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Junge Frau von 1917 – Zum Tode von Dr. Ursula Besser

13. Januar 2016

Revolutionsrausch

Am 19. Dezember 2015 verstarb Frau Dr. Ursula Besser in einem Pflegeheim in Hamburg. Am 5. Januar 2016 wäre sie 99 Jahre alt geworden. Wir lernten uns vor 20. Jahren persönlich kennen. Als CDU – Politikerin und Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses war sie zuständig für die Berliner Universitäten in den sechziger und siebziger Jahren. Sie sollte herausfinden, ob die „Westabteilung der SED“ in der DDR eine Studentenrevolte in Westberlin in Gang gebracht hatte und ob die Nachfolgeorganisationen dieser „Unruhen im Überbau“ an der langen Leine der SED oder der „Hauptabteilung Aufklärung“, HVA, liefen. Die „Aktionsgemeinschaft für Demokraten und Sozialisten“ (ADS) wurde von der CDU genauso kritisch gesehen wie die „Roten Zellen“, der „Kommunistische Studentenverband“ (KSV), der „Kommunistische Bund Westdeutschland“ (KBW), die „Proletarische Linke, Parteiinitiative“ (PLIPI), die „Gruppe internationaler Marxisten“ (GIM), die „Marxistische Gruppe“ (MG) oder die „Autonomen“ und „Spontis“.

 

Frau Dr. Besser kannte mich und hatte die geheimdienstlichen Unterlagen des Bundesnachrichtendienstes (BND) oder des Verfassungsschutzes (VS) zur Kenntnis genommen. Sie war erstaunt, wie sie mir später mitteilte, dass ich aus dem Schatten des „Sozialistischen Deutschen Studentenbundes“  herausgetreten war. Ich zeigte mich sehr reserviert dem „kommunistischen Spuk“ gegenüber, den unsere Nachfolger veranstalteten. Sie spielten  die Bürgerkriege in „Weimar“, in China, Russland, Cuba oder Kambodscha nach. Die Distanz zur Idee der Freiheit war unübersehbar. Als Bürgerkinder kannten sie die Sorgen und Interessen der deutschen Unterschichten nicht. Sie höhnten über die „bürgerliche Wissenschaft“ und führten die Professoren als „lächerliche Figuren“ vor. Letztlich hatten die neuen Unruhestifter nichts zu sagen und suchten einen „lukrativen Einstieg“ in irgendeine Karriere. Ihre Revolte war kurz und bündig.

 

Ich hatte in dieser Zeit der „Nachwehen“ alle meine Examen nach einer langen Wartezeit durchgestanden und arbeitete ab 1973 als „Professor auf Zeit“ an der Freien Universität Berlin (FU). Die alten Professoren sah ich nicht als Feinde oder Reaktionäre an. Ich besuchte ihre Seminare und liess mich zu Beginn der siebziger Jahre überreden, meine Dissertation einzureichen. Nach meiner Überzeugung war die „Revolte“ gescheitert, konnte sie die politische Lage der „Okkupation“ der zwei Deutschlands nicht aufnehmen. Stattdessen flüchteten die Revolteure in die Illusionen der „fernen Revolutionen“ und in die romantischen Bilder des „neuen Menschen“ oder der „produktiven Gewalt“.  Ein bewaffneter Kampf in Westberlin konnte keinerlei Erfolge bringen oder gar den Staat, Polizei und Besatzungsmächte besiegen. Die „Arbeiterklasse“ oder das „Volk“ als Bürger im Wohlstand wollten von den Revolutionären nichts wissen.

 

Alte Soldaten, Professoren, ehemalige Offiziere stimmten mir zu, dass wir den „Krieg“, den sie verloren hatten, nicht gewinnen konnten. Sie überzeugten mich in den neunziger Jahren, ein Wissenschaftsprojekt mit anderen Mitarbeitern einzureichen, das sich mit den generationsspezifischen, sozialen und ideologischen Grundlagen des „Linksradikalismus“ in den sechziger und siebziger Jahren befasste. Die Volkswagenstiftung finanzierte sogar ein Treffen der alten Protagonisten, Zeitzeugen und Forscher in Berlin. Professor Theo Pirker zeichnete für diese Bestandsaufnahme verantwortlich. Wir luden unsere Gegner ein, Professoren, Politiker, die „Gründer der FU“, den „Bund Freiheit der Wissenschaft“ u. a. Hier traf ich zum ersten Mal Frau Dr. Ursula Besser von Angesicht zu Angesicht. Wir nahmen vorsichtig Kontakt auf. Aus diesen Treffen entstand ihr „Roter Salon“, der alle vierzehn Tage zusammenkam. In diesem „Salon“ wurde grosszügig Rotwein ausgeschenkt und die Themen von „Revolution und Bürgerkrieg“ in Deutschland seit 1918 standen auf der Tagesordnung.

 

Epocheleben

Frau Dr. Besser wollte Episoden ihres Lebens aufschreiben. Sie verfasste Notizen oder dachte in einem Selbstgespräch darüber nach. Ich bot ihr an, eine Art „Echo“ zu bilden und sie zu motivieren, die Lebensabschnitte „systematisch“ anzulegen. Sie kam nicht weiter, denn die vielfältigen Knoten einer Biographie liessen sich nur schwer entwirren. Sie wurde 1917 in einen langen Krieg hineingeboren, der 1914 begonnen wurde, ab 1918 eine Unterbrechung erfuhr, jedoch als Bürgerkrieg und „Machtergreifung“ Hitlers eine Fortsetzung hatte. 1939 entbrannte er erneut und fand 1945 mit der „bedingungslosen Kapitulation“ Deutschlands sein Ende. Sie war die Tochter eines hohen Polizeioffiziers in Berlin. Die Polizei dieser Hauptstadt musste den latenten Bürgerkrieg zwischen Links und Rechts zügeln. Die gnadenlosen Feinde der Polizeiführung waren bei der KPD und bei der NSdAP zu finden. Der Vater flüchtete nach ihrer Aussage 1933 in die Wehrmacht. Er wollte nicht der Handlanger einer Diktatur sein oder fürchtete sich vor den „Massnahmen“ der neuen Machthaber. Frau Dr. Besser heiratete einen Wehrmachtsoffizier. Er wurde in den ersten Kämpfen in Russland getötet. Als junge Witwe nahm sie 1942 ein Studium der Geowissenschaften bei Albrecht Haushofer an der Friedrich – Wilhelm – Universität in Berlin „unter den Linden“ auf.

 

Nach 1945 geriet sie in die Bedrängnisse des „Kalten Krieges“ zwischen Ost und West. Ihr Vater wurde in den Waldheimprozessen 1950 als „Konterrevolutionär“ und „Kriegsverbrecher“ verurteilt, erzählte sie. Jetzt nahmen die Kommunisten Rache. Er kam in die Zuchthäuser der DDR und in die Lager  Sibiriens. Frau Dr. Besser blieb deshalb in Ostberlin und war an der Gründung der Freien Universität Berlin 1948 nicht beteiligt. Sie nahm an der Humboldtuniversität das Studium der Romanistik auf, das sie mit einer Dissertation beendete. Sie heiratete erneut, bekam Kinder. Sie arbeitete im Rahmen der evangelischen Kirche. Sie engagierte sich in der Ost – CDU, einer Blockpartei der „Nationalen Front des demokratischen Deutschland“. Diese Partei stand unter der Aufsicht des russischen Geheimdienstes (KGB), des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und folgte den Anweisungen der SED.

 

Ostberlin unterlag einem Viermächtestatus, weshalb legal die SPD im Ostsektor agieren konnte. Die Ost – CDU hatte ihre Verbindung zum „Ministerium für gesamtdeutsche Fragen“ unter Ernst Lemmer und zur West – CDU unter Konrad Adenauer. Über ihre persönliche Rolle in Ostberlin sprach Frau Dr. Besser nicht. Ich vermutete deshalb, dass sie enge Westkontakte hatte, denn nach ihrem Übertritt nach Westberlin, Mitte der fünfziger Jahre, wurde sie hineingenommen in das Abgeordnetenhaus und später eingesetzt, die innere Ordnung der Universitäten in Westberlin unter Beobachtung zu nehmen und die Qualität der Wissenschaften einzuschätzen. Es sollte verhindert werden, dass über „Kapitalkurse“, „DDR – Forschung“, „Geschichte der Arbeiterbewegung“, „Theorievergleich zwischen Marxismus und bürgerlicher Soziologie“, „die marxistische Staatstheorie“ die Westuniversitäten zu „Kaderschmieden“ der DDR oder des Kommunismus wurden. Ich selbst hatte Kurse dieser verdächtigen Themen als Dozent übernommen, war allerdings überzeugt, dass der Marxismus die sozialen Wissenschaften bereichern würde. Als Lektor im „Rotbuchverlag“ hatte ich sogar kritische, marxistische Literatur veröffentlicht. Sie gab nach meiner Überzeugung neue Einsichten in den „kalten Kapitalismus“. Frau Dr. Besser bezweifelte mein Lob der „blauen Bände“.

 

Frau Dr. Besser wartete bis 1955. Konrad Adenauer erreichte zu diesem Zeitpunkt die Freilassung der „deutschen Kriegsverbrecher“ in Moskau, wie Bulganin und Chrustschew sich ausdrückten. Diese stimmten der Auflösung der Gefangenenlager zu, denn die Bundesrepublik nahm diplomatische Beziehungen zur sozialistischen Weltmacht auf und vergab einen hohen Handelskredit.  Der Vater von Frau Dr. Besser kehrte mit Tausenden deutscher „Häftlinge“ nach Deutschland zurück und meldete sich sofort in Westberlin. Jetzt konnte auch sie die Sektoren wechseln. Als treue Tochter, aber auch als Politikerin hatte sie eine schwierige  Position im Osten gehalten. Dem Vater wollte sie den Hintergrund ihres positiven Engagements im neuen Deutschland geben und bei den östlichen Dienststellen nicht negativ auffallen.

 

In unseren Gesprächen redete sie offen über die lange Kriegszeit und über das Studium. Über die Rolle des Vaters in Polizei und Wehrmacht kam sie über verhaltene Andeutungen nicht hinaus. Es konnte durchaus sein, dass er in Russland eingesetzt wurde in den Polizeikommandos zur „Partisanenbekämpfung“ und deshalb von den russischen Militärtribunalen in Charkov oder Kiev zur lebenslangen Lagerhaft verurteilt wurde. Über ihre Bedeutung in Ostberlin sprach sie nicht. Den Faden ihres Lebens nahm sie nach 1955 auf. Mich schätzte sie wohl, weil ich mir jeden Fanatismus oder Dogmatismus verbat. Ich war überzeugt, dass der Kriegskommunismus des Ostens als zivile Formation oder als produktive Staatswirtschaft keinerlei Chancen hatte und an Bürokratismus, Willkür und Schlamperei gescheitert war. Sie gab mir sogar recht, dass die USA als „Imperium“ keine  Zukunft zu besitzen schien, konnten der Zerfall von Kultur, die Ausbreitung der Krimalität, der Korruption und die Machenschaften des Finanzkapitals nicht unterbunden werden. In dieser Hinsicht verständigten wir uns vorsichtig darauf, dass das geeinte Deutschland als „humanistische Vision“ und demokratische Republik das Vakuum ausfüllen würde, das diese zwei Weltmächte in Europa hinterliessen.

 

An diese „junge Frau“ von fast 100 Jahren soll an dieser Stelle erinnert werden, denn sie stellte die „weibliche Seite“ der deutsch deutschen Geschichte vor.

 

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