Klassentreffen nach 50 Jahren
Fünfzig Jahre nach dem Abitur stieß ich, leicht verspätet, zu den ehemaligen Klassenkameraden, die sich zu diesem Jubiläum bereits im Kulturhaus meiner Heimatstadt Rathenow eingefunden hatten. Unten im großen Saal versammelten sich Jugendliche und ihre Eltern, um die „Jugendweihe“ zu zelebrieren. Diese märkische Kleinstadt, zu DDR–Zeiten noch eine Wirtschaftsregion und Zentrum der optischen Industrie, hatte fast alle Betriebe nach der deutschen Einheit verloren. Heute ist sie eine Stadt der Rentner und einer hoffnungslosen Jugend. Zumindest das Stadtbild dominieren die Zukurzgekommenen. Ein produktiver Mittelstand hatte bis auf eine Minderheit aufgegeben, war weggezogen oder arbeitete auswärts. Seit der Wiedervereinigung hat die Stadt über ein Drittel ihrer Bevölkerung verloren. mehr lesen…
Zum 70. Geburtstag von Dieter Kunzelmann

Dieter Kunzelmann 1967 (Foto: privat)
Plötzlich redet kein Mensch mehr von ihm. Die vielen Feinde frohlocken im Verschweigen. Endlich haben sie diesen Spötter und Provokateur überwunden. Der Name „Dieter Kunzelmann“ ist offenbar vergessen. Auch seine Freunde können oder wollen öffentlich nicht mehr an ihn erinnern. Dabei haben seine Inszenierungen der Wirklichkeit in den sechziger Jahren die Aktionskunst von Joseph Beuys an medialer Wirksamkeit überboten. Die Medien, die tagtäglich die Lebensrealität der Bürger mit den Folien von Sport, Sensation, Mord, Liebe und Politik überklebten und dadurch eine illusionäre und zweite Wirklichkeit in Szene setzten, fanden in ihm einen Meister und Gegenspieler. Wer denkt dabei nicht an die großen Auftritte der Kommune I in Westberlin beim „Pudding – Attentat“ auf den amerikanischen Vizepräsidenten Humphrey.

Sowjetische Panzer am 17. Juni 1953 in Leipzig (Quelle: Bundesarchiv/Wikipedia, Lizenz: CC-BY-SA 3.0 Deutschland)
Heroischer Abschied des alten „Proletariats“
Im Westrundfunk hörte ich von den Streikversammlungen auf den Ostberliner Baustellen und in den Betrieben am 16. Juni 1953. Am 17. Juni wurde ich früh aus dem Bett geklingelt. Ein Schulfreund, Fred P., weckte mich. In Rathenow formiere sich bei den Bauarbeitern eine Kampfdemonstration, behauptete er. Wir stiegen auf die Fahrräder und hatten sehr bald die Gruppen von Demonstranten erreicht. Von Polizei war nichts zu sehen. An der Spitze der Demonstration zockelte ein Trecker. Er trug noch die Sprüche vom 1. Mai. „Nie wieder SS – Europa“ war als Aufschrift deutlich lesbar. Neben dem Fahrer stand ein Soldat der Kasernierten Volkspolizei. Er war zu den Streikenden übergelaufen. Er ballte die Faust, so als gehörte er zu den „roten Matrosen“ aus Kronstadt. Überhaupt erinnerte alles an die russischen Revolutionsfilme, die uns die Szenen der Meuterei auf dem „Panzerkreuzer Potemkin“ von 1905 oder den „Sturm auf das Winterpallais“ von 1917 nahe gebracht hatten.
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Der nachstehende Text ist ein Auszug aus meiner im Entstehen begriffenen Autobiographie.
Ein Staatsgast läßt prügeln

„Tod des Demonstranten" - Relief von Alfred Hrdlicka zum Gedenken an Benno Ohnesorg, Deutsche Oper Berlin (Foto: Lorem ipsum / Wikipedia, Lizenz: CC-BY-SA-2.0-DE, Bearbeitung: b.c. richter)
Der Schah von Persien sollte die westliche Teilstadt besuchen. Iranische Studenten verteilten Flugblätter. Bahman Nirumand hatte im Rowohlt-Verlag eine Analyse der modernen Despotie im Iran vorgelegt. Am Vorabend des Besuches wollte er im Audimax der Freien Universität über die sozialen und politischen Verhältnisse seines Landes reden. Viele der iranischen Studenten waren Mitglieder der Tudeh-Partei, der Kommunistischen Partei. Sie folgten einer marxistischen, antikapitalistischen und antimonarchistischen Kritik dieser Doppelmacht zwischen Imperialismus und brutaler Polizeigewalt. Die Vorbereitung einer Demonstration gegen den Potentaten vor dem Schöneberger Rathaus und der Deutschen Oper wurde von Seiten des ASTA und des SDS weitgehend den persischen Studenten überlassen. mehr lesen…
Konservativ-Subversive Aktion überrascht mit gelungener Aktion

Götz Kubitschek, Initiator der Subversiv-Konservativen Aktion (Foto: b.c. richter)
Bei der ersten Aktion, mit der Götz Kubitscheks „Konservativ-subversive Aktion“ vor einem Jahr an die Öffentlichkeit trat, drohte noch die Blamage: eine mit viel Aufwand geplante Aktion gegen den von der Linkspartei mit-organisierten „68er-Kongreß“ an der Berliner Humboldt-Uni, bei dem ein „Sozialistisch-demokrati-scher Studenten-bund“ („SdS“) gegründet werden sollte, drohte innerhalb von zwanzig Sekunden zu verpuffen. Länger dauerte offenbar die unmittelbare „Konfrontation“ mit dem politischen Gegner vor halbleeren Reihen nicht. Mit Bannern, Plakaten, Transparenten und durchs Megaphon sollten die Junggenossen der Linkspartei daran erinnert werden, daß an den Händen ihrer kanonischen Heroen (Mao, Lenin, Stalin, Pol Pot) eine Menge Blut klebte. Die Provokation ging — mangels Erfahrung und vermutlich auch aufgrund einigen Lampenfiebers der Akteure — irgendwie ins Leere. Immerhin berichtete die Frankfurter Rundschau am Rande darüber. mehr lesen…
Feierstunde der Staatsbürokraten
Diesen Triumph ließ sich der Innenminister nicht nehmen. Der Herr Schäuble durfte den Jahrestag der taz im Festsaal der Kongreßhalle genießen. Ihm gefielen wahrscheinlich Applaus und Huldigungen der vielen Besucher auf dem taz-Kongreß. Vor allem Jugend-liche waren zu sehen. Vor „Ewigkeiten“ bewegte sich die westdeutsche Mittelstands-jugend noch im Taumel der internationalen Revolution. Den unterschiedlichen Auf-rührern wurden Ovationen dargebracht. Die Innenstädte erglühten im Barrikaden-kampf. In den Universitäten wehten die Fahnen von Aufstand und Rebellion. Eine „ganze Jugend“ ging verloren. Ihre Idole waren Dutschke, Che Guevara oder Ho Tschi Minh. Eine Rote Armee Fraktion (RAF) rüstete auf und griff die Stützpunkte der nordamerikanischen Brudermacht an. Furchtbar. Gott sei Dank ließ sich dieser Spuk auflösen. Dafür mußte der Staat viel Geld ausgeben. mehr lesen…

Nur noch im Stand-by-Modus: der westdeutsche Seminarmarxismus Haugscher Provenienz (Grafik: Richter)
„Zum Kapitalismus ist vorerst keine Alternative in Sicht.“
Der dies sagt, ist nicht einer der üblichen Verdächtigen. Es ist Wolfgang Fritz Haug, seines Zeichens Philosophieprofessor, Gründer und Meister des Argumentclubs an der Freien Universität Berlin und gewissermaßen Erzbischof des westlichen Seminarmarxismus seit Jahrzehnten, in einem Interview mit der linken Tageszeitung „junge welt“ vom 11. März. Doch nicht nur gebe es keine Alternative, die Linke selbst sei von der Krise „völlig überrumpelt“,„geistig“ nicht imstande, in der „aktuellen Krise die Führung zu übernehmen“, weil „nicht vorbereitet, um ernsthafte gesellschaftliche Alternativen anzubieten“. mehr lesen…

Grafik: Richter / Dinné
Bei meinen Ausflügen ins rechte und linke Milieu des nach 1989 neu gefügten Deutschland stellt sich regelmäßig heraus, daß die ideologische Unbedingtheit aus den Zeiten des Kalten Krieges nur ungern abgestreift wird. Nicht ohne neurotischen Aufwand werden die liebgewordenen Vorurteile über die jeweils „andere Seite“ gepflegt. Dagegen scheint kein Kraut, noch weniger ein Argument gewachsen zu sein.
Mit Inbrunst werden in rechten und konservativen Kreisen die „Achtundsechziger“ als Ahnherren allen Übels in dieser Republik gehaßt. Die Achtundsechziger sollen schuld sein an Homosexualität, Promiskuität und Antibabypille, erst recht an Abtreibungszahlen jenseits der Hunderttausend pro Jahr, an Korruption und Wertverfall, am Klimawandel (oder der Hysterie darum), am Zuzug südländischer Migranten und der schlechten Erziehung der Kinder. Wenn ich mich anschicke, Ursachen und Konsequenzen der Studentenrevolte zu erklären, hören mir meine konservativen und rechten Bekannten schon nicht mehr zu. Als angeblicher „Renegat“ bin ich ihr Maskottchen und Beweis, daß ihr missionarischer Eifer augenscheinlich nicht vergebens ist: indem ich bei ihnen stille Einkehr hielt, tilge ich meine „große Schuld“. mehr lesen…
Ein Denker der industriellen Revolution

Karl Marx (Grafik: b.c. richter)
Karl Marx verstand sich selbst als Denker und Politiker einer Übergangsepoche. Sie ließ sich politisch charakterisieren durch die europaweiten, bürgerlichen Revolutionen von 1848 und durch die deutschen Einigungskriege von 1864, 1866 und 1871. Revolutionen und Kriege besaßen die Tendenzen zum „Weltkrieg“ oder zur „Weltrevolution“. Die bürgerlichen Revolutionen erlitten in allen Ländern fast identische Deformationen. Der Liberalismus widerrief im Verlaufe der Ereignisse überall die allgemeinen Freiheits- und Demokratieforderungen. Außerdem ging er unfaßbare Kompromisse mit der „Konterrevolution“ ein. Die bürgerliche Revolution wies deshalb nach Marx die Merkmale radikaler und zugleich reaktionärer Aktionen auf. Etwa eine „proletarische Revolution“ zu propagieren, ohne auf ihr Gegenteil einzugehen, war für ihn unmöglich. Alle Klassenkämpfe provozierten die Volksaufstände der rückständigen Schichten oder Völker, die verwoben waren mit dem „Mittelalter“. Die Revolutionäre waren deshalb gezwungen, „Bündnisse“ einzugehen oder sie konnten erwarten, daß die liberalen und demokratischen Parteigänger die Fronten wechselten. Wegen dieser sozialen und politischen Komplikationen verbat sich Marx jeden historischen Optimismus. Wirklichkeit auf „Gut“ oder „Böse“ zu reduzieren, blieb für ihn die Weltsicht von Narren. mehr lesen…
Der Beginn der europäischen Kultur im achten Jahrhundert unserer Zeitrechnung verweist zugleich auf die Symptome des Zerfall in der Gegenwart. Das Frankenreich bewahrte das römische Stadtrecht und machte es zum Maßstab der europäischen Stadt. Sie wurde zur Geburtsstätte der nationalen und europäischen Kultur. Das Christentum als Institution, Kirche, Bischofsamt, Kloster, Lehranstalt, Sprachschule, Universität — selbst wenn zu Beginn nur die Keimlinge einer derartigen Berufung vorhanden waren — unterstützte die entstehende Staatlichkeit, Verwaltung und Recht und sorgte als „civitas“ oder „Gerichtswesen“ für die Ausbreitung der produktiven Ansätze einer Stadt- und Hofkultur. mehr lesen…




