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Sozialdemokratie – Loblied und Abgesang

14. Februar 2016
© Arne Müseler / www.arne-mueseler.de / CC-BY-SA-3.0

© Arne Müseler / http://www.arne-mueseler.de / CC-BY-SA-3.0

Nöte eines Vizekanzlers

Den Sozialdemokraten wurde von gehässigen Kritikern wiederholt der Untergang prophezeit. Die Reformismusdebatten um 1900, die Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914, die Teilhabe an der Kriegswirtschaft ab 1916, der Verrat an der “sozialistischen Revolution“ von 1918, die Konstitution der „Weimarer Verfassung“, das Versagen 1933 wurden als Schlagzeilen herausgestellt, um die „Fehler“ sozialdemokratischer Politik zu begründen. Niemand dieser Kritiker konnte leugnen, dass diese Partei tiefe Spuren in der deutschen Geschichte hinterlassen hatte. Nach 1945 gehörte sie zu den Bausteinen der Bundesrepublik. Sie wurde mehr und mehr in die Position einer „grossen Koalition“ mit der CDU/CSU gedrängt. Trotz oder wegen dieser Tendenz zum politischen Bündnis mit dem christlichen Gegner, festgeschrieben im „Parteienprivileg, brachte die SPD hervorragende Politiker und Kanzler hervor. Nur einige Namen sollen genannt werden: Kurt Schumacher, Willy Brandt, Helmut Schmidt, Gerhard Schröder.

 

Der zuletzt genannte Kanzler verweist bereits auf Sigmar Gabriel, auf den zerrissenen und unsicheren Partner der Kanzlerin Angela Merkel. Die bisherigen sozialdemokratischen Politiker konnten Ziele setzen. Ihre Vorschläge wiesen den Hintergrund unterschiedlicher Fraktionen, Ideen, Berufe, Klassen, Generationen und Organisationen auf. Ihre Politik erregte  Debatten in der Partei, die auf die politische Taktik zurückwirkten. Seit der Gründung der deutschen Sozialdemokratie in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts vereinigte diese Partei Gewerkschaftler, Handwerker, Arbeiter, Ingenieure,  Angestellte, Intellektuelle, mutige „Weibsbilder“, Freigeister und Funktionäre. Es gelang der Partei wiederholt, die Initiativen der Jugend und der emanzipierten Frauen zu nutzen. Interne Gegensätze, die die Partei auseinanderreissen konnten, verlangten nach Persönlichkeiten und Eliten, die schlichten  und die die verschiedenen Ideen produktiv aufnehmen konnten.

Gegenwärtig kann das Gegenteil beobachtet werden.  Spitzenkandidaten verlieren das Vertrauen und die Unterstützung ihrer Parteigänger und Wähler. Von fast 35% der Zustimmung rutschte die SPD zu Beginn des Jahres 2016  auf 23- 24%. Sie musste die Perspektive aufgeben, in Bund und Ländern, mit den Grünen, den Liberalen oder der Linkspartei Koalitionen einzugehen. Sie verdrückte sich ungewollt in die Rolle der ewige Opposition oder der Partei der Nörgler, würde sie das Bündnis mit der CDU/CSU aufgeben. Durch diesen Verlust an Wählerstimmen und politischer Substanz wurde die SPD zur Gefangenen der Union.

Die Ursachen des inneren Umkehr müssen gesehen werden in der Umdisposition von der Arbeiter- zur Angestelltenpartei. Der Einfluss der Gewerkschaften löste sich auf. Genauso zogen sich Freigeister und Intellektuelle zurück. Die Jugend oder die aufsässigen Frauen entbehrten die Aufmerksamkeit der Parteispitze. Als eine „öffentliche Dienstpartei“ spiegelte die SPD die Hierarchien, den internen Zusammenhang der Gruppen, Klüngel und Absprachen wider und verschloss sich einer impulsgebenden, jedoch parteiinternen Öffentlichkeit.  Sie liess sich von den monopolisierten Medien vorführen und beraten. Fraktionen und Ideengeber, die ausserhalb der Koalition standen, wurden nicht beachtet.

Die bürgerliche Soziologie seit Auguste Comte, Emile Durkheim und Max Weber hatte diese „Paralyse“ von Politik und Partei mit dem Gesetz der „Bürokratisierung“ und der Anpassung an die Grossverwaltungen in Staat und Wirtschaft  umschrieben. „Politik“ selbst verkam zur „Propaganda“ und zu einem „Mythos“ der Personen und der Gesichter. Sie diente der Selbstinszenierung der „grossen Männer und Frauen“. Die nordamerikanische Sozialwissenschaft um Talcott Parsons entdeckte im Prozess der „Durchstaatlichung“ der Gesellschaft, ihrer „Funktionalisierung“, der Erfassung der Bürger durch Arbeitsmarkt, Versicherungen, Banken, Polizei, Geheimdienste, Einkaufszentren, Armee, Handel, Kommunalbehörden, Gesundheitsleister usw. eine „Zusammenfassung“ der sozialen Aktionen und Tätigkeiten. Es entstand ein „System“, das keinerlei Raum und Freiheit für den Einzelnen liess und ihn auf bestimmte Merkmale und Fähigkeiten festlegte.

Karl Marx diskutierte das gleiche Phänomen fünfzig Jahre vorher in der Konzeption der „unproduktiven Arbeit“. Sie würde im Zuge der technologischen Revolution die produktive Arbeit in Handwerk und Industrie verdrängen. Die „unproduktive Arbeit“ wurde festgeschrieben auf Verwaltung und Kontrolle, Sicherheit und Registratur. Funktionäre und Angestellte, die diese „unproduktive Arbeit“ verrichteten, wurden blind gegenüber dem technischen Fortschritt und der sozialen Transformation. Ein Bewusstsein für Freiheit und Eigensinn konnte sich nicht ausbreiten. Das Spezialwissen verkümmerte in der Unmittelbarkeit der Aufsicht der Maschinen und Menschenmassen. Jede „Utopie“ wurde verworfen.

Politiker wie Schumacher, Brandt, Schmidt und Schröder übertrugen den Unmut der Gewerkschaften, der Intelligenz, der Jugend und der Frauen auf ihren persönlichen Führungsstil. Sie hatten ein Bewusstsein davon, dass diese „Produktivkräfte“ für die Partei verloren gehen konnten. 1933 hatten sie diesen „Verlust“ erlebt. Deshalb waren sie daran interessiert, die Unruhestifter in die SPD zu holen oder Fraktionen und das Widerwort anzuregen, die Partei für die „Widersprüche der Zeit“ zu öffnen. Brandt und Schmidt entwickelten Reformprogramme, die die Ost- und Bildungspolitik betrafen und die sich niederschlugen in ein erstes Konzept der „inneren Sicherheit“ und der  „Demokratisierung“ der Republik. Sie gingen sogar das Risiko ein, dass der politische Gegner sie beerben konnte. Helmut Kohl erreichte auf der Grundlage dieser Reformen die deutsche „Wiedervereinigung“. Schröder packte das heisse Eisen an, die soziale Armut in Deutschland zu registrieren und zu bekämpfen. Alle diese sozialdemokratischen  „Führer“ scheiterten irgendwann. Trotzdem waren ihre „Aktionen“ bedeutsam, aus dem „System“ der Funktionen und Auflagen auszubrechen.

Sigmar Gabriel laufen die Wähler weg. Der SPD fehlen Visionen. Sie hastet dem Pragmatismus einer Kanzlerin hinterher, die Afrika nach Zentraleuropa holen will. Sie folgt offenbar die Absicht, den Nationalstaat international gegenüber der globalen Wirtschaft und ihrer „Reservearmee“ an Arbeitskräften zu öffnen und eine ausserstaatliche   Rechtssprechung anzuerkennen. Unter dem Schlagwort „Europa“ soll die kulturelle Substanz dieses Kontinents kurzfristig überwunden werden.

Es werden primär die Leute aus dem Sektor Sicherheit sein, die sich von der SPD abwenden. Vor Ort müssen sie den Rechtsstaat bewahren, den die Regierenden in Fragen der Grenz- und Asylpolitik aufgegeben haben. Gegen eine christliche Moral des Mitleids und des Mitempfindens mit den Flüchtlingen und Opfern der weltweiten Kriege und Enteignungen ist nichts zu sagen, solange diese Ethik das Mass wahrt und nicht die Grundlagen des Sozial- und Rechtsstaates, der Wirtschaft und der Gesellschaft aufsprengt. Hier hätte die SPD eine „Funktion“, über „Utopien“ und Gegenentwürfe „Afrika in  Afrika“ zu retten. Sigmar Gabriel fehlten die Anstösse, ihm fehlten die Jusos und die aufmüpfigen Denker, die Alternativen  entwerfen konnten.

 

Afrika in Afrika aufbauen

Der afrikanische Kontinent wurde und wird durch den europäischen Kolonialismus und durch den modernen Imperialismus über Jahrhunderte und in der Gegenwart  ausgebeutet und ruiniert. Die Urwälder werden gerodet. Riesige Plantagen folgen der Monokulur von Zuckerrohr, Palmenöl, Soja, Reis und Mais, Produkte, die für Europa als Viehfutter und Energieträger wichtig sind. Die Rohstofflager, Erdölquellen, Erdgas, Bergwerke, Vorkommen von Kupfer, Gold, Blei, Eisenerzen werden zu Sonderzonen erklärt und von den europäischen oder nordamerikanischen Konzernen ausgeplündert. Durch die Abholzung der Urwälder und durch den rücksichtlosen Abbau der Rohstoffe breiten sich Wüsten und Savannen aus, die das unfruchtbare Land in Afrika erweitern.

Die Märkte Afrikas werden mit Billigprodukten, mit europäischen oder asiatischen Industriewaren bzw. landwirtschaftlichen Produkten  überschwemmt und die Kleinbauern und Handwerker ruiniert. Eine eigenständige Industrie kann sich nur schwer gegen die westliche oder asiatische Konkurrenz behaupten. So entsteht eine riesige Reservearmee einer entwurzelten „Überbevölkerung“, die Armen der Dörfer und Städte, die nun nach Europa drängen. Sie werden gejagt durch religiöse Kriege und durch die Machenschaften korrupter Politiker. Eine „Völkerwanderung“ wird provoziert, die sich mit dem Einbruch der Germanen in West- und Ostrom um 378 nach Christi vergleichen lässt.

Zentraleuropa weist leere Landstriche, Dörfer und Städte auf, trotzdem wäre der Einzug der afrikanischen Habenichtse bedenklich. Nicht so sehr die islamische Religion, die unterschiedliche Mentalität, die Jugendlichkeit oder der „Machismo“ entfachen Bedenken. In Brasilien oder in Nordamerika kann beobachtet werden, wie der afrikanische Stolz und Lebenssinn sich nicht „europäisieren“ und einfangen lässt, obwohl die „gegensätzlichen Kulturen“ seit Jahrhunderten miteinander auskommen müssen. Die Hierarchie der europäischen Werte, der latente Rassismus gegen die „afrikanischen Völker“, die potentielle und reale Gewalt gegen ihr Aufbegehren enthalten die Brandzeichen eines „permanenten Bürgerkrieges“, der von Polizei, Mafia, Geheimgesellschaften, Parteien oder dem KuKluxKlan gehegt wird. Zentraleuropa wird von den politischen Machthabern in den Zustand einer „Bürgerkriegsgesellschaft“ geführt, die in der negativen Traditionen der europäischen Kultur, in Faschismus, Kriegskommunismus und Nationalsozialismus,  dem Gegenbild zu den demokratischen Errungenschaften, durchaus enthalten ist.

Es wäre sinnvoll, wenn Europa der Entwicklungspolitik Chinas oder Russlands folgen würde. Diese Grossmächte nehmen die einzelnen afrikanischen Länder in ein Wirtschaftsprogramm der „Seidenstrasse“ auf. In den einzelnen Staaten Afrikas, in bestimmten Staaten Nordafrikas und in einzelnen Regionen Ost- und Westafrikas bauen diese „Entwickler“ Strassen und Eisenbahnen. Ihre Ingenieure und Arbeiter schöpfen aus den Tiefen der Wüsten und Savannen Wasser. Sie gründen Städte. Land wird fruchtbar gemacht und den Bauern übergeben. Landreformen werden angestossen. Der Rohstoffabbau wird unter die Regie der produktiven Ausländer gestellt. Diese „produktive Arbeit“ wird weitgehend von den Facharbeitern der östlichen Grossmächte geleistet. Als Gegenleistung bauen sie Bildungszentren, Berufsschulen und Universitäten auf und sie sorgen über „Polikliniken“ für die Gesundheit der Einheimischen.

Das Kalkül dieser Entwicklungspolitik läuft langfristig darauf hinaus, eine produktive Mittelschicht und Arbeiterschaft, Ingenieure und Manager der Afrikaner zu erziehen und dafür zu sorgen, dass die neuen  Eliten die alten Stammesfürsten ablösen und dem Programm der nationalen Unabhängigkeit und des Rechtsstaates folgen. Nur auf dieser „revolutionären Grundlage“ können die afrikanischen Staaten an der technologischen Revolution und am sozialen Fortschritt der Welt partizipieren. Das vereinigte Europa könnte die „asiatischen Grossmächte“ überbieten, „Afrika“ neu konzipieren und dadurch eine „Völkerwanderung“ nach Europa unterbinden. Die Europäer müssten das Wagnis auf sich nehmen, die kolonialistische Ausbeutung Afrikas aufzugeben und dem nordamerikanischen Imperialismus in dieser Region Einhalt zu gebieten.

Die Gegenposition nimmt der Neokolonialismus der nordamerikanischen Grossmacht ein. Sie überträgt die Doppelmacht zwischen Präsidialstaat und Finanzkapital auf die Aussen- und Wirtschaftspolitik. In USA geriet die „Durchstaatlichung“ der Gesellschaft seit dem I. Weltkrieg in einen Gegensatz zur finanzkapitalistischen Struktur der Wirtschaft. Setzte die „Staatlichkeit“ auf  Verfassung, Recht, Demokratie, Wahl des Präsidenten und Bankkontrolle, um darüber die staatliche Zentralisation von Macht und Gesetz zu begründen, schuf das Finanzkapital die Ordnung der Kredite, der Spekulation, der „Zerstörung“ und der Zentralisation der Wirtschaft über Grossbanken, Kartelle und Monopole. Die soziologische Bestadsaufnahme dieser zwei Prinzipien von „Macht und Funktion“ musste anerkennen, dass diese zwei Herrschafts- und Rechtssysteme nur schwer miteinander auskommen konnten. Entweder obsiegte die Präsidialmacht oder sie wurde gesteuert und manipuliert von den grossen Geldgebern.

Der Staat als Machtfaktor wollte ausgleichen und setzte auf den Rechtsstaat. Das Finanzkapital wollte Gewinne und Profite erwirtschaften, spekulieren, umverteilen, Einfluss nehmen auf die Bedingungen der Kapitalakkumulation und verwarf die staatliche Aufsicht, Tarifabmachungen und das Wirtschaftsrecht. Der „Neoliberalismus“ begehrte gegen die  „Knebelung“ der freien Wirtschaft durch den Staat auf. Die „unproduktive“ oder „funktionale“ Arbeit des Staates besass Bezüge zur „produktiven Arbeit“, denn der Staatsapparat sorgte für eine geregelte Reproduktion von Wirtschaft und Gesellschaft.

Die „unproduktive und spekulative Arbeit“ der Finanzkapitalisten zielte auf die Enteignung der kleinen Wirtschaftseinheiten, auf die Zerschlagung der Gewerkschaften, auf „Bewegung“, „Chaos“ und Unübersichtlichkeit, auf die Unterminierung von Recht und Tradition, auf das unkontrollierbare Geschäft, um aus diesen Operationen Gewinn zu schlagen und politische Macht zu gewinnen, so könnten konservative Denker wie Carl Schmitt oder Ernst Forsthoff die „Soziologie“ von Staat und Geldgeschäft ergänzen. Eine derartige „Doppelmacht“ hatte keinen langen Bestand. Entweder setzte sich der Rechtsstaat durch oder das Finanzkapital diktierte seine Bedingungen von „Herrschaft“. Die rechtsstaatliche Ordnung wurde eingeengt und den Werten von Geschäft und Spekulation die Türen geöffnet. Der „Nationalstaat“ als Grundlage von Demokratie, Recht und Souveränität wurde aufgegeben und ersetzt durch ein Völkergemisch, das sich von selbstsüchtigen Machteliten, Grossorganisationen und der Mafia leicht kontrollieren liess.

Seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 versuchten Staat und Präsident in USA, sich gegen die Manipulationen des Bankkapitals zu behaupten. Franklin D. Roosevelt wies das Finanzkapital nach 1934 durch eine Politik des „New Deal“ in die Schranken. Erst Ende der neunziger Jahre wurde die „Bankenkontrolle“ unter dem Präsidenten Bill Clinton aufgegeben. Die nachfolgenden Bank- und Immobilienkrisen weisen auf die Zerstörungswut der Spekulanten. Inzwischen legen sie die Kriegspolitik der USA fest. Die Staatschuld von über eine Billion Dollar lässt vermuten, dass sogar der Staatshaushalt der Spekulation verfallen ist.

In Afrika errichteten die multinationalen Konzerne „Sonderzonen“ über einzelne Staaten und Gebiete hinweg. Vor allem im Kongo, in Nigeria, in Südafrika und in den erdölreichen Gebieten Nordafrikas und des Nahen Osten wurden alle „Gebilde“ einer staatlichen Verwaltung zerschlagen. In diesen Zonen wurde die „nationale Souveränität“ abgeschafft und die Reste oder Keimformen von Rechtsstaat geschliffen. Das Prinzip der Konzerne duldete keinerlei demokratische Mitsprache, Kontrollen, Rechtsansprüche, Gewerkschaften und Tarife oder die Eigenständigkeit nationaler Eliten. In dieser besetzten Zone wurden die Kleinbauern enteignet und vertrieben. Europäische Spezialisten setzten auf den Riesenplantagen ihre Erntemaschinen ein und verzichteten auf die afrikanische Hilfsarbeit. In den Bergwerken und Rohstofflagern wurde der maschinelle und automatische Abbau forciert. Sie wurden militärische besetzt, eingezäunt und bewacht durch Söldner aus Osteuropa oder durch die Krieger irgendwelcher Bürgerkriegsarmeen.

Den Stammesfürsten wurden kleine Prämien für den „Landesverrat“ gewährt. Die Massen der Afrikaner wurden in Riesenstädte vertrieben. Zugleich wurden Rassen- und Religionskriege gezündet, um jeden Volkswiderstand aufzulösen. Diese Verfassung eines internationalen Handels- und Investitionsabkommens (TTIP), das in Afrika eingesetzt wurde, soll nun auf Europa übertragen werden. Die „Afrikanisierung“ des Kontinents erfolgt weniger über die afrikanischen Flüchtlinge. Sie findet in der Auflösung der staatlichen Souveränität und des Rechts ihr Fundament. Europa soll  über das Finanzkapital neu geordnet und gegen Russland in China in Front gebracht werden.

 

Traditionsbruch

Der Text des genannten Handels- und Investitionsabkommen, das in Afrika eine erste Anwendung gefunden hatte, ist bisher weitgehend geheim. Der „Deutsche Richterbund“, dem eine erste Einsicht gewährt wurde, spricht sich vehement gegen die Ratifizierung des Vertrages durch die deutsche Regierung aus. Dieses Abkommen würde das deutsche und europäische Recht brechen. Es würde die Rechtsinstanzen und die bestehenden demokratischen Mitsprachen in Betrieben und Kommunen und vor allem in den Parlamenten auflösen. Die Tarifautonomie und das Tarifrecht würden keinerlei Anerkennung finden. Private Rechtsgremien, eingesetzt von den Konzernen, würden Streitfälle provozieren und regeln und der Willkür der Unternehmer das Wort reden. Jeder Streit würde einen hohen Kostefaktor bilden, um Bagatellfälle abzwehren und um die privaten Gerichte zu entlasten. Für die Verteidiger, zusammengefasst in Rechts- und Anwaltsfirmen, mussten hohe Honorare bezahlt werden, denn nur sie kannten die unzähligen Auflagen und Paragraphen dieses „aussereuropäischen Machwerks“.

Neben dem bestehenden Rechtsstaat einen privaten Rechtssektor zu gründen, der den internationalen Konzernen genügte, verstiess nach dem „Deutschen Richterbund“ der Verfassung des Grundgesetzes. Internationale Konzerne würden die „Privatisierung“ landeseigener oder städtischer Betriebe fortsetzen und sich die kommunale Wasserwirtschaft, die Müllabfuhr, die Strassenreinigung, die Autobahnen, Versorgungseinrichtungen von Energie und Verkehr aneignen und einem „eigenen Gesetz“ unterstellen. Sie würden die europäischen Grossbetriebe aufkaufen und ausserhalb des europäischen und nationalen Rechts stellen. „Deutsche Rechte“ wie das „Patentrecht“, das „Reinheitsgebot“ für Getränke und Speisen, der „Lebensmittelschutz“ galten nichts mehr.

Gengesteuerte Pflanzen und Ernten und virenverseuchtes Fleisch würden auf den Markt gelangen. Die Preise würden in die Höhe schnellen. Lohntarife wurden ausser Kraft gesetzt. Massenentlassungen konnten stattfinden und der deutsche Staat, die deutschen Städte und Kommunen, Gewerkschaften, Bürger und Unternehmer verloren den Rechtsbeistand der Verfassung und des Strafgesetzes. Riesige Summen mussten für „private Gerichte“ und für deren „Anwälte“ aufgebracht werden. Nur unter diesen Voraussetzungen wollten die nordamerikanischen Konzerne in Europa investieren und den nordamerikanischen Markt für die europäische Industrie öffnen. Das war ein Generalangriff auf die europäische Rechtstradition, lässt die Stellungnahme der deutschen Richter vermuten.

Die deutschen Politiker haben bisher nur vereinzelt in Brüssel den Text des TTIP zu Gesicht bekommen. Er bleibt in einem Safe und einer Kammer verschlossen und darf nur nach Passagen unter Aufsicht gelesen werden. Notizen und Kopien dürfen nicht gemacht werden. Diese Geheimpolitik verstösst gegen den demokratischen Auftrag von Regierung und Parlament. Trotzdem gaben Angela Merkel und ihr Vizekanzler und Minister für Wirtschaft und Enerhie, Sigmar Gabriel, zu Beginn des Jahres 2014 zu erkennen, dass sie diesem Vertrag zustimmen würden. Riesige Investitionen würden nach Zentraleuropa gelangen und viele neue Arbeitsplätze würden geschaffen werden, liess sich das „Regierungspaar“ vernehmen.

Dass die internationalen Konzerne primär in die Kommunalwirtschaft investieren würden, den Energiesektor handhaben wollten, Sicherheitsdienste zentralisieren und in den Strassen- und Autobahnbau ihr Kapital stecken würden, um dann abzukassieren, verschwiegen die zwei Spitzenpolitiker. Sie erwähnten auch nicht, dass diese Konzerne darauf bestanden, das deutsche Straf- und Arbeitsrecht zu unterlaufen. Grundsätzlich würden sie das zentraleuropäische Recht und die deutsche Souveränität in Frage stellen. Das finanzkapitalistische Prinzip von Macht sollte nach den Kriterien des „Neoliberalismus“ die Staatsstruktur überwinden. Die Konstellation von  „Doppelherrschaft“ aus den USA und aus Afrika sollte auf Europa übertragen werden.

Nun ist anzunehmen, dass die Bundeskanzlerin und ihre Berater den TTIP – Text zur Kenntnis genommen haben und ihn als Mittel ansehen, die „deutsche Tradition“ zu verändern und den deutschen „Staat“ in der Perspektive der „Internationalisierung“ abzuschaffen. Der Vizekanzler Sigmar Gabriel wurde von den Medien bisher mehrfach überführt, dass er Texte und Abmachungen nicht liest und nicht versteht und erst nach dem Entsetzensschrei aus der Partei ein schüchternes Widerwort einlegt. Der „Harzer Roller“, wie ihn liebevoll oder spöttisch seine Genossen nennen, erhebt sich zu einer „historischen Figur“, wenn er alle Errungenschaften der Sozialdemokratie mit einem Schlag abschafft, wofür die SPD seit über hundert Jahren gestritten hat.

Er will sich zu einem „Anti – Bebel“ oder „Anti – Brandt“  profilieren, wenn er die demokratischen Mitsprachen der Belegschaften opfert, die Tarifpolitik ausser Kraft setzt und die rechtlichen Grundlagen der Staatlichkeit zerschlagen lässt. „Zerstörung ist eine schaffende Kraft“, könnte er mit Michail Bakunin jubeln. Aber ein Gernegross lässt sich nicht über Nacht in einen Anarchisten verwandeln, es sei denn, er würde den Hut des Bankers aufsetzen.

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