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Epocheleben

6. Januar 2012

Zum 95. Geburtstag von Ursula Besser

Frau Dr. Ursula Besser, ursprünglich Ursula Roggenbuck, wurde am 5. Januar 1917 in eine Epoche des Streits um den deutschen Einheitsstaat hineingeboren, der 1848 begonnen hatte und erst nach 1989 ein vorläufiges Ende finden würde. Die deutsche Vereinigung unter der Hegemonie Preussens, 1871 gross gefeiert, wurde durch die Kriege gegen Dänemark, Österreich-Ungarn und Frankreich durchgesetzt und wies schon deshalb die Sprengminen zukünftiger Kriege auf. Der deutsche Zentralstaat, als Kaiserreich gegründet, hatte eine antiwesteuropäische Ausrichtung, die langsam, „nach Bismarck“, durch eine Gegnerschaft gegen Russland ergänzt wurde. Dadurch war der Zweifrontenkrieg 1914 und die Niederlage 1918 vorprogrammiert. Eine „Revanche“ lag in der Luft, falls die Demokratisierung und „Verwestlichung“ der Weimarer Republik nicht gelang und die sozialen und politischen Verlierer von 1918 an die Macht kamen. Die nationalsozialistische Diktatur wollte durchsetzen, was 1871 und 1914 misslungen war, Deutschland zur entscheidenden, zentraleuropäischen Macht zu erheben. Weiterlesen …

Spuren einer antijüdischen Linken

3. Januar 2012

Bonapartismus

Bruno Bauer (1809-1882)

Die Bonapartismustheorie von Marx, unterschiedlich in den Frankreichschriften oder in den Entwürfen zum „Bürgerkrieg“ in Frankreich vorgestellt, diskutierten wir in den Seminaren an der Universität und in den Schulungszirkeln des SDS am historischen Beispiel der Arbeiten von Arthur Rosenberg, August Thalheimer, Heinrich Brandler, Ossip K. Flechtheim u. a., die wiederum die Sozialgeschichte der Weimarer Republik nach den Marx’schen Vorlagen entschlüsselt hatten. Für Marx war eindeutig, dass die Revolution in der Hauptstadt Paris nicht erfolgreich sein konnte, wurden nicht die anderen Städte und das flache Land in den revolutionären Prozess einbezogen. Die revolutionäre Intelligenz, die Künstler, Literaten, Philosophen und Berufsrevolutionäre, die Handwerker und Manufakturarbeiter erreichten selbst in der Stadt nicht die Mehrheit. Die revolutionären und konterrevolutionären Kräfte stützten sich jeweils auf früh- oder vorkapitalistische, soziale Schichten oder politischen Fraktionen und waren nicht selten organisatorisch als Führerparteien oder Gefolgschaften „grosser Männer“ aufgebaut. In der Mentalität der Parteigänger, in Ideologie und Theorie unterschieden sie sich grundsätzlich. Weiterlesen …

Der Tod des „Behemoth“

17. November 2011

Behemoth and Leviathan (Lithographie von William Blake)

Geheimtipp

Bei der Rezeption der politikwissenschaftlichen Theoriegeschichte nach 1968 kam niemand an den Gutachten und Theorieentwürfen von Carl Schmitt vorbei. Dieser Grenzgänger zwischen bürgerlicher Demokratie und Diktatur hatte durchaus Berührungspunkte mit Karl Marx und W. I. Lenin. Allein sich zu bemühen, einen „Begriff des Politischen“ im Zeitalter der Krisen, Revolutionen und Weltkriege zu entwerfen, der den Ausnahmestaat oder „Sondergesetze“ zum Inhalt hatte, erinnerte an die vielfältigen, marxistischen Diskussionen über den Charakter und das Ziel der „Diktatur des Proletariats“. Schon deshalb gehörte Carl Schmitt zur geheimnisvollen „Theoriegeschichte“, die in den sechziger und siebziger Jahren im Zentrum der akademischen und politischen Diskussionen stand.
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Der neue Leviathan: Der Dollar als Weltgeld und Weltmacht

16. Oktober 2011

Zwei Staatstypen

Bürgerliche und marxistische Ökonomen diskutierten nach 1918 und nach 1945 eine politische Theorie des Geldes. Ihre Interpretation kann benutzt werden, um in der Gegenwart den politischen und den ökonomischen Gehalt des „Dollars“ oder des „Euro“ zu unterscheiden. Die Ökonomen waren waren sich einig in der Frage, dass die Stabilität oder Kontrolle des nationalen Geldes den eingrenzbaren, nationalen Markt und die staatliche Wirtschaftspolitik zur Voraussetzung hatte. Die Wachstumsrate der Industrie war ein weiteres Indiz für die Stabilität der Währung. Die Geldtheorie enthielt deshalb Elemente einer Staatstheorie. Sie konnte ausserdem nachweisen, dass nur ein starker Staat der „Eigendynamik“ von Geld und der internationalen Grossbanken Grenzen setzen konnte. Weiterlesen …

Zum absurden Zustand einer „totalen Satire“

28. September 2011

Schlossparktheater, Berlin (Foto: Andreas Praefcke, Lizenz: CC-BY-3.0)

„Fronttheater“

Dieter Hallervorden, ein Ostler aus Dessau, Jahrgang 1935, schmiss sein Studium, um in Westberlin 1960 zum Kabarett zu gehen. Die „Stachelschweine“ beachteten ihn nicht. Seine Bewerbung wurde abgelehnt. Die Max Reinhardt Schauspielschule nahm ihn nicht auf. Er wirkte hausbacken, komisch, zu sehr bezogen auf Gesten und Gesicht, eher ein Zirkusclown aus der Provinz als ein grosstädtischer Witzemacher mit guten Manieren und Sprachsinn, dachten wohl Wolfgang Neuss, Wolfgang Gruner und Edith Hanke, ohne zu bedenken, dass das Geschwisterpaar von Satire und Witz sich permanent veränderte. Die gestrengen Schauspiellehrer konnten sich den komischen Hallervorden nicht als Hamlet oder Faust vorstellen. Nicht einmal der Mephisto oder der Mecky Messer wurde ihm zugetraut. Er ähnelte weder Gustav Gründgens noch Klaus Kinsky. Er schien mit seiner Figur, seinem Augenschlag und seiner Stimme ausserhalb der „Zunft“ zu stehen.

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Deutschland und das bankrotte Europa

5. September 2011

Europa-Denkmal, Berus Saar (Foto: A. Josef Dernbecher, Lizenz: cc-by-sa-3.0)

Kanzlerstreit

Altkanzler Helmut Kohl sah sich genötigt, die amtierende Kanzlerin Angela Merkel zu ermahnen. Sie riskierte in der Libyenpolitik, das Vertrauen der Westmächte und vor allem der USA zu verlieren, schimpfte der Altkanzler. Es war offensichtlich, daß der Verzicht der Bundesrepublik und der Bundeswehr, sich an den Bombereinsätzen in diesem nordafrikanischen Land zu beteiligen, nur als Gleichnis verstanden werden konnte. Offenbar sollte demonstriert werden, dass Deutschland  eigene Ziele verfolgte. Die deutsche Wirtschaft und die deutsche Regierung schienen sich von der Aggressions- und Verschuldungspolitik der Europäischen Union und von der Konstruktion eines politischen Europas zu entfernen. Helmut Kohl und die Außenpolitiker der Westallianz vermuteten unter der Regie der Kanzlerin und ihres Aussenministers Westerwelle einen deutschen Sonderweg, der auf Eigenständigkeit der deutschen Republik pochte. Weiterlesen …

Dutschkes Deutschland. Eine Rezension

26. Juli 2011
Tilman Fichter / Siegward Lönnendonker: "Dutschkes Deutschland", Klartext Verlag, Essen 2011

Tilman Fichter / Siegward Lönnendonker: "Dutschkes Deutschland", Klartext Verlag, Essen 2011

ZUR IDEE EINER EPOCHE

Der Titel bereits stiftet Erstaunen. War Rudi Dutschke ein deutscher Kanzler wie Fürst Bismarck, Willy Brandt oder Angela Merkel? Hat er Deutschland politisch in zähen Verhandlungen mit Rußland, England oder USA neu gestaltet? Hat er die deutsche Einheit zu verantworten? Nein, er wird in diesem Buch als Visionär, Utopist und Spinner vorgestellt. Er besaß keinerlei Macht. Niemand hörte auf ihn. Alte Freunde wollen heute an ihn erinnern. Ihr Computer, ein Papierkorb und Schriftensammler, spuckt einzelne Texte und lange Passagen aus und führt den Leser in ein Labyrinth von Ideen und Vorurteilen. Ehe wir auf einzelne Aussagen und Interpretationen eingehen, soll Dutschke an dieser Stelle als Denker kurz skizziert werden.

Die deutsche Ideologie der zwei Deutschlands folgte in den sechziger Jahren dem Propagandabild der zwei Groß- und Besatzungsmächte. In Teheran, Jalta und Potsdam wurde die Spaltung Deutschlands festgelegt, um zu vermeiden, dass von diesem Staat neue Kriege auf den Weg gebracht wurden. Dieses Volk der Krieger und Killer sollte umerzogen und politisch neu gefügt werden. Nach Vorbild der UdSSR wurde eine „Diktatur“ in der DDR errichtet. Die USA und ihre westlichen Verbündeten bestanden darauf, in der Bundesrepublik eine „wehrhafte“ und westliche Demokratie zu schaffen. Jeweils eine „nationale Front“ oder eine „große Koalition“ koordinierten die politischen Kräfte in der Ost- oder Westrepublik. Die Ideologie in der DDR wurde „antifaschistisch“ und pro-russisch, sozialistisch angelegt. In der Bundesrepublik wurde der Antikommunismus und die Formen der nordamerikanischen Demokratie favorisiert. Selbst die offene oder heimliche Opposition geriet in den Bann des jeweils vorherrschenden Denkens. Über die Grenzen der neuen Ordnungen hinauszudenken, wagten nur wenige Intellektuelle. Weiterlesen …