings die Absichten, Deutschland den Verhältnissen Westeuropas und der USA auszusetzen. Dort hatten der Kolonialismus oder die Spannung zwischen Wohlstand und Armut die Völkerwanderungen motiviert. Deutschland als zentraleuropäische Macht kannte den ausländischen Arbeitsmarkt und gewährte Einlass, solange die Breite der Qualifikation und die Arbeitsethik einen produktiven Gebrauchswert besassen für den Einsatz in Industrie und Dienstleistung. Die Verweigerung der Arbeit, die sich aus religiösen oder bildungsmässigen Erwägungen ergaben, waren vollkommen neu. Derartig „fremde Einwanderer“ würden sich absondern und in der Gesellschaft Ghettos und Sonderzonen bilden. Sie trugen bei zur Paralyse einer Gesellschaft, die zugleich einer grundlegenden Nivellierung ausgesetzt war. Diese Form der Einwanderung gehörte zur „Rationalisierung“ der deutschen Kultur. Sie wurde dem deutschen Staat aufgezwungen, um dieser Gesellschaft keine Sonderrolle zuzugestehen. Der Zerfall der europäischen Kultur sollte  einen Resonanzboden auch in Deutschland finden.

Der weitgehende Verlust an staatlicher Souveränität und des Willens der politischen Klasse in Deutschland, sich gegen die vielfache „Überfremdung“ zu behaupten, muss als Tatsache betrachtet werden. Es mag eine Konkurrenz zu den Wirtschaftseliten geben, die darauf achten, dass die Produktivität der industriellen Arbeitskraft nicht verloren geht. Deshalb sind die Werte einer „Volksopposition“ zu diskutieren, die nicht allein gegen den „Islam“ oder gegen die Boots-  und Kriegsflüchtlinge aus Afrika und Nahost gerichtet sein kann. Es ist anzuschliessen an die Demokratiebewegungen in Ost und West 1989. Eine Demokratisierung der Politik muss das Streben nach einer demokratischen Verfassung umschliessen, die die Freiheits- und Sozialrechte kombiniert und Formen direkter Demokratie anspricht, um die Sondermacht der Parteien aufzulösen. Die Einwanderungspolitik muss mit einer wirksamen Entwicklungspolitik verbunden werden, um die Weltarmut und die Ursachen des Weltbürgerkrieges zu bekämpfen. Die  nordamerikanischen Hegemonie in Europa muss den Widerstand der europäischen Tradition erfahren. Eine „Rationalisierung“ der sozialen Verhältnisse würde die Werte der europäischen Kultur zerstören. Die ungebremste Einwanderung ist Ausdruck einer wachsenden Paralyse in Politik und Wirtschaft.  Eine „deutsche Oppositionsfront“ wäre auf ein breites Bündnis angewiesen und müsste Kontakte zu den Gleichgesinnten in Europa aufnehmen.

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